2. Oktober 2010

Angriff auf Abessinien

Mussolinis Überfall auf Äthiopien

Gerhard Feldbauer

Am 3. Oktober 1935 überfiel Mussolini-Italien ohne Kriegserklärung Abessinien, das heutige Äthiopien. Mit der Eroberung des afrikanischen Kaiserreiches wollte der »Duce« zunächst sein ostafrikanisches Kolonialreich vollenden, um dann »die Kolonialkarte Afrikas zu ändern und die Frage der Neuaufteilung der Welt praktisch zu stellen«.

Im Dezember 1934 hatte Italien auf äthiopischem Gebiet bei Ual Ual (Ogaden) einen schweren Grenzzwischenfall provoziert, um einen Vorwand für den späteren Überfall zu schaffen. Während sich Mussolini demagogisch für eine friedliche Lösung aussprach, befahl er bereits am 30. Dezember, den Krieg vorzubereiten, dessen Ziel »die vollständige Eroberung Äthiopiens sein« werde. Im Februar begann die Verschiffung der 400000 Mann starken Kolonialarmee nach Eritrea und Somalia.

Massenmord durch Giftgas

Äthiopien war ein für afrikanische Verhältnisse entwickelter Staat, der über eine Armee von 550000 Mann verfügte, welche die italienische Offensive trotz der großen Überlegenheit an Flugzeugen, schwerer Artillerie und Panzern sowie massiver Luftangriffe auf Städte und Dörfer zunächst zum Stehen brachte. Die Äthiopier gingen sogar zu Gegenangriffen über. Der »Duce« ließ daraufhin über den äthiopischen Stellungen 350 Tonnen Yperit abwerfen. Die etwa 275000 Toten auf äthiopischer Seite fielen vor allem dem Giftgas zum Opfer. Der Kolonialarmee gelang danach der Durchbruch. Am 5. Mai 1936 zog sie in Addis Abeba ein. Zwei Tage vorher war Kaiser Haile Selassiè nach London abgeflogen.

Deutschland erklärte sich formell neutral und interpretierte die italienische Aggression als einen »Rassenkonflikt« und »gerechten Kampf«. Hitler versuchte jedoch zunächst, Mussolini die 1934 bei seinem Versuch, in Österreich einzumarschieren, für Wien bezogene Position heimzuzahlen. Im Auftrag des Heereswaffenamtes gingen über anonyme Kanäle nach Addis Abeba Mausergewehre und Maschinengewehre mit Patronen, Handgranaten Panzerabwehrkanonen mit Munition und Medikamente. Über die Schweiz wurden Örlikon-Kanonen geliefert. Offiziell wurde Italien versichert, daß »die Reichsregierung weder Waffenlieferungen an den Negus noch die Anwerbung deutscher Freiwilliger für Abessinien zulassen würde«.

Nach dem anfänglichen Scheitern der italienischen Offensive kam es jedoch zu einem Meinungsumschwung in Berlin. Er war auch eine Reaktion auf das Einlenken Mussolinis vom 6. Januar 1936, die Differenzen über die Österreichfrage beizulegen.

Kommunisten und Sozialisten hatten 1934 ein Aktionseinheitsabkommen gegen den Faschismus geschlossen. Nach dem Überfall auf Äthiopien beriefen die beiden Arbeiterparteien einen »Kongreß der Italiener im Ausland« nach Brüssel ein, der am 13. Oktober die sofortige Einstellung der Aggression forderte. Der Kongreß vertrat die Mehrheit der etwa 850000 in Frankreich im Exil lebenden Italiener. Auf dem VII. Weltkongreß der Komintern 1935 in Moskau setzte Palmiro Togliatti der rassistischen Losung von der »zivilisatorischen Mission« die der »Vereinigung der Proletarier und unterdrückten Völker« entgegen. Er führte aus: »Wenn der Negus von Abessinien durch die Vereitelung der Eroberungspläne des Faschismus dem italienischen Proletariat helfen wird, dem Regime der Schwarzhemden einen Schlag aufs Haupt zu versetzen, (wird) niemand ihm seine ›Rückständigkeit‹ zum Vorwurf machen. (...) Das abessinische Volk ist der Verbündete des italienischen Proletariats gegen den Faschismus und wir versichern (…) das abessinische Volk unserer Sympathien.« Das blieben keine Lippenbekenntnisse. 38 italienischen Kommunisten gelang es, nach Äthiopien durchzukommen, wo sie in der Armee Selassiès gegen die Truppen Mussolinis kämpften. Unter ihnen befand sich der spätere Kommandeur der internationalen Garibaldi-Brigade in Spanien, Ilio Barontini, der nach dem Sturz Mussolinis 1943 zu den Organisatoren des bewaffneten Widerstandes gegen Hitlerdeutschland gehörte.

