6. Oktober 2012

Die wahren Urheber

August Bebel

Im Bund mit sieben weiteren imperialistischen Mächten schickte das Deutsche Reich 1900 eine »Strafexpedition« nach China. August Bebel nahm dazu im Reichstag Stellung (Teil I)

Von 1897 bis 1914 besetzte die deutsche Kriegsmarine die Bucht von Kiautschou mit der Stadt Qingdao. Formal war die Kolonie seit 1898 ein Pachtgebiet. Während des sogenannten Boxeraufstandes um 1900 nutzte Deutschland im Bündnis der imperialistischen »Vereinigten acht Staaten« (Japan, Rußland, Großbritannien, Italien, USA, Frankreich, Österreich-Ungarn) die Gelegenheit zum Versuch, China aufzuteilen. Das Deutsche Kaiserreich entsandte ein 15000 Mann starkes Truppenkontigent. Das Korps wurde im Juli 1900 von Kaiser Wilhelm II. mit einer Ansprache in Bremerhaven verabschiedet, die als sogenannte Hunnenrede in die Geschichte einging. Am 19. November 1900 hielt der SPD-Vorsitzende August Bebel im Reichstag dazu eine Rede:

(…) Es ist eine unbestreitbare Tatache, daß nicht erst seit heute und gestern, und, wie ich anerkenne, nicht erst seit der Besetzung von Kiautschou durch Deutschland, sondern schon durch eine geraume Reihe von Jahren, die man unter Umständen auf sechs Jahrzehnte zurückdatieren kann, unausgesetzt von seiten der europäischen Regierungen – ich klage keine besonders an, ich mache hier alle gleich verantwortlich, nur Deutschland kam früher als 1897 noch nicht in Frage – gegenüber China ein Verfahren eingeschlagen worden ist, das allmählich insbesondere bei den herrschenden Klassen Chinas und auch in anderen Schichten der chinesischen Bevölkerung die feste Überzeugung erwecken mußte, daß alle darauf hinarbeiten, das große chinesische Reich in die vollständigste Abhängigkeit von den auswärtigen Mächten zu bringen. Man ging in seinem Verhalten so weit, daß man eben feierlich abgeschlossene Verträge nach kurzer Zeit brach und immer neue Forderungen stellte. Kurz, man schlug China gegenüber so außerhalb alles völkerrechtlichen Verfahrens liegende Wege ein, daß Kenner von Land und Leuten wiederholt und nachdrücklich erklärt haben, daß dies einmal ein böses Ende nehmen müsse; wenn die Bevölkerung immer mehr gereizt würde und schließlich zum Bewußtsein ihrer Kraft komme, werde eine Bewegung eintreten, die sich dann nicht mehr eindämmen lasse. (…) Ich erinnere (…) an die Äußerungen, die der bekannte Baron (Emanuel) von Korff bereits im Jahre 1893 in einem Buche über seine Weltreise machte, bei er auch eine Reihe chinesischer Häfen besuchte. Darin erzählt er, wie er mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört, wie in den chinesischen Häfen Europäer und Amerikaner unausgesetzt die chinesische Bevölkerung mißhandeln, wie es als eine selbstverständliche Sache angesehen werde, daß ein Chinese, der auch nur irgendwie in die Nähe eines Fremden, eines Europäers oder Amerikaners komme, gepeitscht oder mit Stöcken geschlagen werde, wie man Leuten ihre aus Bambus gefertigten Karren und Wagen beiseite schleudere und mit den Füßen zertrete, wie man auf den Schiffen die Leute mißhandle, so daß dadurch notwendig eine hochgradige Erbitterung, Haß und Rachelust angesammelt werden müsse und sich eines Tages schwer an Europäern und Fremden rächen werde. Ich klage hiermit Europa und die Vereinigten Staaten an, daß sie die wirklichen Urheber der Wirren sind, die wir in China haben (Sehr wahr! Sehr richtig! Bei den Sozialdemokraten)

