1. Februar 2014

Auf dem Weg zum Reich

Die Düppeler Schanzen in Dänemark nach dem Sturm der preußischen Truppen am 18. April 1864 - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 146-1972-055-56/ public domain

Vor 150 Jahren, am 1. Februar 1864, begann der deutsch-dänische Krieg

Alexander Bahar

Nach der Märzrevolution 1848 prallten in der verwickelten Schleswig-Holstein-Frage die nationalistischen Tendenzen auf deutscher wie dänischer Seite erstmals aufeinander. Zwar behielt die dänische Krone nach dem Ersten Schleswig-Holsteinischen Krieg (1848–1851) die Hoheit über das Herzogtum Schleswig (als dänisches Lehen) sowie über die zum Deutschen Bund gehörenden Herzogtümer Holstein und Lauenburg, sicherte aber im Gegenzug den Fortbestand von deren staatsrechtlicher Selbständigkeit innerhalb des dänischen Gesamtstaates zu. Mit dem im Mai 1852 unterzeichneten zweiten Londoner Protokoll fand der Konflikt einen vorläufigen Abschluß. Es garantierte die Integrität der dänischen Gesamtmonarchie auch beim Aussterben des regierenden Königshauses sowie die Sonderstellung der drei Herzogtümer.

Staatsrechtliche Trennung

Allerdings drängte nun die eiderdänische Nationalbewegung auf deren Eingliederung in den Gesamtstaat. Mit der zweiten dänischen Gesamtstaatsverfassung von 1855, die auch Holstein und Lauenburg einbezog, konnten Dänemarks Nationalisten einen gewichtigen Erfolg verbuchen. Das provozierte den Widerstand des Deutschen Bundes. Der erreichte mittels der Androhung einer Bundesexekution im November 1858, daß die Verfassung für Holstein und Lauenburg außer Kraft gesetzt wurde. Eine dauerhafte Lösung war dies freilich nicht, zumal die holsteinischen Stände jegliche Zusammenarbeit mit der dänischen Krone verweigerten und deutschnational gesinnte Kreise ab 1859 offen die Abspaltung Schleswigs und Holsteins von Dänemark forderten. Um den Gesamtstaat zu sichern, verfügte der dänische König Friedrich VII. im März 1863, unter Bruch des Londoner Protokolls, die staatsrechtliche Trennung Holsteins von Schleswig. Preußen und Österreich protestierten umgehend. Nachdem der Deutsche Bund am 1. Oktober 1863 die Einleitung der Bundesexekution beschlossen hatte, spitzte die dänische Regierung mit der Verabschiedung der dritten Gesamtstaatsverfassung vom 13. November 1863 den Konflikt weiter zu. Die »Novemberverfassung« sah eine eigene Landessatzung sowie einen eigenen Landtag für Schleswig vor und schränkte das freie und allgemeine Wahlrecht ein. Zwei Tage später starb König Friedrich VII., der letzte männliche Vertreter des regierenden Königshauses. Ihm folgte nach dem Londoner Protokoll Christian IX. von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg. Mit der Beseitigung der Sonderstellung Schleswigs und der Trennung des rechtshistorischen Bandes zwischen den Herzogtümern hatte Dänemark jedoch die politischen Voraussetzungen für die weibliche Erbfolge der Glücksburger Linie in der Gesamtmonarchie in Frage gestellt. Erbprinz Friedrich von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg betrachtete sich deshalb nicht mehr an den Verzicht seines Vaters auf Schleswig, Holstein und Lauenburg gebunden und erhob sich zum Herzog von Schleswig-Holstein. Die deutsche Nationalbewegung, durch den Ausgang der Revolution lange Zeit paralysiert, sah darin die Gelegenheit, die Schleswig-Holstein-Frage ganz im nationaldeutschen Sinne, d.h. durch die vollständige Trennung der Herzogtümer von Dänemark, zu lösen. Die Problematik der dänischen Bevölkerung in Schleswig interessierte sie dabei herzlich wenig.

Erneut schürte die schleswig-holsteinische Frage die nationale Erregung. In vielen Städten fanden im November 1863 Volksversammlungen statt, rund 900 Schleswig-Holstein-Komitees sprachen sich vehement für die Erbfolge des Augustenburgers aus und sammelten Gelder für den Aufbau eines schleswig-holsteinischen Heeres. Unterstützung erhielten sie von dem vom Deutschen Nationalverein einberufenen Frankfurter Abgeordnetentag, zu dem sich kurz vor Weihnachten 491 Abgeordnete der deutschen Länderparlamente versammelt hatten. Mit dem Sprichwort »Wer gesiegt hat, braucht keine Rechenschaft abzulegen«, empfahl auch der Nationalliberale Karl Twesten am 2. Dezember 1863 im preußischen Abgeordnetenhaus eine militärische Lösung der Krise.

