1. Februar 2014

Imperialistischer Frieden

Wladimir Iljitsch Uljanow

Lenin formulierte Anfang 1916 für die zweite sozialistische Konferenz in der Schweiz Thesen zur Politik im Weltkrieg

Im September 1915 fand in dem Schweizer Ort Zimmerwald eine Konferenz von Sozialisten mit dem Ziel statt, die Sozialistische Internationale neu zu organisieren. Für die zweite Konferenz in Kiental vom 24. bis zum 30. April 1916 schrieb Lenin Thesen zu einigen Fragen, die laut Beschluß dort diskutiert werden sollten.

Erstens. Wie ein jeder Krieg nur eine Fortsetzung der Politik mit Mitteln der Gewalt ist, nämlich derjenigen Politik, welche von den kriegführenden Staaten und ihren herrschenden Klassen lange Jahre, manchmal Jahrzehnte vor dem Krieg geführt wurde, so kann auch der einen jeden Krieg abschließende Frieden nur eine Registrierung der tatsächlichen Machtverschiebungen sein, die im Verlauf und im Ergebnis des Krieges erreicht wurden.

Zweitens. Solange die Grundpfeiler der heutigen, der bürgerlichen gesellschaftlichen Beziehungen fortbestehen, kann ein imperialistischer Krieg nur zu einem imperialistischen Frieden führen, d. h. zur Festigung, Erweiterung und Verstärkung der Unterdrückung der schwachen Nationen und Länder durch das Finanzkapital, das nicht nur vor dem Krieg, sondern auch im Verlauf des Krieges einen riesenhaften Aufschwung nahm. Der objektive Inhalt derjenigen Politik, welche von der Bourgeoisie und den Regierungen beider kriegführenden Gruppen der Großmächte vor dem Krieg und während desselben betrieben wurde, führt zur Steigerung des ökonomischen Drucks, der nationalen Knechtung, der politischen Reaktion. Infolgedessen kann der Friedensschluß bei beliebigem Ausgang des Krieges nur die Verschlimmerung der politischen und ökonomischen Lage der Massen festlegen – wenn die bürgerliche Gesellschaft bestehen bleibt.

Die Möglichkeit eines demokratischen Friedens aber als Folge des imperialistischen Friedens annehmen heißt – in der Theorie – eine leere Phrase aussprechen, anstatt die Politik der Mächte vor dem Krieg und während des Krieges im historischen Zusammenhang zu studieren, heißt praktisch die Volksmassen betrügen, indem man ihr politisches Bewußtsein verdunkelt, die wirkliche Politik der herrschenden Klassen, die den nahenden Frieden vorbereiten, verheimlicht und beschönigt und ihnen das Wichtigste vorenthält: die Unmöglichkeit eines demokratischen Friedens ohne eine Reihe von Revolutionen.

Drittens. Die Sozialisten verzichten keineswegs auf den Kampf für die Durchführung von Reformen. Sie müssen z. B. auch jetzt in den Parlamenten für jede Verbesserung der Lage der Volksmassen – so klein sie auch sein mag – stimmen: für eine entsprechende Unterstützung der Bewohner der vom Krieg betroffenen Gebiete, für die Milderung des nationalen Drucks usw. Es ist aber ein bloßer bürgerlicher Betrug, wenn man Reformen predigt für Fragen, die die Geschichte und die ganze politische Situation nur als durch die Revolution zu lösende stempelt. Und gerade derart sind die Fragen, die von dem jetzigen Krieg auf die Tagesordnung gesetzt sind. Das sind die Grundfragen des Imperialismus, d. h. die Fragen nach dem Fortbestand der ganzen kapitalistischen Gesellschaft, die Fragen nach der Möglichkeit, den Zusammenbruch des Kapitalismus hinauszuschieben, indem man die Erde neu aufteilen will, entsprechend den neuen Machtverhältnissen zwischen den »Groß«mächten, die sich in den letzten Jahrzehnten nicht nur außerordentlich rasch, sondern auch – was besonders wichtig ist – außerordentlich ungleichmäßig entwickelt haben. Eine wirkliche politische Tätigkeit, die, ohne die Massen durch leere Worte zu täuschen, geeignet wäre, die Machtverhältnisse der heutigen Gesellschaft zu ändern, kann nur in einer der folgenden Formen bestehen: entweder hilft man der »eigenen« nationalen Bourgeoisie, fremde Länder zu berauben (und nennt diese Hilfe »Verteidigung des Vaterlandes« oder »Rettung der Heimat«), oder aber man hilft, die sozialistische Revolution des Proletariats in die Wege zu leiten, indem man die schon jetzt in allen kriegführenden Ländern beginnende Gärung unter den Massen fördert, Streiks und Demonstrationen unterstützt usw., indem man diese jetzt noch schwachen Anfänge des revolutionären Massenkampfes ausweitet und zum allgemeinen Ansturm des Proletariats zum Sturz der Bourgeoisie steigert. (...)

Wladimir Iljitsch Lenin: Vorschläge des Zentralkomitees der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands (SDAPR) an die zweite sozialistische Konferenz. Geschrieben im Februar und März 1916. Veröffentlicht am 22. April 1916 in »Bulletin Nr. 4. Internationale Sozialistische Kommission zu Bern«. Hier zitiert nach: W. I. Lenin: Werke Band 22. Dietz Verlag, Berlin 1960, Seiten 172–176

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