Es ist unbestreitbare Tatsache, daß der Fremde sich die größten Gewalttätigkeiten, das größte Unrecht gegen die Chinesen zu schulden kommen lassen darf, ohne daß der mißhandelte Chinese einem Europäer gegenüber Recht bekommt. Noch mehr, sobald der Europäer von einem Chinesen belangt werden soll, und der Europäer hat Unrecht, dann versteht es der Europäer kraft seiner Stellung und Geldmittel, die elende chinesische Gerichtsbarkeit zu bestechen und auch auf diese Weise es dahin zu bringen, daß der Kuli unter keinen Umständen sein Recht behält. So ist nach allen Richtungen hin an diesem Volke seit Jahrzehnten gesündigt worden. Bei jedem anderen Volke der Welt, außer bei diesen außerordentlich geduldigen, füg- und schweigsamen chinesischen Volk, würden solche Mißhandlungen schon längst den Ausbruch des Zorns und der Rache hervorgerufen haben, deren Zeugen wir in den letzten Monaten gewesen sind. (Sehr wahr! Sehr richtig! Bei den Sozialdemokraten)

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China in Fetzen gerissen

Im Bund mit sieben weiteren imperialistischen Mächten schickte das Deutsche Reich 1900 eine »Strafexpedition« nach Ostasien. August Bebel nahm dazu im Reichstag Stellung (Teil II)

Von 1897 bis 1914 besetzte die deutsche Kriegsmarine die Bucht von Kiautschou mit der Stadt Qingdao. Formal war die Kolonie seit 1898 ein Pachtgebiet. Während des sogenannten Boxeraufstandes um 1900 nutzte Deutschland im Bunde der imperialistischen »Vereinigten acht Staaten« (Japan, Rußland, Großbritannien, Italien, USA, Frankreich, Österreich-Ungarn) die Gelegenheit zum Versuch, China aufzuteilen. Das Deutsche Kaiserreich entsandte ein 15.000 Mann starkes Truppenkontigent. Das Korps wurde im Juli 1900 von Kaiser Wilhelm II. mit einer Ansprache in Bremerhaven verabschiedet, die als sogenannte Hunnenrede in die Geschichte einging. Am 19. November 1900 hielt der SPD-Vorsitzende August Bebel im Reichstag dazu eine Rede:

Nun ist von Seiten des Herrn Reichskanzlers (Fürst Bernhard von Bülow – d. Red.) in seinen Ausführungen gesagt worden, es sei ein Unrecht, wenn man im Ausland behaupte, daß die Wegnahme oder die Pachtung, wie man die Sache nennen will, von Kiautschou seitens Deutschlands eine der wesentlichsten Ursachen für die gegenwärtigen Zustände in China sei. Auch hierin muß ich dem Herrn Reichskanzler in der entschiedensten Weise widersprechen, und zwar bin ich nicht allein in der Lage, mich hier auf das Zeugnis von Ausländern zu berufen, sondern auch von Inländern, und vor allen Dingen, Herr Reichskanzler, auf des Zeugnis desjenigen Mannes, der der eigentliche Urheber gewesen ist, daß Sie Kaiautschou genommen haben, des (…) Bischof Anzer (Johann Baptist von Anzer 1851–1903, Bischof der deutschen Chinamission in der Provinz Shandong – d. Red.). Der Bischof Anzer erklärt (…), daß er es gewesen sei, der (…) Kiautschou in Vorschlag brachte. Der Bischof kam damals, zufällig oder auch nicht zufällig (…), nach Berlin, er wurde vom Kaiser empfangen und hatte eine lange Unterredung mit diesem. Bei dieser Gelegenheit hat er, wie er selber ausführlich erzählt, dem Deutschen Kaiser den Vorschlag gemacht, nicht den Hafen in der Nähe von Amoy zu nehmen (….), sondern in der Provinz Shandong Kiautschou zu nehmen, das sich viel besser eigne, nach jeder Richtung ein viel würdigeres und besseres Objekt für die Machtstellung Deutschlands bilde. (…) Derselbe Mann nun, der diesen maßgebenden Rat der Reichsregierung gegeben, derselbe Mann hat nun, sobald die Wirren in China ausbrachen, wiederum – und diese Offenheit ist geradezu zu bewundern – erklärt: was jetzt passiert, habe er vorausgesehen. (...)

