30. November 2013

Adieu, Nation?

Was hat das Kapital mit der Nation zu tun?

Guenther Sandleben

Die Vorstellung, das Zeitalter des Nationalismus gehe mit der Globalisierung zu Ende, hat sich selbst innerhalb der Europäischen Union als trügerisch erwiesen. Als im Spätsommer 2008 nicht nur einzelne Unternehmen und Banken, sondern ganze Finanzsysteme vor dem Zusammenbruch standen, organisierte jeder Staat für sich sein Rettungsprogramm, um die eigene Nationalökonomie zu schützen. Diese Art der Wirtschaftspolitik offenbarte einen Krisennationalismus, der darauf abzielte, die eigenen Krisenlasten möglichst auf andere abzuwälzen und auswärtige Risiken nicht zu übernehmen. Statt in einen globalen Zusammenhang aufgelöst zu werden, traten die Nationalökonomien in den Vordergrund und bildeten den Dreh- und Angelpunkt der Politik.

Die nationalistischen Tendenzen haben sich inzwischen verstärkt. Seit 2010, als zunächst Griechenland, später noch weitere Länder Kredite nur gegen harte Sparauflagen erhielten, wird das auswärtige ökonomische Interesse, das sich u.a. um die Verteilung der Kreditrisiken dreht, mehr und mehr durch Reaktivierung nationaler Klischees durchgesetzt.

Deutsche Zeitungen hetzen gegen die angeblich »faulen Südländer«, die dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche lägen. Als Zahlmeister der Europäischen Union würden »den Griechen ihre Luxus-Renten gezahlt« (Bild). »Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen«, heißt es weiter. Ein solcher Streit, der ganze Völker zu Opfern und Tätern macht, berührt grundlegende Fragen: Warum ist die Menschheit aufgesplittert in verschiedene Nationen mit gegensätzlichen Interessen, und warum verschwinden die Nationen nicht, wie gelegentlich vorausgesagt wird? Was hat das Kapital damit zu tun?

Bereits ein Blick auf historische Landkarten zeigt, daß die Geschichte des Kapitalismus keineswegs durch eine tendenzielle Abnahme der Nationalstaaten, sondern durch deren Zunahme gekennzeichnet ist. Herstellung und Entwicklung des Weltmarktes gehen faktisch Hand in Hand mit nationalstaatlicher Abgrenzung. Auch ist nicht zu übersehen, daß die Einführung der kapitalistischen Produktionsweise, die einen Schub an Globalisierung brachte, von einem grell leuchtenden nationalen Stern in Gestalt des Merkantilismus begleitet worden war.

Die Entwicklung in Mittel- und Osteuropa nach 1990 zeigte ein ähnliches Phänomen: Dort erfolgte die kapitalistische Restauration keineswegs unter Beibehaltung der vergleichsweise großen Wirtschaftsräume, sondern sie war von einer nationalstaatlichen Zersplitterung in viele Nationen und Natiönchen begleitet, die vor dieser geschichtlichen Wende im Massenbewußtsein praktisch keine Rolle mehr gespielt hatten, dann aber in altehrwürdiger Verkleidung aus den Gräbern der Geschichte emporstiegen, durch etliche Kriege ihre Daseinsberechtigung einforderten, um mit solchen Gewaltakten an die allgemeine Entstehungsgeschichte moderner Nationen zu erinnern. Schon diese Ereignisse legen den Verdacht nahe, daß die »nationale Frage« etwas mit der kapitalistischen Epoche selbst zu tun haben muß.

Kapital: Ein Verhältnis

Die Analyse wird durch verkehrte Anschauungen vom Kapital erschwert. Gewöhnlich definieren Volkswirte Kapital als produziertes Produktionsmittel. Kapital als eine Sache betrachtet, kann unmöglich eine gesellschaftliche Einheit wie die Nation bewirken.

