12. November 2011

Alemania Libre

Titelseite der Oktober-Nummer 1942

Vor 70 Jahren erschien die erste Nummer der Zeitschrift Freies Deutschland

Kurt Pätzold

Im Oktober 1942 erschien aus Anlaß des ersten Jahrestages ihres Bestehens das Heft einer Zeitschrift, die Denkwürdigkeit beanspruchen kann. In ihrer Aufmachung wurden die Autoren aufgezählt, deren Beiträge im Verlauf des Jahres gedruckt worden waren. Und das ist ihre unvollständige Liste: Anna Seghers, Thomas und Heinrich Mann, Egon Erwin Kisch, Lion Feuchtwanger, Bruno Frank, Berthold Viertel, Paul Zech, F. C. Weißkopf, Hans Marchwitza, Ernst Bloch, Paul Merker. Es existiert keine zweite deutschsprachige Zeitschrift aus jenen Exiljahren, in der so viele herausragende Persönlichkeiten der deutschen Literatur mit Beiträgen versammelt werden konnten.

Die Schriftsteller, Künstler, Journalisten ebenso wie exponierte Politiker, die in der Zeitschrift mit dem programmatischen Namen Freies Deutschland zu Wort kamen, hatten in dieser oder jener Form schon gegen den aufkommenden Faschismus Partei ergriffen. Sie mußten, als dessen Führer 1933 zur Staatsmacht gelangten, gewärtig sein, Opfer von deren Rachefeldzug zu werden. Zumindest aber hatten sie vor der Wahl gestanden, »zu Hause« zu verstummen oder zu versuchen, sich im Ausland hör- und lesbar zu machen. Vielen war die nahe tschechoslowakische Republik zum ersten Fluchtland geworden, Frankreich wurde ihr zweites. Einige nahmen an den Kämpfen zur Verteidigung der Spanischen Republik teil. Nach dem Sieg der Franco-Faschisten hatten sie sich über den Atlantik gerettet. Nun lebten die meisten von ihnen in den USA, die einen an der Ost-, andere an der Westküste, einige in Argentinien, und viele auch in Mexiko. So verschieden ihre Lebensorte, so verschieden auch ihre materiellen Lebenssituationen. Nur eine Minderheit vermochte ihre literarische oder publizistische Produktion von materiellen Sorgen unbedrängt fortzusetzen, die anderen lebten von geringfügigen Honoraren und verdienten als Ungelernte mit ihrer Hände Arbeit, was sie zum Leben brauchten.

Kommunistische Initiative

Daß sich aus diesen Entkommenen eine Herausgeber- und Autorenschaft einer politisch-literarischen Zeitschrift, die sich im Untertitel ein Antinazi Monthly nannte, bilden konnte, ging auf den Plan und die Initiative von Kommunisten zurück, die sich in Mexiko zu einer eigenen Organisation zusammengeschlossen hatten. Sie besaßen aus ihrer Zeit in Prag oder Paris Erfahrungen mit antifaschistischer Arbeit, darunter auch der Herausgabe von Zeitungen und anderen Periodika. Vor allem aber waren sie den Schritt zur Einheits- und Volksfrontpolitik gegangen, die darauf zielte, alle Gegner des Hitlerregimes zur Aktion zusammenzuschließen.

War die Annäherung von Menschen, die in den politischen und geistigen Kämpfen der Weimarer Republik sich mehr oder weniger weit voneinander entfernt befunden hatten, auch die wichtigste Voraussetzung für das Gelingen ihres Unternehmens, so doch bei weitem nicht die einzige. Anfangs war die Liste der Hindernisse, die zu überwinden waren, lang und reichte von der Aufbringung der finanziellen Mittel bis zu den drucktechnischen Instrumenten für die Fertigung einer deutschsprachigen Zeitschrift. Ein bescheidener, aber für den Start als hinreichend angesehener Betrag wurde durch Vorträge und Lesungen vor einem zahlungskräftigen Publikum aufgetrieben. Die Fort­existenz mußten weitere Spenden und Abonnenten sichern. Als letztere kamen nicht nur die politischen Emigranten in der »westlichen Hemisphäre« in Betracht. In Mexiko lebten länger schon deutsche Juden, die vor den Verfolgungen geflohen waren, auch gab es eine in älteren Zeiten entstandene deutsche »Kolonie«, in der freilich wie in anderen lateinamerikanischen Staaten sich auch die Sympathisanten mit Nazideutschland formiert hatten.

Schließlich gehörte zu den Voraussetzungen für das Erscheinen der Revista antinazi ein Land, dessen Führung sich klar gegen Nazideutschland gestellt hatte. Das hatte Mexiko als einziger Mitgliedsstaat des Völkerbundes schon 1938 getan, in dem es seine Stimme gegen den Anschluß Österreichs erhoben hatte. Am 22. Mai 1942 trat Mexiko auch erklärtermaßen an die Seite der deutschen Kriegsgegner.

