6. Februar 2010

10000 Tage Haft

Vor zwanzig Jahren wurde Nelson Mandela aus dem Gefängnis entlassen

Ronald Friedmann

Ein Auto der Gefängnisverwaltung brachte Nelson Mandela an diesem 11. Februar 1990, einem Sommertag auf der südlichen Erdhalbkugel, über das weiträumige Gelände des Victor-Verster-Gefängnisses in der westlichen Kap-Provinz bis in die Nähe des Haupttores, wo eine große Menschenmenge – Freunde und Kampfgefährten, aber auch Hunderte Journalisten aus aller Welt – auf ihn wartete. Etwa 400 Meter vor dem Gefängnistor stieg Mandela aus dem Auto aus, um – nur begleitet von seiner damaligen Ehefrau Winnie – den letzten Teil auf seinem »Langen Weg zur Freiheit«, so wenige Jahre später der Titel seiner Autobiographie, zu Fuß zu gehen.

»Etwa 30 Meter vor dem Tor«, berichtete Mandela, »begannen die Kameras zu klicken, ein Geräusch, das sich anhörte wie eine riesige Herde metallischer Tiere. Reporter begannen Fragen zu rufen, Fernsehteams strömten herbei, ANC-Anhänger riefen und jubelten. Es war ein glückliches, wenn auch etwas verwirrendes Chaos. Als ein Fernsehteam ein langes, dunkles, pelziges Objekt auf mich richtete, wich ich ein wenig zurück und fragte mich, ob das irgendeine neue Waffe sei, die während meiner Haft entwickelt worden war. Winnie teilte mir mit, es handle sich um ein Mikrofon. Als ich mitten in der Menge war, hob ich die rechte Faust, und Jubel brauste auf. Das hatte ich 27 Jahre lang nicht tun können, und mich durchströmten Kraft und Freude. (…) Als ich endlich durch das Tor schritt, um auf der anderen Seite ein Auto zu besteigen, hatte ich trotz meiner 71 Jahre das Gefühl, ein neues Leben zu beginnen. Die 10000 Tage meiner Gefangenschaft waren vorüber.«

Kein Kompromiß

Der Freilassung Mandelas waren jahrelange geheime Verhandlungen über ein friedliches und nichtrassistisches Südafrika vorangegangen, die der legendäre Führer des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) als Gefangener – und ohne die Möglichkeit der Rücksprache mit seinen Freunden und Genossen – mit hochrangigen Vertretern der südafrikanischen Regierung, zuletzt mit dem Staatspräsidenten Pieter Willem Botha und dessen Amtsnachfolger Frederik Willem de Klerk, geführt hatte.

Im Februar 1985 erfolgte das erste Angebot zu seiner Freilassung. Die Regierung in Johannesburg war durch den Kampf des ANC und die massiven internationalen Forderungen nach einem sofortigen Ende der Politik der Rassentrennung unter starken und stets weiter wachsenden Druck geraten. Mit der Freilassung ihres prominentesten Gefangenen hoffte sie auf Entspannung. Allerdings knüpfte die Regierung ihr Angebot an unannehmbare Bedingungen: So sollte sich Mandela öffentlich vom bewaffneten Kampf des ANC lossagen. Doch er lehnte ab. Es gelang ihm, eine Botschaft aus dem Gefängnis zu senden, die wenige Tage später von seiner Tochter Zindzi vor einer jubelnden Menschenmenge in einem Stadion in Kapstadt verlesen wurde: »Ich bin überrascht über die Bedingungen, welche die Regierung mir auferlegen will. Ich bin kein gewalttätiger Mensch. (…) Erst als uns keine anderen Formen des Widerstandes mehr zur Verfügung standen, wandten wir uns dem bewaffneten Kampf zu. (…) (Botha – R. F.) soll auf Gewalt verzichten. Er soll sagen, daß er die Apartheid abschafft. Er soll die Organisation des Volkes, den ANC, zulassen. Er soll alle befreien, die wegen ihrer Opposition gegen die Apartheid gefangen, verbannt oder im Exil sind. Er soll freie politische Aktivität garantieren, damit die Menschen entscheiden können, wer sie regieren soll.«

Dennoch riß der einmal geknüpfte Gesprächsfaden nicht mehr ab. Mandela hatte das Dilemma erkannt, vor dem die Regierung in Johannesburg und der ANC standen: Die Regierung hatte die Aufnahme offizieller Verhandlungen mit dem ANC von einem Ende des bewaffneten Kampfes abhängig gemacht. Der ANC konnte auf diese Forderung nicht eingehen, weil er – völlig zu Recht – den bewaffneten Kampf als notwendige und unverzichtbare Reaktion auf die Gewalt und den Terror der Regierung verstand.

