20. Januar 2014

30 Jahre Mühe

Im Finale der Systemauseinandersetzung zwischen Ost und West nur Verhandlungsmasse: Flugzeugführer eines DDR-Jagdfliegergeschwaders (»Wilhelm Pieck«, 1975)

Im Osten gestartet, im Westen gelandet: Ein Buch über die Geschichte eines NVA-Jagdfliegergeschwaders

Jürgen Leskien

Unter dem unspektakulären Titel »30 Jahre Starten und Landen« erschien im Herbst 2013 ein gut ausgestattetes Buch über das Jagdfliegergeschwader 2 »Juri Gagarin« der Luftstreitkräfte der DDR. Bücher dieser Art sind immer schon Teil der Erinnerungskultur eines Volkes. Kapitäne berichten, Ärzte plaudern, Professoren dozieren, Generale schwadronieren in Büchern zur eigenen Person, zur Gruppe, der man sich zugehörig fühlt, als Teil kollektiven Gedächtnisses. 1976 erschien z.B. im fliegerblauen Kunstleder ein Band mit dem Titel »Die außergewöhnlichen Männer der Kaktus Starfigher Staffel » Darin wird von der Entwicklung der Luftwaffe in der Bundesrepublik, von der Ausbildung deutscher Flugzeugführer in den USA erzählt. In seinem Beitrag erinnerte sich Generalleutnant Günther Rall: »Luke Air Force Base – Arizona – Sommer 1957. Wir, das sind 15 ehemalige Weltkrieg-II-Piloten, sollen hier auf F-84 bis zur vollen Einsatzbereitschaft ausgebildet werden. Elf Jahre liegen für uns zwischen der letzten Landung mit einem Einsatzflugzeug, elf Jahre unfreiwilliger fliegerischer Enthaltsamkeit, elf Jahre unausgelebte, angestaute fliegerische Leidenschaft – und nun beginnt das große Abenteuer, von dem ein Mann mit vierzig träumen darf – das Abenteuer des Jet-Fliegens und das Abenteuer Amerikas und des Westens.« Der spätere Inspekteur der Luftwaffe Rall gehörte zu der Stu­diengruppe, die 1958 den F-104 G Starfighter für die neue Bundeswehr auswählte, der bis ins Jahr 1984 hinein für den Tod von mehr als hundert westdeutschen Piloten verantwortlich war.

Solche Texte können durch Distanz und unmittelbare Teilhabe, die in der den Akteuren gegebenen Sprache zum Ausdruck kommt, objektiver Begleiter bei der Besichtigung einer Gesellschaft sein. Auch in diesem Sinn ist »30 Jahre Starten und Landen« lesenswert.

Hoher Preis

Ein nahezu kühler Umgang mit den Tatsachen, ohne ideologische Arabesken, nimmt den Leser von den ersten Seiten für den Text über das Fliegen zu Zeiten des Kalten Krieges in Neubrandenburg-Trollenhagen ein. Die Autoren – zwei Flugzeugführer und ein Ingenieur – waren Kommandeure auf Geschwaderebene. Kriegskinder, die in den Aufbruch nach dem großen Krieg hineinwuchsen, erwachsen geworden im ärmeren Teil Deutschlands, der das Neue wollte, aus Erfahrung mit dem Alten. Sie berichten, wie sie war, diese Arbeit, wie sie mitwebten am Netz der Sicherheit. In »Handlungsräumen« von Rheinsberg bis zur Ostsee, die Oder entlang bis Schwedt, im Diensthabenden System (DHS). Und der Preis war hoch. Höher konnte er für den einzelnen, für die Frauen und Kinder nicht sein – vierzehn tödlich verunglückte Flugzeugführer und ein Techniker, vom 16. März 1961 bis zum 6. Mai 1988.

Das Autorenteam kann in seiner Zusammensetzung als Glücksfall gelten. Bis ins Detail wird die Vorbereitung, das Fliegen unter den schwierigsten Bedingungen erläutert. Wie die Techniker in den dunklen Overalls, die »Schwarzen Kittel«, mindestens 85 Prozent der Maschinen einsatzbereit halten, wird verständlich beschrieben, ebenso die Arbeit des fliegertechnischen Personals. Ob Meteorologe, Tankwart, Soldat der Flugplatzkompanie, sie werden nicht nur erwähnt, sie haben im Ganzen ihren Platz. Ohne sie geht es nicht. Auch nicht ohne die Jägerleitoffiziere im Bunker, nicht ohne die Funker und Funkmeßauswerter. Die 21 Flugzeugführer hatten in einem Monat durch die Belastung im DHS im Durchschnitt nur sechs freie Tage, verharrten ansonsten 24 Stunden in irgendeiner Form der Bereitschaft, bereit zum Alarmstart. Da kam die physische und vor allem die psychologische Belastung ins Spiel, die durchaus eine politische Dimension hatte. Und das nicht erst, wenn am Ende solcher Anspannung ein Toter zu beklagen war. Die Frau eines Flugzeugführers kommt zu Wort: »Vielen Fliegerfrauen gemeinsam war immer die Angst um ihre Männer. Allein aus meinem Bekanntenkreis sind in den Jahren zehn Piloten abgestürzt, die traumatisierte Familien hinterließen. Diese Verlustangst prägte mein ganzes Leben. Wie oft stand ich nachts am Fenster und wartete.«

Verhandlungsmasse

Die Autoren lassen auch andere Zeitzeugen Wort kommen: Flugzeugführer, die sich katapultiert haben und mit dem Leben davongekommen sind, Techniker, den wohnungssuchenden Offizier und auch den Chef der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) aus der Nachbarschaft. Da für die Grasmahd der Flugplatz nur kurzfristig gesperrt werden konnte, mußten auf einen Schlag sieben Schwadmäher und 20 Traktoren mit Hänger aus dem Tagesgeschäft der LPG abgezogen werden … Mit der mitunter sehr detaillierten Darstellung des militärischen Handelns stehen sich die Autoren zum Teil selbst im Weg. Zu viele Einzelheiten, breit vorgetragene technische Vorgänge, aussagekräftige Grafiken werden überflüssigerweise im Text noch einmal erklärt. Weniger wäre da mehr. Vielleicht in einer Auflage als Taschenbuch? Die Bundeszentrale für politische Bildung als Partner? Ist es doch interessant zu erfahren, wie sie tickten, die Flugzeugführer einer Armee, die nie wieder von Deutschland aus in den Krieg ziehen wollte. Und die sich daran hielt. Im Finale der Systemauseinandersetzung waren auch die Neubrandenburger Soldaten und Offizier nur Teil der Verhandlungsmasse zwischen den Großen dieser Welt. Am 26. September 1990 gab der Kommandeur des Geschwaders den Befehl zum letzten Flugdienst. Das war’s. Soviel Fleiß, soviel Mühe, soviel Lebenszeit, soviel Hoffnung. Über 30 lange Jahre. Und am Ende: im Osten gestartet, im Westen gelandet.

Gunter Harzbecher/Hans Joachim Hardt/Karl Erich Hauschildt: 30 Jahre Starten und Landen - Das Jagdfliegergeschwader 2 »Juri Gagarin« am Flugplatz Neubrandenburg-Trollenhagen von 1960 bis 1990. MediaSkript, Berlin 2013, 220 Seiten, 24,50 Euro * ISBN 978-3-9814822-2-5

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