29. Oktober 2011

»Achse Berlin - Rom«

»Wohltätigkeitsmarke« der Reichspost zum 5. Jahrestag des deutsch-italienischen »Achsen-Vertrages« (1941)

Vor 75 Jahren begann die Bundesgenossenschaft zweier faschistischer Regime

Kurt Pätzold

Mit dem Begriff Achse verbindet die Mehrheit der Deutschen heute wohl ein Bauteil ihres PKW. Vor drei Generationen besaß dieses Wort jedoch eine andere, heute weithin vergessene politische Bedeutung. Gegeben wurde ihm dieser Inhalt von dem italienischen Faschistenführer Benito Mussolini, der am 1. November 1936 während einer Ansprache in Mailand von der »Achse Berlin–Rom« sprach und damit die neu gewonnene Beziehung der beiden Diktaturen charakterisierte. Keine vier Jahre später befanden sich diese als Verbündete in einem Krieg, in dem sie auf Eroberungen aus waren, die Deutschen hauptsächlich im Osten Europas, die Italiener auf dem afrikanischen Kontinent. Deren Expansion auf dem »schwarzen Erdteil« war der Impuls geworden, der zur Annäherung und zu einer Beziehung führte, die auf Dauer den Namen »Achse« erhielt, eine Bezeichnung die Stabilität symbolisieren sollte.

Die Verwandtschaft der beiden Regime, des 1922 in Italien und des 1933 in Deutschland entstandenen faschistischen, hatte nicht sogleich zu deren Annäherung und Verbindung geführt, wiewohl für sie galt »gleiche Brüder, gleiche Kappen«. Da war vor allem die Erblast der Gegnerschaft im Weltkrieg, die umso schwerer wog, als das Königreich Italien 1915 aus dem sogenannten Dreibund, dem es mit dem Deutschen Kaiserreich und der österreichisch-ungarischen Monarchie angehört hatte, ausscherte und sich auf die Seite der Ententemächte Großbritannien und Frankreich schlug. Dieser Frontwechsel, von den deutschen Chauvinisten als schnöder Verrat gekennzeichnet, war ein Stachel, der tief saß. Zudem schwelte ein Konflikt zwischen dem Hitler- und dem Mussolini-Regime der Österreichs Zukunft betraf, das die deutschen Faschisten schon zu einem Teil des Großdeutschen Reiches bestimmt hatten, während die italienischen es als ihren selbständigen Verbündeten betrachteten. Kurzum, die politische Verwandtschaft der beiden Diktaturen schuf nicht automatisch ihr Bündnis. Es entstand jedoch als Resultat der expansionistischen Interessen, die sie verfolgten und von denen sie meinten, sie ließen sich gemeinsam leichter durchsetzen.

Seite an Seite

Den Wendepunkt hin zu einer Annäherung, die beide schließlich Seite an Seite in den Krieg führte, bildete der Eroberungszug Italiens, begonnen 1935 von seiner Kolonie Italienisch-Somalia 1935 aus, gerichtet gegen den selbständigen Staat Äthiopien, ein Mitglied des Völkerbundes. Der Kriegszug war erfolgreich. Doch bewirkte er eine Entfernung Italiens von seinen Weltkriegsverbündeten Großbritannien und Frankreich und eine Annäherung an Nazideutschland. Dessen Führer hatten ihre Chance sogleich gewittert und wahrgenommen, eine neue Beziehung zu Italien herzustellen und einen Bundesgenossen zu gewinnen. Aus der politischen Seelenverwandtschaft, die Hitler bei seinem Italien-Besuch 1934 bekundet hatte, wurde schrittweise eine politische, wirtschaftliche und schließlich militärisch-kriegerische Verbindung. Die kündigte sich bereits an, als die beiden faschistischen Staaten den Franco-Putschisten in Spanien halfen, in einem Bürgerkrieg an die Macht zu gelangen.

1936 wurde mit Rücksicht auf die imperialistischen Interessen Deutschlands und Italiens die Feindschaft aus Weltkriegstagen auf spanischem Boden begraben. Mussolini, der an Lebens- und Herrschaftsjahren ein wenig ältere, mochte eitel glauben, daß er der Führer dieses Bündnisses sei. Dagegen sprach jedoch das ökonomische und demographische Übergewicht Nazideutschlands. In seinen Städten – München, Berlin und Essen – wurde Mussolini 1937 von Hunderttausenden begeistert begrüßt. Entlang der Straßen, die sein Wagen passierte, drängten sich die Massen und skandierten endlos: »Duce! Duce! Duce!« Nach Jahren der vermeintlichen Demütigung und Isolierung hatten die Deutschen wieder einen Verbündeten. Sie hätten jedoch, als sie die Bilder Hitlers und Mussolinis bei Wehrmachtsmanövern in Mecklenburg sahen, bei denen die beiden Diktatoren die Feldherren gaben, sich denken oder doch ahnen können, wohin die Reise gehen sollte. Doch zu viele waren des Denkens schon entwöhnt.

