8. März 2014

Posse und blutiger Ernst

Rosa Luxemburg

1918 setzte sich Rosa Luxemburg im Breslauer Gefängnis in ihrem Manuskript »Zur russischen Revolution« mit dem Nationalismus in der Ukraine auseinander

Die russische Ukraine war zu Beginn des Jahrhunderts, als die Narreteien des »ukrainischen Nationalismus« mit den Karbowentzen1 und den »Universals«2 und das Steckenpferd Lenins von einer »selbständigen Ukraine« noch nicht erfunden waren, die Hochburg der russischen revolutionären Bewegung gewesen. Von dort aus, aus Rostow, aus Odessa, aus dem Donez-Gebiete flossen die ersten Lavaströme der Revolution (schon um das Jahr 1902 bis 1904) und entzündeten ganz Südrußland zu einem Flammenmeer, so den Ausbruch von 1905 vorbereitend; dasselbe wiederholte sich in der jetzigen Revolution, in der das südrussische Proletariat die Elitetruppen der proletarischen Phalanx stellte. Polen und die Baltenländer waren seit 1905 die mächtigsten und zuverlässigsten Herde der Revolution, in denen das sozialistische Proletariat eine hervorragende Rolle spielte.

Wie kommt es, daß in allen diesen Ländern plötzlich die Konterrevolution triumphiert? Die nationalistische Bewegung hat eben das Proletariat dadurch, daß sie es von Rußland losgerissen hat, gelähmt und der nationalen Bourgeoisie in den Randländern ausgeliefert. (…)

Freilich, ohne die Hilfe des deutschen Imperialismus, ohne »die deutschen Gewehrkolben in deutschen Fäusten«, wie die Neue Zeit Kautskys schrieb, wären die Lubinskys3 und die anderen Schufterles der Ukraine sowie die Erichs4 und Mannerheims5 in Finnland und die baltischen Barone mit den sozialistischen Proletariermassen ihrer Länder nimmermehr fertig geworden. Aber der nationale Separatismus war das Trojanische Pferd, in dem die deutschen »Genossen« mit Bajonetten in den Fäusten in alle jene Länder eingezogen kamen. Die realen Klassengegensätze und die militärischen Machtverhältnisse haben die Interven­tion Deutschlands herbeigeführt. Aber die Bolschewiki haben die Ideologie geliefert, die diesen Feldzug der Konterrevolution maskiert hatte, sie haben die Position der Bourgeoisie gestärkt und die der Proletarier geschwächt. Der beste Beweis ist die Ukraine, die eine so fatale Rolle in den Geschicken der russischen Revolution spielen sollte. Der ukrainische Nationalismus war in Rußland ganz anders als etwa der tschechische, polnische oder finnische, nichts als eine einfache Schrulle, eine Fatzkerei von ein paar Dutzend kleinbürgerlichen Intelligenzlern, ohne die geringsten Wurzeln in den wirtschaftlichen, politischen oder geistigen Verhältnissen des Landes, ohne jegliche historische Tradition, da die Ukraine niemals eine Nation oder einen Staat gebildet hatte, ohne irgendeine nationale Kultur, außer den reaktionärromantischen Gedichten Schewtschenkos6. Es ist förmlich, als wenn eines schönen Morgens die von der Wasserkante auf den Fritz Reuter7 hin eine neue plattdeutsche Nation und Staat gründen wollten. Und diese lächerliche Posse von ein paar Universitätsprofessoren und Studenten bauschten Lenin und Genossen durch ihre doktrinäre Agitation mit dem »Selbstbestimmungsrecht bis einschließlich usw.« künstlich zu einem politischen Faktor auf. Sie verliehen der anfänglichen Posse eine Wichtigkeit, bis die Posse zum blutigsten Ernst wurde: nämlich nicht zu einer ernsten nationalen Bewegung, für die es nach wie vor gar keine Wurzeln gibt, sondern zum Aushängeschild und zur Sammelfahne der Konterrevolution! Aus diesem Windei krochen in Brest8 die deutschen Bajonette.

Anmerkungen der Redaktion

1 Karbowanez, Währungseinheit in der Ukraine 1918 bis 1924, 1942 bis 1945 und 1991 bis 1996

2 grundlegende Erlasse der Zentralen Rada der Ukraine 1917 und 1918

3 Sevriuk Lubinsky, ukrainischer Politiker, verhandelte 1918 mit Sowjetrußland über die Unabhängigkeit der Ukraine

4 Rafael Waldemar Erich (1879–1946), finnischer Politiker

5 Carl Gustaf Emil Mannerheim (1867–1951), finnischer Militär, verantwortlich für den »weißen« Terror im Finnischen Bürgerkrieg, Frühjahr 1918

6 Taras Schewtschenko (1814–1861), Lyriker

7 1810–1874, niederdeutscher Schriftsteller

8 Raubfrieden vom 3. März 1918 zwischen Deutschland, seinen Verbündeten und Sowjetrußland. Die Ukraine hatte am 9. Februar 1918 einen Separatfrieden geschlossen

Rosa Luxemburg: Zur russischen Revolution. In: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Band 4. Dietz Verlag, Berlin 1974, Seiten 350–351

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