13. August 2013

»Aujust, ick liebe Dir«

»Ich bin, wie fast alle, die damals Sozialisten wurden, über Lassalle zu Marx gekommen.« August Bebel (1840–1913) - Fotoquelle: jW-Archiv

Rosa Luxemburg wußte, was sie an August Bebel hatte. Dessen Denken war nicht nur zu seiner Zeit fortschrittlich, es ist noch immer aktuell

Ralf Hoffrogge

Es war Rosa Luxemburg, die August Bebel 1901 beim Lübecker Parteitag der SPD ein Zettelchen schrieb und in die Schuhe vor seinem Hotelzimmer steckte. »Aujust, ick liebe Dir«, stand darauf. Die junge Radikale neckte den legendären Sozialisten. Auch heute, 100 Jahre nach seinem Tod, hat Bebel einiges für die Linke zu bieten: Er organisierte nicht nur Widerstand gegen Niedriglöhne in einer Zeit, als Gewerkschaften noch verboten waren. Bebel setzte sich gegen deutsche »Schutztruppen« im Ausland ein, bestand energisch darauf, daß »die Frauenfrage« für Sozialisten kein »Nebenwiderspruch« ist und kämpfte gegen die staatliche Diskriminierung Homosexueller.

Vom lesenden Arbeiter …

Als August Bebel am 22. Februar 1840 in den Kasematten einer Kaserne in Köln-Deutz zur Welt kam, schien ihm keine große Zukunft beschieden. Sein Vater, ein fast mittelloser Unteroffizier, starb, als der Sohn vier Jahre alt war. Die Mutter nähte für sechs Kreuzer das Stück Militärhandschuhe, August mußte als Kegeljunge dazuverdienen. Als auch die Mutter an Schwindsucht starb, war Bebel mit dreizehn Jahren Vollwaise und auf die Unterstützung eines Wohltätigkeitsfonds angewiesen. Im Alter von 14 Jahren verließ er die Volksschule und begann eine Drechslerlehre, zog danach als Wandergeselle durch die Lande. Sein Bildungshunger führte ihn schließlich 1861 in den Leipziger »Gewerblichen Bildungsverein« – eine von vielen Gründungen jener Zeit, mit denen liberale Gönner kulturelle und politische Aktivitäten der Arbeiterschaft fördern wollten. Der junge Bebel hatte zunächst ein ganz materielles Interesse am Verein: Kurzschrift und Buchhaltung wollte er lernen, um sich selbständig zu machen. Doch Bebel wandelte sich schnell vom Konsumenten zum Organisator, leitete die Vereinsbibliothek und ließ sich in den Vorstand wählen. Einer Politisierung des Bildungsvereines widersetzte er sich jedoch lange – und wurde auch nicht Mitglied, als Ferdinand Lassalle 1863 den Bruch von liberaler und sozialistischer Arbeiterbewegung einleitete und mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein die erste Arbeiterpartei gründete.

Bebel blieb den liberalen Arbeitervereinen treu, die sich 1863 ebenfalls überregional zusammenschlossen. Im Laufe der Zeit wuchsen allerdings die Spannungen zwischen bürgerlichen Wohltätern und ihrer proletarischen Klientel. Lesende Arbeiter wie Bebel, die lange an der eigenen politischen Reife gezweifelt hatten, begannen sich zu emanzipieren. Lassalle und seine kühnen Forderungen erschienen ihm langsam in einem anderen Licht: »Ich bin (…), wie fast alle, die damals Sozialisten wurden, über Lassalle zu Marx gekommen. Lassalles Schriften waren in unseren Händen, noch ehe wir eine Schrift von Marx und Engels kannten«, schrieb Bebel in seinen Memoiren. Über den Kontakt mit dem 14 Jahre älteren Mentor Wilhelm Liebknecht, der in London zum Kreis um Karl Marx und Friedrich Engels gehört hatte, kam Bebel schließlich zum Marxismus. Er trat 1866 der »Internationalen Arbeiter-Assoziation«, die später »Erste Internationale« genannt wurde, bei – als Einzelmitglied, denn sein Verein stand bei diesem Schritt nicht hinter ihm.

