30. Juli 2013

Arbeiten, um zu hungern

Die viel zu geringe Rente wurde von der Inflation aufgefressen: Kriegsinvaliden bettelten in den Wohnvierteln der Wohlhabenden (Berlin 1923) - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 146-1972-062-01 / CC-BY-SA

Im Juli 1923 ist ein US-Dollar eine Million Mark wert. Die Wirtschaftseliten der Weimarer Zeit hatten eine Hyperinflation zur bisher ungekannten Ausbeutung der Arbeitskraft, der Mittelschichten und der Staatskasse befeuert

Reiner Zilkenat

Über der Stadt lag – trotz früher Stunde und klaren Himmels – ein trüber Dunst. Der Brodem eines verelendeten Volkes stieg nicht gen Himmel, er haftete träg an den Häusern, kroch durch alle Straßen, sickerte durch die Fenster, in jeden atmenden Mund. Der Dollar steht auf 414000 Mark. Am Ultimo, in einer Woche, gibt es Gehalt – wie wird der Dollar dann stehen? Werden wir uns zu essen kaufen können? Für vierzehn Tage? Für zehn Tage? Für drei Tage?« Mit diesen Worten schilderte Hans Fallada in seinem Roman »Wolf unter Wölfen« die Atmosphäre im Berlin des Sommers 1923. Und tatsächlich: Für immer größere Teile der Bevölkerung wurden Hunger und Not zu ständigen Begleitern ihres Lebens. Der Wert der Mark sank ins Bodenlose. Wer nicht über Devisen oder Wertsachen verfügte, die er gegen US-Dollar oder britische Pfund eintauschen konnte, hatte Probleme, Lebensmittel oder andere Güter des täglichen Bedarfs zu erwerben.

Auch die Spargroschen der Arbeiter und Angestellten, die Rücklagen der Kleingewerbetreibenden und der Freiberufler waren inzwischen fast völlig entwertet worden. Renten und Pensionen wurden erst mit großen Verzögerungen dem Währungsverfall angepaßt – und auch nur zu einem kleinsten Teil. Armut im Alter war zur Normalität für Hunderttausende geworden. Die einen flüchteten sich in die Apathie, die anderen verzweifelten und stürmten vor Hunger Lebensmittelgeschäfte und Marktstände. Etliche liefen den Faschisten und anderen reaktionären Organisationen nach. Sie versprachen eine »Lösung« der Probleme, indem sie die Juden als die Verursacher der wirtschaftlichen und finanziellen Misere bezeichneten. Ihre Macht müsse gebrochen werden.

»Bleigewicht der Milliarden«

Worin lagen die Ursachen der bis dahin beispiellosen Inflation? Ein wichtiger Grund für den rasanten Verfall der Mark bestand in der Art und Weise der Finanzierung des Ersten Weltkrieges. Im Juli 1914 war die politische und militärische Führung des deutschen Kaiserreiches der Auffassung, daß der bevorstehende Krieg nach wenigen Monaten siegreich abgeschlossen sein würde. »Weihnachten sind wir wieder daheim!« Diese Redewendung kursierte in der Presse und unter den Soldaten, die an die Fronten geschafft wurden. Wegen solcher realitätsfremder Annahmen existierten zunächst auch keine ausgereiften Pläne für eine Organisation der Volkswirtschaft unter länger anhaltenden Kriegsbedingungen. Doch es zeigte sich: Der deutsche Imperialismus hatte seine militärischen und ökonomischen Potentiale bei weitem überschätzt.

