5. Januar 2012

Befreiung von Moskau

Von leichten Panzern dicht begleitete sowjetische Skitruppen im Angriff vor Moskau. Die Winteroffensive der Roten Armee 1941/42 drängt die abgekämpften deutschen Truppen bis zu 300 Kilometer von der Hauptstadt ab - Quelle: jW-Archiv

»Barbarossa«: Das Entscheidungsjahr 1942. Teil I: Zwei Offensiven

Dietrich Eichholtz

Schon Ende 1941 war der »Barbarossa«-Plan gescheitert. Noch hatte die Wehrmacht die Fortsetzung ihrer Eroberungsabsichten in der UdSSR für das Jahr 1942 festgeschrieben. Den Eintritt der USA in den Krieg hatte sie aber erst nach der Erringung unwiderruflicher Erfolge im Osten erwartet. Nach Beginn des Krieges im Pazifik hatte Hitler in einer Art Flucht nach vorn, seinem Prestige zuliebe, am 11. Dezember 1941 den USA vorweg den Krieg erklärt.

Mit dem sich global ausweitenden Krieg stand der deutsche Imperialismus vor neuen existenzbedrohenden Problemen. Bedroht waren auf eine höchst direkte Weise das faschistisch besetzte Europa im Norden, im Westen und im Süden. Der italienische Verbündete konnte, auch mit deutscher Hilfe, der britisch-amerikanischen Militär- und Rüstungsmacht in Nordafrika nur wenige Monate standhalten. Die französischen Kolonialbesitzungen in Westafrika und anderswo mußten über kurz oder lang der Invasionsmacht der westlichen Alliierten anheimfallen. Die deutschen See- und Luftstreitkräfte würden in Europa und auf dem Atlantik in absehbarer Zeit überlegenen Gegnern ausgeliefert sein.

Der unmittelbarste und gefährlichste Gegner der Hitler-Wehrmacht war und blieb die Rote Armee. Sie brachte im Jahresverlauf 1942 das für Freund und Feind unglaubliche Wunder zustande, auch die zweite Sommeroffensive der Naziwehrmacht nicht nur abzuschlagen, sondern an der Front und im Hinterland die den Krieg verändernde welthistorische Schlacht von Stalingrad vorzubereiten. Die während des Jahres anlaufenden Lend-Lease-Lieferungen der westlichen Alliierten über Murmansk, den Iran und Wladiwostok stellten zwar eine – für dieses Jahr meist überschätzte – Hilfe für den sowjetischen Verbündeten dar; für alle Zukunft wird dagegen einmalig die opfervolle Verlagerung der Industrie in den weiten Osten des Landes, der Aufbau von 1500 rüstungsindustriellen Werken dort in unvorstellbar kurzer Zeit bleiben.

Offensive der Roten Armee

Die Rote Armee befreite in der Winteroffensive 1941/42 – ihrer ersten siegreichen Offensive – die Hauptstadt Moskau aus der tödlichen Gefahr einer Umklammerung und Vernichtung (siehe jW-Thema vom 30.9.2011). Sie drängte die Wehrmacht auf einer Frontbreite von über 600 Kilometern in blutigen Kämpfen 150 bis 300 Kilometer von der Stadt ab. Das war ein historischer Sieg – der erste im gesamten Krieg – über die stärkste Heeresmacht der Welt. Die sowjetische Führung ließ auch weiterhin auf der riesig ausgedehnten Front angreifen, konnte aber weder die Blockade Leningrads durchbrechen noch auf der Krim festen Fuß fassen, um das belagerte Sewastopol zu entlasten. In deutscher Hand blieben Smolensk, Kursk, Kiew, Charkow, Stalino, Dnepropetrowsk und die Küste des Asowschen Meeres.

