4. Juli 2013

»Archaisch gewalttätig«

Über 800000 Menschen wurden nach offiziellen jugoslawischen Angaben im Ustascha-Staat Kroatien ermordet. (Foto von einer Exekution in der Nähe des KZ Jasenovac, ohne Datum)

Terror gegen Serben, Juden und Roma im faschistischen »Unabhängigen Staat Kroatien« 1941 bis 1945. In einem neuen Buch wird eine Mitverantwortung der katholischen Kirche am Massenmord geleugnet und die Opferzahl heruntergespielt

Alexander Bahar

Mit der Niederlage Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg hatte die katholische Kirche ihr Bollwerk gegen die Orthodoxie auf dem Balkan verloren. Durch den Zusammenschluß Serbiens und Montenegros mit Kroatien, Slowenien und Bosnien entstand das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. In dem Vielvölkerstaat bildete die orthodoxe Kirche die größte Religionsgemeinschaft, gefolgt von der katholischen; daneben gab es eine jüdische sowie eine starke muslimische Minderheit. Trotz häufiger Spannungen, insbesondere zwischen den orthodoxen Serben und den katholischen Kroaten, herrschten in religiöser Hinsicht Freiheit und Gleichberechtigung – was verschiedenen nationalistisch und klerikal gesinnten Kroaten indes nicht genügte. Diese fanden es unerträglich, in einem Land leben zu müssen, das nicht rein katholisch war.

Einer ihrer führenden Vertreter war neben dem Chef der konservativen Kroatischen Bauernpartei, Dr. Vladko Macek, der ehemalige Zagreber Rechtsanwalt Dr. Ante Pavelic. Am 7. Januar 1929, einen Tag nach der Proklamation des Königreichs Jugoslawien, gründete letzterer zusammen mit dem ehemaligen österreichischen Oberst Slavko Kvaternik und anderen offiziell die schon seit Oktober 1928 bestehende ­Ustascha – Kroatische Revolutionäre Organisation (UHRO).1 Wie andere separatistische nationale Bewegungen erhielt auch sie starken Zustrom von katholischen Priestern, die sehr früh zu einer ihrer tragenden Säulen wurden und führende Kader stellten. Erklärtes Ziel der Ustašen war es, den jugoslawischen Staat zu zerschlagen, um ein »Unabhängiges Kroatien« zu gründen, das »Reich Gottes«, in dem nur Katholiken eine Existenzberechtigung haben sollten.

Zur Erreichung dieses Ziels bediente sich die UHRO vorrangig terroristischer Mittel (Bombenanschläge auf Personenzüge etc.). Ihr prominentestes Opfer war König Alexander, der am 9. Oktober 1934 zusammen mit dem französischen Außenminister Louis Barthou bei einem Besuch in Marseille ermordet wurde. Für das Attentat wurde Pavelic in absentia sowohl von einem französischen als auch von einem jugoslawischen Gericht zum Tode verurteilt. Zusammen mit einer Schar von rund 200 Getreuen fand der Ustascha-Führer im Italien Mussolinis jedoch Asyl und finanzielle Unterstützung, wodurch er seiner legitimen Strafe entging.

Einfluß der katholischen Kirche

Um die katholischen Kroaten im Lande ruhigzustellen, hatte König Alexander noch kurz vor seiner Ermordung mit dem Vatikan ein Konkordat geschlossen. Das wurde zwar 1937 vom jugoslawischen Abgeordnetenhaus angenommen, aber schließlich aufgrund massiver Proteste – insbesondere der orthodoxen Kirche – wieder fallengelassen, da es der katholischen Kirche Rechte eingeräumt hätte, die der orthodoxen Kirche nicht zustanden. So sollte der jugoslawische Staat die katholische Kirche nicht nur für Konfiszierungen entschädigen, die Österreich in den Jahren 1780 durchgeführt hatte, er sollte auch einen Ausgleich dafür zahlen, daß sie durch Agrarreformen Land verloren hatte. Darüber hinaus sollten nicht nur alle mit dem Konkordat unvereinbaren Normen des Königreichs außer Kraft treten. Artikel 37 legte überdies fest, daß alle darin nicht geregelten Punkte nach dem katholischen Kirchenrecht zu entscheiden seien. Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., drohte: »Es wird der Tag kommen, an dem nicht wenige bereuen werden, daß sie dieses großherzige und großmütige Angebot durch den Statthalter Christi an ihr Land ausgeschlagen haben.« – Das sollten keine leeren Worte bleiben.