In eine falsche Richtung weist auch der zirkulationstheoretische Reduktionismus des Kapitalbegriffs auf ein bloßes Kaufen von Waren, um diese teurer zu verkaufen. Nicht daß diese Form G-W-G’ (Geld-Ware-Geld+Profit) falsch wäre. Nur sie drückt lediglich die Zirkulation und nicht die Produktion aus. Deren kapitalistische Form charakterisiert aber gerade den modernen Kapitalismus.

An diesen Kapitalbegriff knüpft sich eine portfoliotheoretische Sichtweise, die ebenso jeden möglichen Zusammenhang von Kapital und Nation von vornherein ausblenden muß. Gemeint ist das Verleihen von Geld mit dem daraus entstehenden fiktiven Kapital, das einen Anspruch auf Geld beinhaltet und auf den Finanzmärkten in Form von Aktien, Anleihen, Derivaten gehandelt wird. Die Börse gilt als Hauptarena eines gleichfalls global agierenden Kapitals, mit Investmentbankern, Fonds und Portfoliomanagern als den eigentlichen, weltweit operierenden Akteuren.

Das Kapital in der Produktion – etwa in Form von Infrastruktureinrichtungen, Fabriken, Bergwerken, Anlagen, Maschinen, Geschäftsausstattungen, Waren etc. – wird als eigenständige Größe kaum noch wahrgenommen. Der darin steckende Verwertungszwang erscheint manchem Betrachter als ein vom Finanzmarkt aufgezwungenes, der Produktion äußerliches Verhältnis.1

Historisch betrachtet war es das in der feudalistischen Produktion vordringende Kapital, das in der Phase der »ursprünglichen Akkumulation« (Marx) den Motor für die Umgestaltung hin zur bürgerlichen Gesellschaft bildete. Das produktive oder industrielle Kapital konstituierte nicht nur die modernen gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern bildet seither deren ständige Grundlage. Gemeint sind nicht nur die Klassenverhältnisse, darunter das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital, sondern – was meist übersehen wird – auch die auswärtigen Verhältnisse zwischen verschiedenen »inneren Märkten«, die sich politisch im Verhältnis der Staaten zueinander darstellen.

Das Bodenkapital

Sobald man sich der kapitalistischen Form der Produktion zuwendet, kommt ein bodenständiges Element ins Spiel. Zunächst einmal fixiert sich Kapital in Infrastruktureinrichtungen, Bauten, Produktions- und Bergbauanlagen, Maschinen etc. Solche langlebigen Arbeitsmittel bleiben in der Produktionssphäre, nachdem sie dort einmal eingetreten sind. Mit der Funktion geht nur ein Teil ihres Werts auf das neu zu produzierende Produkt über, während der andere Teil im Arbeitsmittel und daher im Produktionsprozeß zurückbleibt. Aufgrund dieser besonderen Zirkulationsweise des Werts hat Marx den in Arbeitsmitteln verausgabten produktiven Kapitalteil »fixes Kapital« genannt.

Neben die funktionale Fixierung tritt für einen Großteil der Arbeitsmittel die territoriale, wodurch das gesamte produktive Kapital – von wenigen Ausnahmen abgesehen – eine weitreichende physische Unbeweglichkeit erhält.

Die örtliche Befestigung von Arbeitsmitteln kann auf zweifache Weise erfolgen: Ein Teil davon wird territorial fixiert, sobald er als Arbeitsmittel in die Produktionssphäre eintritt, wie Maschinen, die in Fabrikgebäuden installiert werden; ein anderer Teil wird von vornherein in einer am Ort festgefügten Form produziert, etwa Fabrik- und Bürogebäude, Hochöfen, Flughäfen, Hafenanlagen, Straßen, Kanäle, Bodenmeliorationen, Wasserwerke, Bergwerkseinrichtungen und andere Bodenkapitale. »Der Umstand jedoch«, schreibt Marx im zweiten Band des »Kapital«2 »daß Arbeitsmittel lokal fixiert sind, mit ihren Wurzeln im Grund und Boden feststecken, weist diesem Teil des fixen Kapitals eine eigene Rolle in der Ökonomie der Nationen zu. Sie können nicht ins Ausland geschickt werden, nicht als Waren auf dem Weltmarkt zirkulieren.«

