18. März 2014

Aus der Offensivtheorie

August Thalheimer

Vor 130 Jahren wurde August Thalheimer geboren. Er war Mitbegründer des Spartakusbundes, der KPD und der KPD-Opposition

Alexander Bahar

Einen »Lakai der Stalinbürokratie« nannte ihn Leo Trotzki, »ein beleidigter, geächteter Lakai, aber doch ein Lakai, der Begnadigung sucht«. Der englische Sozialist Fenner Brockway attestierte ihm »klare Analysen und Aufstellungen von Prinzipien«, um hinzuzufügen: »aber oft ohne Bezug zu den Tatsachen und Kräften der Wirklichkeit«. Wer war dieser Mann, der nach Brockway aussah »wie ein Universitätsprofessor oder Arzt – groß, distinguiert, weißhaarig, gut gekleidet, kultiviert, höflich«?

August Thalheimer wurde am 18. März 1884 im württembergischen Affaltrach als Sohn eines jüdischen Kaufmanns, der der Sozialdemokratie nahestand, geboren. Er ging in Stuttgart aufs Gymnasium, studierte zunächst Medizin, dann Sprachwissenschaft und Völkerkunde an verschiedenen Universitäten und promovierte schließlich 1907 in Straßburg mit einer linguistischen Arbeit zum Dr. phil.

In der SPD gehörte Thalheimer zum Kreis der Württemberger Linken um Clara Zetkin und Friedrich Westmeyer. Wegen seiner radikalen Positionen wurde er 1912 als Chefredakteur des SPD-Parteiorgans Freie Volkszeitung in Göppingen abgesetzt. Bei Kriegsausbruch schloß sich Thalheimer der »Gruppe Internationale« an. 1916 gründete er zusammen mit Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Franz Mehring die Spartakusgruppe.

Führender Kopf

In der neugegründeten KPD wurde Thalheimer nach der Ermordung von Rosa Luxemburg der führende Kopf. Er war Redakteur des theoretischen Organs Die Internationale und zeitweilig Chefredakteur des Zentralorgans Die Rote Fahne. Mit seiner »Offensivtheorie« lieferte er 1921 die theoretische Rechtfertigung für die putschistische »Märzak­tion« mit Béla Kun und Max Hoelz, auch »Mitteldeutscher Aufstand« genannt. Zusammen mit seinem Freund Heinrich Brandler übernahm Thalheimer 1922 die Leitung der Partei. Brandler wurde ihr organisatorischer, Thalheimer ihr theoretischer Führer.

Weil sie sich der Unterstützung der linken Sozialdemokraten nicht sicher war, sagte die KPD-Führung mit Zustimmung des Komintern-Vertreters Karl Radek im Oktober 1923 in letzter Minute einen Aufstand ab, den die KPD zusammen mit der Kommunistischen Internationale vorbereitet hatte. Nur in Hamburg kam es zu einer isolierten Erhebung unter Führung von Ernst Thälmann. Leo Trotzki sprach später von einem klassischen Beispiel, »wie man eine ganz außergewöhnliche revolutionäre Situation von welthistorischer Bedeutung verpassen kann«.

Tatsächlich machten es sich Grigori Sinowjew und Josef Stalin einfach. Um vom Zickzackkurs der Komintern abzulenken, schickten sie Brandler, Thalheimer und Radek als Sündenböcke ins »Ehren-Exil« nach Moskau. Thalheimer hielt die Politik Stalins noch für richtig und kehrte dann infolge einer Amnestie 1928 nach Berlin zurück, wo er gemeinsam mit Brandler gegen den »Linkskurs« der KPD opponierte, was den Ausschluß aus Komintern und ­KPdSU zur Folge hatte. Als Reaktion darauf gründeten die »Rechten« die Kommunistische Partei Deutschlands-Opposition, abgekürzt KPO, wegen ihrer geringen Mitgliederzahl auch als KP-Null verspottet.

Faschismusanalyse

In deren theoretischen Organ Gegen den Strom entwickelte Thalheimer seine Faschismusanalyse. Den Ausgangspunkt bildete die Marxsche Analyse des Bonapartismus, den Thalheimer nicht mit dem Faschismus gleichsetzte, sondern als verwandte Erscheinung interpretierte, wobei er neben gemeinsamen auch abweichende Züge herausarbeitete. Thalheimers Ansatz richtete sich gegen die von der Komintern-Führung vertretene Meinung, die bestehenden Verhältnisse müßten automatisch in faschistische Herrschaftsmethoden münden. Insbesondere wandte er sich – ähnlich Trotzki – gegen eine unanalytische Ausdehnung des Begriffs Faschismus auf andere Erscheinungen und Formen der kapitalistischen Klassenherrschaft. »Zeitweilig wurde bei uns alles und jedes Faschismus«, so Thalheimer, der Begriff »wurde die Nacht, in der alle Klassen- und Parteiunterschiede verschwanden«.

Die KPO wandte sich gegen die Sozialfaschismustheorie der KPD und gegen die Spaltung der Gewerkschaften und Arbeiterorganisationen, wie sie die KPD mit ihrer »Revolutionären Gewerkschafts-Opposition« betrieb, aber auch gegen die Kapitulationspolitik der SPD. Statt dessen warb sie (erfolglos) für eine proletarische Einheitsfront gegen die NSDAP. 1933 gingen Thalheimer und Brandler ins französische Exil.

Gegen Volksfront

Dort wurden Thalheimer, seine Frau Cläre und Heinrich Brandler als feindliche Ausländer bei Kriegsbeginn interniert, 1941 gelang ihnen die Ausreise nach Kuba. Dort lehnten Thalheimer und Brandler die nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wiederbelebte Volksfrontlinie ab. Damit waren sie in der kleinen deutschen Emigrantenkolonie der Karibikinsel weitgehend isoliert, zumal die KP Kubas sich seinerzeit in einer »Volksfront« mit dem späteren Diktator Batista befand. Thalheimer lebte mehr schlecht als recht von Sprachunterricht, Übersetzungen sowie bescheidenen Unterstützungen durch Verwandte seiner Frau und durch politische Freunde. Mehrere Mitglieder seiner Familie wurden von den Nazis umgebracht.

Nach dem Ende des NS-Regimes verweigerten die alliierten Besatzungsbehörden Thalheimer und Brandler die Rückkehr nach Deutschland. Eine kritische Schrift, die Thalheimer 1946 unter dem Pseudonym Aldebaran publizierte, dürfte hierbei eine Rolle gespielt haben. Darin prangerte Thalheimer die »Deutschlandpolitik der Großmächte nach dem Zweiten Weltkrieg« an, geißelte die Potsdamer Beschlüsse als Diktat und argumentierte u.a. scharf gegen die These von der deutschen Kollektivschuld. Die Broschüre hatten Mitglieder der westdeutschen »Gruppe Arbeiterpolitik«, der Nachfolgeorganisation der KPO, verbreitet. Ihnen gab Thalheimer von Kuba aus in den »Briefen aus der Ferne« politische Empfehlungen. Im Osten ordnete sich ein Teil der früheren Anhänger Brandlers und Thalheimers in der SED ein, andere blieben in politischem Kontakt zu den westdeutschen Genossen, ab 1947 wurden die KPO-Leute aus der SED hinausgedrängt.

August Thalheimer starb am 19. September 1948 in Havanna. Von der Linken weitgehend vergessen, wurden seine Schriften zur Faschismustheorie erst in der Folge der Studentenbewegung wiederentdeckt und -gelesen.

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