Mit der Zerstörung Jugoslawiens durch die Deutsche Wehrmacht im Jahr 1941 wurde einer der letzten supraethnischen Staaten von der Landkarte Europas getilgt. Anders als das von Nazideutschland okkupierte Serbien erhielt Kroatien formell die Unabhängigkeit. De facto war es jedoch ein Kondominium Deutschlands und Italiens. Die drei Fünftel des Staatsgebiets umfassende deutsche Besatzungszone im Norden mit Zagreb und Sarajevo war durch eine Demarkationslinie von der italienischen im Süden getrennt. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen proklamierte am 10. April Oberst Kvaternik den »Unabhängigen Staat Kroatien« (USK), der Kroatien, Slawonien, Dalmatien und Bosnien-Herzegowina umfaßte: »Gottes Vorsehung und der Wille unseres großen Verbündeten (d.h. Deutschlands, A.B.) sowie der jahrhundertelange Kampf des kroatischen Volkes (…) haben es gefügt, daß heute, vor der Auferstehung des Gottessohnes, auch unser Unabhängiger Staat Kroatien aufersteht. (…) Gott mit den Kroaten!« Zwei Tage später, an einem Karsamstag, erteilte Alojzije Stepinac, der Zagreber Erzbischof und Metropolit Kroatiens, Kvaternik seinen Segen, wodurch laut der Ustascha-Presse »die enge Zusammenarbeit zwischen der Ustascha-Bewegung und dem höchsten Repräsentaten der römisch-katholischen Kirchengewalt im Staat Kroatien hergestellt« wurde. Am 28. April rief Stepinac die Katholiken Kroatiens in einem Hirtenbrief offiziell auf, sich in den Dienst des neuen Staates zu stellen. Zu dessen »Poglavnik« (Staatsführer) ernannte sich schon bald der aus Italien zurückgekehrte Ante Pavelic. Noch bevor ihn Hitler am 9. Juni 1941 bei einem Staatsbesuch auf dem Berghof empfing, hatte Papst Pius XII. dem Kroatenführer im Mai eine Privataudienz im Vatikan gewährt. Einen Rosenkranz, den ihm der Papst später schickte, soll Pavelic bis zu seinem Tod getragen haben.

In der jüngst erschienenen Monographie des 1976 geborenen Historikers Alexander Korb sucht man derartige Fakten vergebens. Die Kooperation des faschistischen Ustascha-Regimes mit dem kroatischen katholischen Klerus und der römischen Kurie ist dem Autor keine Zeile wert. Unerwähnt bleibt auch das enge Bündnis zwischen dem Ustascha-Staat und der Jugoslawischen Muslimischen Organisation (JMO). So war ein Muslim, Adem-Aga Mesic, Pavelics Stellvertreter (Doglavnik), ein weiterer Vizepremierminister. Muslime bekleideten hohe Ämter bei dieser faschistischen Organisation in Bosnien-Herzegowina, wo sie auch ihre eigene Ustascha-Miliz besaßen. Zu Verfolgten wurden Muslime hingegen, wenn sie sich auf die Seite der kommunistischen Partisanen schlugen, die Pavelics Terrorregime schon bald bekämpften.

Postmodernes Gefasel

Ausführlich dokumentiert Korb, wie die Ustascha unmittelbar nach Ausrufung des unabhängigen kroatischen Staats begann, ihre Gegner zu verfolgen und einen homogenen und repressiven Nationalstaat aufzubauen: angefangen bei der Diskriminierung und Rechtlosstellung von Serben, Juden und Roma nach dem Vorbild der Nürnberger Rassegesetze, der Schleifung orthodoxer Kirchen und der Zwangsbekehrung von Orthodoxen zum Katholizismus über die Ermordung orthodoxer Popen und anderer serbischer Führungspersönlichkeiten, Massenvertreibungen, Vergewaltigungen und Massaker an der Zivilbevölkerung durch reguläre wie irreguläre Milizen bis hin zu den Massenmorden in den Konzentrationslagern. Das größte und bekannteste war das Lager Jasenovac in Zentralkroatien, das »Auschwitz des Balkans«.

Mit den Massenvertreibungen untrennbar verbunden war die systematische Enteignung der Verfolgten. Den Beweis für seine Behauptung, die Ustascha habe diese »Raubökonomie« als Chance begriffen, Kroatien »zugleich in ein gerechteres Sozialwesen umzugestalten«, bleibt Korb indes schuldig. Er muß im Gegenteil eingestehen, daß es sich um einen »Raub- und Plünderungszug« handelte, »an dem sich Einzelpersonen, Ustascha-Gliederungen, Behörden wie auch die deutschen und italienischen Besatzer bereicherten. Die zahlreichen Fälle von Raub, Erpressung, Schnäppchenjagd und öffentlichen Versteigerungen beschlagnahmter Güter belegen eine bereite gesellschaftliche Partizipation an den Verfolgungen.« So also sah die »Sozialutopie« der kroatischen Faschisten aus!