Als die Strategie des »Blitzkrieges« gegen Frankreich gescheitert war und aus dem »Bewegungskrieg« ein lang andauernder »Stellungskrieg« wurde, stellte sich die Frage von dessen Finanzierung mit aller Schärfe. Denn jeder Kriegsmonat erforderte 1914 Ausgaben für Waffen, Ausrüstungen, Munition und Sold in Höhe von 1,2 Milliarden Mark. 1917 waren es bereits drei Milliarden und 1918 sogar fünf Milliarden. Zwei Varianten standen zur Auswahl, um diese Unsummen zu beschaffen: Steuererhöhungen oder Kredite. Daß sich die Reichsregierung für letzteres Modell entschied, war kein Zufall. Steuererhöhungen – das hätte bedeutet, daß auch die Besitzer von großen Vermögen und Einkommen, Großindustrielle und Großagrarier, in beträchtlichem Maße zur Steuerzahlung herangezogen worden wären. Die Kriegsgewinne der Konzerne wären zu einem Teil abgeschöpft worden. Dies sollte jedoch unbedingt vermieden werden, denn der »Patriotismus« der Herrschenden endete beim eigenen Portemonnaie. Statt dessen wurde ihnen die Möglichkeit offeriert, dem Staat Geld zu leihen. Mit anderen Worten: Der Krieg sollte ihre Vermögen mehren. Zwar wurden zum ersten Mal 1916 »Kriegssteuern« eingeführt, um die aufkommende Empörung über die »Kriegsgewinnler« abzumildern. Ihr Ertrag war jedoch zu niedrig, um einen relevanten Beitrag zur Finanzierung der Militäreinsätze leisten zu können.

Die Einnahmen des Reiches durch die insgesamt neun gezeichneten Kriegsanleihen (September 1914 bis September 1918) blieben hinter den Erwartungen zurück. Erzielt wurden knapp 100 Milliarden Mark. Daß diese Summe zu geringfügig war, lag auch an der zeitlichen Differenz zwischen der Ankündigung einer neuen Anleihe und den Verkaufsterminen. In der Zwischenzeit war der finanzielle Bedarf des Reichs für die Kriegsfinanzierung so weit angestiegen, daß der Erlös der Anleihe deutlich hinter den mit ihrer Hilfe zu regulierenden Kosten zurückblieb. Die Differenz zwischen den Erlösen aus den Staatsanleihen und den anderen Einnahmen des Reichs einerseits sowie den tatsächlichen Kriegskosten andererseits wurde durch immer neue kurzfristige Kredite (vor allem sogenannte Schatzanweisungen) überbrückt, die von der Reichsbank gewährt wurden.

Die Tilgung und Verzinsung der Schulden plante man den Kriegsgegnern aufzubürden, vor allem Frankreich. Der Staatssekretär im Reichsschatzamt, Karl Helfferich, äußerte sich hierzu am 20. August 1915 im Reichstag: »Wenn Gott uns den Sieg verleiht und damit die Möglichkeit, den Frieden nach unseren Lebensnotwendigkeiten zu gestalten, dann dürfen wir auch die Kostenfrage nicht vergessen. Die künftige Lebenshaltung unseres Volkes muß von der ungeheuren Bürde befreit bleiben, die der Krieg anwachsen ließ. Das Bleigewicht der Milliarden haben die Anstifter dieses Krieges verdient. Sie mögen es durch die Jahrzehnte schleppen, nicht wir.«

»Gold gab ich für Eisen«

Neben der Zeichnung von Kriegsanleihen wurden alle Möglichkeiten ausgeschöpft, die »innere Finanzierung« der Militäraktionen zu organisieren. Dazu gehörte die Einziehung der Gold-, Silber- und Kupfermünzen, deren Metallgehalt für die Produktion kriegswichtiger Güter benötigt wurde. Darüber hinaus wurde nach dem Motto »Gold gab ich für Eisen« in der Bevölkerung für die Abgabe von Schmuckstücken und anderen metallenen Gegenständen geworben, da die Einfuhr von Edelmetallen und Erzen nur eingeschränkt möglich bzw. sehr kostspielig war. Um hier den notwendigen Nachdruck zu erzeugen, wurde Soldaten an der Front von ihren Offizieren angehalten, ihren Angehörigen den Verkauf aller edelmetallenen Gegenstände dringend zu empfehlen. Bald werde eine Ablieferungspflicht verordnet. Dann sei mit stichprobenartigen Durchsuchungen privater Haushalte zu rechnen. Die gewünschte Wirkung blieb nicht aus, der Nutzen all dieser Maßnahmen war jedoch begrenzt.

