19. Januar 2013

Aufstand abgewürgt

Fotoquelle: rotpunkt.kpoe.at

Vor 95 Jahren erhob sich die österreichische Arbeiterklasse zum Jännerstreik

Hans Hautmann

Der Jännerstreik war der bedeutendste Massenausstand in der Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung, ein wirtschaftlicher und politischer Kampf für die Beendigung des imperialistischen Krieges, für Frieden und Brot. Zehn Tage, vom 14. bis 23. Januar 1918, stand Österreich im Banne dieses Ereignisses. Zum Höhepunkt, am 20. Januar 1918, streikten in Niederösterreich 125000, in Wien 113000, in der Steiermark 40000, in Oberösterreich 15000 und in Salzburg 10000 Arbeiterinnen und Arbeiter. Mit den Streikenden in anderen Städten der österreichischen Reichshälfte (Krakau, Mährisch-Ostrau, Brünn, Triest) belief sich die Zahl auf 550000, mit denen in der ungarischen Reichshälfte (200000 in Budapest und in verschiedenen Provinzstädten) auf 750000 in der gesamten Habsburgermonarchie.

Frieden und Brot

Drei Bedingungen zeichneten als Auslöser für die große Streikaktion verantwortlich: die extreme Verschlechterung der materiellen und sozialen Lage der Arbeiter im Verlauf des Krieges, die mit einem von den kapitalistischen Fabrikherren brutal forcierten Klassenkampf »von oben« Hand in Hand ging; die Fernwirkung der beiden russischen Revolutionen des Jahres 1917 und die Tätigkeit der kleinen, aber aktiven Gruppe der österreichischen Linksradikalen, des Vorläufers der KPÖ, die auf einen Generalstreik setzte.

Der Knoten begann sich im November 1917 zu schürzen, als die Revolution unter Führung der Bolschewiki in Rußland siegte und die Lenin-Regierung gleich am ersten Tag ihres Bestehens allen kriegführenden Mächten ein Friedensangebot unterbreitete. Die hochgespannten Erwartungen wurden aber bald enttäuscht, weil die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk offenbarten, daß der deutsche Imperialismus (und der an ihn gekettete österreichisch-ungarische) nicht gewillt war, das Prinzip eines Friedensschlusses »ohne Annexionen und Kontributionen« anzuerkennen und auf Eroberungen im Osten zu verzichten. Vor den Augen der Arbeitermassen entlarvten sich die anmaßenden Generäle und Diplomaten der eigenen Regierungen in Brest-Litowsk als jene, die durch ihr herrisches Auftreten in Siegerpose den Frieden verhinderten. Die Unruhe in Österreich wuchs dadurch von Tag zu Tag und entlud sich am 14. Jänner 1918, einem Montag, als die kaiserliche Regierung als Draufgabe auch noch eine Kürzung der ohnehin schon kargen Mehlration um die Hälfte bekanntgab.

An diesem Tag, um 7.30 Uhr früh, trat die Belegschaft der Daimler-Motorenwerke in Wiener Neustadt in den Streik, dem sich bis Mittag die Arbeiter der anderen Industrie- und Rüstungsbetriebe der niederösterreichischen Stadt anschlossen. Einen Tag später begann der Ausstand in Hirtenberg, Leobersdorf, Wöllersdorf, Ternitz, Wimpassing und Neunkirchen.

In den bestreikten Betrieben bildeten sich nach dem Vorbild der russischen Sowjets spontan Arbeiterräte, die auf Massenversammlungen durch Zuruf und Akklamation gewählt wurden und die Leitung des Ausstands übernahmen. Die Bewegung weitete sich mit derart elementarer Gewalt aus, daß die Führer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) und die Gewerkschaftsführung der Regierung eingestehen mußten, die Kontrolle über die Massen verloren zu haben. Kaiser Karl sandte am 17. Jänner 1918 an Außenminister Ottokar Czernin nach Brest-Litowsk ein Telegramm, in dem es hieß: »Ich muß nochmals eindringlich versichern, daß das ganze Schicksal der Monarchie und der Dynastie von dem möglichst baldigen Friedensschluß in Brest-Litowsk abhängt (…) Kommt der Friede nicht zustande, so ist hier die Revolution, wenn auch noch so viel zu essen ist.« Der deutsche Botschafter in Wien, Botho Graf von Wedel, meldete am gleichen Tag nach Berlin, die »Unruhen in Österreich« hätten an Ausmaß und Schärfe derart zugenommen, daß »die Lage als sehr ernst bezeichnet werden« müsse.