Als der Plan zur Herausgabe der Zeitschrift im Sommer 1941 reifte, waren unter den Hitlergegnern im Exil nicht nur alte Kriegsbeile begraben worden. Als im November 1941 das erste Heft der Zeitschrift Freies Deutschland aus der Druckerei kam, standen die deutschen Truppen vor Moskau. Zwar war der Blitzkriegsplan erkennbar gescheitert und der osteuropäische Winter brach herein, doch konnte niemand absehen, ob Hitlers Armeen vor den Toren der sowjetischen Hauptstadt geschlagen werden würden. Lag in diesem Moment und dann noch für Jahre die Hauptlast des Krieges auch auf den Völkern des eurasischen Riesenreiches, so war doch jede Anstrengung von Gewicht, die dazu beitrug, Zuversicht und Mut in diesem beispiellosen Krieg zu stärken, dessen Dauer unabsehbar war. Das ihnen Mögliche zu tun, hat die Initiative der Gründer der Zeitschrift zusätzlich bestärkt.

Und das waren die Menschen, die mit journalistischen und verlegerischen Erfahrungen ans Werk gingen: Leo Katz war ein Österreicher, der in einer jüdischen Familie in der Bukowina geboren war und für kommunistische Zeitungen in Wien und Berlin gearbeitet hatte. Sein Fluchtweg hatte über Frankreich und die USA nach Mexiko-Stadt geführt. Über vielfältige, in Deutschland erworbene Erfahrungen in verschiedenen Bereichen des kulturellen Lebens gebot auch der aus Südböhmen stammende André Simone, der über Frankreich, Spanien und die USA nach Mexiko gelangte. Bruno Frei, in Preßburg/Bratislava geboren, hatte in Berlin die Tageszeitung Berlin am Morgen herausgegeben. Auch er war über die Tschechoslowakei und Frankreich nach Mexiko entkommen. Ähnliches galt für Alexander Abusch, der, ebenfalls in der K. .K.-Monarchie, in Krakau/Krakow, geboren, gegen Ende der Weimarer Republik Chefredakteur der Roten Fahne, des offiziellen Parteiorgans der KPD, gewesen war und sich auch auf seinen Fluchtstationen in Prag und Paris weiter als Redakteur und Journalist betätigt hatte. Abusch leitete die Zeitschrift bis zu ihrer Einstellung 1946.

Mission erfüllt

Als sie ihre Mission ein Jahr nach Kriegsende in Europa als erfüllt ansehen konnten, war ein Teil der Mitarbeiter und Autoren bereits nach Deutschland und Österreich zurückgekehrt, andere taten das wenig später. Manche hingegen blieben in den Ländern ihrer Zuflucht. Lion Feuchtwanger und die Brüder Mann in den USA, von wo Thomas sich später in die Schweiz wandte; Heinrichs Plan, einem Ruf als Präsident der Akademie der Künste in Ostdeutschland zu folgen, wurde durch Krankheit und Tod zunichte gemacht. In Mexiko verblieb der Kunstkritiker Paul Westheim, der die Staatsbürgerschaft des Landes erhielt. Auch Leo Katz blieb zunächst in Mexiko, gelangte dann jedoch über Israel zurück nach Österreich, wohin Bruno Frei schon 1947 gekommen war. Paul Merker stieg nach seiner Rückkehr nach Berlin in höchste Partei- und Staatsämter der DDR auf, bis er in der Phase stalinistischer Herrschaftspraktiken 1950 unter falschen Anschuldigungen aus seinen Ämtern entfernt, verhaftet und in einem Geheimprozeß zu mehrjähriger Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Am übelsten erging es André Simone, der sich in die Tschechoslowakei begab, dort als Chefredakteur der zentralen kommunistischen Parteizeitung wirkte und 1952 in einem Prozeß gegen angebliche Staatsfeinde wegen Hochverrats angeklagt, zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

Alexander Abusch, der die längste Zeit am Steuer der Redaktion stand, gelangte im Staatsapparat der DDR bis auf den Platz eines stellvertretenden Ministerpräsidenten. Er schrieb auch das Vorwort für die 1975 im Aufbau Verlag herausgegebene Bibliographie der Zeitschrift. Es ist dem Verlag Olga Benario und Herbert Baum in Frankfurt am Main zu danken, daß die mehr als 2000 Druckseiten umfassenden Hefte der Zeitschrift in einer vierbändigen Reprint-Ausgabe heute in Bibliotheken greifbar sind.

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