Die Verschuldung nahm nie gekannte Dimensionen an. Sie stieg von 4,3 (1913) auf schließlich 156,1 Milliarden Mark im Jahre 1918. Davon betrug allein die kurzfristige Verschuldung in Form der bereits erwähnten »Schatzanweisungen« etwa 63,7 Milliarden Reichsmark. Um zahlungsfähig zu sein, borgte sich die Reichsregierung immer wieder kurzfristig Geld bei der Reichsbank. Der wachsende Geldnotenumlauf und gestiegene Preise bei gleichzeitig sinkendem Güterangebot für den zivilen Bedarf führte zur Entwertung des Geldes und damit der Löhne, Gehälter, Renten und Pensionen. Die periodische Erhöhung dieser Einkommen durch den Staat und die Unternehmen hielt mit der inflationären Entwicklung nicht mehr Schritt. Zugleich begann der »Schwarzhandel« mit Fleisch aus illegalen Schlachtungen und anderen Nahrungsgütern sowie mit gehorteten Waren aus der Vorkriegszeit. Wer es sich leisten konnte, lebte so, als befände man sich im tiefsten Frieden.

Galoppierende Inflation

Nach dem Ende des Krieges, der ganz anders endete, als es Helfferich vor dem Reichstag vorhergesagt hatte, erdrückte die aufgehäufte Schuldenlast den Staatshaushalt. Allein im Jahr 1919 waren 57 Prozent des Etats für die Tilgung und Verzinsung der Kriegsschulden vorgesehen. Die im Gefolge des Versailler Vertrags nötig werdenden Zahlungen, deren genaues Ausmaß von den Alliierten noch festgelegt werden mußte, waren in dieser Summe noch nicht einbegriffen! Es stiegen auch die Ausgaben für die zahlreichen Kriegsinvaliden, obwohl sie mit geringen Renten abgespeist wurden. Die Folge: Die Parität der Mark zum US-Dollar betrug im Januar 1919 9:1 (1914: 4,2:1), im Mai 1919 bereits 14:1 und im Dezember desselben Jahres 50:1. 1920 und im ersten Halbjahr 1921 beruhigte sich die Situation ein wenig. Aber im November 1921 waren es 270 Mark, die ein US-Dollar kostete, im Juli 1922 dann 420 und im November 1922 bereits 7000 Mark!

Der Wert der Mark sank jetzt immer weiter. Einer aufgeblähten Menge Geldes stand eine anhaltende Verringerung der Warenmenge gegenüber. Die vielen Inhaber von Kriegsanleihen sowie die Kontensparer verfügten über festverzinsliche Wertpapiere und Bankguthaben, die faktisch wertlos geworden waren. Ähnlich tragisch war das Schicksal zahlreicher Kleinbürger und Landwirte, die an den Sieg der »deutschen Waffen« geglaubt und deshalb ihre Wertgegenstände gegen jetzt wertloses Bargeld oder Kriegsanleihen getauscht hatten. Häufig war es nur noch der goldene Ehering, der im Notfall gegen Nahrungsmittel getauscht werden konnte. Natürlich betraf die galoppierende Geldentwertung ebenso die in Lebensversicherungen angelegten Summen.

Da auch Banken, Versicherungen, Krankenkassen, Körperschaften des öffentlichen Rechts, kleine und mittelständische Betriebe zu den Zeichnern von Kriegsanleihen gehört hatten, wurden deren Eigenkapital und Rücklagen entwertet. Auch nicht wenig Waisen waren betroffen: Ihr ererbtes Vermögen hatten Notare häufig als Treuhänder in angeblich mündelsichere Kriegsanleihen investiert. Jetzt standen sie plötzlich mittellos da. Allerdings gab es angesichts dieser Entwicklungen auch »Inflations­gewinner«. Die rasante Entwertung des Geldes bot Großindustriellen und Spekulanten eine noch nie gekannte Chance zur hemmungslosen Bereicherung.

