2. November 2013

Antisemitischer Mob

Brutale Ausschreitungen: Jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden gezielt angegriffen, geplündert und verwüstet (Buchladen in der Grenadierstraße, 1923) - Fotoquelle: picture-alliance/akg-images

Am 5. und 6. November 1923 wütete ein Pogrom im Berliner Scheunenviertel

Reiner Zilkenat

Am 5. November 1923 versammelten sich, wie an beinahe jedem Tag, zahlreiche Erwerbslose vor dem Arbeitsamt in der Gormannstraße in Berlin-Mitte, um Unterstützungsgelder zu erhalten und ihre Stempelkarte vorzuweisen. An diesem Tag bot sich jedoch ein anderes als das gewohnte Bild: Den gesamten Vormittag über waren kleine Gruppen von Agitatoren, angeführt von gutgekleideten Herren mit bürgerlichem Habitus, vor dem Arbeitsamt erschienen, hatten sich unter die Wartenden gemischt und Flugblätter verteilt sowie kurze Ansprachen gehalten.

Bereits auf ihrem Weg zur Gormannstraße hatten sie für Aufmerksamkeit und Aufregung gesorgt. An mehreren Stellen, zum Beispiel am Bülowplatz (heute Rosa-Luxemburg-Platz), hatten sie jüdische oder für Juden gehaltene Passanten angepöbelt. Mehrfach wurden Autos gestoppt und vermeintlich jüdische Chauffeure beschimpft und mit Prügel bedroht.

Gegen elf Uhr waren indessen einige hundert »völkische« Agitatoren in der Gormannstraße eingetroffen, um die wartenden Erwerbslosen zu antijüdischen Gewaltaktionen aufzuhetzen. Um halb zwölf war schließlich ein Anlaß gefunden: Die Leitung des Arbeitsamtes teilte der wartenden Menge mit, daß kein Geld mehr zur Auszahlung der Unterstützungsbeiträge vorhanden sei.

Gewalttätiger Exzeß

Nun schlägt die Stunde der Agitatoren: In Ansprachen verbreiten sie die Lüge, daß an der Münz-, Ecke Grenadierstraße ein Jude von Erwerbslosen wertbeständiges Geld unter dem amtlichen Kurs gegen Papiergeld eingetauscht hätte. Ein inszenierter Skandal in Zeiten der Inflation. Es werden Rufe laut: »Schlagt die Juden tot!«, »Zieht die Juden aus!«, »Juden nieder!«.

Tausende ziehen in die Straßen des Scheunenviertels am Alexanderplatz, das von Tausenden aus Osteuropa eingewanderten Juden bewohnt wird. Es kommt zu Szenen, die, wie das Berliner Tageblatt schreibt, »manches Vorkommnis des zaristischen Rußlands in den Schatten stellten«. Auf offener Straße werden Juden überfallen, ausgezogen und beraubt. Nur noch mit der Leibwäsche bekleidet, werden sie johlend durch die Straßen gejagt. Geschäfte werden demoliert, in Wohnungen wird eingedrungen und randaliert, Autos werden angehalten und die Insassen verprügelt. Ein Überfallener, der splitternackt ausgezogen worden ist, flüchtet sich vor der ihn verfolgenden Menge in das Geschäft des ihm Schutz gewährenden Fleischermeisters Silverberg, an der Ecke Grenadier- und Hirtenstraße. Als der antisemitische Mob sich anschickt, den Laden zu stürmen, tritt ihnen Silverberg entgegen, das Schlachterbeil in der Hand. Es entwickelt sich ein blutiges Handgemenge, bei dem mehrere Eindringe verletzt werden. Auch Silverbergs Schwiegersohn wird durch mehrere Messerstiche so schwer verletzt, daß er ins Krankenhaus eingeliefert werden muß.

Besonderes Aufsehen erregt die Erschießung einer der antisemitischen Gewalttäter durch einen Angehörigen des »Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten« (RjF). Am Nachmittag des 5. November hatte sich ein Trupp des RjF im Scheunenviertel vergeblich darum bemüht, Juden vor Gewaltaktionen zu schützen. Am Bülowplatz, an der Einmündung der Linienstraße, werden sie von einer großen Menschenmenge umringt und bedroht.