Er hatte Feuer gefangen und die Politik für sich entdeckt. Bebel faßte die Vereine enger zusammen und gründete 1866 die »Sächsische Volkspartei«, eine radikaldemokratische Plattform gegen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck und Preußen. Während Lassalle und seine Anhänger nach dem Motto »Freiheit durch Einheit« Preußens kriegerischen Weg zur deutschen Einheit guthießen, wollten Bebel und Liebknecht von Sachsen aus »durch Freiheit zur Einheit« gelangen. Doch sie wurden enttäuscht, denn ihre Verbündeten im Bürgertum verloren alle Distanz zu Bismarck und genehmigten sogar nachträglich seine Verfassungsbrüche.

1868 wurde daher zum Wendejahr. Bebel und Liebknecht schockten in einem großen Auftritt den in Nürnberg zusammengekommenen Vereinstag der liberalen Arbeitervereine, indem sie zum Anschluß an die Londoner Internationale und zur Gründung von Gewerkschaften aufriefen. Sie fanden dafür die Unterstützung der Mehrheit der Delegierten. Für die Liberalen war das zuviel – sie verließen den Vereinstag nach Bebels 68er Revolte. Bebel war damit vom unpolitischen Gesellen zum Parteiführer, vom Liberalen zum Sozialisten geworden. Mit 27 Jahren wurde er in den Reichstag des Norddeutschen Bundes gewählt und gründete 1869 gemeinsam mit Wilhelm Liebknecht die »Sozialdemokratische Arbeiterpartei« (SDAP).

… zum Widersacher Bismarcks

Als Parlamentarier wurde Bebel berühmt, weil er sich 1870 gegen den deutsch-französischen Krieg aussprach. Seine Genossen wollten ihm zunächst nicht folgen, mußten ihm aber nach der Annexion Elsaß-Lothringens recht geben: Das neu gegründete Deutsche Reich war auf Expansion aus. Bebel protestierte gegen die Eroberungen und wurde, gemeinsam mit dem gesamten Parteivorstand der SDAP, verhaftet. Die Gründung des Deutschen Reichs erlebte er im Gefängnis – ein Sinnbild für das Verhältnis des neuen Staates zur politischen Opposition. Obwohl Bebel zunächst freigelassen wurde, machte man ihm 1872 einen spektakulären Hochverratsprozeß in Leipzig. Bebel hatte es gewagt, sich im Parlament öffentlich mit dem Aufstand der Pariser Kommune zu solidarisieren. Der Prozeß wollte die sozialistische Bewegung in patriotischer Begeisterung ersticken – erreichte aber das Gegenteil. Bebel, lange Zeit ein Lokalmatador der sächsischen Arbeitervereine, wurde nun zum Gesicht des Sozialismus in ganz Deutschland. Er und sein Mitangeklagter Wilhelm Liebknecht nutzten den Gerichtssaal zur Verkündung ihrer Ziele und erreichten ein Millionenpublikum, das sich sonst kaum für Politik interessiert hätte. In der Beweisaufnahme machte die Staatsanwaltschaft zudem den Fehler, das »Kommunistische Manifest« von Karl Marx und Friedrich Engels als Beleg für Bebels hochverräterische Gesinnung einzureichen. Der Text, verboten und vergriffen, konnte nun ganz legal als »Dokumentation« des Prozesses verbreitet werden. Bebel und Liebknecht wurden zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt, die sie bis 1874 absaßen.

Es sollte nicht die letzte Konfrontation mit der Staatsmacht bleiben: Nachdem sich Bebels SDAP 1875 mit den Lassalleanern vereinigt hatte, wurde die Neugründung schon 1878 von Bismarck verboten. Attentatsversuche auf Kaiser Wilhelm I. durch zwei Einzeltäter lieferten den willkommenen Anlaß, alle Vereine und Gruppen der Arbeiterinnen und Arbeiter durch die »Sozialistengesetze« zu verbieten: Eine Verbindung aus Antiterrorhysterie und Sicherheitsgesetzen, die heute wieder erschreckend modern anmutet.

Bebel persönlich war durch sein Abgeordnetenmandat vor weiterer Verfolgung geschützt, denn Parlamentarier waren von den Sondergesetzen ausgenommen. Gleichfalls durften Sozialdemokraten weiter als Einzelpersonen zu Wahlen antreten. Auch die Bewegung konnte nicht zerschlagen werden: Ihre Mitglieder versammelten sich heimlich in den Hinterzimmern von Kneipen, agitierten mit aus der Schweiz geschmuggelten Schriften und konnten ihre Wahlergebnisse sogar noch steigern. Als im Januar 1890 die Parteien im Reichstag über eine Verlängerung des Gesetzes stritten und diese schließlich ablehnten, war es Bismarck, der das Nachsehen hatte. Der »eiserne Kanzler« wurde gestürzt, und Bebel blieb.