»Die Einnahme von Kiautschou war für den chinesischen Nationalstolz eine tief schmerzliche Wunde.« Er führt dann weiter aus: »(...) denn die Wunde, welche durch Kiautschou geschlagen war, war noch lange nicht ausgeblutet: Port Arthur (chinesisch Lüshun, Hafenstadt in der Provinz Shandong: 1894 ermordete die japanische Armee dort mehrere tausend Einwohner und Soldaten bis auf 36 Menschen, die zur Bestattung der Getöteten gezwungen wurden. Seit 1898 Kolonie Rußlands, das die Stadt umbenannte – d. Red.), Wai Hai Wei (Hafenstadt in der Provinz Shandong, seit 1898 britische Kolonie – d. Red.), die Zeitungsnachrichten über die bevorstehende Teilung von China, all das datiert von Kiautschou.« (…)

Und, meine Herren, was war weiter die Folge von Kiautschou? Wir wollen uns doch nicht täuschen: Kaum war Kiautschou weggenommen, da folgte Rußland und nahm Port Arthur und Talienwan, d. h. zwei Orte, womit es die Halbinsel Liaotung beherrscht und der faktische Besitzer jener Provinz wurde (…). Wie Rußland dort vorging, so ging England mit Wai Hai Wei vor, Frankreich mit Kwangtschouwan (Meeresbucht in Südchina, seit 1899 französische Kolonie – d. Red.), Italien mit San Mun (Meeresbucht in Südostchina, kurzzeitig 1899 von Italien besetzt – d. Red.), Japan mit der Fujianküste (seit 1895 – d. Red.) und England nochmals, indem es das Hinterland von Hongkong kaufte. Kurzum: Im Zeitraum von zwei Jahren hat man China einen Fetzen Land nach dem anderen vom Leibe gerissen, hat man die besten Häfen ihm weggenommen, hat man es ihm unmöglich gemacht, heute noch einen irgend nennenswerten Hafen zu besitzen, um seinen Handel selbst betreiben zu können. (…) Glauben Sie wirklich, daß irgendein Volk in der Welt sich etwas Ähnliches hätte bieten lassen wie die Chinesen viele Jahre lang es sich haben gefallen lassen?

Deutscher Reichstag, Sitzungsprotokolle, 3. Sitzung, Montag den 19. November 1900, Seiten 24/25

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Platz an der Sonne

Im Bund mit sieben weiteren imperialistischen Mächten schickte das Deutsche Reich 1900 eine »Strafexpedition« nach Ostasien. August Bebel nahm dazu im Reichstag Stellung (Teil III)

Von 1897 bis 1914 besetzte die deutsche Kriegsmarine die Bucht von Kiautschou mit der Stadt Qingdao. Formal war die Kolonie seit 1898 ein Pachtgebiet. Während des sogenannten Boxeraufstandes um 1900 nutzte Deutschland im Bunde der imperialistischen »Vereinigten acht Staaten« (Japan, Rußland, Großbritannien, Italien, USA, Frankreich, Österreich-Ungarn) die Gelegenheit zum Versuch, China aufzuteilen. Das Deutsche Kaiserreich entsandte ein 15000 Mann starkes Truppenkontigent. Das Korps wurde im Juli 1900 von Kaiser Wilhelm II. mit einer Ansprache in Bremerhaven verabschiedet, die als »Hunnenrede« in die Geschichte einging. Am 19. November 1900 sprach der SPD-Vorsitzende August Bebel dazu im Reichstag:

