19. Oktober 2013

Auf den Barrikaden

Mit Mut und Entschlossenheit erhoben sich am 23.10.1923 Arbeiter der Hansestadt (Grafik aus der Hamburger Volkszeitung vom 22.10.1927) - Fotoquelle: jW-Archiv

Vor 90 Jahren: Der bewaffnete Aufstand in Hamburg

Thomas Eipeldauer

Die Arbeiterklasse in Deutschland befand sich im Herbst 1923 in einer verzweifelten Lage. Die seit langem andauernde, nun aber sich ins Absurde steigernde Inflation drückte ihren Lebensstandard unter das Existenzminimum (siehe jW-Thema vom 30.7.2013). Standen 1920 die Preise beim Zehnfachen der Vorkriegszeit, verdoppelte sich das bis 1921 noch einmal. 1922 stiegen sie auf das Vierzigfache des Vorjahres, um 1923 wurde der Preis eines Brotes schließlich in Billionen angegeben. Die Inflation bedeutete eine permanente Entwertung der Löhne; sobald der Arbeiter das Bündel Scheine nach Hause gebracht hatte, war es bereits wertlos. Breite Schichten des Proletariats hungerten. Immer wieder kam es zu Plünderungen und Marktkrawallen, bei denen vor allem Arbeiterfrauen sich jene Güter des täglichen Bedarfs anzueignen versuchten, die sie anders längst nicht mehr für ihre Familien bekamen.

Die Weimarer Republik befand sich nicht allein in einer ökonomischen und sozialen Krise, sondern auch in einer politischen. Die zwischenimperialistischen Konflikte auf dem Kontinent waren eskaliert: Im Januar hatten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet besetzt und wirtschaftlich von Deutschland abgetrennt. Die Völkischen und die Faschisten befanden sich vielerorts auf dem Vormarsch. Die rechte Regierung Wilhelm Cunos war – auch ein Erfolg der Arbeiterbewegung – im August 1923 abgetreten (siehe jW-Thema vom 12.8.2013). Auf sie folgten zwei Koalitionskabinette unter Reichskanzler Gustav Stresemann mit Beteiligung der Sozialdemokraten. Der Weimarer Staat befand sich im Notstand und unter Militärkuratel.

KPD mit Masseneinfluß

Die kommunistische Bewegung hatte im Verlauf des Jahres 1923 an Zuspruch gewonnen. Durch Ausbeutung, Arbeitslosigkeit und Lohnentwertung vom Hungertod bedroht, fand sich die Arbeiterklasse vor die Notwendigkeit gestellt, Widerstand zu leisten. »Die Kommunisten bieten ihr, verbunden mit einer klugen Einheitsfrontpolitik, reale Lösungen an – den Übergang zu einer sozialistischen Produktionsweise in durchdachten Übergangsstufen«, faßt Wolfgang Abendroth diese Entwicklung zusammen. »So wird jetzt, Ende 1922 und erst recht bis zum Sommer 1923, für eine ganz kurze Periode – es ist die einzige Periode in der deutschen Geschichte, in der das so war – die Kommunistische Partei dem Masseneinfluß nach (auch an der Gewerkschaftsbasis) die weitaus stärkste Partei der deutschen Industriearbeiter.«

In Thüringen und Sachsen waren Arbeiterregierungen aus KPD und SPD gebildet worden (siehe jW vom 16.3.2013). Diese waren, gerade weil sie die KPD als Übergangsformen auf dem Weg zur Diktatur des Proletariats begriff, der herrschenden Klasse in Deutschland ein Dorn im Auge. Den Kommunisten war bewußt, daß ein Angriff der Reaktion nicht lange auf sich warten lassen würde. Kampfpläne für den Militärapparat der Partei lagen vor. Im Falle einer Attacke aus Bayern auf die Regierungen Sachsens und Thüringens sollte der Generalstreik ausgerufen und der bewaffnete Aufstand begonnen werden.

In weiten Teilen der Kommunistischen Internationale wie in der KPD herrschte die Auffassung, die Revolution in Deutschland stünde unmittelbar bevor. Die Kommunisten hatten bereits am 20. Oktober den Beschluß zur Auslösung des Aufstands gefaßt und begonnen, ihn an die Parteigliederungen zu übermitteln. Am 21. Oktober zeichnete sich aber auf einer Betriebsrätekonferenz in Chemnitz ab, daß die Sozialdemokraten, selbst die linken, nicht willens waren, diesen Schritt mitzugehen. Unter der Führung Heinrich Brandlers entschied die Leitung der Kommunistischen Partei dann, den Beschluß rückgängig zu machen und den Aufstand nicht auszulösen. Es hätte zu einer »entscheidenden Niederlage geführt«, wenn die »Kommunisten allein den Kampf aufgenommen« hätten, begründete Brandler seine Entscheidung im November 1923, in einem Brief an Clara Zetkin.

Kampf und Rückzug

In Hamburg allerdings kam der Rückzugsbefehl nicht rechtzeitig an – oder wurde nicht befolgt. Am 23. Oktober 1923 um fünf Uhr morgens ging es in der Hansestadt los. Politisch und militärisch geführt wurde der Aufstand von einer Kampfleitung des KPD-Bezirks Wasserkante, der Ernst Thälmann, Hans von Borstel und Gerhard Rudolf Hommes angehörten.