Durch die Ortsgebundenheit einer großen Masse fixen Kapitals werden bereits wichtige Produktionszweige territorial gebunden. Hinzu kommen die extraktiven Wirtschaftszweige, die ihren Arbeitsgegenstand – wie Ölförderung und Bergbau – dem Erdreich entnehmen, und des weiteren die Landwirtschaft, die in der Fruchtbarkeit der Böden ihr wirksames Arbeitsmittel findet. Solche Produktionsprozesse sind in besonderer Weise mit einem Landstrich vermählt und sammeln um sich herum eine entsprechende Industrie. Es entsteht eine Art Gravitationskraft, wodurch selbst mobile Kapitalformen wie Handel, Banken oder verschiedene Dienstleistungen an einen Wirtschaftsraum gebunden werden. Das Kapital schlägt Wurzeln, wird immobil, hängt auf Gedeih und Verderb am Schicksal des entsprechenden Territoriums, worauf sich nun auch die entsprechenden Interessen fokussieren.

Das Gesamtkapital

Die Zentrierung selbst mobilerer Kapitalformen und Wirtschaftszweige um die territorial verwurzelten Kapitale wird durch die besondere Wirkung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung gefestigt. Clusterbildungen entwickeln die gesellschaftlichen Produktivkräfte, eine bis heute gültige Erkenntnis, für die der Wirtschaftstheoretiker Friedrich List (1789–1846) einst die Bezeichnung »Konföderation der Produktivkräfte« fand: »Die produktive Kraft jeder einzelnen Fabrik ist umso größer, je mehr die ganze Fabrikationskraft des Landes nach allen ihren Verzweigungen ausgebildet und je inniger sie mit allen übrigen Geschäftszweigen vereint ist«.3

Art, Qualität und Menge der fixierten Arbeitsmittel sowie die ohne menschliches Zutun existierenden Naturgegebenheiten bestimmen die technischen und gesellschaftlichen Bedingungen der Arbeitsprozesse. Dies schließt eine bestimmte gesellschaftliche Teilung der Arbeit, Art und Umfang der Produktionszweige, Effizienz der Transportmittel, Größe und Dichte der Bevölkerung, Geschick und Ansprüche der Arbeiter ein. Solche Bedingungen legen die allgemeine Produktivität und Intensität der in einem entsprechenden Wirtschaftsraum verausgabten Arbeit sowie das dort existierende Lohn- und Gehaltsniveau fest.

Das einem Einzelkapital übergeordnete System der Produktivkräfte wechselt von Land zu Land;4 die Produktivkräfte sind in einem Land, das als höher entwickelt gilt, fortgeschrittener als in weniger entwickelten Ländern. Innerhalb eines Landes bildet sich so etwas wie ein Standard heraus, der durch die Anwendung der dort herrschenden Arbeitsmittel und durch einen gesellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität der Arbeit charakterisiert wird. Diese Durchschnittsbildung, wie sie etwa im Marxschen Begriff der gesellschaftlich-notwendigen Arbeitszeit enthalten ist, bezieht sich auf die Ökonomie eines Landes, wobei schon Marx klar war, daß die »mittlere Intensität« der Arbeit und die »gesellschaftlich-normalen Produktionsbedingungen« von Land zu Land wechseln.5

Ein Kapital, das in einem Land angelegt wird, operiert auf der dort allgemein gültigen Grundlage; es sind besondere von anderen Ländern wohl unterschiedene Bedingungen, die es nicht selbst erzeugen kann. Diese Bedingungen bilden ein gemeinschaftliches Monopol aller im Land ansässigen Kapitale gegenüber den Bedingungen anderer Länder. Hierbei handelt es sich um ein aus der kapitalistischen Produktionsweise selbst entspringendes kollektives Monopol. Das Einzelkapital trägt durch sein besonderes Geschäft einen Teil zur Ökonomie des Standorts bei, ohne aber die Verwertungsbedingungen in ihrer Gesamtheit bestimmen zu können. Es bildet ein, wie Marx es nannte, »selbständiges Bruchstück des gesellschaftlichen Gesamtkapitals«.