Der erste Grundsatz eines jeden ehrlich und rechtlich Denkenden, der auch der Grundsatz jedes Staatsmanns sein sollte, ist: tue du nicht einem andern, was du nicht willst, daß man dir selber tue! Was haben wir statt dessen aus dem Munde des Herrn Reichskanzlers (Fürst Bernhard von Bülow – d. Red.), als er noch Staatssekretär war, bezüglich dieser Angelegenheit gehört? Da kam das schöne poetische Beispiel von dem »Platz an der Sonne« (von Bülow am 6. Dezember 1897 im Reichstag – d. Red.), den Deutschland brauchte, und »der Platz an der Sonne« war natürlich nirgendwo anders als in Ostasien, in Kiautschou.

Da kam ferner das Gleichnis von dem »Kuchen, der zu verteilen sei, und von dem Deutschland auch ein Stück haben wolle«. Ja, aber der Kuchen, Herr Reichskanzler, war fremder Leute Besitz! Würden Sie geneigt sein, einen Kuchen, den Sie besitzen, mit mir in der Form zu teilen, daß ich Ihnen davon ein Stück wegnehme und genieße? Ebensowenig konnte China Geschmack daran finden, daß man das Land als einen großen Kuchen betrachtet, bei dem die Welt, die europäischen Mächte, kraft der brutalen Gewalt, die sie besaßen, das Land unter sich teilten und sagten: So, das ist der Kuchen, der uns schmeckt, der uns behagt, die und die Stücke nehmen wir, und du hast einfach den Mund zu halten und zu schweigen, wenn wir so an dir handeln. (…) Alles das, was ich seither über die Stellung der Mächte zu China dargelegt habe, und noch vieles andere, wem entspringt das? Ganz einfach dem brutalen Machtbewußtsein der Mächte und der souveränen Verachtung, die sie gegen China und die Chinesen haben! (…) Der Chinese erscheint ihnen als eine lächerliche Figur, als ein unscheinbares Wesen, das sich alles gefallen lassen muß, was die Europäer ihnen tun. (…)

Was folgte nun weiter? Abermals eine Verstärkung der Schutztruppen. Am 3. Juni sind (…) 50 Mann Verstärkung der deutschen Schutztruppe in Peking eingetroffen. Die gleiche Zahl stellten die anderen Mächte. Mitte Juni waren 450 Mann fremder Schutztruppen vereinigt. Man hat die chinesische Regierung nicht gefragt, ob sie die Genehmigung zur Einführung dieser Schutztruppen gäbe, sondern so getan, als existiere die chinesische Regierung nicht mehr, als sei China landesherrenloses Gut. Das war abermals eine flagrante Verletzung der einfachsten völkerrechtlichen Bestimmungen und Pflichten seitens der fremden Mächte! (…) Nun ist es aber für die jetzt folgenden Ereignisse in Peking außerordentlich wichtig, uns einmal zu vergegenwärtigen, was die Schutztruppe, bevor es zur revolutionären Erhebung in Peking kam, getan hat. Die Schutztruppe sollte, wie der Name sagt, die Gesandtschaft gegen revolutionäre Überfälle schützen. Statt dessen teilte u. a. Herr von Brandt, der ehemalige deutsche Gesandte in der Nation mit, daß schon vom 14. bis 17. Juni, noch ehe also irgendwelche revolutionären Angriffe gegen die Angehörigen der Gesandtschaften oder Fremden in Peking vorgekommen waren, zahlreiche Chinesen, angeblich Boxer, von den Schutzwachen der Gesandtschaften und von Privatpersonen, die sich den ersteren angeschlossen hatten, auf Straßen und in Tempeln niedergemacht wurden, d. h. also, es wurden Morde begangen seitens unserer Schutztruppen noch vor dem 17. Juni, ehe irgendein Angriff auf sie erfolgte.