Kritiker der Kolonialpolitik

Mit dem Sieg über Bismarck wurde Bebel zum Mythos. Die Arbeiterbewegung formierte sich neu, ihre Partei hieß nun »Sozialdemokratische Partei Deutschlands« – SPD. In Erfurt gab sich die SPD ein Programm, das auf dem Marxismus fußte. Sie bekämpfte, so hieß es, »nicht bloß die Ausbeutung und Unterdrückung der Lohnarbeiter, sondern jede Art der Ausbeutung und Unterdrückung, richte sie sich gegen eine Klasse, eine Partei, ein Geschlecht oder eine Rasse.« Erstmals wurde damit zum Standard erklärt, das Linke sich nicht nur um Klassenkampf kümmern, sondern an allen Fronten gegen Diskriminierung kämpfen müssen. Es war Bebel, der dabei voranging.

Seit 1889 wandte er sich im Reichstag mehrfach gegen die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches, protestierte entschieden gegen die von deutschen Truppen verübten Massaker an den Herero und Nama im damaligen »Deutsch-Südwestafrika«. Schon zuvor hatte Bebel der Idee, daß deutsche Truppen im Ausland »zivilisierend« wirken könnten, eine Generalabsage erteilt: »Was bedeutet in Wahrheit diese ganze sogenannte christliche Zivilisation in Afrika? Äußerlich Christenthum, innerlich und in Wahrheit Prügelstrafe, Weibermißhandlung, Schnaps­pest, Niedermetzelung mit Feuer und Schwert, mit Säbel und Flinte. Das ist Ihre Kultur. Es handelt sich um ganz gemeine materielle Interessen, ums Geschäftemachen und um nichts weiter!« erklärte er am 17. Februar 1894 vor dem Reichstag. Doch hatte Bebels Antikolonialismus einen schalen Beigeschmack, wenn er im selben Redebeitrag die äthiopischen Christen als »Barbaren« bezeichnete und behauptete, sie könnten den rationalen Kern des Christentums nicht erfassen. Der Gedanke an eine Unabhängigkeit der deutschen Kolonien kam Bebel nicht. Er forderte schlicht, man solle sie doch an die Engländer verkaufen – oder notfalls verschenken. Bebel blieb noch im »Fortschrittsdenken« des 19. Jahrhunderts verhaftet, mit dem die Welt in Zivilisationsstufen eingeteilt wurde. Europa stand dabei an der Spitze, Afrika am Ende – dies hinterfragten, trotz ihrer engagierten Kritik an den Gewaltmaßnahmen der Kolonialmächte, viele europäische Sozialisten nicht. Erst als nach dem Ersten Weltkrieg in den Kolonien eigene starke Befreiungsbewegungen entstanden, stellte sich eine neue Generation von Sozialisten an ihre Seite.

Die Frau und der Sozialismus

Unzweideutig Maßstäbe setzte Bebel dagegen in einem anderen Bereich, mit dem die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts sich mitunter schwertat: der Gleichberechtigung der Frauen.

Von Beginn an war die Arbeiterbewegung eine Männerbewegung gewesen. Ihre Gründer waren radikale Handwerksgesellen wie Bebel oder dissidente Akademiker wie Marx und Engels, kamen also aus Bereichen, aus denen Frauen systematisch ferngehalten wurden. Trotz einer massiven Zunahme von Frauenerwerbsarbeit in der Industrialisierung wurde diese meist als Ausnahme und Zuverdienst für den »eigentlichen« männlichen Arbeiter angesehen.