Die dramatischen Ereignisse des Winters können nur richtig verstanden werden, wenn die ungeheure Last – Blutlast, wirtschaftliche Last, Hungerlast –, die die UdSSR damals trug, gewürdigt wird. Es war für das Land das schwerste Jahr des Krieges. Militärisch beruhte die Offensive, die vom 5./6. Dezember 1941 bis in den März 1942 hinein dauerte, noch weitgehend auf dem im Jahre 1941 vorhandenen Verteidigungsstand. Außer einer Anzahl von aus dem Osten der UdSSR herbeigeschafften Divisionen und kaum ausgebildeten Reserveeinheiten waren es die aus den Millionen des alten Mannschaftsbestandes übriggebliebenen Soldaten, die den erschöpften und für den Winter unzureichend ausgerüsteten Gegner das Fürchten lehrten.

Bis Anfang Dezember 1941 hatte die Rote Armee an Toten und Verwundeten, gefangenen Soldaten und ermordeten oder verhungerten Zivilisten mit Sicherheit weit über fünf Millionen Menschen verloren, ein Vielfaches der deutschen Verluste. Ihre Ausrüstung mit Waffen und Kriegsgerät hatte zu Beginn des Krieges trotz langjähriger Rüstungsanstrengungen weder an Menge noch (mit Ausnahmen) an Qualität den Anforderungen des aufgezwungenen Krieges entsprochen. Ähnliches galt für eine entsprechende soldatische Ausbildung. In der Führungselite der Roten Armee waren die Verluste seit den Prozessen gegen Teile der Militärführung von 1937/38 zuerst schwer aufzuholen.

Die Rettung der sowjetischen Rüstungsindustrie durch die rücksichtslose Verlagerung ins Hinterland, vielfach bis zum Ural und nach Westsibirien, war mit chaotischen Zuständen und Einbrüchen in der zivilen Industrie erkauft. Sie kostete zudem zuviel Zeit, als daß sie sich schon 1941 wesentlich hätte auswirken können. Am Verlegungsort »fehlten die meisten Dinge, die für eine Wiederinbetriebnahme der evakuierten Kriegsfabriken erforderlich waren – zusätzliche Arbeitskräfte, Unterkünfte und Lebensmittelvorräte, Transportverbindungen, Strom, Lieferanten für Metallprodukte und Ersatzteile sowie jegliche Art finanzieller und wirtschaftlicher Infrastruktur.« (Mark Harrison, »›Barbarossa‹: Die sowjetische Antwort, 1941«, in: Bernd Wegner (Hrsg.), Zwei Wege nach Moskau, München 1991, S. 460)

Daher führte die erzwungene Umstellung zum empfindlichen Absinken auch der Rüstungsproduktion und zu geradezu übermenschlichen Arbeitsanstrengungen, zu Überarbeit, auch bei Frauen und Kindern, zu Wohnungsnot, zu Hungerzuständen nicht selten auch bei der schwer arbeitenden Bevölkerung.

Verlust und Verschleiß von Waffen und Gerät waren 1941/42 noch unaufholbar. Im Winter verlor die Rote Armee in einer durchschnittlichen Woche ein Sechstel ihrer Flugzeuge, ein Siebentel ihrer Geschütze und Mörser und ein Zehntel ihrer gepanzerten Fahrzeuge. Die Gründe lagen in der unerhörten Härte der Kämpfe, aber auch in dem unzureichenden Ausbildungsstand, in der anfangs fehlenden Kampferfahrung und in der Rücksichtslosigkeit des Masseneinsatzes der immer jüngeren und unerfahreneren Soldaten, die die Toten und Gefangenen zu ersetzen hatten.

Der Verlust der wichtigsten Industrie- und Rohstoffstandorte im Jahr 1941, besonders im Donez-Becken, die Verlagerungen nach Osten, die Neueinrichtung ganzer Industriestandorte, insbesondere die Opfer an Facharbeitern und gelernten Kräften brachten nicht nur die zivile Industrie nahe an den Zusammenbruch, sondern führten auch zu Einbrüchen in wichtige Rüstungsfertigungen, deren schwere Auswirkungen sich gerade in der Winteroffensive 1941/42, aber auch während der folgenden Jahre zeigten. Die amerikanisch-britischen Hilfslieferungen an die UdSSR kamen im Laufe des Jahre 1942 äußerst langsam in Gang, wie auch US-amerikanische Verantwortliche einräumten.