Nach der Eroberung schloß Rom Äthiopien mit Eritrea und Somaliland zur Kolonie Italienisch-Ostafrika zusammen. Vittorio Emanuele III. setzte sich die äthiopische Kaiserkrone auf, und der römische Klerus feierte Mussolini als »einen wunderbaren Duce, der das Kreuz Christi in alle Welt trägt«. Pius XI. zwang den Äthiopiern auf den Trümmern der koptischen Kirche eine ihnen fremde Religion auf.

Raub und Terror

Für das Kapital waren reiche Rohstoffquellen erobert worden: Eisen, Kupfer, Mangan, Schwefel, Nickel, Platin und Gold. Einige zehntausend arbeitslose Italiener fanden für einige Jahre Arbeit in der eroberten Kolonie. Während für unzählige Äthiopier ein Hungerdasein begann, transportierten Frachter das Getreide des Landes nach Italien. Es gelang jedoch nicht, Äthiopien völlig zu unterwerfen. Die Stämme unter Führung ihrer Ras (Fürsten), aber auch selbständige Partisanenabteilungen, die sich vor allem aus früheren Soldaten und Offizieren zusammensetzten, kontrollierten die schwer zugänglichen Bergregionen und Wüstengebiete. Um den Widerstand zu zerschlagen, führten Abteilungen der Schwarzhemden »Strafexpeditionen« durch. Ein Augenzeuge schilderte, wie in Addis Abeba Italiener in »echter SA-Manier«, bewaffnet »mit Knüppeln und Eisenstangen«, umherliefen und »die Einheimischen, die sich noch auf der Straße befanden, erschlugen«.

Nach einem erfolglosen Attentat gegen den Generalgouverneur der Kolonie, Marschall Rodolfo Graziani, befahl dieser am 19. Februar 1937 ein Massaker, dem allein in der Hauptstadt 30000 Menschen zum Opfer fielen. Er ordnete an, die äthiopische Intelligenz als einen Oppositionsherd zu liquidieren. Unzählige christlich-koptische Geistliche und alle Kadetten der Militärakademie von Addis Abeba wurden umgebracht. Nur auf den Verdacht hin, daß sie an dem Attentat beteiligt gewesen sein könnten, wurden nahezu 300 Ordensbrüder des Klosters Debra Libanos erschossen. Unzählige Äthiopier sperrte das Kolonialregime in Konzentrationslager, wo die meisten elendiglich zugrunde gingen. Insgesamt fielen 750000 Äthiopier dem Völkermord zum Opfer. Auf dem Weg zum Münchener Abkommen und weiter in den Abgrund des Zweiten Weltkrieges stellte der Krieg in Afrika einen Markstein dar. Hitler nahm die Haltung Frankreichs und Großbritanniens als Beweis, daß diese nicht gewillt waren, den Status quo zu verteidigen. Er sah sich bestärkt, im März 1936 in das entmilitarisierte Rheinland einzumarschieren und zwei Jahre darauf Österreich zu besetzen; London und Paris blieben auch bei der deutschen und italienischen Teilnahme an der Niederschlagung der Spanischen Republik passiv.

Zu den Quellen siehe das Buch des Autors: Mussolinis Überfall auf Äthiopien. Eine Aggression am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, Pahl Rugenstein, Bonn 2006

»Appeasement« half dem Aggressor

In einem Geheimvertrag mit Mussolini gab der französische Außenminister Pierre Laval am 7. Januar 1935 in Rom grünes Licht für die Annexion Äthiopiens. Nachdem der »Duce« gegenüber London erklärt hatte, daß dessen »Interessen in Ostafrika nicht beeinträchtigt« würden, tolerierte auch Großbritannien die italienische Kriegsvorbereitung. Dem »Appeasement«, das später im Münchener Abkommen seinen Höhepunkt erreichte, diente auch ein am 15. August von Paris und London unterbreiteter Vorschlag, gemeinsam mit Rom über Äthiopien ein Protektorat zu verhängen. Mussolini lehnte ab. Trotz der offensichtlichen italienischen Kriegsvorbereitung waren Laval und der britische Außenminister Samuel Hoare bei einer Zusammenkunft am 10. September nicht bereit, militärische Maßnahmen zur Sicherung der äthiopischen Unabhängigkeit zu vereinbaren.

Der von Paris und London beherrschte Völkerbund verurteilte zwar am 7. Oktober Italien als Aggressor, verhängte jedoch nur weitgehend wirkungslose Sanktionen und überließ Äthiopien seinem Schicksal. Vom Embargo war das für Luftwaffe und Panzer entscheidende Erdöl ausgenommen. Washington, das dem Völkerbund nicht angehörte, brach die Beziehungen zu Rom nicht ab. Seine Erdöllieferungen nach Italien verdreifachten sich bis Ende 1935 auf 1252000 Dollar. Für wirksame Sanktionen trat nur die UdSSR ein, die forderte, jegliche Zufuhr von Erdöl nach Italien und zu dem Kriegsschauplatz zu unterbinden, dazu auch die Durchfahrt durch den Suezkanal zu sperren.

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