9. Dezember 2016

Redebeitrag von Stadtrat Erkan Dinar (DIE LINKE) zum Antrag "Keine Vermietung von Flächen an Zirkusbetriebe mit bestimmten Arten wild lebender Tiere"

Stadtrat Erkan Dinar (DIE LINKE)

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Schröppel,
verehrte Kolleginnen und Kollegen,

mit dem Beginn der frühen Neuzeit und der großen Entdeckungsreisen begann in Europa die Zurschaustellung exotischer Menschen. Amerigo Vespucci brachte von seinen Amerikareisen über zweihundert, meist verschleppte Ureinwohner mit, von denen viele während der Überfahrt nach Europa starben. Jene, welche die Reise überstanden hatten, wurden in Spanien auf Jahrmärkten vorgeführt, bevor auch sie der Tod schnell dahinraffte.

Dies war der Anfang einer Entwicklung, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts auf ihren Höhepunkt zutrieb und sich in Europa zu den kommerzialisierten und heute teils sehr seltsam anmutenden Völkerschauen entwickelte.

Vermutlich seit dem Mittelalter, nachgewiesenerweise seit dem achtzehnten Jahrhundert, gab es die sogenannten Freakshows, in denen Einzelpersonen zur Schau gestellt wurden, Menschen mit Missbildungen oder z.B. Albinoafrikaner und die in Amerika ab 1850 als Geschäft in großem Stil betrieben wurden. Auch der Zirkus Ringling Brothers professionalisierte solche Auftritte bis 1940 sehr stark.

Solcherlei Darbietungen wären heutzutage nicht mehr möglich. Obwohl sie bis dahin eine lange Tradition hatten. Was damals geschah, zeugt vor allem von einem Mangel an Respekt und Achtung gegenüber anderen Ethnien oder Menschen, die nicht in ein bekanntes Schema passten.
In den Zirkussen dieser Welt ist der Mangel an Respekt gegenüber Lebewesen zu finden, denen ihr naturgegebener Lebensraum verwehrt wird, die unter unnatürlichen Bedingungen leben müssen, denen die Freiheit entzogen wurde und die sehr oft mit fragwürdigen Methoden dressiert werden.
Die Dressur eines Wildtieres ist per se ein auferlegter Zwang, kein Tier würde in freier Wildbahn für den Menschen irgendwelche Kunststücke aufführen.

Alle Tiere in all den Zirkussen teilen ein gemeinsames, trauriges Schicksal. Sie werden zur Schau gestellt. Zum Vergnügen und zur Belustigung des Menschen. Solange Tiere nicht als Mitlebewesen auf diesem Planeten behandelt werden und der Mensch sich über sie stellt, werden Tiere unter seinem Herrschaftsanspruch leiden. Genauso wie die Ureinwohner in fernen Ländern unter den Eroberern von einst leiden mussten.

Respekt kann nur dann entstehen, wenn eine Wertschätzung aller Lebensformen als natürliche Grundlage vorhanden ist. In einem anthropozentrischen Herrschaftssystem fehlt dieser Platz für echte Wertschätzung gegenüber Lebewesen, die genauso wie wir Teil eines großen Ganzen sind.


Das, was den Menschen anders als die Tiere macht, ist vor allem seine Verantwortung ihnen gegenüber. Gerade weil er ein vernunftbegabtes Wesen ist, bzw. sein sollte, hat er die Verpflichtung für sie Sorge zu tragen. Wildtiere in Zirkussen zu halten, ist ein Ausdruck von Speziesismus, so wie die Sklavenhaltung Ausdruck des Rassismus war.

Der Zirkus Crone bspw. wirbt auf seiner Website dafür, dass er Tiere vor dem Artensterben bewahrt, welche Tiere das sind, schreibt er allerdings nicht. Hier wird versucht, sich mit einer weißen Weste darzustellen und dem potenziellen Besucher Sand in die Augen zu streuen.

Überall auf der Welt, in so vielen Ländern wie z. B. Costa Rica, Kolumbien, Österreich, Ungarn, Bulgarien, Schweden, Großbritannien usf. gibt es bereits ein Wildtierverbot in Zirkussen, in Griechenland sogar ein generelles Verbot von Tieren in Zirkussen. Es ist an der Zeit, dass dieses Verbot der Wildtierhaltung in Zirkussen auch hier in Deutschland in Kraft tritt.

Elefanten, Löwen, Kamele, Tiger oder Bären gehören in ihre natürlichen Lebensräume und nicht in ein menschgemachtes, unnatürliches Gefängnis, das einzig dem kommerziellen Zweck und der Belustigung der Menschen dient.

Jeder Mensch, der noch einen Zirkus mit Wildtieren besucht, sollte sich fragen, ob er selbst so vorgeführt und dressiert werden möchte und ob er die Gefangenschaft der Freiheit vorzieht. Und jeder, der diese Fragen für sich mit Nein beantwortet, sollte einen Zirkus mit Wildtieren durch seinen Besuch und den Kauf einer Eintrittskarte nicht unterstützen.

Der Stadtrat wird wohl heute dem Antrag der Linken nicht zustimmen. Vor allem die SPD-Fraktion und Sie, Herrn Oberbürgermeister Schröppel, verstehe ich dabei nicht. Und ist Ihnen, Herr Kollege Bengel, nicht bekannt was ihre eigene Bundestagsfraktion als Position in dieser Frage eingenommen hat? Ich kann Ihnen da gerne mal mit einem Zitat vom Februar 2016 auf die Sprünge helfen:

„Die SPD-Bundestagsfraktion setzt sich seit langem für ein Wildtierverbot im Zirkus ein. Eine artgerechte Haltung von Wildtieren ist im Zirkus nicht möglich – und auch ohne Wildtiere bietet der Zirkus genügend Attraktivität. In der Gesellschaft ist die Einsicht gewachsen, dass eine artgerechte Haltung von Wildtieren im Zirkus nicht möglich ist – leider blockiert die Union auf Bundesebene das sinnvolle Verbot. Dass das CDU-regierte Hessen über den Bundesrat ein gesetzliches Verbot der Wildtierhaltung in Zirkussen anstrebt, sollte Bundesminister Schmidt zu denken geben. Ein solches Verbot sollte u.a. für Affen, Elefanten, Großbären, Giraffen, Nashörner, Großkatzen und Flusspferde gelten. Den Zirkusbetreibern muss aus Gründen der Rechtssicherheit eine angemessene Übergangsfrist gewährt werden.“

Dieser SPD-Position kann ich voll zustimmen. In diesem Sinne werbe ich noch einmal für eine Zustimmung zu meinem Antrag! Vielen Dank!