Die Produktion der modernen Panzer (T-34 und KW) brach von monatlich 540 auf 400 ein; an Granaten produzierte die Industrie nur 20 bis 30 Prozent des Plansolls; die Flugzeugfertigung fiel schon im Dezember 1941 auf 39 Prozent, diejenige von Triebwerken auf 24 Prozent des Plans.

Die Zeit des Sieges der Roten Armee in der Winteroffensive war demnach zugleich die Zeit der besonders schweren wirtschaftlichen Lage in der UdSSR – einschließlich der Rüstungsproduktion. Sie war nur durchzustehen dank des Enthusiasmus und der Opferbereitschaft der breiten Massen des Volkes.

Der geschilderte Zustand des sowjetischen Hinterlands war eine der wichtigsten Ursachen für das Ende der zum Frühjahr hin immer weniger erfolgreichen sowjetischen Offensive. Diese Phase ist von sowjetischer bzw. russischer Seite unzulänglich untersucht. Aber die Urteilsfähigen scheinen darin übereinzustimmen, daß es der damaligen militärischen Führung, darunter Generalstäbler wie B. M. Schaposhnikow, G. K. Shukow und A. M. Wassilewski, nicht gelang, sich gegen den damaligen Kurs Stalins durchzusetzen. Die ersten bedeutenden Erfolge der Offensive hatten in Moskau trügerische Hoffnungen geweckt, den Feind weiter zum Rückzug zwingen und vom heimatlichen Boden vertreiben zu können. So wurde die verfügbare Stoßkraft nicht im Mittelabschnitt konzentriert, sondern auf der Hunderte Kilometer langen Front zersplittert eingesetzt.

Wechsel der Initiative

Die deutsche Führung hatte seit ihrer Niederlage vor Moskau und während der sowjetischen Offensive Heimat und Front gründlich zu mobilisieren begonnen. Die durchgreifendsten Maßnahmen betrafen die Reorganisation der Rüstungswirtschaft unter Albert Speer als Nachfolger des verunglückten Ministers Fritz Todt, der die geschlossene Organisation der Rüstungskonzerne (»Selbstverantwortung«) hinter sich versammelte; die Rekrutierung eines Millionenheeres von Zwangsarbeitern unter Hitlers Gauleiter Fritz Sauckel; schließlich die »Lösung« der Ernährungskrise durch die brutale Hungerpolitik der Backe/Himmler/Göring in den besetzten Gebieten und gegenüber den Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen, Juden und KZ-Häftlingen.

Mehr und mehr Soldaten und Waffen strömten in den Osten, wo im Laufe des Frühjahrs wieder ein furchterregendes deutsches Angriffsheer entstand, wenn auch nicht mehr vergleichbar mit dem Heer des vergangenen Sommers und aufgefüllt mit etwa 30 Prozent verbündeter Truppenkontingente. Bis April/Mai 1942 erreichte die Produktion von Panzern, Waffen (darunter neue Typen) und Munition jeweils das Anderthalbfache des Ausstoßes vom Jahresbeginn.

Hitler und seine Generale bildeten sich ein, daß ein schneller Sieg über die UdSSR im Jahr 1942 die Chance bieten würde, der zusammengefaßten US-amerikanisch-britischen Kriegsmacht entgegenzutreten, die inzwischen ungeheure Rüstungsprogramme aufgelegt hatte. Der sowjetische Feind, so nahmen sie an, stand vor dem Zusammenbruch, war am Ende mit seiner Kampfkraft und seinen Reserven. Der Kriegseintritt der USA schuf allerdings, so Hitlers Sorge, neue Bedrohungen in Westeuropa, in Nordeuropa und in Afrika, gegen die man ebenfalls massive Kräfte aufbieten müsse (»Atlantikwall«).