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China »Frieden diktieren«

Im Bund mit sieben weiteren imperialistischen Mächten schickte das Deutsche Reich 1900 eine »Strafexpedition« nach Ostasien. August Bebel nahm dazu im Reichstag Stellung (Teil IV)

Von 1897 bis 1914 besetzte die deutsche Kriegsmarine die Bucht von Kiautschou mit der Stadt Qingdao. Formal war die Kolonie seit 1898 ein Pachtgebiet. Während des sogenannten Boxeraufstandes um 1900 nutzte Deutschland im Bund der imperialistischen »Vereinigten acht Staaten« (Japan, Rußland, Großbritannien, Italien, USA, Frankreich, Österreich-Ungarn) die Gelegenheit zum Versuch, China aufzuteilen. Das deutsche Kaiserreich entsandte ein 15000 Mann starkes Truppenkontigent. Das Korps wurde am 27. Juli 1900 von Kaiser Wilhelm II. mit einer Ansprache in Bremerhaven verabschiedet, die als »Hunnenrede« in die Geschichte einging. Am 19. November 1900 sprach der SPD-Vorsitzende August Bebel dazu im Reichstag:

Die Kölnische Zeitung berichtet in Nummer 870 aus dem Tagebuch des Herrn (Heinrich) Cordes (Dolmetscher an der deutschen Gesandtschaft in Peking – d. Red.), das dieser ihr überlassen hat, daß am 14. Juni deutsche Posten, auf der Stadtmauer in Peking stehend, beobachteten, wie in einer Entfernung von 300 bis 400 Metern auf einem freien Platze eine Anzahl von Menschen, mit dem roten Turban versehen, in friedlicher Weise auf dem Boden saßen, und in der Mitte dieser Menschen ein Mann stand, der, in lebhafter Weise gestikulierend, ihnen eine Rede hielt; es waren offenbar Sektierer, zu denen eine Art Vorbeter sprach. Zitat: »Da knallte ein Dutzend fremder Gewehre in die Höhe, sieben bis acht Auserwählte brachen unter dem geweihten roten Turban tot zusammen, andere schleppten sich verwundet von dannen, und die Versammlung flog auseinander.«

Deutsche Soldaten haben also von der Mauer der Gesandtschaft, ohne die geringste Provokation gegen einen Haufen friedlich versammelter Chinesen geschossen, haben sechs bis acht Mann getötet, eine ganze Anzahl verwundet, während die anderen geflohen sind. Sie haben damit das schwerste völkerrechtswidrige Verbrechen begangen, das man überhaupt zu tun imstande war, sie begingen elenden, feigen Mord. (…) Meine Herren, die deutschen Soldaten hätten, das nehme ich an, nicht geschossen, wenn sie nicht dazu kommandiert worden wären, und der deutsche Offizier, der sie kommandierte, hätte nicht das Kommando gegeben, wenn er sich nicht vergewissert hätte, daß der deutsche Gesandte damit einverstanden war. Es ist unter allen Umständen Herr (Clemens) von Ketteler (deutscher Gesandter in Peking – d. Red.) der moralisch Verantwortliche für diese Tat. (…)

