27. November 2010

Abwicklung unerwünscht

Die »Neukonstruktion« der IG Farben 1945 bis 1951

Dietrich Eichholtz

Als im Mai 1945 in Europa die Waffen schwiegen, träumten nicht nur antifaschistische Deutsche von einem Frieden bewahrenden, international wieder geachteten neuen Deutschland. Überall in der Welt, besonders in den Ländern, die gegen die Hitlerbarbarei gekämpft und Opfer gebracht hatten, hofften Menschen auf eine Frieden garantierende, internationales Vertrauen schaffende Ordnung der Welt.

Das Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 forderte als vorrangiges Ziel der alliierten Besatzung durch die vier Mächte: »Völlige Abrüstung und Entmilitarisierung Deutschlands und die Ausschaltung der gesamten deutschen Industrie, welche für eine Kriegsproduktion benutzt werden kann, oder deren Überwachung.« Die oberste Regierungsgewalt in Deutschland war inzwischen durch Vier-Mächte-Erklärung vom 5. Juni einem Kontrollrat, bestehend aus den vier Oberbefehlshabern, übertragen worden.

Zwei Linien

US-Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower war wohl der erste, der von seinem Stab umfassend über das unheilvolle Wirken des IG-Farben-Konzerns informiert wurde. Dieser größte deutsche Konzern hatte Hitlers Krieg vorbereitet und ausgerüstet mit Benzin, Raketentreibstoff, Kunstgummi, Pulver und Sprengstoff, Giftgas, Leichtmetallen und Dutzenden von Grund- und Kunststoffen, ohne die jener Krieg nicht führbar gewesen wäre. Der Konzern war während des Krieges an maßgeblicher Stelle beteiligt am Raubzug durch Europa und regierte in den besetzten Ländern wie daheim über Hunderttausende ausländische Zwangsarbeiter, darunter KZ-Häftlinge in Auschwitz und in vielen Dependancen anderer Lager.

Ende März 1945 eroberten US-Truppen Frankfurt am Main und kämpften sich den Weg zum Grüneburgweg frei. Dort stand die imposante Zentrale des IG-Farben-Konzerns. Frankfurt lag weithin in Schutt und Asche, aber das IG-Haus hatte sich in der Trümmerlandschaft der Stadt behauptet. In Wochen angestrengtester Arbeit suchten die Experten Eisen­howers, die ihm hauptsächlich Finanzminister Henry Morgenthau, ein Berater Roosevelts und konsequenter Gegner Nazideutschlands, zur Verfügung gestellt hatte, in Deutschland und in ehemals besetzten Gebieten nach Dokumenten des Verbrechens in Archiven, Banktresoren, Bergwerken und privaten Verstecken. Was sie fanden, ergab einen erschütternden Bericht (vom 12. September 1945), der Eisenhower so beeindruckte, daß er öffentlich weitgehende Forderungen aufstellte:

1. Die Fabrikationsanlagen der IG in die Reparationsgüter einbeziehen.

2. Zerstörung der IG-Anlagen, die ausschließlich der Rüstungsproduk­tion dienen.

3. Brechung des Monopols durch Streuung des Eigentums an den verbleibenden Fabriken.

4. Herauslösung der IG aus internationalen Kartellen.

5. Übernahme der Forschungsprogramme und -einrichtungen der IG.

Der Alliierte Kontrollrat richtete sich nach diesen Vorgaben, als er am 30. November 1945 sein Gesetz Nr.9 erließ. Es sollte sicherstellen, »daß Deutschland nie mehr zu einer Bedrohung für seine Nachbarn oder den Weltfrieden werden kann (...) unter Berücksichtigung der Tatsache, daß die I.G. Farben wissentlich und an führender Stelle am Aufbau und der Produktion des deutschen Rüstungspotentials beteiligt war«. Alle Betriebe und anderer Besitz des Konzerns sollten beschlagnahmt und unter die Leitung von alliierten Kontrollbeamten gestellt werden, die für die Ausführung jener Forderungen zu sorgen hätten.

Schon seit dem Sommer aber war zunehmender Widerstand aus der Wa­shingtoner Regierung, besonders dem Außen-Office und dem Kriegsministerium, und aus dem Beamtenapparat des Militärgouverneurs in Deutschland selbst spürbar. Der Widerstand richtete sich massiv gegen den antifaschistischen Impetus jener Gruppe, die den deutschen Faschismus an seinen Wurzeln bekämpfen wollte. Diese Gruppe, hochaktiv bei der Aufdeckung der IG-Verbrechen, konnte sich dabei auf breitere Stimmungen in der US-Bevölkerung stützen, darunter auf antifaschistische Komitees; auch manche konservative Kreise befürworteten eine scharfe Politik gegen die deutsche Großindustrie und ihre internationalen Kartelle. Es war aber keineswegs verwunderlich, ja, man mußte höchst naiv sein, nicht zu erwarten, daß die Gegner dieser Politik sich früh zusammenfanden – und dies aus vielschichtigen Motiven. In der Militärregierung fanden sich Offiziere in großer Zahl, die in den USA aus Kreisen der Banken und der Großindustrie rekrutiert worden waren und die geplanten radikalen Eingriffe der Morgenthau-Leute in die deutsche Volkswirtschaft ablehnten. Sie dachten, gemeinsam mit ihren britischen Kollegen, in Kategorien der Wiederherstellung der »freien westlichen« Wirtschaft. Darunter verstanden sie in erster Linie die Übernahme der - seit 1939/40 – deutschen Vorherrschaft in weiten Teilen Europas, und speziell die Beherrschung des zukünftig vielversprechenden europäischen, bisher deutsch dominierten Marktes.

