11. Januar 2014

Recht auf Ausplünderung

Wladimir Iljitsch Uljanow

Mitte 1915 veröffentlichte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands auf russisch und deutsch in der Schweiz eine von Lenin verfaßte Stellungnahme zum imperialistischen Krieg

Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit andern« (nämlich: gewaltsamen) »Mitteln«.

Dieser berühmte Ausspruch stammt von Clausewitz, einem der geistvollsten Militärschriftsteller. Die Marxisten haben diesen Satz mit Recht stets als theoretische Grundlage ihrer Auffassungen von der Bedeutung eines jeden konkreten Krieges betrachtet. Marx und Engels haben die verschiedenen Kriege stets von diesem und keinem anderen Standpunkt aus beurteilt.

Man wende diese Auffassung nun auf den gegenwärtigen Krieg an. Man wird sehen, daß die Regierungen und die herrschenden Klassen Englands wie Frankreichs, Deutschlands wie Italiens, Österreichs wie Rußlands jahrzehntelang, nahezu ein halbes Jahrhundert lang, eine Politik des Kolonialraubs, der Unterjochung fremder Nationen, der Unterdrückung der Arbeiterbewegung getrieben haben. Genau diese Politik, und nur diese, wird im gegenwärtigen Krieg fortgesetzt. Insbesondere hat sowohl in Österreich als auch in Rußland die Politik der Friedens- wie der Kriegszeit die Versklavung der Nationen, nicht ihre Befreiung zum Inhalt. Umgekehrt sehen wir in China, Persien, Indien und in anderen abhängigen Ländern im Laufe der letzten Jahrzehnte eine Politik des Erwachens von Dutzenden und Hunderten Millionen Menschen zum nationalen Leben, ihrer Befreiung vom Joch der reaktionären »Groß«mächte. Auf solchem historischen Boden kann der Krieg auch heute ein bürgerlich-fortschrittlicher, ein nationaler Befreiungskrieg sein.

Man braucht den gegenwärtigen Krieg nur von dem Standpunkt aus zu betrachten, daß in diesem Krieg die Politik der »Groß«mächte und der maßgebenden Klassen in ihnen fortgesetzt wird, um sofort den himmelschreiend antihistorischen, verlogenen und heuchlerischen Charakter der Ansicht zu erkennen, daß man in diesem Krieg die Idee der »Vaterlandsverteidigung« rechtfertigen könne. (…)

Sozialchauvinismus ist das Eintreten für die Idee der Vaterlandsverteidigung in diesem Kriege. Aus dieser Idee ergibt sich weiter der Verzicht auf den Klassenkampf während des Krieges, die Bewilligung der Kriegskredite usw. In Wirklichkeit treiben die Sozialchauvinisten eine antiproletarische, eine bürgerliche Politik, denn was sie verfechten, ist in Wirklichkeit nicht die »Verteidigung des Vaterlandes« im Sinne des Kampfes gegen eine Fremdherrschaft, sondern das »Recht« dieser oder jener »Groß«mächte, Kolonien auszuplündern und fremde Völker zu unterdrücken. (…)

Das 1912 in Basel einstimmig angenommene Manifest über den Krieg hatte genau den Krieg zwischen England und Deutschland, samt ihren jetzigen Verbündeten, im Auge, der 1914 dann auch ausbrach. Das Manifest erklärt unumwunden, daß kein Volksinteresse einen solchen Krieg rechtfertigen kann, der »zum Vorteile des Profits der Kapitalisten, des Ehrgeizes der Dynastien« und fußend auf der imperialistischen Raubpolitik der Großmächte geführt wird. Das Manifest erklärt unumwunden, daß der Krieg »für die Regierungen« (alle ohne Ausnahme) gefährlich ist, es vermerkt ihre Furcht »vor einer proletarischen Revolution« und verweist mit aller Bestimmtheit auf das Beispiel der Kommune von 1871 und der Ereignisse von Oktober-Dezember 1905, d. h. auf das Beispiel der Revolution und des Bürgerkriegs. Das Basler Manifest fixiert somit gerade für den jetzigen Krieg die im internationalen Maßstab zu befolgende Taktik des revolutionären Kampfes der Arbeiter gegen die eigenen Regierungen, die Taktik der proletarischen Revolution. (…) Die Politik der Sozialchauvinisten, die den Krieg mit bürgerlich-«freiheitlichen« Argumenten rechtfertigen, die »Vaterlandsverteidigung« für zulässig halten, für die Kredite stimmen, in die Kabinette eintreten usw. usf., ist direkter Verrat am Sozialismus, ein Verrat, der sich, wie wir noch sehen werden, nur durch den Sieg des Opportunismus und der nationalliberalen Arbeiterpolitik innerhalb der Mehrheit der europäischen Parteien erklären läßt.

Wladimir Iljitsch Lenin: Sozialismus und Krieg. Verlag des Sozial-Demokrat, Genf 1915. Hier zitiert nach: W. I. Lenin: Werke Band 21. Dietz Verlag, Berlin 1968, Seiten 304–309

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