Ein Gesamtkapital ist zunächst einmal nichts anderes als eine Summe von Kapitalen, die unter ähnlichen Bedingungen operieren. Daß ein solches Gesamtkapital tatsächlich existiert und als einheitlich agierende Größe auftritt, hat Marx en détail nachgewiesen – ein derart wichtiges Forschungsergebnis, das nach Rosa Luxemburgs Erkenntnis »zu den unvergänglichen Verdiensten Marxens um die theoretische Nationalökonomie« gehört.6 Die Volkswirtschaftslehre hat unter den Titeln »Makroökonomik« bzw. »Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung« die eigenständige Qualität der Gesamtwirtschaft anerkannt, wenngleich nicht weiter reflektiert.

Marx weist im zweiten Band des »Kapital« nach, wie sich die Kreisläufe der Einzelkapitale ineinander verschlingen, sich wechselseitig voraussetzen, einander bedingen und wie sie in dieser Verschlingung die Bewegung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals konstituieren. Entsprechend greifen die Interessen der Funktionäre des Kapitals beständig ineinander, bildet sich bei aller Entzweiung durch die Konkurrenz ein gewisses gemeinsames Interesse am Wirtschaftsprozeß heraus.

Das Gesamtkapital ist aber nicht einfach die Summe aus Einzelkapitalen bzw. deren Bewegungen; es treten besondere Momente hinzu, wodurch es eine eigenständige Qualität erhält. Dazu gehört die besondere Reproduktionsweise mit den Bedingungen für den Stoff- und Wertersatz. Das Gesamtkapital tritt in Gestalt der Durchschnittsprofitrate als tatsächlich agierende Einheit auf. Diese Eigenständigkeit zeigt sich nach innen hin im Ausgleich der Profitraten: »der Durchschnittsprofit, leitet und lenkt – vermittels des Mechanismus des Wertgesetzes – den ganzen Austausch. (…) Mit einem Wort: das gesellschaftliche Gesamtkapital beherrscht durch die Durchschnittsprofitrate die scheinbar selbständigen Bewegungen der Einzelkapitale völlig.«7

Als wichtig ist hier festzuhalten, daß das Kapital neben seiner Gestalt als Einzelkapital eine eigenständige, makroökonomische Existenzweise besitzt. Allerdings taucht in unseren Alltagsvorstellungen der Begriff »Gesamtkapital« kaum auf. Man spricht statt dessen von der Volkswirtschaft eines Landes oder von einer Nationalökonomie. Daß das Gesamtkapital nicht positiv, sondern nur verdeckt als Volkswirtschaft, also als die Wirtschaft eines Volkes erscheint, ist Resultat eines Mystifikationsprozesses, der aus dem Kapitalverhältnis selbst hervorgeht.

Vielzahl von Gesamtkapitalen

Die Eigenständigkeit des Gesamtkapitals besteht nicht nur im Verhältnis zu seinen Teilen, sondern macht sich auch nach außen hin gegenüber anderen Gesamtkapitalen geltend. Warum gibt es überhaupt ein solches Außenverhältnis mit einer Vielzahl von Gesamtkapitalen und nicht eine einzige Weltkapitalgesellschaft?

Das Kapital, abstrakt gefaßt, enthält alle Bestimmungen, die jedem Einzelkapital als solchem zukommen. Seine Eigenschaften sind gleich. Diese Gleichheit muß sich auch in der Verwertung zeigen. Das Maß dieser Verwertung wird durch das Verhältnis des vom Kapital angeeigneten Mehrwerts zum vorgeschossenen Wert gebildet. Diese Profitrate, bestimmt durch den allgemeinen Kapitalbegriff, ist die Durchschnittsprofitrate. Die Bedingungen der Gleichheit, d.h. der gleichen Profitrate, existieren aber, wie gezeigt, nur für das kollektive Monopol, das die entsprechenden Einzelkapitale eines Standorts als ökonomische Einheit zusammenfaßt.