Als ein vollbesetzter Mannschaftswagen der Schutzpolizei vorüberfährt, ruft der Anführer der RjF-Patrouille, Dr. Bernhard, die Polizisten um Hilfe. Das Auto fährt jedoch unter den Hurra-Rufen der antisemitischen Menge weiter, um kurz darauf eine Schlägerei mit den jüdischen Frontkämpfern zu beginnen. In seiner Not zieht einer der Veteranen eine Waffe und tötet einen der Angreifer. In diesem Augenblick erscheint ein Trupp Schutzpolizisten, bestehend aus insgesamt 18 Beamten, auf einem Mannschaftswagen.

Der Kommandeur dieser Einheit, ein Polizist namens Domei, verhaftet die jüdischen Frontkämpfer, schafft sie zum Polizeipräsidium am nahegelegenen Alexanderplatz und läßt sie dort auf dem Hof in Reih und Glied antreten. Während des Transports zur Polizeiinspektion wurden die Festgenommenen geschlagen und getreten. Dr. Bernhard erleidet dabei einen Bruch seines Mittelhandknochens.

Keine juristischen Folgen

Domei brüllt auf dem Hof der Inspektion: »Euch Judenjungen werden wir das zeigen!« Der herbeigeeilte Polizeihauptmann Dubbe droht: »Aufhängen müßte man die ganze Judenbande!« Selbstverständlich leugnen die beteiligten Polizeibeamten in später durchgeführten Gerichtsverfahren ihre Handlungen. Die entsprechenden Strafverfahren verlaufen im Sande. Die am 20. Juni 1925 von der zweiten Strafkammer des Landgerichts Berlin verhängten Geld- und Haftstrafen gegen mehrere der beteiligten Polizisten werden zudem durch die am 21. August des gleichen Jahres erlassene »Verordnung über die Gewährung von Straffreiheit in Preußen« gegenstandslos.

Aus allen verfügbaren Quellen geht hervor, daß die Polizei am 5. November 1923 sehr spät im Scheunenviertel erschien. Der preußische Innenminister, Carl Severing, war offenbar erst am Abend über Charakter und Umfang der Ausschreitungen durch einen Journalisten informiert worden. Die Polizei war sehr bemüht, in ihren internen Berichten den antijüdischen Charakter der Gewalttätigkeiten zu leugnen und gab indirekt den Opfern der Krawalle die Schuld an den Exzessen.

So heißt es im Bericht der Polizeiinspektion Alexanderplatz vom 7. November 1923: »Der Ursprung der Plünderung am 5.11. ist lediglich auf das Verhalten der Ostjuden in der Dragoner- und der Grenadierstraße zurückzuführen.« Bereits am 5. November formulierte die Inspektion in einem Vermerk, »daß mit Bestimmtheit behauptet werden kann, und dies dürfte auch die Folge zeigen, daß die heutigen Vorfälle mit Politik nichts zu tun haben«.

Indes dauerten die Plünderungen und Ausschreitungen im Scheunenviertel an. Am 6. November wird das Scheunenviertel allmählich von den antisemitischen Gewalttätern geräumt. Die Polizei hatte nun endlich die »Alarmstufe vier« ausgerufen, so daß sämtliche Polizisten zu ihrer Dienststelle eilen mußten und dort mit Karabinern und je acht Handgranaten ausgerüstet wurden. Außerdem erfolgte die Verlegung der Panzerautos der Berliner Polizei ins Scheunenviertel, wo jetzt zum ersten Mal auch der neu eingeführte Gummiknüppel eingesetzt wird.

Die Schutzpolizei kann erst im Verlaufe des 6. November die Kontrolle über das Viertel wiedererlangen und die antisemitischen Ausschreitungen beenden. Tausende jüdische Bewohner hatten inzwischen die Flucht ergriffen und waren in andere Stadtbezirke, zu Freunden oder Verwandten gezogen. Nichtjüdische Geschäftsinhaber versahen ihre Läden mit unübersehbaren Schildern und Aufschriften, auf denen sie sich als »christliche Kaufleute« auswiesen, um sich vor Plünderungen des antisemitischen Mobs zu schützen.

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