»Mark ist Mark«

Während die Angehörigen der Arbeiterklasse, die Rentner und Pensionäre, Kleingewerbetreibenden, Kleinbauern und Freiberufler ihre oft mühsam über viele Jahre ersparten Guthaben zum größten Teil verloren hatten, stellte sich die Situation bei den Eigentümern von Sachwerten, besonders für die »Schlotbarone«, anders dar.

Der Staat beeilte sich, sie für den Verlust ihrer Werke in Elsaß-Lothringen, an der Saar und in Oberschlesien zu entschädigen, die jetzt auf dem Territorium Frankreichs bzw. Polens lagen. Sage und schreibe 1,5 Milliarden Mark erhielten deutsche Reedereien für ihre Schiffe, die »durch Kriegsereignisse« verlorengegangen waren. Nutznießer war selbstverständlich auch die größte Reederei des Landes, die »Hamburg-Amerikanische Paketfahrt AG« (HAPAG). Ihr seit Dezember 1918 amtierender Generaldirektor Wilhelm Cuno war übrigens ab 22. November 1922 Reichskanzler. Zwar wurden durch die vom neuen Reichsfinanzminister Matthias Erzberger (Zentrumspartei) im Herbst 1919 durchgesetzte Finanzreform erstmals die Kapitaleigner in gewissem Umfang zur Steuerzahlung herangezogen. Die Sache hatte allerdings zwei Haken: Zum einen war die Steuerzahlung zum Zeitpunkt ihrer Fälligkeit durch die anhaltende Inflation bereits wieder entwertet worden. Zum anderen hatte man staatlicherseits auch eine Steuer für Löhne und Gehälter eingeführt. Sie wurde als »Quellensteuer« monatlich an die Finanzämter abgeführt. Den Löwenanteil daran hatten die abhängig Beschäftigten zu erbringen. Auf diese Weise aber konnte der Staat eine deutlich höhere Gesamtsteuereinnahme im Vergleich zu den Jahren 1920/21 verbuchen.

Des weiteren wirkten die durch die Infla­tion niedrigen Löhne und Gehälter wie Lohndumping und gestatteten es der deutschen Industrie, ihre Waren vergleichsweise günstig auf den Auslandsmärkten anzubieten. Zeitweilig entwickelte sich ein kleiner »Exportboom« für deutsche Produkte.

Doch diese scheinbare Besserung der Staatsfinanzen und die nicht mehr wachsende Geldentwertung hielten nicht lange an. Ab Mitte des Jahres 1921 setzte die Inflation mit neuer Intensität ein. Die kurzfristige Verschuldung des Reichs überschritt bald die 200-Milliarden-Marke.

Jetzt nahte die Stunde der großen Spekulanten. Ihr wichtigster Exponent war der Industrielle Hugo Stinnes. Bei ihm handelte es sich, nicht nur nach der Auffassung der britischen Zeitung The Manchester Guardian vom 12. März 1921, um den »mächtigsten Mann in Deutschland«. Stinnes hatte im Weltkrieg riesige Profite gescheffelt, sowohl durch die rücksichtslose wirtschaftliche Ausbeutung in den von den deutschen Truppen besetzten Gebieten in Frankreich und Belgien wie auch als Lieferant von Steinkohle und Rüstungs­gütern fast jeder Art. Wohl kein anderer Großindustrieller hatte Kriegsgewinne in einem Umfang realisieren können, wie dies bei Stinnes der Fall war.