Unter allen Umständen war der Mord an dem Gesandten (am 20. Juni 1900 – d. Red.) ein Verbrechen – ich spreche das Wort ungeniert aus –, wo mildernde Umstände vorlagen. Darüber ist man aber bei uns in Deutschland ganz außer sich geraten. Da stieg alles in die höchste Entrüstung. Man konnte nicht eilig genug nach Peking kommen, um die fürchterlichste Rache zu nehmen. Und derjenige, der das Signal für diesen Rachefeldzug mit den entsprechenden Worten gab, das ist ja bekanntlich der Kaiser gewesen, der beim Abgang der Seebataillone, die von Wilhelmshaven nach Ostasien gingen, jene bekannte Rede hielt (am 2. Juli 1900 – d. Red.), in der es heißt: »Mitten in den tiefsten Frieden hinein, für mich leider nicht unerwartet, ist die Brandfackel des Kriegs geschleudert worden.« Heute will man von dem »Krieg« nichts wissen, und hier spricht der Kaiser ausdrücklich von Krieg. »Ein Verbrechen, unerhört in seiner Frechheit, schaudererregend durch seine Grausamkeit, hat meinen bewährten Vertreter getroffen und dahingerafft.« Weiter heißt es: »Die deutsche Fahne ist beleidigt, und dem Deutschen Reiche Hohn gesprochen worden. Das verlangt exemplarische Bestrafung und Rache. (…) So sende ich Euch hinaus, um das Unrecht zu rächen, und ich werde nicht eher ruhen, als bis die deutsche Fahne vereint mit denen der anderen Mächte siegreich über den chinesischen weht und auf den Mauern Pekings aufgepflanzt den Chinesen den Frieden diktiert.«

Deutscher Reichstag, Sitzungsprotokolle, 3. Sitzung, Montag, den 19. November 1900, Seiten 27–30

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Christlicher Rachefeldzug

Im Bund mit sieben weiteren imperialistischen Mächten schickte das Deutsche Reich 1900 eine »Strafexpedition« nach Ostasien. August Bebel nahm dazu im Reichstag Stellung (Teil V)

Von 1897 bis 1914 besetzte die deutsche Kriegsmarine die Bucht von Kiautschou mit der Stadt Qingdao. Formal war die Kolonie seit 1898 ein Pachtgebiet. Während des sogenannten Boxeraufstandes um 1900 nutzte Deutschland im Bund der imperialistischen »Vereinigten acht Staaten« (Japan, Rußland, Großbritannien, Italien, USA, Frankreich, Österreich-Ungarn) die Gelegenheit zum Versuch, China aufzuteilen. Das deutsche Kaiserreich entsandte ein 15000 Mann starkes Truppenkontigent. Das Korps wurde am 27. Juli 1900 von Kaiser Wilhelm II. mit einer Ansprache in Bremerhaven verabschiedet, die als »Hunnenrede« in die Geschichte einging. Am 19. November 1900 sprach der SPD-Vorsitzende August Bebel dazu im Reichstag:

Außerdem aber, meine Herren, soll jetzt auch auf einmal die Verteidigung der Religion in Frage sein. »Ein Kreuzzug ist’s, ein heiliger Krieg«, sagte einer der protestantischen Geistlichen, der den jungen Soldaten, die nach China gingen, die Abschiedsrede hielt. Nein, kein Kreuzzug ist’s, kein heiliger Krieg; es ist ein ganz gewöhnlicher Eroberungskrieg und Rachezug und weiter nichts, eine Exekution, wo Rache geübt werden soll, die mit einem regelrechten Kriege nicht das allermindeste zu tun hat. (…)

Es ist endlich an der Zeit, daß wir uns energisch dagegen wehren, daß die Religion, daß die Kirche mit der Politik irgendwie verquickt wird. Wir haben es leider zu hören bekommen in jener Rede des Herrn Staatssekretärs – damals war er noch Staatssekretär (Bernhard von Bülow, seit 1897 Staatssekretär, d. h. Minister, des Äußeren und seit 1900 Reichskanzler – d. Red.) – am 8. Februar 1898, als er hier vor dem Hause die sogenannte Pachtung von Kiautschou rechtfertigte, wobei er das Hauptgewicht darauf legte, daß es sich darum handele, Schutz den (christlichen – d. Red.) Missionen zu geben, Schutz der Ausbreitung des christlichen Glaubens, nicht weniger als drei-, viermal (…), so daß man in der Tat glauben möchte, man hätte heute in der Welt nichts anderes, besseres zu tun, als sich um die Missionen zu kümmern und mit der gesamten Staatsmacht einzutreten, wenn die Missionen durch ihre Fehler böse Zustände herbeigeführt haben. (…)