Da auf dem Weltmarkt Ungleichheit der Verwertungsbedingungen herrscht, ist eine Weltkapitalgesellschaft unmöglich; sie würde im Widerspruch zur Gleichheit der Kapitale stehen. Aus der Gleichheit des Kapitals und der Ungleichheit seiner allgemeinen Verwertungsbedingungen entsteht die Notwendigkeit, daß sich die Gesamtkapitale entlang ihrer Verwertungsgrenzen voneinander separieren.

Nun sind die Gesamtkapitale vor allem durch das fixe Kapital mit ihren jeweiligen Territorien verwurzelt. Die Verwertungsgrenzen werden Bestimmungsmomente für Ländergrenzen. Das Land erhält dadurch eine historisch spezifische Form: Es steht nun nicht mehr einfach für den Erdboden als natürliche Produktionsvoraussetzung. Auch hat sich darin nicht nur fixes Kapital eingegraben. Es dient vielmehr einem real agierenden gesellschaftlichen Gesamtkapital als Ort seiner Existenz.

Vielzahl von Staaten

Daß das Gesamtkapital als ein lediglich funktional-ökonomisches Gebilde einen Staat zur Regulierung seiner allgemeinen Angelegenheiten benötigt, ist eine erste Sache, die den Staat zwar materialistisch erklärt, ihm aber noch keine nationale Bestimmung gibt.

Zweitens kommt hinzu, daß erst die Vielzahl der Gesamtkapitale eine Grundlage für die Vielzahl entsprechender Staaten liefert. Einen einzigen Weltstaat kann es unter kapitalistischen Bedingungen nicht geben, weil das Kapital ihn wegen des ihm innewohnenden Konkurrenzprinzips verhindert. Die Vorstellung, das sich globalisierende Kapital würde die Staatssouveränität unterhöhlen oder den Einzelstaat gar völlig abschaffen, ist eine Umkehrung der wirklichen Verhältnisse von Kapital und Staat. Statt die Einzelstaaten zu untergraben, ist das Kapital in der Existenzweise als gesellschaftliches Gesamtkapital die Grundlage und die eigentliche Bastion des modernen Territorialstaates.

Drittens: Das Gebiet, das der Staat als sein Staatsgebiet definiert, ist keineswegs durch »historisch gewachsene Völker« entstanden. Die moderne Nationalismusforschung hat dies auch bestätigt, jedoch hat sie die gestaltende Kraft des Kapitals im Konstitutionsprozeß der Nationen weitgehend übersehen. Ein Gesamtkapital grenzt sich von jedem anderen ab und erzeugt geopolitische Räume, wodurch die dort lebenden Menschen zum modernen Volk zusammengeschmiedet werden. Die Staaten führen mit ihren politischen Grenzziehungen dann das Werk ihrer Gesamtkapitale mit anderen Mitteln fort.

Die geschichtliche Entstehung des Gesamtkapitals ist nichts anderes als die Herausbildung der kapitalistischen Produktionsweise selbst, in deren Mittelpunkt die ursprüngliche Akkumulation steht. Indem das Kapital die Produktion erobert, formiert es sich zum Gesamtkapital, definiert entsprechend den Teil der unter seiner Herrschaft stehenden Menschheit, der als das auserwählte Volk zu diesem Gesamtkapital gehört.

Eine solche Definition des Volkes beruht zunächst einmal auf einem naturgeschichtlichen Prozeß, der sich hinter dem Rücken der Menschen abspielt, dann aber mehr und mehr deren Wollen, Bewußtsein und Absichten bestimmt. Ohne Klarheit von diesen unterirdisch wirkenden Kräften zu haben, meinen die Menschen, ihr Zusammengehörigkeitsgefühl als Volk zu spüren, dem sie dann in ihren nationalen Kämpfen Geltung verschaffen. Innerhalb der Grenzen der Gesamtkapitale entdecken sich die Menschen als Völker. Daß es in Wirklichkeit das Kapital in der Gestalt des sich konstituierenden Gesamtkapitals ist, wodurch die Menschen als Volk zusammengebracht werden, bleibt ihnen verborgen. Sie versetzen die Geburtsstunde ihres Volkes so weit in die Geschichte zurück, wie es erforderlich ist, um ihren neuen geopolitischen Raum als »erste Landnahme« zu rechtfertigen.