Die Enteignungen und Deportationen waren das vorrangige Aufgabengebiet der Pavelic direkt unterstellten Staatsdirektion für wirtschaftliche Erneuerung, kurz Ponova (Erneuerung) genannt. »Die Auswertung der Angaben über die Tätigkeit der Ponova aus 75 der insgesamt 141 kroatischen Bezirke ergab«, nach Korb, »daß Träger der staatlich initiierten Vertreibungspolitik im wesentlichen nicht die Ustašen waren, sondern von örtlichen Honoratioren dominierte Bürgerausschüsse. Deren Angehörige waren vor 1941 mehrheitlich keine Ustascha-Mitglieder. Als Teil lokaler Eliten waren sie meist gut ausgebildet und vom Wunsch beseelt, die soziale Lage in ihren Gemeinden zu verbessern [sic!]. Diese Perspektive erlaubte ihnen den Anschluß an das gewaltsame Projekt der Ustascha, Kroatien ethnisch zu säubern.«

Die in der Forschungsliteratur durchgängig anzutreffende Beschreibung der UHRO als geradezu »archaisch gewalttätig« bezeichnet Korb im postmodernen Jargon als »Narrativ von den Ustašen als mordenden Barbaren«. Mit der Etikettierung als Balkan-»Monster« hätten sich die deutschen und italienischen Faschisten gegen das »sadistische andere« abgegrenzt, so Korbs sozialpsychologischer Erklärungsversuch. Ein Blick auf die vom Autor ausführlich beschriebenen Praktiken der Organisation indes widerlegt das postmoderne Gefasel: »Sowohl bei Massakern als auch bei Massentötungen in den Lagern bedienten sich die Kommandos der Ustascha grauenhafter Tötungsmethoden, die an Ritualmorde erinnern. Wie erwähnt, investierten die Täter gerade bei ihren Verbrechen gegen orthodoxe Priester viel Zeit, Energie und Kraft. Bevor sie ihre Opfer töteten, vergingen sie sich oft in grausamster Weise an ihnen. Dazu gehörte das Anzünden von Bärten, das Ausstechen von Augen, das Abschneiden von Gliedmaßen, Nasen, Ohren und Zungen sowie das Aufschlitzen der Leiber. Die Tatwerkzeuge waren meist Messer, doch kamen auch Schlaghölzer, Hämmer und Äxte zum Einsatz; männlichen wie weiblichen Gefangenen wurde die Kehle durchgeschnitten, oder sie wurden zu Tode geprügelt. Auch liegen Berichte vor, daß Gegenstände in die Körper der gemarterten Menschen gesteckt oder gestopft wurden, oftmals in Zusammenhang mit Vergewaltigungen.«

Im Gegensatz zu der von manchen Autoren geäußerten Ansicht, die Ustašen seien lediglich Marionetten der Deutschen gewesen, kann Korb belegen, daß der Massenmord an den Roma »das Ergebnis der Entscheidungen und Handlungen kroatischer Akteure war« und »daß die Ustascha im ersten Jahr ihrer Herrschaft eigenverantwortlich gegen die Juden vorging«. Die kroatischen Faschisten mußten demnach nicht von den Nazis zu ihren Verbrechen ermuntert werden. Allerdings versetzte erst der Entschluß der deutschen Regierung, in Zusammenarbeit mit Kroatien im Frühsommer 1941 ein umfangreiches Umsiedlungsprogramm auf jugoslawischem Gebiet durchzuführen, die Regierung in Zagreb in »die Lage, ihre Idee vom ethnisch homogenen Kroatien mit internationaler Billigung in Angriff zu nehmen«.

Obwohl es über den Ablauf der Umsiedlungen zwischen Deutschen und Kroaten zu heftigen Konflikten kam, weil der Flüchtlingsstrom in das von Deutschland besetzte Serbien die Herrschaft der Deutschen destabilisierte, unternahmen die Deutschen keinen ernsthaften Versuch, »die Ustascha in ihrer Gewalt gegen Juden, Serben und Roma zu bremsen«, bilanziert Korb. Im Gegensatz zu den Deutschen setzten die Italiener dem Treiben der UHRO zunehmend Grenzen, bis die italienische Armee sie in ihrem Besatzungsgebiet im August 1941 schließlich entmachtete.