Weiter, meine Herren, kam dann am 27. Juli die bekannte Rede (Kaiser Wilhelm II. in Bremerhaven – d. Red.), in der es hieß: »Kommt ihr an, so wißt: Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht! Führt eure Waffen so, daß auf tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr es wagt, einen Deutschen scheel anzusehen.« Der Hinweis auf die Hunnen hat im Reichsanzeiger nicht gestanden, er ist aus irgendeinem Grunde weggeblieben. (…). Und weiter heißt’s wieder: »Sorgt dafür, daß das Christentum in jenem Lande seinen Eingang finde!«

Also auch hier wieder der Hinweis, als gingen wir nach China, um zu christianisieren. Ja, wenn Sie das wollen, dann machen Sie sich darauf gefaßt, unausgesetzt mit China Krieg führen zu müssen, solange das Deutsche und das chinesische Reich bestehen. (…)

Daß Karl der Große einstmals bei Verden 5000 gefangene Sachsen abschlachten ließ, wird ihm noch jetzt in der Geschichte als eins der größten Verbrechen angerechnet. Nun, heute schon sind nach allen Angaben nicht nur von Deutschen, sondern von allen dort versammelten Armeen weit mehr als 5000 Chinesen – die Frauen und Kinder nicht eingerechnet – ermordet worden, ohne daß sie mit den Waffen in der Hand gefangengenommen wurden. Es ist ja das reine Treibjagen. Sobald ein Chinese innerhalb eines Militärrayons sich sehen läßt, wird er wie ein Hase, wie ein Stück Wild angeschossen. Das ist ein Zustand, daß, wenn man diese Dinge liest, einem das Herz im Leibe erstarrt. Und das schlimmste ist: Wo sind alle die Lehrer des Christentums, die Hunderttausende von Männern, welche professionsmäßig die christliche Lehre zu verbreiten haben, mit ihrem Protest gegenüber solch widerchristlicher Barbareien?

Deutscher Reichstag, Sitzungsprotokolle, 3. Sitzung, Montag, den 19. November 1900, Seiten 29–30

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Gemorde und Geschlachte

Im Bund mit sieben weiteren imperialistischen Mächten schickte das Deutsche Reich 1900 eine »Strafexpedition« nach Ostasien. August Bebel nahm dazu im Reichstag Stellung (Teil V und Schluß)

Von 1897 bis 1914 besetzte die deutsche Kriegsmarine die Bucht von Kiautschou mit der Stadt Qingdao. Formal war die Kolonie seit 1898 ein Pachtgebiet. Während des sogenannten Boxeraufstandes um 1900 nutzte Deutschland im Bund der imperialistischen »Vereinigten acht Staaten« (Japan, Rußland, Großbritannien, Italien, USA, Frankreich, Österreich-Ungarn) die Gelegenheit zum Versuch, China aufzuteilen. Das deutsche Kaiserreich entsandte ein 15000 Mann starkes Truppenkontigent. Das Korps wurde am 27. Juli 1900 von Kaiser Wilhelm II. mit einer Ansprache in Bremerhaven verabschiedet, die als »Hunnenrede« in die Geschichte einging. Am 19. November 1900 sprach der SPD-Vorsitzende August Bebel dazu im Reichstag.

Sehen wir nun an einigen wenigen Beispielen, wie es dort in China zugeht. Briefe von dort sind in großer Zahl veröffentlicht worden. Die Kreuzzeitung meinte vor einiger Zeit, man solle nur nach den Namen der Schreiber fragen. Die Namen der Schreiber stehen zur Verfügung. Wäre ein preußischer, ein deutscher Staatsanwalt im Zweifel über das, was dort geschehen ist und jetzt gedruckt und veröffentlicht wird, oder wäre die Militärverwaltung darüber im Zweifel, längst wären die Staatsanwälte in Tätigkeit gesetzt worden gegen die Schreiber und gegen die Blätter, welche diese Schreiben veröffentlicht haben! Meine Herren, es sind nicht bloß sozialdemokratische Blätter, sondern Blätter aller Parteien, der Zentrumspartei, der nationalliberalen Partei, von dem Freisinn zu schweigen. (...)

