1. Februar 2013

Angekündigter Raubkrieg

… einen Revanche- und Eroberungskrieg führen zu können. Das setzte schnelle Aufrüstung und »Wiederwehrhaftmachung« voraus (Panzerparade am »Tag der Wehrmacht« auf dem Reichsparteitag in Nürnberg - Fotoquelle: jW-Archiv

Bereits Anfang 1933 stand das Vorhaben einer gewaltsamen Expansion nach »Osten« fest: Vor 80 Jahren sprach Hitler vor der Reichswehrführung

Martin Seckendorf

Für den 3. Februar 1933 hatte der Reichswehrminister eine Beratung der leitenden Militärs in Berlin angesetzt. Solche Gruppen- und Befehlshaberbesprechungen fanden routinemäßig vierteljährlich statt. Der Minister oder der Chef der Heeresleitung informierten über ihre Sicht auf die Innen-, Militär- und Außenpolitik der Weimarer Republik. An diesem Tag aber gab es wichtige Neuigkeiten zu besprechen.

Am 30. Januar war Adolf Hitler Reichskanzler geworden. Stunden vor der Vereidigung des neuen Kabinetts war der Befehlshaber im Wehrkreis I (Königsberg), Werner von Blomberg, ohne Vorschlag des Reichskanzlers und damit entgegen den Vorschriften der Reichsverfassung von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichswehrminister ernannt worden.

Durch seine Bereitschaft, in eine Regierung Hitler als Reichswehrminister einzutreten, habe er, so Blomberg auf der Befehlshaberbesprechung am 3. Februar, die Zustimmung des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zur Ernennung des Naziführers zum Reichskanzler entscheidend beeinflußt: »Bei Bildung des Kabinetts« habe die »Frage des R (eichs) W (ehr) M (inisters) (die) Hauptrolle gespielt«. Das Problem sei »entschieden gewesen«, als er sich »als akt (iver) General zur Mitarbeit unter Hitler bereit fand«. (Generalleutnant Curt Liebmann fertigte eine Aufzeichnung der Besprechung an. Ihr entstammen die angeführten Zitate.)

Blomberg holte am 1. Februar seinen Stabschef, Walter von Reichenau, nach Berlin. Dieser gehörte wie Blomberg zu den frühen Anhängern der Nazis in der Reichswehr. Beide trieben ab 1933 die Nazifizierung der Reichswehr voran. Nach Beginn der Aggression gegen die Sowjetunion 1941 tat sich Reichenau mit Terrorbefehlen gegen die sowjetische Zivilbevölkerung hervor. So dekretierte er als Oberbefehlshaber der 6. Armee am 10. Oktober 1941: »Der Soldat ist im Ostraum … Träger einer unerbittlichen völkischen Idee. Deshalb muß der Soldat für die Notwendigkeit der harten, aber gerechten Sühne am jüdischen Untermenschentum volles Verständnis haben. Sie hat den weiteren Zweck, Erhebungen im Rücken der Wehrmacht, die erfahrungsgemäß stets von Juden angezettelt wurden, im Keime zu ersticken.«

Seit 1931 kannten Blomberg und Reichenau Hitler persönlich. Die Verbindung der beiden Militärs zu den Nazispitzen vermittelte und hielt der Wehrkreispfarrer in Königsberg, Ludwig Müller. Dieser war seit 1931 Mitglied der NSDAP und wurde im April 1933 Hitlers Beauftragter für Kirchenfragen.