Revolution unerwünscht

Der aufs äußerste bedrängten Staatsmacht blieb nur eine Hoffnung: daß ihr die sozialdemokratischen Parteiführer zu Hilfe eilen würden. Und so geschah es auch. Der spätere stellvertretende Parteivorsitzende der SDAP, Otto Bauer, schrieb rückblickend: »Wir hatten den Streik als eine große revolutionäre Demonstration gewollt. (Nicht einmal davon konnte die Rede sein, H.H.) Die Steigerung des Streiks zur Revolution konnten wir nicht wollen.«

Der erste Schritt mit dem Ziel, die Bewegung in die gewünschte Richtung zu lenken, war die Flucht nach vorne in der Frage der Arbeiterräte. Die Parteiführung übernahm die Parole der Wahl von Arbeiterräten im Vertrauen darauf, kraft ihres nach wie vor perfekt funktionierenden Organisationsapparats den Wahlverlauf beeinflussen zu können und so die unerfahrenen und der Masse der Arbeiter kaum bekannten Linksradikalen zurückdrängen zu können. Letztere wurden als »Anarchisten«, »Abenteurer« und »verantwortungslose Schulbuben« hingestellt, während man hinter den Kulissen, in Geheimverhandlungen mit der kaiserlichen Regierung, die propagandistisch geeignetste Methode für den Streikabbruch vereinbarte. Die sozialdemokratischen Parteiführer Victor Adler, Karl Seitz und Karl Renner schlugen den Ministern direkt vor, welche Erklärungen sie zu dem von der SDAP aufgestellten Forderungsprogramm abzugeben hätten, um die streikenden Arbeitermassen zu befrieden. Verlangt wurde: a) daß das Kabinett »vollkommen beruhigend« zusichere, die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk nicht an »irgendwelchen territorialen Forderungen scheitern« zu lassen; b) daß die Regierung einer »gründlichen Reorganisation des Verpflegungsdienstes« zustimmt; c) die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts für die Gemeindevertretungen und d) die Aufhebung der Militarisierung der Betriebe.

Die Versprechungen, die die Regierung abgab, erwiesen sich als leer. Keine einzige der vier Forderungen wurde verwirklicht; es verschaffte aber der Parteiführung die Möglichkeit, über das Sprachrohr der von ihr bereits dominierten Arbeiterräte an die Streikenden den Aufruf zur Beendigung des Ausstandes zu richten. Damit Hand in Hand ging die Verhaftung der aktivsten Führer der Linksradikalen durch die Polizei. Als am 20. Januar 1918 die sozialdemokratischen Funktionäre in großen Streikversammlungen an die Arbeiterinnen und Arbeiter appellierten, in die Betriebe zurückzukehren, ernteten sie einen Sturm der Entrüstung.

Dennoch begann die Bewegung am 21. Januar abzubröckeln. Am 24. Januar wurde in ganz Österreich wieder gearbeitet. Der Streik war von der Sozialdemokratie mit viel Energie abgewürgt worden. Diese Erfahrung gab den letzten Anstoß für die Trennung vom Sozialreformismus und für die am 3. November 1918 erfolgte Gründung der Kommunistischen Partei Österreichs.

Quelle: Flugblatt der Linksradikalen, verbreitet am 17. Jänner 1918

Arbeiter! Arbeiterinnen! Das Volk steht auf!

200000 Arbeiter der Kriegsindustrie in Wien, Wiener Neustadt, Ternitz, Wöllersdorf, im Traisen- und Triestingtale streiken. Sie weigern sich, länger das Elend des Krieges zu ertragen (…) In Brest-Litowsk haben die Grafen und Generäle, gestützt auf das Schwert, den Friedenswillen unserer russischen Brüder brutal zurückgewiesen. Die Volksmassen aber wollen nicht Sieg noch Waffenruhm, sie wollen den sofortigen Frieden (…)

Das Interesse der Volksmassen vertreten nicht Czernin und Kühlmann mit ihren herrschsüchtigen Ansichten, sondern Lenin und Trotzki mit ihren internationalen Grundsätzen über das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Die russischen Arbeiter und Soldaten haben mit den schärfsten Mitteln des Klassenkampfes, mit Massenstreik, Meuterei und Straßenkampf, für ihre eigene Freiheit gestritten, sie haben ihr Blut vergossen für die Befreiung aller Völker der Erde von den Leiden des Krieges und vom Joche des Kapitalismus (…) Die Arbeiter der anderen Länder müssen sich um die rote Fahne der russischen Revolution scharen (…) Darum fordern wir:

1) Die Friedensdelegierten sind vom Volke zu wählen!

2) Auf allen Fronten ist sofort Waffenstillstand zu schließen!

3) Das Kriegsleistungsgesetz und die Militarisierung der Betriebe sind sofort aufzuheben!

4) Friedrich Adler und alle anderen politischen Gefangenen sind sofort freizulassen!

Mißtraut jenen patriotischen »Arbeiterführern«, die euch seit dem ersten Tage des Krieges verraten (…) Heraus aus allen Werkstätten! Dreht nicht länger mehr Mordgranaten! Laßt alle Räder stillstehen! Schart euch zusammen auf Straßen und Plätzen! Wählt Arbeiterräte so wie in Rußland, und der Massengewalt des Proletariates wird der Sieg gehören!

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

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