Fehlende Ideologiekritik

Während der Autor den Mechanismus der Verfolgungen und Massenmorde detailliert beschreibt und aufzeigt, wie die von der Ustascha initiierte Gewalt schließlich sogar Ökonomie und Moral der kroatischen Gesellschaft unterhöhlte, hindert Korb sein nahezu totaler Verzicht auf eine ideologiekritische Analyse, die Antriebskräfte für das spezifisch Barbarische des Terrorregimes zu erkennen. Der Autor verweist auf einen durch Gewalt der kroatischen Faschisten und Gegengewalt (nationalistischer serbischer Tschetniki und kommunistischer Partisanen) ausgelösten Radikalisierungsprozeß »vor dem Hintergrund einer Situation, die zunehmend außer Kontrolle geriet«. »Entgegen dem häufigen Postulat in der historischen Forschung« lasse »sich kein Masterplan der Ustascha zur Vernichtung der Serben, Juden und Roma nachweisen«. Zwar habe sich die Stoßrichtung ihrer Ideologie »eindeutig gegen Serben, aber auch gegen Juden und Roma« gerichtet, gesteht Korb ein – einen Vernichtungsplan habe es aber gleichwohl nicht gegeben.

Voraussetzung dieses apodiktischen Befunds ist, daß der Autor die zentralen Aspekte der Ustascha-Ideologie ausblendet und die Legende von der Unbeflecktheit der katholischen Kirche weiterspinnt, deren Vertreter bei Korb, wenn überhaupt, nur als Kritiker der Massengewalt in Erscheinung treten. Sowohl die UHRO-Führer als auch die kroatische Presse sprachen offen von der Vernichtung der Serben im ganzen Staat. »Wir töten einen Teil der Serben, wir vertreiben einen anderen, und der Rest, der die katholische Religion annehmen muß, wird in das kroatische Volk aufgenommen werden«, ließ sich etwa der Minister und Schriftsteller Mile Budak vernehmen. Ein anderer Minister, Mladen Lorkovic, bezeichnete Serben und Juden als jene »ausländischen Elemente«, die das kroatische Volk »vernichten muß«. Und ein weiterer Minister, Milovan Zanic, erklärte, es gebe keine Methode, die wir »nicht anwenden werden, um dieses Land wirklich kroatisch zu machen und es von den Serben zu reinigen«.

Diese von Ustascha-Politikern frühzeitig offen ausgesprochenen Vernichtungsphantasien stehen in der Tradition der kroatisch-nationalistischen Ideologen Ante Starcevic (»Die Serben sind eine Arbeit für den Schlachthof«) und Josip-Josua Frank, auf die sich Pavelic ausdrücklich berief.2 Deren gemeinsamer Wesenskern ist der Katholizismus, so wie der katholische Klerus Schutzherr und ideologischer Träger des Ustašentums war. »Behauptungen, daß dem kroatischen Nationalismus ein eliminatorischer Charakter eigen sei«, entspringen nicht, wie Korb dem Leser weiszumachen versucht, serbischen »verschwörungstheoretische (n) Mutmaßungen«, »die sowohl die Sehnsüchte orthodoxer Kommunisten wie orthodoxer Christen bedienten« – die laut Korb »angeblich sinistre und antiserbische Politik des Vatikan, die in der klerikalfaschistischen Liaison zwischen Ustascha und kroatischer katholischer Kirche ihren Ausdruck gefunden habe«, war Realität! Zahlreiche Kleriker, wie der Erzbischof von Sarajevo, Ivan Šaric, gehörten schon seit Jahren der Ustascha an. Der von Korb bestrittene klerikalfaschistische Charakter des Regimes wurde im Unabhängigen Staat Kroatien denn auch gar nicht verhehlt, worauf die Autoren Deschner und Petrovic zu Recht hinweisen: »Im Gegenteil, man rühmte sich dessen.«

Geleugneter Vernichtungsplan

Bereits am 11. April 1941 hatten die Ustascha-Behörden über Radio Zagreb bekanntgegeben, der nichtstädtischen Bevölkerung würden die Priester der Pfarrämter die Direktiven erteilen, auch hinsichtlich des Verhaltens gegenüber der Besatzungsmacht. Nicht nur bei der »Politik der Zwangskonversionen zum Katholizismus« handelte es sich um einen »staatlich koordinierten Prozeß«, wie Korb immerhin einräumt. Auch bei der physischen Verfolgung und den Massenmorden in den Konzentrationslagern wirkten Ustascha und katholischer Klerus eng zusammen.