Jetzt lautete seine Losung »Mark ist Mark«. Er lieh sich hohe Summen, kaufte damit andere Unternehmen auf, die insolvent zu werden drohten oder bereits zahlungsunfähig geworden waren, und schuf auf diese Weise einen der weltweit größten Konzerne. Das Rückgrat seines Imperiums bildete die Rhein-Elbe-Union GmbH, zu deren Besitz auch das größte Unternehmen für Steinkohleförderung in Deutschland gehörte, die Gelsenkirchener Bergwerks AG. Die Darlehen konnte er wegen der Entwertung quasi aus der Portokasse zurückzahlen. Andere Industrielle machten es Stinnes nach. So begünstigte die Inflation zugleich den Prozeß der Konzentra­tion des Kapitals. Die »rechte Hand« des Herrn Stinnes war Albert Vögler, der einige Jahre später Vorstandsvorsitzender der Vereinigten Stahlwerke AG werden sollte, des größten Schwerindustriekonzerns in Europa.

Im April 1923 löste Stinnes einen großen Skandal aus, als er an der Börse eine ungewöhnlich große Menge Devisen kaufte. Dadurch sackte der Kurs der deutschen Währung noch weiter in den Keller; die von ihm in großem Umfang gekauften Devisen wurden allerdings noch werthaltiger. Diese »überaus gefährlichen Machenschaften gegen die Mark«, so nannte der sozialdemokratische Vorwärts am 26. April 1923 Stinnes’ Finanzspekulationen, wurden nicht geahndet. Soviel zum »Patriotismus« deutscher Industrieller in einer Zeit, als große Teile der Bevölkerung im wahrsten Sinne des Wortes ums Überleben kämpften.

»… daß wir alles wiederkriegen«

Die Inflations- und Spekulationsgewinne wurden staatlich geduldet, ja, gefördert. Bis zum August 1923 paßte die Reichsbank die von ihr ausgegebenen Kredite wertmäßig nicht an die Inflationsrate an! Dies bedeutete nichts anderes, als daß die Unternehmenskäufe, also der Erwerb von beständigen Sachwerten durch die Stinnes und Co., mit Hilfe immer wertloser werdenden Geldes staatlich subventioniert wurden. Wie kaum etwas anderes verdeutlicht diese Politik der Regierung und der Reichsbank, in wessen Interesse sie handelten.

Stinnes, ein bekennender Chauvinist und Antisemit, war im übrigen davon überzeugt, daß die an Frankreich, Polen und Belgien im Ergebnis des Versailler Vertrags abgetretenen Gebiete eines Tages wieder »deutsch« werden würden. Hierfür sei erneut ein Krieg vorzubereiten. Einem seiner Direktoren vertraute er kurz vor seinem Tode im April 1924 an: »Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, daß uns aus unserer Lage nur ein Krieg herausführen kann. Ich bin gewiß, daß wir diesen Krieg gegen die Franzosen gewinnen werden und daß wir alles wiederkriegen, das Ruhrgebiet, Elsaß-Lothringen und noch mehr, wenn wir nur in dem Augenblick Könner an der Spitze haben, Kerle, frei von Gefühlen, mit starken Nerven und klarem Verstand.«

Natürlich gab es neben den großen Spekulanten à la Hugo Stinnes auch kleine »Schieber«, die mit Gold und Devisen, mit dem Tauschen von vergleichsweise kleinen Markbeträgen gegen ausländisches Geld sowie mit gehorteten und Luxuswaren aller Art dubiose Geschäfte machten. Während in Berlin Hunderttausende hungerten, Bettler und Kriegsinvaliden in ständig wachsender Zahl in den Wohnvierteln der Wohlhabenden, auf den Flaniermeilen und vor den großen Hotels und Restaurants in der Innenstadt um Pfennige oder ein Stück Brot baten, waren die Herrschaften Stammkunden in Delikatessenläden. Auch dieses Thema begegnet uns in Falladas Roman »Wolf unter Wölfen«: »Man ging in ein Delikatessengeschäft – und das Geld mochte noch so wertlos geworden sein, hier standen alle Fächer brechend voll: grüner Spargel aus Italien, Artischocken aus Frankreich, Mastgänschen aus Polen, Helgoländer Hummer, englische Jams – die ganze Welt gab sich hier ein Stelldichein. Selbst der Kaviar aus Rußland war wieder da – und die seltenen, knappen Devisen, die man nur aus Freundschaft und sinnlos teuer bekam – hier konnte man sie zentnerweise aufessen.«

