24. November 2012

Zeit für Raubpolitik

Wladimir Iljitsch Uljanow

Kurz vor Beginn des Ersten Balkankrieges 1912 analysierte Lenin die Vorwände »Europas«, um das Osmanische Reich zu zerlegen

Im Oktober 1912 erklärten Montenegro, Serbien, Bulgarien und Griechenland – unterstützt vom zaristischen Rußland – dem Osmanischen Reich den Krieg. Er endete am 30. Mai 1913 mit dem Londoner Vertrag. Die Osmanen verzichteten auf alle europäischen Gebiete westlich der Linie zwischen Midia am Schwarzen Meer und Enez an der Ägäisküste, die Insel Kreta vereinigte sich offiziell mit Griechenland.

Das Nowoje Wremja (nationalistische Zeitung, erschien seit 1869 in St. Petersburg – d. Red.) gibt einen genauen Einblick in die Pläne der russischen Nationalisten. Liest man dieses in den genannten Kreisen und auch unter den Oktobristen (konservative Partei, benannt nach dem Oktobermanifest über die Einrichtung eines Zweikammerparlaments von Zar Nikolaus II. in der Revolution von 1905 – d. Red.) »einflußreiche« Blatt, so erkennt man ganz klar ihren konsequent betriebenen Plan zur Ausplünderung der Türkei.

Wie es einmal üblich ist, wird die Politik des Chauvinismus und der Eroberung fremder Gebiete vor allem betrieben, indem man die Öffentlichkeit gegen Österreich aufhetzt. »Die Balkanvölker«, schreibt das Nowoje Wremja, »haben sich zum heiligen Kampf für ihre Unabhängigkeit erhoben. Der österreichische Diplomat lauert auf den Augenblick, da man sie wird ausplündern können.«

Österreich hat einen Happen geschnappt (Bosnien und die Herzegowina –Österreich verwaltete seit 1878 Bosnien-Herzegowina, völkerrechtlich gehörte es aber zum Osmanischen Reich. 1908 annektierte Österreich das Land offiziell – d. Red.), Italien hat einen Happen geschnappt (Tripolis – Italien nahm nach dem Krieg 1911/12 dem Osmanischen Reich das heutige Libyen ab – d. Red.), jetzt ist es an uns, unser Schäflein ins Trockene zu bringen – das ist die Politik des Nowoje Wremja. Der »heilige Kampf für die Unabhängigkeit« ist lediglich eine Phrase, durch die sich nur Dummköpfe täuschen lassen, denn niemand hat hier bei uns in Rußland die wirklich demokratischen Prinzipien einer wahren Unabhängigkeit aller Völker so mit Füßen getreten wie die Nationalisten und Oktobristen.

Warum aber meinen die Nationalisten, der Zeitpunkt für eine Raubpolitik sei günstig? Auch dies ist aus dem No­woje Wremja klar ersichtlich. Italien, meint man, wird nicht Krieg führen, für Österreich ist es riskant, die Balkanslawen mit Krieg zu überziehen, da es selber eine mehrere Millionen Menschen zählende ihnen verwandte Bevölkerung hat, Deutschland aber wird sich wegen der Niederwerfung der Türkei nicht in einen europäischen Krieg einlassen.

Die Rechnung der Nationalisten ist in höchstem Maße unverblümt und schamlos. Sie halten hochtrabende Reden über den »heiligen Unabhängigkeitskampf’« der Völker und spielen selbst auf kaltblütigste Weise mit dem Leben von Millionen, führen die Völker um der Profite einiger weniger Geschäftsleute und Industrieller willen zur Schlachtbank.

Der Dreibund (Deutschland, Österreich, Italien) ist augenblicklich geschwächt, denn der Krieg gehen die Türken hat Italien 800 Millionen Francs gekostet, und auf dem Balkan gegen die »Interessen« Italiens und Österreichs auseinander. Italien möchte noch einen Happen schnappen, nämlich Albanien, Österreich aber will das nicht zulassen. Dies in Rechnung stellend, treiben unsere Nationalisten ein verzweifeltes Hasardspiel, sie setzen auf die Stärke und den Reichtum zweier Mächte der Triple-Entente (England und Frankreich) und darauf, daß »Europa« nicht gewillt sein wird, wegen der Meerengen oder der »Abrundung« »unserer« Gebiete auf Kosten der asiatischen Türkei einen allgemeinen Krieg auszulösen.

In der Gesellschaft der Lohnsklaverei spielt jeder Geschäftsmann, jeder Eigentümer ein Hasardspiel: »Entweder gehe ich zugrunde, oder ich mache mich gesund und richte andere zugrunde.« Von Jahr zu Jahr gehen Hunderte Kapitalisten bankrott, werden Millionen Bauern, Kleingewerbetreibende und Handwerker ruiniert. Das gleiche Hasardspiel treiben die kapitalistischen Staaten, ein Spiel mit dem Blut von Millionen, die bald hier, bald da um der Eroberung fremder Gebiete und der Ausplünderung schwacher Nachbarn willen zur Schlachtbank getrieben werden.

Wladimir Iljitsch Lenin: Ein Hasardspiel. Prawda Nr. 134, 4. Oktober 1912. Hier zitiert nach: W. I. Lenin: Werke Band 18, Dietz Verlag, Berlin 1965, Seiten 331/332

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