Es war August Bebel, der hier vielen den Anstoß zum Umdenken gab. Sein Werk »Die Frau und der Sozialismus« erschien 1879 erstmals in Zürich und wurde in Deutschland sofort verboten. Bebel holte weit aus und beschrieb die Stellung der Frau von der Urgesellschaft bis in die Moderne. Er übernahm dabei Thesen von Charles Fourier und in späteren Auflagen vieles aus Friedrich Engels Standardwerk »Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats« von 1884. Auf dieser Grundlage zeigte Bebel die Wechselhaftigkeit von Geschlechterrollen und entwarf Zukunftsvisionen eines gleichberechtigten Alltags, zum Beispiel in einem Kapitel über kommunistische Küche: »Die Privatküche ist für Millionen Frauen eine der anstrengendsten, zeitraubendsten und verschwenderischsten Einrichtungen, bei der ihnen Gesundheit und gute Laune abhanden kommt (…). Die Beseitigung der Privatküche wird für ungezählte Frauen eine Erlösung sein.« Bebel forderte kollektive Großküchen auf dem neuesten Stand der Technik: »Kein Rauch, keine Hitze, keine Dünste mehr; die Küche gleicht mehr einem Salon als einem Arbeitsraum, in dem alle möglichen technischen und maschinellen Einrichtungen vorhanden sind, welche die unangenehmsten und zeitraubendsten Arbeiten spielend erledigen.« Zur Stellung der Frau in einer sozialistischen Zukunft schrieb er: »Die Frau der neuen Gesellschaft ist sozial und ökonomisch vollkommen unabhängig, sie ist keinem Schein von Herrschaft und Ausbeutung mehr unterworfen, sie steht dem Manne als Freie, Gleiche gegenüber und ist Herrin ihrer Geschicke.«

Bebels Schrift behandelte die »Frauenfrage« nicht in einer Ergänzungsbroschüre abseits des Hauptstranges der sozialistischen Theorie. Er untersuchte alle großen Fragen sozialistischer Politik und stellte dabei das Geschlechterverhältnis ins Zentrum. Diese Anlage und Bebels Autorität führten dazu, daß auch die männlichen Arbeiter um eine Lektüre des Buches nicht herumkamen. Es erlebte 1909 seine 50. Auflage und war das meistgelesene Buch der Bewegung. Bebels einfache Sprache, aber auch sein Mut zur Utopie beflügelten die Phantasie.

Durchgesetzt wurde die Forderung nach Emanzipation jedoch erst durch die Selbstorganisation von Frauen. Clara Zetkin war hier Vorreiterin, sie formulierte in ihrer Broschüre »Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart« von 1889 ein konkretes Aktionsprogramm zur Verbindung von Frauenbewegung und sozialistischer Politik und legte damit die Grundlage für eine eigenständige proletarische Frauenbewegung. Oft genug mußten sie und ihre Mitstreiterinnen damit gegen die eigenen Genossen kämpfen: Auch sozialistische Arbeiter sahen durch die Forderungen nach gleichem Lohn für Frauenarbeit eigene Privilegien bedroht und fürchteten den Verlust ihrer Machtstellung im Haushalt. Bebels Buch gab Frauen Rückhalt in ungezählten Debatten gegen Ehemänner, Väter und Genossen. Zwar führte Bebels Fixierung auf eine utopische Zukunft mitunter auch dazu, daß Forderungen von Frauen im Tageskampf allzu schnell allgemeinen Klassenforderungen untergeordnet wurden. Seine enge Verknüpfung von sozialistischer Zukunftsvision und Frauenbefreiung war jedoch Voraussetzung dafür, daß »die Frauenfrage« nicht ignoriert werden konnte und die Sozialdemokratie von allen Parteien des Kaiserreichs hier die fortschrittlichsten Positionen hatte.

Gegen Homosexuellenverfolgung

In der Tradition des Gleichheits- und Emanzipationsanspruchs des Erfurter Programms stand auch die Intervention August Bebels gegen die Kriminalisierung von Homosexualität – damals ein absolutes Tabuthema. Denn das deutsche Kaiserreich war eine Monarchie von Gottes Gnaden. Der Kaiser war gleichzeitig Oberhaupt der protestantischen Kirche, die das Schulwesen dominierte und Keuschheit predigte. Unter diesen Verhältnissen hatte schon die Frauenbewegung keinen leichten Stand. Forderungen, die darüber hinaus Geschlechtergrenzen und -identitäten in Frage stellten, stießen auf völliges Unverständnis. Transsexualität, Homosexualität und alles andere jenseits der Norm wurde nur in medizinischen Fachdebatten, und zwar als krankhafte Abweichung, thematisiert. Ende des 19. Jahrhunderts bildeten sich allerdings erste Gegenkräfte.

Im Mittelpunkt stand dabei die Debatte um den Paragraphen 175 des deutschen Strafgesetzbuches, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Weibliche Homosexualität war nicht gesetzlich verboten, konnte jedoch zur Einweisung in psychiatrische Einrichtungen führen – eine Form der Verfolgung, die unter Umständen sogar härter war.