»Wehrhaftmachung des Volkes«

In der Befehlshaberbesprechung vom 3. Februar 1933 würdigte Blomberg zunächst die Verdienste seines Vorgängers Kurt von Schleicher als Reichswehrminister. Dieser hatte am 28. Januar dem Reichspräsidenten empfohlen, Hitler als Reichskanzler zu berufen. Blomberg hob hervor, daß Schleicher vor allem außenpolitisch erfolgreich den »Hauptstoß gegen die Fesseln von Versailles« geführt habe. Unter der Formel von der »Gleichberechtigung« seien die anderen Mächte dazu bewogen worden, einer beschränkten Wiederaufrüstung Deutschlands zuzustimmen. Der die deutsche Aufrüstung behindernde Versailler Vertrag sei in einem entscheidenden Punkt revidiert worden. Daraus ergäben sich große Möglichkeiten für die »Wiederwehrhaftmachung«, ohne eine Intervention anderer Mächte befürchten zu müssen. Man könne jetzt »qualitativ« aufrüsten. Darunter verstand Blomberg die Entwicklung neuer, bisher verbotener Waffen und den »Ausbau der Wehrmacht zu einem brauchbaren Instrument« für den Kriegsfall. Außerdem sei die Erhöhung der Heeresstärke z.B. durch die Einführung einer ebenfalls im Friedensvertrag untersagten allgemeinen Wehrpflicht möglich.

Danach ging Blomberg auf die »jetzige Lage« ein. Die Bildung der Regierung Hitler sei das Ergebnis einer »nat (ionalen) Welle« gewesen. Er war sich mit den meisten Befehlshabern einig, wenn er sagte, das neue »Kabinett ist Ausdruck breiten nationalen Wollens. (nd) Verwirklichung dessen, was viele der Besten seit Jahren angestrebt« hätten. Blomberg hob hervor, daß das Kabinett Hitler durch Ansetzung von Reichstagswahlen am 5. März der Verfassung Genüge getan und legal zustande gekommen sei. Allerdings sollte nur »noch einmal« der »verfassungsmäßige Weg d (er) Neuwahlen beschritten werden.« Dahinter stand die Erwartung, unter Einsatz »aller Mittel« eine verfassungsändernde Zweidrittelmehrheit für das »nationale Lager« im Reichstag zu erreichen. Dann könne mit der Verabschiedung eines Ermächtigungsgesetzes, das den Reichstag ausschalte, der »Umbau des Staates« durch die »legale« Vernichtung des bei den Militärs verhaßten »Weimarer Systems« sowie die Beseitigung aller Errungenschaften der Novemberrevolution erfolgen.

Die Aussage Blombergs korrespondiert mit den Ansichten, die die NSDAP-Führung öffentlich vertrat. In einem Propaganda-Rundschreiben der Berliner NSDAP vom August 1930 zur Vorbereitung der Reichstagswahl vom 14. September des Jahres heißt es: »Denn es ist unser Wille, daß der neu zu wählende Reichstag der letzte sein soll! Wir wollen – legal – Schluß machen mit dem (Weimarer)System, denn auf den September-Reichstag darf nur noch eines folgen: ›das Dritte Reich‹«.

Schließlich sprach Blomberg zwei Probleme an, die die Generalität nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler besonders beschäftigten. Zum einen mußte das Verhältnis der paramilitärischen Terrortruppe der Nazis, der SA (Sturmabteilung), zur Reichswehr geklärt werden. Führende SA-Kader verfolgten den Plan, die inzwischen fast 400000 Mann zählende SA mit der Reichswehr zu verschmelzen und in der neuen Wehrmacht das Kommando zu übernehmen. Solchen Plänen erteilte Blomberg eine eindeutige Abfuhr: Das »Herabsinken (der Reichswehr – M.S.) zur Parteitruppe hebt die Grundlagen auf, auf denen wir stehen!«

Bei dem zweiten Problem ging es, wie Blomberg formulierte, um die »Wehrhaftmachung d (es) breiten Volkes« zur »Untermauerung der Wehrmacht«. Die Generale hatten seit langem versucht, durch Militarisierung der Gesellschaft und vormilitärische Ausbildung in militaristischen Verbänden und Sportvereinen die »nationale Gesinnung des Volkes« zu heben und die restriktiven Vorschriften des Versailler Vertrages hinsichtlich der Truppen- und Ersatzstärke zu umgehen. Auf diesem Weg versuchte man, ausgebildete Reservisten in großer Zahl zu erhalten. Außerdem wollte man über die »Wehrausbildung« den Geist des Nationalismus und Revanchismus in der Bevölkerung verbreiten. In der Weimarer Republik stießen diese Pläne auf den Widerstand linker und pazifistischer Kräfte. Die Naziregierung werde das jetzt grundlegend ändern, denn, so Blomberg, »Hitlers … Denken. (nd) Wollen mündet in (den) Wunsch auf Wehrhaftmachung des Volkes.«