Viertens besitzt jedes Gesamtkapital aufgrund seiner spezifischen Verwertungsbedingungen (Intensität und Produktivität der Arbeit, Höhe von Mehrwertrate und Kapitalzusammensetzung, Absatz- und Rohstoffmärkte, Einflußsphären) besondere kommerzielle Interessen, die der Staat lediglich ausgleicht, um sie dann nach außen hin gegenüber den Interessen anderer Staaten durchzusetzen. Die Mittel, die er dazu einsetzt, reichen von Freihandel, Schutzzöllen, Handelssanktionen bis hin zu Diplomatie, Abhöraktionen und Krieg.

Auch wenn der Staat nicht den Inhalt für die außenpolitischen Interessen liefert, so schafft er doch deren politische Form. Hier nun kommt fünftens die Nation ins Spiel. Das kommerzielle Klasseninteresse formiert sich nicht nur als Volksinteresse, so als sei es ein Lebensbedürfnis aller, sondern erhält zusätzliche Formen, die den tatsächlichen oder eingebildeten kulturellen, religiösen, politischen, biologischen oder geographischen Merkmalen der jeweiligen Bevölkerung entnommen werden. Solche Kriterien dienen sowohl der Abgrenzung als auch der eigenen Identifikation. Durch die auswärtige Konkurrenz werden die kulturellen, religiösen etc. Unterschiede in einen nationalen Gegensatz transformiert. Auf diese Weise erhalten die Konkurrenzkämpfe der Gesamtkapitale den Schein von kulturellen, religiösen oder ethnischen Konflikten. Oftmals ist dann nur noch diese äußere Hülle sichtbar, während der profane ökonomische Kern darunter versteckt bleibt. Hier nun haben wir den Begriff der Nation: Die besondere Form, unter der das Interesse eines Volkes – dem inneren Zusammenhang nach das Interesse des entsprechenden Gesamtkapitals – nach außen hin gegenüber anderen Völkern vertreten wird, ist die Nation. Das Volk bildet nur insofern eine Nation, als es in Konkurrenz zu anderen Völkern gebracht wird, also gezwungen wird, einen ökonomischen Kampf gegen sie zu führen.

Wenn sich in der europäischen Schuldendebatte Politiker und Journalisten hemmungslos nationale Vorurteile um die Ohren hauen, die an die Jahre vor und zwischen den Weltkriegen erinnern, dann steht ein handfester kommerzieller Streit dahinter. Die Aufsplitterung des Menschengeschlechts in verschiedene Nationen ist eine Konsequenz des Kapitals und nicht etwas Naturgegebenes oder ein bösartiges Relikt der Geschichte.

Anmerkungen

1 Ausführlich in Guenther Sandleben/Jakob Schäfer (2013): Apologie von links. Zur Kritik gängiger linker Krisentheorien

2 Karl Marx: Das Kapital, Band II, MEW 24, S. 163

3 Friedrich List (1841/1982), Das nationale System der politischen Ökonomie, S. 168f.

4 Auf der hier vorliegenden Abstraktionsstufe beinhaltet der Begriff »Land« noch keine nationalstaatliche Formbestimmung. Mit »Land« soll lediglich das Territorium gemeint sein, auf dem ein Gesamtkapital operiert.

5 Vgl. Karl Marx: Das Kapital, Band I, MEW 23, S. 584

6 Rosa Luxemberg: Die Akkumulation des Kapitals (1912), S. 1

7 Ebenda, S. 43

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/11-30/034.php