In dieser scheinbar hoffnungslosen Situation übernahm es Mandela, den ersten Schritt zu tun. »Es gibt Zeiten«, so begründete er später seinen Entschluß, »in denen ein Führer der Herde vorangehen und sich in eine neue Richtung bewegen muß, darauf vertrauend, daß er sein Volk auf den richtigen Weg führt.« Und dieser Weg – nicht auf die Bedingungen Bothas einzugehen, sondern selbst die Bedingungen zu stellen – erwies sich als richtig.

Erste Rede in Kapstadt

Am 2. Februar 1990 verkündete Staatspräsident de Klerk in einer historischen Rede vor dem (weißen) südafrikanischen Parlament die Aufhebung des Verbots des ANC und weiterer Organisationen des schwarzen Widerstandes, die Freilassung aller politischen Gefangenen sowie das Ende des seit Jahren andauernden Ausnahmezustandes. Und er kündigte konkrete Schritte zur Überwindung des Systems der Rassentrennung an.

Am 10. Februar 1990 wurde Mandela ein weiteres Mal in den Amtssitz des Staatspräsidenten gebracht, um dort von de Klerk persönlich zu erfahren, daß er am nächsten Tag in Johannesburg freigelassen werden würde. Doch zur allgemeinen Überraschung protestierte Mandela sowohl gegen den Zeitpunkt als auch den Ort seiner Freilassung. Er brauchte noch eine Woche, um seine Rückkehr in die Freiheit vorzubereiten. Und er wollte seinen ersten öffentlichen Auftritt als freier Mann nicht in der Hauptstadt des Apartheidregimes, sondern bei seinen Landsleuten in Kapstadt haben. Doch eine Verschiebung seiner Freilassung war nicht mehr möglich, denn die internationale Presse war bereits über das bevorstehende Ereignis informiert worden. So konnte Mandela lediglich durchsetzen, daß ihn sein erster Weg vom Gefängnis nach Kapstadt führen würde.

Dort hielt er in den späten Abendstunden auf dem Grand Parade, von einem Balkon des alten Rathauses, vor vielen zehntausend Menschen, die zum Teil seit dem frühen Morgen auf ihn gewartet hatten, seine erste Rede, die seinen ungebrochenen Willen bewies, den Kampf mit allen Mitteln fortzusetzen und ihn erst nach einem wirklichen Sieg für die Menschen seines Landes zu beenden.

Im Mai 1990 gab es die ersten Gespräche zwischen der Regierung und Vertretern des ANC, die schließlich zu offiziellen Verhandlungen und zu konkreten Vereinbarungen über eine Zukunft des Landes ohne Apartheid führten. Vier Jahre später, im April 1994, fanden die verabredeten ersten für alle Bewohner freien Wahlen statt. Der ANC errang einen überwältigenden Wahlerfolg. Mandela, inzwischen fast 75 Jahre alt, wurde der erste schwarze Staatspräsident der Republik Südafrika. Wenige Monate zuvor, im Dezember 1993, hatten er und de Klerk gemeinsam den Friedensnobelpreis erhalten.

Quellentext. Nelson Mandela auf der Kundgebung in Kapstadt am Tage seiner Freilassung

Heute akzeptiert die Mehrheit der Südafrikaner, Schwarze und Weiße, daß die Apartheid keine Zukunft hat. Sie muß durch unser gemeinsames entschlossenes Handeln beendet werden, mit dem Ziel, Frieden und Sicherheit zu schaffen. Unser gemeinsamer Widerstandskampf, der Kampf des Volkes und seiner verschiedenen Organisationen, muß seinen Höhepunkt in der Errichtung der Demokratie finden. Die Zerstörungen, die die Apartheid in unserem Teil des Kontinents angerichtet hat, sind in Zahlen nicht zu fassen. Der Zusammenhalt von Millionen Familien in unserem Land wurde zerstört. Millionen Menschen sind obdach- und arbeitslos. Unsere Wirtschaft liegt am Boden, unser Volk ist in politischen Auseinandersetzungen zerstritten.

Unser Rückgriff auf den bewaffneten Kampf mit der Schaffung des militärischen Arms des ANC (…) im Jahre 1960 war eine ausschließlich defensive Handlung im Hinblick auf die Gewalt der Apartheid. Die Bedingungen, die zum bewaffneten Kampf führten, existieren noch immer. Wir haben keine Wahl, als diesen Kampf fortzusetzen. Wir sind aber der Hoffnung, daß ein neues Klima sehr bald zu Verhandlungen und Vereinbarungen führen wird, so daß wir nicht länger den bewaffneten Kampf führen müssen. (…)

Unser Marsch in die Demokratie ist unumkehrbar. Wir werden nicht erlauben, daß die Angst uns im Weg steht. Allgemeine und gleiche Wahlen in einem demokratischen und nichtrassistischen Südafrika sind der einzige Weg zu Frieden und Verständigung zwischen den Rassen.

aus: www.anc.org.za/ancdocs/­history/mandela/1990/release.html

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2010/02-06/014.php