Im Streben nach Hochrüstung und Militarisierung, aber auch nach Unterdrückung der »pazifistischen« Gegenkräfte bestand eine entscheidende Übereinstimmung von Wehrmacht und der neuen Regierung. Die Interessenidentität erwies sich in der Folge als wichtiges Stabilisierungsinstrument des faschistischen Herrschaftssystems.

Abschließend wies der neue Reichswehrminister darauf hin, »d (ie) jetzige Regierung, namentlich auch der hervorragende Finanzminister (Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk – M.S.), werde loyalster Wegbereiter für den Aufbau der Wehrmacht sein.«

Hitler als »Überraschungsgast«

Für den Abend des 3. Februar hatte die Reichswehrführung die Generalität zu einem Essen in die Dienstwohnung des Chefs der Heeresleitung, Kurt von Hammerstein-Equord, in der Berliner Bendlerstraße, heute Stauffenbergstraße, geladen. Kurz vor Eröffnung der Tafel erschien – auf Einladung Hammersteins – als »Überraschungsgast« der neue Reichskanzler. Es war das erste Zusammentreffen Hitlers mit der kompletten militärischen Spitze.

Neben den Militärs nahmen Reichsaußenminster Konstantin von Neurath und der Staatssekretär in der Reichskanzlei, Hans Heinrich Lammers, an dem Abendessen teil. Hitler hielt vor den etwa 30 anwesenden Personen eine mehr als zwei Stunden dauernde Rede. Über die Ansprache sind drei zeitnah und unabhängig voneinander entstandene Texte überliefert.

Eine stichpunktartige Aufzeichnung machte der Befehlshaber im Wehrkreis V (Stuttgart), Kurt von Liebmann. Auch Horst von Mellenthin, Adjutant Hammersteins, fertigte eine kurze Niederschrift an.

Ende der 90er Jahre gelang ein sensationeller Dokumentenfund. In den Akten der KPD/Kommunistischen Internationale fand sich eine längere »Protokollnachschrift« der Rede. Sie trug den Titel »Betr.: Programm des Faschismus«, ist am 6. Februar 1933 angefertigt worden und hat schon am 11. Februar der Kommunistischen Internationale (KI) und damit vermutlich auch der sowjetischen Führung vorgelegen. Die Beschaffung des Protokolls war einer der spektakulärsten operativen Erfolge der KPD/KI-Aufklärung um Leo Roth und Hans Kippenberger. Beide wurden 1937 in der Sowjetunion hingerichtet. Der sowjetischen Aufklärung ist seitdem nicht wieder ein ähnlich bedeutender Erfolg gelungen. So fehlten ihr solche »harten«, direkt aus Militärkreisen stammenden Informationen über die Vorbereitungen des deutschen Faschismus für den Überfall auf die Sowjetunion.

Die drei Dokumente stimmen in den Kernaussagen überein und ermöglichen eine ziemlich genaue Rekonstruktion der Rede. Aus ihnen stammen die folgenden Zitate.

Hitler nannte als wichtigstes Ziel seiner Regierung, die »Wiedergewinnung der pol. (itischen) Macht«. Darunter verstand er die Errichtung einer terroristischen Diktatur ohne Beschränkungen durch Opposition und Parlament. Außen- und militärpolitisch ging es um Handlungsfreiheit ohne Bindung durch Verträge, multinationale Organe wie Völkerbund oder durch kollektive Sicherheitssysteme. Zur Rüstungspolitik sagte Hitler: »Wir müssen im Geheimen wirtschaftlich und militärisch alle Vorbereitungen hundertprozentig treffen und erst, wenn wir dies erreicht haben, hervortreten. Dann haben wir die Freiheit des Entschlusses.« Zunächst seien aber grundlegende Veränderungen in der Innenpolitik erforderlich.