Ganz besonders tat sich dabei neben den kroatischen Kreuzfahrern (Križari) der »Katholischen Aktion« der kroatische Franziskanerorden hervor, der sich schon im Königreich Jugoslawien der Sache der Ustaschen verschrieben hatte und dessen Klöster letzteren als Zufluchtsstätten und Waffenlager gedient hatten. Nicht zufällig war der zeitweilige Kommandant des Todeslagers Jasenovac, Fra Miroslav Filipovic, Majstorovic (d.h. »Meister für Abschlachtungen«) und »Fra Satan« genannt, ein Franziskaner. Nicht wenige Mönche dieses Ordens waren Aufseher und Henker in den Lagern. Auch Jesuiten beteiligten sich aktiv als Propagandisten an den »katholischen Schlachtfesten« im kroatischen »Reich Gottes«.3 Bralo Božidar, römisch-katholischer Priester von Sarajevo, leitete die Ermordungen in Bosnien etc. Eine von dem Belgrader Diplomaten Dr. Milan Bulajic zusammengestellte – nach seinen Angaben unvollständige – Liste der katholischen Priester, die Angehörige und Helfer der Ustascha-Organisation waren, umfaßt 694 Namen mit Kurzbiographien. Nach 1945 verhalf die katholische Kirche etlichen führenden Ustašen, darunter Pavelic, über die sogenannte Rattenlinie zur Flucht ins sichere Südamerika.

Korbs Leugnung eines Vernichtungsplans und der führenden Rolle der katholischen Kirche setzt sich in seinem Umgang mit den Opferzahlen fort, deren Diskussion er dazu benutzt, den angeblichen großserbischen Nationalismus an den Pranger zu stellen. Die von Historikern der ehemaligen Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien ermittelten Opferzahlen – so nennt z.B. Vladimir Dedijer eine Gesamtzahl von über 800000 Opfern, davon 750000 orthodoxe Serben, 60000 Juden, 26000 Sinti und Roma4 – sind nach Korb »völlig übersteigert« und Ausfluß der Propaganda serbischer Nationalisten, denen es gelungen sei, »die Ustascha zu verteufeln« und so »den Grundstein des Mythos von mehr als einer Million serbischer Opfer des kroatischen Völkermordes zu legen.«

Dieser »zynische Kult um die Opferzahlen mit der Tendenz zu deren absoluter Übertreibung«, die »Litanei von der nationalen Leidensgeschichte« und »das Gerede von einem ›serbisch-jüdischen Holocaust‹« hätten nach der Zerschlagung Jugoslawiens in den 1990er Jahren »in westlichen Foren die Glaubwürdigkeit der serbischen Sache erhöhen« sollen. Die »überhöhten Opferzahlen« hätten daneben auch dazu gedient, den »Zusammenhang zwischen großserbischer Idee und nationalem Opfermythos« zu versinnbildlichen und »die nationalistische Forderung, Serbien sei dort, wo serbische Gebeine liegen« sowie »die sogenannten ethnischen Säuberungen der 1990er Jahre« zu legitimieren.

Die von Korb genannten Opferzahlen von »mehr als 100000 Menschen«, die er nicht weiter begründet, liegen zwar über den von Repräsentanten des katholischen Klerus und des kroatischen Staates eingeräumten 40000 bzw. 50000 Opfern. Sie erscheinen aber angesichts des dokumentierten Ausmaßes der Gewalt als deutlich zu niedrig angesetzt – ein weiteres Indiz für die Intention des Autors, »die Verantwortung der Kroaten und der Kirche des Todes«, so Deschner und Petrovic, möglichst kleinzureden.

Anmerkungen

1 »Ustascha « heißt »der Aufständische«.

2 Zitat nach Karlheinz Deschner/Milan Petrovic: Krieg der Religionen. Der ewige Kreuzzug auf dem Balkan, München 19993 Siehe Karlheinz Deschner, Mit Gott und dem Führer. Die Politik der Päpste zur Zeit des Nationalsozialismus, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1988

4 Vladimir Dedijer: Jasenovac – das jugoslawische Auschwitz und der Vatikan, Verlag Ahriman, Freiburg 1989

Alexander Korb: Im Schatten des Weltkriegs. Massengewalt der Ustaša gegen Serben, Juden und Roma in Kroatien 1941–1945, Hamburger Edition, Hamburg 2013, 510 Seiten, 28 Euro
Karlheinz Deschner: Die Politik der Päpste, Alibri-Verlag
Karlheinz Deschner: Mit Gott und den Faschisten, Alibri-Verlag

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