Die Militanten der KPD, nach dem Wohnbezirksprinzip in Fünfer- bis Zehnergruppen aufgestellt, waren äußerst schlecht ausgerüstet, verfügten anfangs nur über etwa 80 Revolver und Gewehre. Doch die vor allem dem Ordnerdienst der Partei angehörigen Kampfgruppen wußten das Überraschungsmoment zu nutzen. So nahmen sie zunächst 17 der angegriffenen 26 Polizeiwachen ein und versorgten sich dort mit Waffen und Munition. Allerdings waren die Erfolge der Offensive rasch vorüber, und es begann sich abzuzeichnen, daß der Hamburger Versuch isoliert bleiben würde.

Diejenigen Arbeiter, die kämpften, taten dies mit großem Mut und mit Entschlossenheit. Sie machten es der technisch wie zahlenmäßig überlegenen Polizei, die zudem von der Reichsmarine und einem Aufklärungsflugzeug unterstützt wurde, nicht leicht, die Kontrolle über die Stadt wiederzuerlangen. Auch deshalb, weil breite Teile der Bevölkerung zwar nicht aktiv mitkämpften, aber die Kommunisten dennoch unterstützten: Wie der militärische Leiter bei der Zentrale der KPD, Valdemar Roze, berichtete, bauten sie »vorzügliche« Barrikaden, schafften Nachschub und Verpflegung heran und versorgten die Trupps mit Informationen. Er habe »niemals, weder in Rußland noch in Deutschland (…) eine derart wohlwollende Haltung der Bevölkerung den kämpfenden Genossen gegenüber beobachtet«, schrieb der sowjetische Konsul in Hamburg in einer Depesche.

Die Gefechte konzentrierten sich bald auf einige wenige Gebiete, vor allem das Arbeiterviertel Barmbek, in dem Hans Kippenberger die militärische Führung innehatte, die Polizeiwache 42 in Eimsbüttel und auf Schiffbek. Nachdem bereits im Verlauf des 23. Oktobers klar wurde, daß die Positionen nicht zu halten sind, begannen die Kampfgruppen, sich geordnet zurückzuziehen. Vereinzelt wurde noch bis zum 25. Oktober gekämpft.

Die Verluste blieben zeitgenössischen Beobachtern zufolge unter den Organisierten gering. 17 toten und 69 verwundeten Polizisten steht eine nicht genau bekannte Anzahl gefallener Kämpfer auf seiten der KPD gegenüber, die aber keinesfalls wesentlich höher gewesen sein dürfte. Der Großteil der bis zu 90 zivilen Toten waren Demonstranten und Unbeteiligte, weil »die Polizei (…) brutal in die Massen und auf die Passanten schoß«, wie Roze berichtete.

Für die KPD in Hamburg bedeutete die nach dem Aufstand einsetzende Repressions- und Verhaftungswelle dennoch eine zeitweise Desorganisierung der Parteistrukturen. Trotz des Scheiterns und den damit verbundenen Folgen blieb aber nicht nur Negatives. Bis heute gilt der Hamburger Aufstand als Beispiel eines mutigen und entschlossenen Kampfes revolutionärer Kommunisten. Insofern ist Ernst Thälmanns Auswertung der Ereignisse zutreffend: »Die Aufstände des Proletariats sind Etappen auf dem Siegeszuge der Revolution nicht nur durch ihre unmittelbaren positiven Resultate, sondern vor allem infolge der großen Lehren, die sie der ganzen Arbeiterklasse einhämmern.«

Quelle. Schlußbetrachtungen über den Hamburger Aufstand

»1. Der Aufstand in Hamburg dauerte zwei Tage, aber trotz der ungeheuren Überlegenheit der Militärstreitkräfte ist er nicht durch die Kräfte der Konterrevolution niedergeschlagen worden. (…) Die bewaffneten Streitkräfte des Proletariats zogen sich freiwillig vom Kampf zurück und stellten den weiteren Kampf freiwillig ein. (…) 2. Der Hamburger Aufstand war unbedingt ein Massenaufstand. Die Zahl der Stoßtruppler, die aktiv, mit bewaffneter Hand, an dem Aufstand teilnahmen, war allerdings verhältnismäßig gering und betrug etwa 250 bis 300 Mann. Aber die breiten Massen des Hamburger Proletariats haben durch ihre Haltung gegenüber den Aufständischen bewiesen, daß sie auf der Seite der Aufständischen standen. (…) Der Aufstand in Hamburg war nicht als ein isoliertes, mit der Aktion des Proletariats in anderen Gebieten Deutschlands nicht zusammenhängendes Ereignis gedacht. Er sollte, so wie er gedacht war, zum Signal für den Generalaufstand in den ausschlaggebenden Industriegebieten in ganz Deutschland werden. (…) 3. Die politische Vorbereitung des Hamburger Aufstandes indessen war außerordentlich schwach.«

Aus: Hans Kippenberger, der militärische Leiter der KPD in Hamburg-Barmbeck, in dem Band »Der bewaffnete Aufstand«, Zürich 1928

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/10-19/011.php