Faschistische Diktatur

Der Naziführer verlangte: »1. Im Innern. Völlige Umkehrung der gegenwärt (igen) innenpol (itischen) Zustände in D (eutschland).« Als vorrangige Maßnahme plane die Naziregierung: »Beseitigung des Krebsschadens der Demokratie!« Es gelte, so Hitler, einen »neuen Staat aufzubauen« und eine staatliche »Hierarchie mit unbedingter Befehlsgewalt« einzurichten. Die »straffste autoritäre Staatsführung« sollte entstehen. Es gebe »keine Duldung der Betätigung irgendeiner Gesinnung, die dem Ziel entgegensteht … Wer sich nicht bekehren läßt, muß gebeugt werden.« Entscheidend sei die »Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel«. Dann könne das deutsche Volk auch von der Notwendigkeit überzeugt werden, »daß nur d. (er) Kampf uns retten kann u. (nd) diesem Gedanken gegenüber alles zurückzutreten hat.« Deshalb sei die militärische »Ertüchtigung der Jugend u. (nd) Stärkung des Wehrwillens mit allen Mitteln« wesentliches Ziel der neuen Regierung. Dazu gehöre auch die Bekämpfung des Pazifismus. Man werde rigoros gegen jene Kräfte vorgehen, die gegen die Militarisierung sind und die noch immer illegale Aufrüstung öffentlich machen, denn das sei Landesverrat. Hitler forderte: »Todesstrafe für Landes- u. (nd) Volksverrat.«

Als »wichtigste Voraussetzung für die Erreichung des Ziels« bezeichnete er den »Aufbau der Wehrmacht«. Deshalb müsse die »allg (emeine) Wehrpflicht…wieder kommen.« Doch zuvor habe »die Staatsführung dafür zu sorgen, daß die Wehrpflichtigen vor Eintritt (in die Armee – M.S.) nicht schon durch Pazif (ismus), Marxismus, Bolschewismus vergiftet werden oder nach (der) Dienstzeit diesem Gifte verfallen.«

Die Rede belegt, daß die Naziführung die Errichtung einer faschistischen Diktatur als Voraussetzung für die materielle und geistige »Wiederwehrhaftmachung« und für die Vorbereitung eines Revanche- und Eroberungskrieges ansah.

»Aktive Außenpolitik«

Zur zeitlichen Planung sagte er: »Ich stelle mir die Frist von 6–8 Jahren, um den Marxismus vollständig zu vernichten. Dann wird das Heer fähig sein, eine aktive Außenpolitik zu führen«. Die Naziführung ging davon aus, ab 1939 einen Krieg beginnen zu können.

Ziel des äußeren Machteinsatzes sei: »Eroberung neuen Lebensraumes im Osten u. (nd) dessen rücksichtslose Germanisierung.« An anderer Stelle heißt es: »Doch eine Germanisierung der Bevölkerung des annektierten bzw. eroberten Landes ist nicht möglich. Man kann nur Boden germanisieren.« Deshalb müßten »rücksichtslos einige Millionen Menschen« ausgewiesen werden. »Eine Ausweitung des Lebensraums des deutschen Volkes« war für Hitler auch die Voraussetzung dafür, daß die Arbeitslosigkeit beseitigt werden könne.

Zum Schluß ging Hitler auf das Verhältnis der Reichswehr zur SA ein, das schon Blomberg in der vorausgegangenen Befehlshaberbesprechung thematisiert hatte.