Im Jahr 1897 gründete sich mit dem »Wissenschaftlich-humanitären Komitee« die weltweit erste Organisation für die Legalisierung homosexueller Beziehungen. Der erste Schritt des Komitees um den Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld war die Erstellung einer Petition.

Einer der vier Erstunterzeichner war August Bebel. Der mutige Schritt von Bebel und anderen führte dazu, daß insgesamt sechstausend Menschen die Petition namentlich unterstützten und eine landesweite Debatte ausgelöst wurde. Bebel trug die Petition im Januar 1898 auch in den Reichstag und forderte dort öffentlich die Streichung des Paragraphen 175. Es war die weltweit erste Parlamentsdebatte gegen die Diskriminierung von Schwulen. Bebel argumentierte zwar vorsichtig, verwies vor allem auf die widersprüchliche Handhabung des Paragraphen und die faktische Unmöglichkeit, privates Sexualverhalten staatlich zu regulieren. Doch allein die Tatsache, daß er über dieses Thema eine öffentliche Diskussion erzwungen hatte, brach ein Tabu. Die Debatte ermunterte viele andere, die bisher den Kampf nicht gewagt hatten. Bebels couragierter Einsatz erreichte sein Ziel erst Jahrzehnte später, nachdem Generationen von Betroffenen sich selbst organisierten und ihre Kämpfe auf die Straße trugen. Homosexuelle Beziehungen zwischen erwachsenen Männern wurden in der DDR seit 1957 nicht mehr mit Strafe bedroht, die BRD folgte dem erst 1969. Eine vollständige Streichung des Paragraphen 175 erfolgte erst 1994.

Aktiv bis zum Schluß

Bebel blieb bis zu seinem Tod aktiver Vorsitzender der Sozialdemokratie. Als Vertreter des Zentrums der Partei wehrte er sich im sogenannten »Revisionismusstreit« gegen alle Versuche, die SPD in eine Reformpartei umzuwandeln. Für den ganz praktischen Tatendrang einer jüngeren Generation hatte er jedoch mitunter wenig Verständnis. Der Forderung nach einem Generalstreik im Kriegsfall stand er ebenso ablehnend gegenüber wie Rosa Luxemburgs Ideen vom Massenstreik für Wahlrechtsreformen. Bebel sah sich als Vertreter der Einheit der Partei, linke Ausreißer konnte er genauso abblocken wie den Revisionismus. Er erwartete den Zusammenbruch des Kapitalismus als Naturnotwendigkeit, mit Massenstreiks nachzuhelfen erschien ihm gar nicht nötig. Bebels Utopien und Zusammenbruchskonzepte wurden daher schon von Zeitgenossen als Einladung zum Abwarten kritisiert. Die Feuerprobe der Sozialdemokratie erlebte August Bebel jedoch nicht mehr. Er starb am 13. August 1913. Knapp ein Jahr später ermöglichte seine Partei im Reichstag mit ihren Stimmen die Finanzierung des Ersten Weltkriegs.

Hätte Bebel das verhindert? Über diese Frage wurde später heftig gestritten – SPD, USPD, KPD, SED und viele andere reklamierten sein Erbe. Hundert Jahre nach seinem Tod, inmitten einer globalen Krise der Arbeiterbewegungen, erscheinen diese Auseinandersetzungen fern, als ein Streit um den Bart des »Arbeiterkaisers« Bebel. Um seine Bedeutung für heute freizulegen sollten wir den Blick vielleicht weiter zurückwerfen, bevor der Mensch zum Mythos wurde. In den Arbeiterbildungsvereinen der 1860er Jahre war Bebel einer von vielen. Einer, der den »Unterschichten« half, sich selbst zu helfen. Er wußte nicht alles besser, war selbst ein Lernender. Doch nach anfänglichen Zweifeln fand er eine Position und vertrat sie energisch gegen einen liberalen Zeitgeist: Nicht vereinzelt, durch Sparsamkeit und Bescheidenheit, sondern durch kollektive Gegenwehr als Klasse würden die Verachteten ihr Los verbessern. Eine Botschaft, die in Zeiten von Hartz IV aktueller denn je ist.

Ralf Hoffrogge ist Historiker und forscht zur Geschichte sozialer Bewegungen. Von ihm erschien 2011 der Einführungsband »Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland« in der Reihe »theorie.org« (auch im jW-Shop erhältlich).

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/08-13/010.php