Natürlich kam es in diesen Kreisen niemandem in den Sinn, die Betriebe in Arbeiter- bzw. Gewerkschaftshände zu geben. Im Gegenteil, daß die sowjetische Besatzungsmacht in ihrer Zone gemeinsam mit deutschen Antifaschisten Schritt für Schritt auf eine Enteignung des großen Kapitals zusteuerte, legte den Gegensatz zwischen Ost und West schonungslos bloß.

Alter Machtanspruch

Am 5. März 1946 hielt Winston Churchill, zu diesem Zeitpunkt Anführer der britischen Konservativen ohne Regierungsverantwortung, in Fulton, USA, eine antikommunistische Scharfmacherrede über den »Eisernen Vorhang«, hinter dem sich die UdSSR in feindlicher Absicht der »freiheitlichen« Welt entgegenstellen würde. Der »Bruderbund der englischsprechenden Völker« müsse in Zukunft auf jede Art der Auseinandersetzung mit den rings entstandenen kommunistischen »fünften Kolonnen« vorbereitet sein. Aufschlußreich ist es in der Tat, hierin die alte antisowjetische Kriegslüsternheit aus der Zeit von vor einem Vierteljahrhundert (1921) wiederzuerkennen, über die damals die Regierung Lloyd George/Churchill stürzte!

US-Präsident Harry S. Truman begrüßte die Rede und baute darauf seine »Truman-Doktrin« auf, die den Kalten Krieg weltweit zur Tatsache machte. Damit war der Grund für den Strategiewechsel der westlichen Alliierten beim Wiederaufbau der westdeutschen Großindustrie gelegt.

Der historische Prozeß gegen 24 führende Manager der IG Farben und seine Vorbereitung beeinträchtigte bis 1948 beträchtlich die Bemühungen um die Wiederherstellung der IG-Macht. Doch richteten einflußreiche Kritiker aus den USA und sogar Stimmen aus dem Kreis der Prozeßleitung schamlose Angriffe gegen Vertreter der Anklage, die als »jüdisch-parteiisch« diffamiert und einer angeblichen Neigung zum Kommunismus beschuldigt wurden. Das katastrophale Urteil am Ende des Prozesses, das die Verantwortung des Konzerns für die Entfesselung und die Verbrechen des Weltkriegs abwies und die Verbrechen der Angeklagten mit ihrem »Befehlsnotstand« unter einem diktatorischen Regime entschuldigte, setzte das Kontrollratsgesetz Nr. 9 vom 30. November 1945 de facto in den Westzonen außer Kraft.

Im Hintergrund schuf in dieser Zeit der Marshall-Plan bereits die Grundlage für den wirtschaftlichen Wiederaufbau in Westeuropa in Konfrontation mit dem »Ostblock«. Die Westmächte verschärften jetzt nachdrücklich den Ost-West-Konflikt. Zuerst bildeten sie die Bizone, später die Trizone, unterstützten die Spaltung der deutschen Währung (Juni 1948) und waren Geburtshelfer des westdeutschen Separatstaates (August/September 1949).

Mit der Einsetzung einer westdeutschen Regierung gewannen die Lobby der chemischen Industrie und vor allem die vor kurzem noch als Kriegsverbrecher angeklagten obersten Repräsentanten des IG-Konzerns ein ganz anderes Gewicht. Sie nahmen jetzt die Umorganisation der Industrie in eigene Hände, unterstützt und bevollmächtigt durch Spitzenvertreter der Regierung.

Es dauerte immerhin noch drei Jahre, bis die drei großen Unternehmensblöcke – Farbwerke Hoechst, Badische Anilin-& Soda-Fabrik (BASF), und Farbenfabriken Bayer –, aus denen die IG schon zur Zeit ihrer Gründung bestand, jetzt reorganisiert und vergrößert, als »lebensfähige Nachfolgegesellschaften« und Träger der hauptsächlichen Substanz des alten IG-Farben-Konzerns dem Alliierten Hochkommissar vorgeschlagen werden konnten. Drei nicht unbedeutende Bestandteile des Konzerns hatten allerdings abgeschrieben werden müssen: die auf dem Gebiet der DDR gelegenen Betriebe und Besitzteile, die im Krieg zusammengeraubten Betriebe, Patente und Liegenschaften und die im sonstigen Ausland eingerichteten getarnten Unternehmen und Besitzteile.

Dokumentation. »Die Erlangung der deutschen Unterstützung gegen Rußland«

Aus einem internen Memorandum der Morgenthau-Gruppe (ohne Datum; vor Kriegsende):

Je mehr ich über dieses Problem nachdenke …, desto klarer scheint mir, daß das Motiv der meisten, die gegen ein schwaches Deutschland opponieren …, einfach ein Ausdruck ihrer Furcht vor Rußland und dem Kommunismus ist. Es ist die 20 Jahre alte Vorstellung vom ›Bollwerk gegen den Bolschewismus‹ – einer der Faktoren, der uns den jetzigen Krieg beschert hat.«

Aus: James S. Martin (ehemals Mitarbeiter der US-Militärregierung): »All Honorable Men«, Boston 1950:

»Die Veränderungen in der amerikanischen Wirtschaftspolitik gegenüber Deutschland, die Wiedereinsetzung der Nazis in ihre alten Stellungen, die Förderung der Kartelle, die Spaltung durch die Bildung Bizoniens und dann Trizoniens – das alles sind eigenartige Gegenmaßnahmen, die die Erlangung der deutschen Unterstützung gegen Rußland zum Ziele haben.«

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2010/11-27/008.php