1923 – Geld ohne Wert

Das Jahr 1923 brachte eine neue Entwicklungsstufe der Geldentwertung. Sie mutierte von einer Inflation »im gestreckten Galopp« zu einer bisher nie dagewesenen Hyperinflation. Die aus den Jahren des Ersten Weltkrieges datierenden Belastungen des Etats waren nach wie vor nicht aus der Welt geschafft worden. Immer noch klaffte zwischen der Staatsschuld und den Einnahmen aus Steuern, Zöllen und anderen Abgaben ein immer größer werdendes Loch. Aber inzwischen hatten die Alliierten die Höhe der Reparationen in schwindelerregender Höhe festgelegt. Die Reichsregierung unter Wilhelm Cuno verweigerte bzw. verzögerte die fälligen Leistungen. An der Jahreswende 1922/1923 war bei den Reparationen ein Rückstand in Höhe von zirka 20 Prozent eingetreten. Während die USA und Großbritannien noch keinen Anlaß sahen, der deutschen Regierung ihren Willen abzusprechen, die festgelegten Güter (u.a. Steinkohle, Holz, Telegraphenmasten) abzuliefern, ergriff die französische Regierung die Gelegenheit, den deutschen Konkurrenten ökonomisch zu schaden und sie politisch zu demütigen. Mit der Assistenz Belgiens marschierten französische Truppen ins Ruhrgebiet ein, um »produktive Pfänder« zu nehmen (siehe jW vom 12.1.2013). Die in den Gruben geförderte Steinkohle und die in den Fabriken hergestellten Waren wurden nach Frankreich bzw. Belgien verbracht und das Ruhrgebiet wirtschaftlich von Deutschland abgetrennt. Auch eine Zollgrenze wurde errichtet. Die Regierung Cuno proklamierte den »passiven Widerstand«. Deutsche Staatsbedienstete in den besetzten Gebieten hatten die Anweisung, keinerlei Befehlen der Besatzungstruppen Folge zu leisten. Überall in Deutschland kam es zu Produktionsausfällen, ja Fabrikschließungen, da Kohle, Eisen und Stahl aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet nicht zur Verfügung standen, genauso Devisen für die Einfuhr dieser Güter. Die Löhne der Arbeiter wurden immer geringer, die Kaufkraft sank dramatisch.

Das wichtigste Resultat dieser Entwicklungen bestand in einer Geldentwertung, für die die Bezeichnung »Hyperinflation« noch eine Untertreibung ist. Tag und Nacht liefen die Notenpressen der Reichsbank und auch privater Druckereien. Da das dort produzierte Geld für den Zahlungsverkehr immer noch nicht ausreichte, wurde in vielen Gemeinden, Städten und Betrieben eigenes »Notgeld« gedruckt. An der Monatswende Juli/August 1923 erreichte zum ersten Mal die Parität des US-Dollars zur Mark 1:1000000! Arbeiter und Angestellte erhielten jetzt mindestens einmal täglich ihren Lohn, der in Taschen und Schubkarren transportiert und sofort in Waren umgesetzt wurde. Die Inflation entwertete jetzt beinahe stündlich den verdienten Lohn. Millionen Menschen kämpften ums Überleben.

Doch die entscheidende Frage blieb im Katastrophensommer 1923 unbeantwortet: Gibt es aus Not und Hunger, aus Perspektivlosigkeit und Zukunftsängsten einen Ausweg? Im Sommer 1923 standen die Zeichen auf Sturm.

Reiner Zilkenat schrieb auf diesen Seiten zuletzt am 25.4.2013 über das Großkapital und die Neuordnung des industriellen Verbandswesens im deutschen Faschismus.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/07-30/033.php