2. Dezember 2013

Aus der Rolle gefallen

Bad Salzungen, September 1990: NVA-Soldaten begutachten die neue Bundeswehr-Uniform - Fotoquelle: BundesarchivChristian Lamontagne/Cosmos/ Arte France, Bild 183-1990-0920-018 / Hirschberger, Ralph / CC-BY-SA

»Die verratene Armee« – ein Buch über das Ende der Nationalen Volksarmee, die einzige deutsche Armee, die nie Krieg geführt hat

Peter Wolter

Seit es einen deutschen Staat gibt, hatten alle seine Armeen laut jeweiliger Verfassung die Aufgabe, den Frieden zu sichern und die Nation gegen Angriffe von außen zu verteidigen. Das hört sich zwar immer wieder gut an – diese hehren Versprchungen haben sich allerdings als Täuschung erwiesen: Weder Reichswehr noch Wehrmacht haben jemals den Frieden gesichert, sie haben Angriffskriege geführt. Auch die Bundeswehr beteiligt sich an völkerrechtswidrigen Aggressionen, mit angestoßen durch die früheren Antikriegsparteien SPD und Grüne.

Von »Verteidigung« kann ebenfalls keine Rede sein: Die fand nämlich im Falle der Reichswehr und der Wehrmacht lediglich auf dem Rückzug von Angriffskriegen statt. Auch die von Nazigenerälen aufgebaute Bundeswehr hatte im Grunde nie etwas zu verteidigen, weil niemand Deutschland angreifen wollte. Daß sich die Sowjetunion und ihre Verbündeten nach den Erfahrungen mit dem deutschen Faschismus gegen eventuelle neue Überfälle rüsteten, wurde flugs als Bedrohung ausgegeben, gegen die sich der Westen verteidigen müsse. Nachdem sich der Warschauer Pakt aufgelöst hatte, war auch für die Bundeswehr die Bahn frei: Ihre Führung baut seit Jahren zielstrebig die Fähigkeit aus, punktgenau dort zu intervenieren, wo Wirtschaftsinteressen Deutschlands oder befreundeteter Länder und Konzerne bedroht sind.

Nur eine Armee ist aus der Rolle gefallen: die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR. Warum und wie ist sie untergegangen? In dem Buch »Die verratene Armee« versuchen die Autoren Uwe Markus und Ralf Rudolph, die Endphase der NVA nachzuzeichnen, belegt durch viele Zitate. Angereichert wird die Darstellung durch Zeitzeugenberichte früherer Offiziere.

Nach dem Anschluß der DDR an die BRD war zwar versprochen worden, sie in die Bundeswehr einzugliedern – geschehen ist den Autoren zufolge in dieser Hinsicht aber so gut wie gar nichts. Hochmodernes Militärgerät aus sowjetischer Produktion wurde an dubiose Potentaten verscherbelt. Wichtigster Strippenzieher dabei war Holger-Ludwig Pfahls (CSU), damals Staatssekretär im BRD-Verteidigungsministerium. Im Zusammenhang mit anderen Geschäften wurde er 2011 wegen betrügerischen Bankrotts und Betrugs zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Das hochqualifizierte Personal wurde zum größten Teil auf die Straße gesetzt. Aus westlicher Sicht verständlich – mit Kommunisten wollten sich die Militärpolitiker des Westens nun wirklich nicht belasten. Renten und Bezüge wurden minimiert, das Tragen von DDR-Orden wurde verboten, ebenso der Zusatz »außer Dienst« (a.D.) vor dem früheren DDR-Dienstgrad. Seit einigen Monaten häufen sich sogar Forderungen, bei Traditionsveranstaltungen das Tragen von DDR-Uniformen unter Strafe zu stellen.

Aber wie konnte es dazu kommen, daß diese hochmotivierte Armee mit ihren 184000 Soldaten und Offzieren fast spurlos verschwindet? Welche Rolle haben diese intakten Streitkräfte in der Endphase der DDR gespielt, als ringsherum alle staatlichen Institutionen bröckelten, um schließlich zusammenzubrechen? Objektiv gesehen war der Anschluß der DDR eine Konterrevolution – hätte die NVA sich ihr nicht entgegenstellen müssen? Wie hat sich die politische Führung verhalten?

Gleich zu Anfang des Buches heißt es, »daß die noch in Amt und Würden befindliche Führungsspitze der NVA den Herausforderungen der System- und Staatskrise nicht gewachsen« war. Es habe 1989 und 1990 zwar einige Reformen gegeben, diese seien aber fünf Jahre zu spät gekommen. »Der Realitätsverlust des Ministers und einiger Mitglieder seines Führungszirkels berauben die Armeespitze in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 jeder Entscheidungsfähigkeit. Als die DDR-Bürger die Grenzübergangsstellen stürmten, sitzen die Führungskräfte der Armee nichtsahnend beisammen, um politischen Leerformeln ihres Ministers zu lauschen.«

Auch wenn die schon im Buchtitel angesprochene These der Autoren stimmen sollte, daß sowohl die politische als auch die militärische Führung die NVA verraten haben – diese erste sozialistische Armee auf deutschem Boden hat für alle Zeiten Maßstäbe gesetzt: Sie hat weder ein anderes Land angegriffen noch irgendwo in der Welt den Frieden gefährdet. Und als sie abtreten mußte, trat sie eben ab: Gedemütigt, aber friedlich; ohne einen Schuß abgegeben zu haben.

Nichts von dem darf man von der Bundeswehr erwarten: Sie führt Angriffskriege und bereitet weitere vor. Und falls das kapitalistische System durch soziale Unruhen gefährdet sein sollte, wird sie auch im Inland eingreifen. Die gesetzlichen Grundlagen dafür liegen vor.

Uwe Markus/Ralf Rudolph: Die verratene Armee. Phalanx-Verlag, Berlin 2013, 300 Seiten, 17,50 Euro

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