Das Fazit des Naziführers war eindeutig: Die Wehrmacht sei für äußere Aufgaben zuständig, »der Kampf im Innern… (sei) Sache…der Naziorganisationen«. Es ist »keine Verquickung (on) Heer u. (nd) SA beabsichtigt.«

Hitler fand bei der Generalität offene Ohren. In dem Moskauer Dokument wurde von den Kundschaftern, die die Abschrift der Rede besorgten, hinzugefügt, daß die Ansprache insbesondere im innenpolitischen Teil »nach der Meinung der Generale sehr logisch und theoretisch gut, überzeugend« gewesen sei.

Das am 3. Februar besiegelte Bündnis der Nazispitzen mit der Reichswehr war für die Errichtung und Festigung der faschistischen Diktatur von entscheidender Bedeutung. Mit der Zusammenkunft so kurz nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler erhielten die Pläne für die Aufrüstung und die Kriegsvorbereitung einen kräftigen Impuls.

Das vorgetragene Programm war den Generalen nicht neu. Die Naziführer hatten ihr Konzept für das »Neue Reich« bereits früher in ungezählten Reden und Publikationen vorgetragen.

Schon in Hitlers Buch »Mein Kampf« von 1925 waren die Grundaussagen der vor der Generalität gehaltenen Rede enthalten: Während des Ersten Weltkrieges sei der »im Felde unbesiegten Truppe« durch Streiks, Meuterei und Revolution ein Dolchstoß in den Rücken versetzt worden. Linke und Pazifisten hätten den Versailler Vertrag akzeptiert und die Weimarer Republik, die »größte Mißgeburt in der Geschichte«, gebildet, um das deutsche Volk im Auftrag des Judentums zu versklaven. Die Nazis würden diese Kräfte rigoros bekämpfen, die Demokratie abschaffen und eine auf rassischer Grundlage stehende Volksgemeinschaft der Deutschen aufbauen.

Dies und die dann mögliche geistige und materielle »Wiederwehrhaftmachung« seien die Voraussetzungen für den »Schnitt durch die Fesseln von Versailles« und um wieder »Weltmacht« zu werden. Dafür sei aber der »Lebensraum« des deutschen Volkes zu eng. Der »Raum« sei der »wachsenden Volkszahl« sowie den wirtschaftlichen und strategischen Bedürfnissen einer Weltmacht anzupassen. »Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden«, schrieb Hitler, »können wir nur in erster Linie an Rußland und die ihm untertanen Randstaaten denken.« Der »durch das Schwert« errungene neue »Lebensraum« müsse »germanisiert« werden. Doch man könne nur den Boden durch Ansiedlung von Deutschen und nicht die darauf wohnenden »fremdrassigen« Menschen germanisieren. Diese hatten zu »verschwinden«.

Gleiche Ziele

Mit solchen Auffassungen waren die Nazis keineswegs gesellschaftliche Außenseiter. Ihre Thesen waren der darwinistisch und rassistisch radikalisierte Querschnitt der politischen Anschauungen innerhalb der deutschen Eliten von rechtsaußen bis weit in die politische »Mitte«.

Insbesondere in der Reichswehr wurden solche Ansichten vertreten. Die Mehrzahl der Offiziere folgte der »Dolchstoßlegende« und war der Ansicht, daß Pazifisten, Marxisten und Bolschewisten 1917/18 die Massen in der »Heimat« revolutioniert hatten. Hauptträger der bolschewistischen Propaganda seien Juden gewesen. Der spätere Oberbefehlshaber des Heeres, Werner von Fritsch, bezeichnete 1920 den »inneren und äußeren Bolschewismus« als Hauptfeind jeder bürgerlichen Ordnung. In der Befehlshaberbesprechung am 27. Februar 1932 stellte der Chef der Heeresleitung Kurt von Hammerstein zur politischen Einstellung der Generalität fest: »Wir alle stehen der Ges[innung] n (ach) rechts«. Kurt von Schleicher, seinerzeit Chef des Ministeramtes im Reichswehrministerium, meinte auf der Befehlshaberbesprechung am 25. Oktober 1930, »den Nationalen Teil des Programms« der Nazis könne »wohl jeder unterschreiben«. Bedeutsam sei »die durch die Nat. Soz. Bewegung in Gang gebrachte Entrüstungswelle gegen Bolschewismus, Landesverrat, Schmutz usw. Hierin wirkt die Nat. Soz. Agitation ohne Zweifel außerordentlich aufrüttelnd und es ist durchaus möglich, daß diese Welle von der Regierung benutzt werden kann, um viele Gesetze jetzt vorwärtszubringen, die bisher steckengeblieben sind. (Gegen Landesverrat, Staatsverleumdung, Verschandelung der Theater und Filme, Verderbung der Jugend u. der Schulen.).«