Da wird nun in einem Briefe vom 6. August mitgeteilt, wie man 76 Gefangene gemacht, von denen außer acht Jungen, die man laufen ließ, 68 erschossen wurden, indem man sie mit den Zöpfen aneinander band, sie vorher zwang, ihr Grab zu schaufeln, worauf sie erschossen wurden und rückwärts in das Grab fielen.

(Bewegung bei den Sozialdemokraten)

Das ist so scheußlich, wie man sich es nur vorstellen kann. Die gefangenen Chinesen – heißt es in einem anderen Briefe – haben wir alle totgeschossen, aber auch alle Chinesen, die wir sahen und kriegten, haben wir alle niedergestochen und -geschossen; die Russen spießten kleine Kinder, Frauen und alles auf (…)

In einem Brief vom 1. September schreibt ein junger Mann, Soldat, an seine Mutter: »Wie es hier jetzt während des Krieges zugeht, liebe Mutter, ist mir unmöglich zu beschreiben; denn so ein Gemorde und Geschlachte ist geradezu toll, was daher kommen soll, weil die Chinesen außerhalb des Völkerrechts stehen, weshalb auch keine gefangen genommen werden, sondern alles wird erschossen oder, um die Patronen zu sparen, sogar erstochen.« (...)

Gibt es etwas Scheußlicheres, Barbarischeres, Gemeineres als eine solche Kriegsweise? Das kann nicht genug gebrandtmarkt werden vor der ganzen Welt. Zum Schlusse schreibt der junge Mann:

»Laß mich schließen in der Hoffnung, daß es nicht mehr so lange dauert; denn sonst weiß man schließlich nicht mehr, oder vielmehr man vergißt es, ob man einmal Mensch war.«

Dann heißt es nach einem Brief im Hannoverschen Kurier von einem Seesoldaten: »Rache für die Greueltaten, welche die Chinesen ausgeführt haben und ausgeführt haben sollen, ist und wird hier fürchterlich genommen. (...) In den befestigten Städten wie Montou, Tougschai, Yangtsun und andere sowie in sämtlichen passierten Dörfern sah ich überall Leichen; und wieviel Kranke, Frauen, Kinder, Greise, die nicht haben flüchten können, mögen wohl unter den brennenden Trümmern begraben liegen.«

Er erzählt dann weitere Schandtaten und sagt von einer eroberten Stadt: »Unsere Kompagnie hielt vor einem Thor, und die Chinesen wurden von der anderen Seite durch dieses Tor in die Bajonette der Leute unserer Kompagnie hineingetrieben. Es soll schauderhaft gewesen sein.« (...)

Meine Herren, das Maß von Verrohungen, das dieser Krieg verbreiten wird, ist die schlimmste moralische Verwüstung, die es geben kann. Und wenn Sie (nach der Rechten gewandt) nächstens wieder einmal in dieser Session mit der Prügelpetition kommen, dann, meine Herren, werden wir Ihnen sagen, wer und wo die Urheber all der Rohheiten sind, die jetzt zu Tage treten.

Weiter wird in einem Briefe aus Peking ein neues Moment hervorgehoben. Darin heißt es: den Mandarinen, das sind die Steuerbeamten, denen wird alles geplündert, denn die haben massenhaft Geld. Silber und Seide, das wird immer gleich verkauft. Also es wird auch stramm geplündert. (...)

Und dabei sollen noch militärische Lorbeeren erobert werden? Nein, meine Herren, nicht Weltmarschall, nicht Feldmarschall ist Graf Waldersee, er ist einfach Exekutionsmarschall.

Deutscher Reichstag, Sitzungsprotokolle, 3. Sitzung, Montag, den 19. November 1900, Seiten 33–34

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