20. März 2014

Anders organisieren

Für Lucien van der Walt und Michael Schmidt ist der Anarchismus ein Teil der internationalen Arbeiterbewegung

Patrick Spät

Wenn Chaos herrscht, kommt einem das Wort »Anarchie« schnell über die Lippen. Dabei meint der Begriff, so die berühmte Losung von Pierre-Joseph Proudhon, »Ordnung ohne Herrschaft«. Im Kern verfolgen Anarchisten genau dasselbe Ziel wie Sozialisten, nämlich eine freie Gesellschaft, in der die Produktionsmittel vergesellschaftet sind und alle nach ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten leben. Allerdings unterscheidet der Weg zu diesem Ziel diese Bewegungen:

Anarchistinnen lehnen eine staatliche Zwischenstufe über die »Diktatur des Proletariats« ab, weil sie Repressionen und Machtmißbrauch wittern. Sie setzen statt dessen auf eine dezentrale, kollektive und auf Konsens beruhende Organisation. Diese unterschiedlichen Wege kristallisierten sich ab 1864 mit der Gründung der Ersten Internationale heraus – und genau hier beginnt für den Soziologieprofessor Lucien van der Walt und den investigativen Journalisten Michael Schmidt, die beide in der südafrikanischen Arbeiterbewegung aktiv sind, die Geschichte des Anarchismus. Die Autoren beschreiben ihn als einen Teil der internationalen Arbeiterbewegung.

Der Schwerpunkt ihres Buchs liegt auf der Organisation und vor allem globalen Entwicklung des klassenkämpferischen, gewerkschaftlichen Anarchosyndikalismus, wobei nicht nur Westeuropa und Nordamerika thematisiert werden, sondern auch Lateinamerika, Afrika und Asien. Diese Bewegungen mündeten in ein gemeinsamen globalen Bewegung, einer »broad anarchist tradition«. Neben prominenten Gestalten, etwa Michail Bakunin (1814–1876) und Pjotr Kropotkin (1842–1921), macht der Band die Leser mit hierzulande eher unbekannten Aktivisten bekannt. Dazu gehören Shin Chae-ho (1880–1936), der für die Unabhängigkeit Koreas von Japan kämpfte, der japanische Aktivist und Theoretiker Osugi Sakae (1885–1923), die brasilianische Frauenrechtlerin Maria Lacerda de Moura (1887–1945) und die argentinische Feministin Juana Rouco Buela (1889–1969).

Die Autoren scheuen sich nicht, die Probleme des Anarchosyndikalismus zu benennen, etwa die zähe Konsensfindung oder die zuweilen mangelhafte Effektivität aufgrund der dezentralen Organisation. Manche Kritiker der erfolgreichen englischen Originalausgabe bemängelten, daß die Autoren den Anarchismus in ein »syndikalistisches Korsett« zwängten. Doch will ein Anarchist tatsächlich die soziale Wirklichkeit ändern, reicht es nicht aus, sich einen schwarzen Stern an den Rucksack zu heften und ansonsten sein privates Süppchen zu kochen. Auch der Anarchismus braucht Organisation. Georg Büchner wußte: »Die Statue der Freiheit ist noch nicht gegossen, der Ofen glüht, wir alle können uns noch die Finger dabei verbrennen.« Das überaus verständlich geschriebene und bestens recherchierte Buch ist ohne Übertreibung ein neues Standardwerk zum Anarchosyndikalismus.

Lucien van der Walt und Michael Schmidt: Schwarze Flamme. Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus und Syndikalismus. Edition Nautilus, Hamburg 2013, 560 Seiten, 39,90 Euro

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