Dagegen drängten Österreich und Preußen, die anders als der Deutsche Bund das Londoner Protokoll unterzeichnet hatten, auf die Fortsetzung der bereits beschlossenen Bundesexekution. Allerdings wurde mit dieser implizit die Rechtmäßigkeit der im Londoner Protokoll vorgesehenen Nachfolgeregelung anerkannt; auch war sie auf die Mitgliedstaaten des Bundes, also auf Lauenburg und Holstein, begrenzt. Aus Sicht der Nationalbewegung bestand daher die Gefahr, daß sich die Abtrennung Schleswigs verfestigte. Der von Preußen und Österreich beim Bundestag eingebrachte Antrag, den dänischen König mit der Besetzung Schleswigs zurück auf den Boden des Londoner Protokolls zu zwingen, fand deshalb keine Mehrheit. Die beiden Großmächte beschlossen nun, die Besetzung Schleswigs auch ohne Bundesbeschluß durchzuführen.

Deutsches Ultimatum

Am 16. Januar 1864 stellten beide Großmächte Dänemark ein 48-Stunden-Ultimatum zur Aufhebung der »Novemberverfassung« und der militärischen Räumung Schleswigs. Als Dänemark dieses verstreichen ließ, überschritten österreichische und preußische Truppen unter Generalfeldmarschall Friedrich Graf von Wrangel am Morgen des 1. Februar 1864 ohne Zustimmung des Deutschen Bundestages die Eider, die die Grenze zwischen Holstein und Schleswig markierte. Am selben Tag versuchten die Preußen erfolglos und unter recht hohen Verlusten, die Schlei zu überqueren. Gleichzeitig überschritten die Österreicher die Sorge und rückten bis auf zehn Kilometer an den legendären Befestigungswall »Danewerk« heran, wo sich die dänischen Truppen verschanzt hatten. In heftigen Gefechten wurden die Dänen am 3. Februar 1864 zurückgedrängt, woraufhin die preußisch-österreichischen Truppen weiter bis Jütland vorrückten. Erst nach der verlustreichen Erstürmung der Düppeler Schanzen durch preußische Truppen am 18. April stimmten Preußen und Österreich einem befristeten Waffenstillsand zu. In der nationalistisch aufgeputschten Öffentlichkeit wurden schon bald Annexionsforderungen laut, denen sich auch prominente Liberale wie die Historiker Theodor Mommsen und Heinrich von Treitschke anschlossen. Das brachte sie in Gegensatz zu jenen Liberalen, die am Selbstbestimmungsrecht der Schleswig-Holsteiner festhielten, aber auch zu Teilen der um ihren »Zusammenhang mit Süddeutschland« fürchtende Nationalbewegung. »Im Norden«, so konstatierte der Vorsitzende des Nationalvereins Rudolf von Bennigsen im November 1864, »nimmt die Bismarcksche Richtung, das ist die Anbetung der militärischen Macht und diplomatischen Erfolge, in erschreckender Weise überhand.«

Ein solcher »diplomatischer Erfolg« war wohl auch der ergebnislose Ausgang der Londoner Konferenz (April–Juni 1864), machte er doch den Weg für eine erneute militärische Intervention frei. Diese endete mit der völligen Besetzung Jütlands durch preußische und österreichische Truppen. Die Niederlage zwang Christian IX. zur Abtretung der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg an den Kaiser von Österreich und den König von Preußen, die im Präliminarfrieden von Wien am 1. August 1864 dokumentiert und im endgültigen Friedensschluß vom 30. Oktober 1864 festgeschrieben wurde.

Quellentext

Friedrich Engels schrieb bereits Ende Januar 1861 (»Bewegung in Deutschland«, MEW, Bd. 15, S. 238–241):

So wurde Holstein, das ein unabhängiges und separates Herzogtum sein sollte, aller politischen Unabhängigkeit beraubt und einer vorwiegend dänischen Kammer Untertan gemacht. Aus diesem Grunde hat die deutsche Presse in den letzten fünf oder sechs Jahren die deutschen Regierungen aufgefordert, Zwangsmaßnahmen gegen Dänemark zu ergreifen. Die Gründe an sich sind gewiß gut. Aber die deutsche Presse […] benutzte Schleswig-Holstein lediglich als Mittel für ihre Popularität. Es war in der Tat sehr billig, sich höchst entrüstet gegen die Dänen zu zeigen, während sie es den Regierungen von Deutschland erlaubten – jenen Regierungen, die zu Hause versuchten, Dänemark in kleinlicher Tyrannei nachzueifern. Krieg gegen Dänemark schrie man, als der Krimkrieg ausbrach, Krieg gegen Dänemark wiederum, als Louis-Napoleon in das österreichische Italien einfiel. Nun, j e t z t wird man seinen Willen haben. […] Daß die deutschen Regierungen in ihrem plötzlichen Enthusiasmus für die Sache Schleswig-Holsteins unaufrichtig sind, steht natürlich außer Frage. […] Es ist durchaus nicht sicher, daß dieser große Krieg im nächsten Frühjahr stattfinden wird. Aber wenn er stattfindet, muß er, obwohl keine Partei Sympathie verdient, als Resultat eine Revolution haben, ganz gleich wer am Anfang geschlagen wird.«

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