17. November 2012

Ein Weltkrieg droht

Clara Zetkin

Am 25. November 1912 sprach Clara Zetkin in Basel auf dem Internationalen Sozialistenkongreß gegen den Krieg

Im Namen der sozialistischen Frauen aller Länder habe ich dieses zu erklären: In einer unzerstörbaren Einheit des Zieles mit der großen Sozialistischen Internationale verbunden, haben wir es jederzeit als unsere Pflicht, unsere Ehre und unser Glück empfunden, alle eure Arbeiten und Kämpfe zu teilen. Wenn wir aber jemals besonders freudig mit euch zusammengewirkt haben, so in diesem Augenblick, wo ihr das Weltproletariat zum heiligen Kreuzzug gegen den Krieg führen wollt. Wir sind dabei mit euch mit allem, was wir sind, mit allem, was wir fühlen! Gerade weil wir Frauen, weil wir Mütter sind! Wie immer sich die sozialen Verhältnisse im Laufe der Zeiten gewandelt haben, ist durch die Jahrhunderttausende mit unserem Geschlecht die Aufgabe gegangen, neues menschliches Leben zu tragen, zu hegen und zu pflegen. Diese Aufgabe ist unsere Bürde gewesen und unsere Glückseligkeit auch. Alles, was in uns lebt als persönlicher Ausdruck allgemeiner Menschheitsentwicklung, allgemeiner Kulturideale, empört sich, wendet sich schaudernd ab von dem Gedanken an die drohende Massenzerstörung, Massenvernichtung menschlicher Leben im modernen Kriege. (…) Und das Grausen vor dem aufziehenden Unheil legt uns die Frage auf die Lippen: Wer ist der Verbrecher, der es auch nur wagt, an ein solches Werk des Todes zu denken? Auf der Suche nach dem Schuldigen finden wir unter den verwickelten gesellschaftlichen Zusammenhängen als Hauptschuldigen der neuzeitlichen Kriege, des drohenden Weltkrieges den Kapitalismus. In unseren Tagen ist die kapitalistische Ordnung die große Menschenfresserin. Der Krieg ist nichts als die Erweiterung und Ausdehnung des Massenmordes, dessen sich der Kapitalismus auch im sogenannten Frieden zu jeder Stunde am Proletariat schuldig macht. (Stürmischer Beifall) Jahraus, jahrein fallen auf den Schlachtfeldern der Arbeit in jeder kapitalistisch entwickelten Nation Hunderttausende von Opfern, mehr Opfer in einer kurzen Spanne Zeit, als der blutigste Krieg verschlingt. Und wir Frauen selbst stellen solche Opfer in steigender Zahl; auch unsere Bürgerrechtsurkunde wird mit Blut geschrieben. Aber noch ein anderes erkennen wir. Die furchtbare Schändlichkeit des Massenmordes der Völker untereinander ist die verbrecherischste, die verrückteste Form der Massenausbeutung des Volkes der Enterbten durch den Kapitalismus. Sind es nicht die Söhne der werktätigen Massen, die getäuscht, verhetzt, verblendet gegeneinander geführt werden, um einander abzuschlachten? Sie, die Brüder, Genossen sein sollten im Kampfe für die gleiche Freiheit! (Stürmischer Beifall) (…)

 

Die sozialistischen Frauen aller Länder scharen sich mit leidenschaftlicher Begeisterung um unser Banner zum Kriege gegen den Krieg. Sie wissen es, je mehr der Imperialismus zur bestimmenden Politik der kapitalistischen Staaten wird, um so mehr wird dieser Kampf zum Mittelpunkt, zu Höhepunkten des gesamten proletarischen Befreiungswerkes. In hervorragender Weise wird er dazu beitragen, nicht bloß die Massen zu sammeln, sondern auch immer besser zu schulen.

 

Clara Zetkin: Wir erheben uns gegen den imperialistischen Krieg! Rede auf dem Internationalen Sozialistenkongreß zu Basel 25. November 1912. In: Clara Zetkin: Ausgewählte Reden und Schriften Band I. Dietz Verlag, Berlin 1957, Seiten 564–568

 

Am 24. und 25. November 1912 fand in Basel der Außerordentliche Internationale Sozialistenkongreß der II. Internationale statt. Vor dem Hintergrund der Balkankriege und den Spannungen zwischen den europäischen Großmächten wollten die 550 Vertreter sozialdemokratischen Parteien aus 23 Ländern ihren Friedenswillen und ihre Bereitschaft, einen großen Krieg auf dem Kontinent zu verhindern, demonstrieren. Unter dem Titel »Krieg und Frieden« findet vom 22. bis zum 24. November 2012 eine vom Historischen Seminar der Universität Basel organisierte Konferenz zum 100. Jahrestag des Außerordentlichen Sozialistenkongresses und zur Friedensfrage heute statt. Programm im Internet: basel1912-2012.ch

 

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