Vorbehalte hatte das Offizierskorps nur gegen das sozialdemagogische Gehabe einiger Naziführer und dessen unkontrollierbare Wirkungen auf die Anhänger der Nazipartei. Auf der Befehlshaberbesprechung im Januar 1932 berichtete der damalige Reichswehrminister Wilhelm Groener über ein Gespräch mit Hitler. Der Minister hatte »besten Eindruck von Persönlichkeit (Hitlers – M.S.)« und fügte hinzu, dieser sei »bescheiden« und »entschlossen, revol (utionäre) Ideen auszumerzen«. Die »Absichten und Ziele H (itler)’s sind gut«. Groener habe »ihm gesagt, daß [er] vielen Gedanken (Hitlers – M.S.) zustimmt!« Es sei aber wichtig, daß die Nazibewegung »in richtige Kanäle kommt.«

Die Reichswehrführung war wie große Teile der bürgerlichen Politiker nicht bereit, die Kriegsniederlage und ihre Folgen anzuerkennen und arbeitete sehr früh auf einen Krieg hin, der die Eroberung eines riesigen Ostimperiums als Voraussetzung für die Herrschaft in Europa und in der Welt erbringen sollte. Dazu seien die Vernichtung der Bolschewisten und Marxisten, der Pazifisten und »Kulturbolschewisten« sowie die geistige und materielle »Wiederwehrhaftmachung« notwendig. Ihre Auffassungen deckten sich in hohem Maße mit denen der Naziführung. Das Offizierskorps, schrieb 1979 der Militärhistoriker Jürgen Förster, war für große Teile des Naziprogramms disponiert.

Die Ausführungen Hitlers am 3. Februar 1933 waren für die Generalität aus drei Gründen wichtig: Zum einen versprach Hitler die Errichtung eines Regimes, das weitgehend den politischen Auffassungen der Reichswehrführung entsprach. Zum anderen machte der Naziführer deutlich, daß im faschistischen Reich die »Wehrmacht … (die) wichtigste … Einrichtung des Staates« sei und es keine Verschmelzung mit der SA geben werde. Außerdem stellte sich Hitler hinter die Aufrüstungspläne, die insgeheim seit 1928 aufgelegt worden waren. Sie liefen auf die Aufstellung einer hochgerüsteten, politisch indoktrinierten Millionenarmee hinaus. Wegen der Finanznot der Weimarer Kabinette und des politischen Gegenwindes der linken und pazifistischen Kräfte kamen diese Pläne aber bislang nicht so recht voran.

Im Kabinett machte der Naziführer deutlich, daß er zu seinen Zusagen stehen würde. In der Niederschrift über die Kabinettssitzung vom 8. Februar 1933 heißt es: »Der Reichskanzler unterstrich nochmals, daß für die nächsten 4–5 Jahre der oberste Grundsatz lauten müsse: Alles für die Wehrmacht.«

Die Generalität war zufrieden. Im Völkischen Beobachter vom 6. Februar 1933 schrieb von Reichenau: »Nie war die Wehrmacht identischer mit den Aufgaben des Staates als heute.«

Dr. Martin Seckendorf ist Historiker und Mitglied der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. Weitere Beiträge unseres Autors finden sich in der jW-Broschüre »›Barbarossa‹. Raubkrieg im Osten« (für 5,80 Euro im jW-Shop erhältlich)

Den Artikel finden Sie unter: www.jungewelt.de/2013/02-01/019.php