Der Empfang des italienischen Diktators trog jedoch auch. Zwar wurde Italien in den folgenden Jahren für eine Minderheit ausgewählter KdF (Kraft durch Freude)-Urlauber zu einem Reiseziel. Doch diese wie viele Gesten der Freundschaft täuschten ehe darüber hinweg, daß die Wunden des Weltkrieges nur dürftig vernarbt waren und von einer Freundschaft, die Deutsche und Italiener verband, keine Rede sein konnte. Der »Verrat« von 1915 war nicht aufgearbeitet und die nationalistischen Deutschen fühlten sich den Südländern obendrein überlegen. Zwischen denen, die als Saisonarbeiter nach Deutschland kamen, um den als Folge der Landflucht und der Hochrüstung sich verschärfenden Arbeitskräftemangel zu kompensieren, und der einheimischen Bevölkerung bestanden kaum irgendwelche Beziehungen. Wie viel angestauter nationalistischer und rassistischer Dünkel gegenüber Italienern unter Deutschen fortlebte, wurde freilich erst offenbar, als im Urteil der deutschen Chauvinisten die Italiener als Verbündete auf den Schlachtfeldern versagten, in Griechenland 1940 wie auch in Afrika.

Zunächst aber ließen sich die neuen Beziehungen gut an. Der Begriff von der »Achse« bürgerte sich im Reich ein. Mussolini genoß besonderes Ansehen, zumal er im Unterschied zu Hitler als Sportsmann galt und sich in Filmen mit nacktem Oberkörper als Erntehelfer präsentierte. Und dann, das wollte Hitler seinem »Freund« in Rom nicht vergessen, hatte sich die italienische Politik gegenüber Österreich gewandelt. Der deutschen »Anschluß-«Politik wurden Hindernisse nicht mehr in den Weg gelegt. 1938 war das Alpenland liquidiert und »Großdeutschland« geschaffen. Im Gegenzug hatte der »Führer«, entgegen dem lauthals verkündeten Programm, alle Deutschen in einem Reich zusammenzuführen, auf Südtirol verzichtet, den Landstrich jenseits der Alpen, den Italien als Kriegsbeute 1918 besetzt und ein Jahr darauf im Vertrag von St. German zugesprochen bekommen hatte und dessen Bewohner doch als Deutsche oder Deutsch-Österreicher galten.

Weltherrschaftswahn

Die Basis der Annäherung und des Bundes der beiden faschistischen Regime bildete weniger die hochgradige Verwandtschaft ihrer Ideologie und ihrer Innenpolitik, sondern vor allem in Rom wie in Berlin gehegte ehrgeizige, ja größenwahnsinnige Eroberungspläne. Dem Duce schwebten Bilder vor, die sich an der Ausdehnung und macht des römischen Imperiums orientierten, Pläne vom Mittelmeer als dem künftigen »mare italiano«. Hitlers bevorzugte Richtung künftiger Eroberungen war der europäische Osten, Polen, das Baltikum, die Sowjetunion. In beiden Staaten wurde eine Hochrüstung der Streitkräfte betrieben. Italien unterwarf sich 1939 Albanien, Deutschland liquidierte nach Österreich die Tschechoslowakei. Propagandistisch präsentierten sich die Verbündeten als die jungen Staaten – im Unterschied zu den angeblich überalterten, altersschwachen Demokratien Europas –, denen niemand gewachsen sei.

Auf diesem von Aggressivität und Selbstüberschätzung gekennzeichneten, alle Einwände und Warnungen ignorierenden Weg gingen das Reich und Italien feste Verbindungen im Hinblick auf den bevorstehenden und von ihnen gewollten Krieg ein. Am 22. Mai 1939 wurde in Berlin von den Außenministern Joachim von Ribbentrop und dem Grafen Galeazzo Ciano der sogenannte Stahlpakt unterzeichnet, ein Sprachbild, das an jenes von der Achse erinnerte. Er bestimmte die Kriegsgenossenschaft auch im Falle, daß einer der beiden Staaten einen Krieg provozieren und beginnen würde. Da hatten die Deutschen den Angriff auf Polen bereits fest in Visier. Mussolini machte sich, wurde auch der Anschein der Gleichberechtigung gewahrt, zum Juniorpartner der deutschen Imperialisten.

Die Achse funktionierte nicht schon am 1. September 1939. Erst am 10. Juni 1940, da war der deutsche Westfeldzug bereits einen Monat alt und Frankreichs Niederlage stand bevor, erklärte Mussolini Großbritannien und Frankreich den Krieg. Diese Verspätung hatte das Ansehen des Verbündeten in Deutschland schon herabgesetzt. Seine Mißerfolge bei dem auf eigene Faust begonnenen Krieg gegen Griechenland und in Nordafrika verstärkten es. Die »Freundschaft« zwischen den Diktatoren hatte noch Bestand, die zwischen den Völkern war nie entstanden. Als Italien 1943 aus dem Krieg ausscherte, machten sich Gefühle der Mißachtung und dazu der Rache unter Deutschen wieder ungehemmt geltend.

Wie die Hauptakteure auf der Achsenbühne endeten, ist von Hitler, Mussolini und Ribbentrop gut bekannt, Ciano, der 1943 der Absetzung des Duce zugestimmt hatte, sich aber nicht in Sicherheit brachte, wurde 1944 auf Weisung Mussolinis, seines Schwiegervaters, mit anderen Rebellen hingerichtet.

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