22. Februar 2014

Eine Nation, zwei Kulturen

Wladimir Iljitsch Uljanow

1913 setzte sich Lenin mit pseudomarxistischen Thesen zur Entwicklung einer ukrainischen Nation auseinander

Lenin

Schon seit mehreren Jahrzehnten verläuft der Prozeß der wirtschaftlichen Entwicklung ganz deutlich im Süden rascher, d. h. in der Ukraine, die aus Großrußland Zehntausende und Hunderttausende von Bauern und Arbeitern in die kapitalistischen Landwirtschaftsbetriebe, Bergwerke und Städte zieht. Die Tatsache, daß sich – innerhalb dieser Grenzen – das großrussische und das ukrainische Proletariat »assimilieren«, unterliegt keinem Zweifel. Und dies ist zweifellos eine fortschrittliche Tatsache. Der Kapitalismus setzt an die Stelle des stumpfsinnigen, zurückgebliebenen, seßhaften und hinterwäldlerischen großrussischen oder ukrainischen Bauern den beweglichen Proletarier, dessen Lebensbedingungen die spezifisch nationale Beschränktheit, die großrussische wie die ukrainische, sprengen. Angenommen, zwischen Großrußland und der Ukraine wird es mit der Zeit eine Staatsgrenze geben – auch in diesem Fall wird die geschichtliche Fortschrittlichkeit der »Assimilation« der großrussischen und der ukrainischen Arbeiter ebensowenig einem Zweifel unterliegen wie die Fortschrittlichkeit des Vermahlens der Nationen in Amerika. Je freier die Ukraine und Großrußland sein werden, desto umfassender und rascher wird sich der Kapitalismus entwickeln, der dann in noch stärkerem Maße Arbeitermassen, Arbeiter sämtlicher Nationalitäten aus allen Gebieten des Staates und aus allen Nachbarstaaten (falls Rußland zum Nachbarstaat der Ukraine werden sollte), in die Städte, in die Bergwerke und Fabriken ziehen wird.

Herr Lew Jurkewitsch handelt wie ein echter Bourgeois und obendrein wie ein kurzsichtiger, beschränkter, stumpfsinniger Bourgeois, d. h. wie ein Spießer, wenn er um eines momentanen Erfolgs der ukrainischen nationalen Sache willen die Interessen der Verbindung, der Verschmelzung, der Assimilation des Proletariats der beiden Nationen verwirft. Zuerst die nationale Sache und dann erst die proletarische, sagen die bürgerlichen Nationalisten, und die Herren Jurkewitsch, Donzow und ähnliche Jammermarxisten plappern es ihnen nach. Allem voran die Sache des Proletariats, sagen wir, denn sie sichert nicht nur die dauernden, grundlegenden Interessen der Arbeit und die Interessen der Menschheit, sondern auch die Interessen der Demokratie, ohne Demokratie aber ist weder eine autonome noch eine unabhängige Ukraine denkbar.

Schließlich muß aus der an nationalistischen Perlen so ungewöhnlich reichen Betrachtung des Herrn Jurkewitsch noch folgendes erwähnt werden. Eine Minderheit der ukrainischen Arbeiter sei nationalbewußt, sagt er, während »die Mehrheit noch unter dem Einfluß der russischen Kultur steht«. Wenn es sich um das Proletariat handelt, so ist diese Gegenüberstellung der ukrainischen Kultur, als Ganzes genommen, und der großrussischen Kultur, gleichfalls als Ganzes, der schamloseste Verrat an den Interessen des Proletariats zugunsten des bürgerlichen Nationalismus.

Es gibt zwei Nationen in jeder modernen Nation, sagen wir allen Nationalsozialen. Es gibt zwei nationale Kulturen in jeder nationalen Kultur. Es gibt eine großrussische Kultur der Purischkewitsch, Gutschkow und Struve, es gibt aber auch eine großrussische Kultur, die durch die Namen Tschernyschewski und Plechanow charakterisiert wird. Ebenso gibt es zwei derartige Kulturen bei den Ukrainern, wie auch in Deutschland, Frankreich, England, bei den Juden usw. Wenn die Mehrheit der ukrainischen Arbeiter unter dem Einfluß der großrussischen Kultur steht, so wissen wir bestimmt, daß hier neben den Ideen der pfäffischen und bürgerlichen großrussischen Kultur auch die Ideen der großrussischen Demokratie und Sozialdemokratie wirksam sind. (...)

Die großrussischen und ukrainischen Arbeiter müssen gemeinsam und, solange sie in einem Staat leben, in engster organisatorischer Einheit und Verschmolzenheit für die allgemeine oder internationale Kultur der proletarischen Bewegung eintreten und in der Frage, in welcher Sprache sie propagiert wird und was für rein örtliche oder rein nationale Besonderheiten in dieser Propaganda berücksichtigt werden, absolute Toleranz üben. Das ist eine unbedingte Forderung des Marxismus. Jede Propagierung der Trennung der Arbeiter einer Nation von einer anderen, alle Ausfälle gegen marxistisches »Assimilantentum«, jede Gegenüberstellung der einen nationalen Kultur, als Ganzes genommen, und einer anderen, angeblich ein Ganzes darstellenden nationalen Kultur in Fragen, die das Proletariat betreffen, usw. ist bürgerlicher Nationalismus, gegen den unbedingt ein erbarmungsloser Kampf geführt werden muß.

W. I. Lenin: Kritische Bemerkungen zur nationalen Frage. Proswe­schtschenie, Nr. 10, 11 und 12 (1913). Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke Band 20. Dietz Verlag, Berlin 1961, Seiten 16–18

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