Die Befehle Hitlers und des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) für die »Rüstung 1942« waren um die Jahreswende gegeben. Die Weisungen für die Führung des Feldzuges in diesem Jahr erteilte der »Führer« am 5. April und, im Vollgefühl der ersten Erfolge im Sommer, am 23. Juli 1942. In der Weisung Nr. 41 vom 5. April nannte er als Hauptziel der Sommeroffensive, »alle greifbaren Kräfte (…) im Süd-Abschnitt zu vereinigen mit dem Ziel, den Feind vorwärts des Don zu vernichten, um sodann die Ölgebiete im kaukasischen Raum und den Übergang über den Kaukasus selbst zu gewinnen«.

Für die Offensive, die diesmal in südöstlicher Richtung bis zu anderthalbtausend Kilometer weit führen sollte, waren wichtige Vorbereitungen zu treffen: insbesondere die Lage an der kritischen Mitte der Front zu bereinigen, die Halbinsel Krim zu »säubern«, möglichst die Festung Sewastopol zu erobern, die Gefährdung des Donez-Reviers, besonders Charkows, zu beseitigen und später – nach Lage – »Leningrad zu Fall zu bringen«.

Die schweren Kämpfe, besonders auf der Krim sowie um Charkow und die Donez-Übergänge, kosteten die Wehrmacht viele Wochen Zeit, ehe sie am 28. Juni zur Offensive über Woronesh in Richtung auf Don und untere Wolga und den Kaukasus antrat.

Ungeachtet der Abgabe mehrerer großer Truppeneinheiten nach dem Westen gewann die mit allen Mitteln aufgefüllte Heeresgruppe Süd (im Juli geteilt in A und B unter neuen Befehlshabern) im Donez- und im großen Don-Bogen bedeutend an Raum, ohne freilich die Rote Armee zu den geplanten Vernichtungsschlachten treiben zu können.

Hitler und die Heeresleitung steckten in der Gewißheit künftiger Siege ihre Ziele immer weiter. Nach der Weisung Nr. 44 vom 21. Juli 1942 sollten der UdSSR »in kurzer Zeit« die Öllieferungen und alle übrigen Verbindungen zum Kaukasus gesperrt werden. Währenddessen werde man im Norden wieder angreifen, Leningrad »spätestens im September« nehmen und die Murmanbahn bei Kandalakscha unterbrechen.

Nur zwei Tage später behauptete Hitler wahrheitswidrig in der Weisung Nr. 45 vom 23. Juli 1942, die »weiten Ziele« im Süden seien »im wesentlichen erreicht«, und stellte zugleich Forderungen, deren Irrealität jetzt selbst Generalstäblern der obersten Garnitur einleuchtete. Generalstabschef Franz Halder vertraute erbittert seinem Tagebuch an: »Die immer schon vorhandene Unterschätzung der feindlichen Möglichkeiten nimmt allmählich groteske Formen an und wird gefährlich. Es wird immer unerträglicher. Von ernster Arbeit kann nicht mehr die Rede sein.« (23.7.).

Der »Führer« hatte für das restliche Jahr befohlen:

– »die gesamte Ostküste des Schwarzen Meeres in Besitz zu nehmen«; dazu alle gangbaren Pässe auszunutzen und alle verfügbaren Hochgebirgseinheiten zusammenzufassen,

– den »Übergang über den Kuban zu erzwingen und das Höhengelände von Maikop und Armawir in Besitz zu nehmen«,

– zugleich den »Raum um Grossnyi zu gewinnen und mit Teilkräften die Ossetische und Grusinische Heerstraße möglichst auf den Paßhöhen zu sperren«. Die Pässe seien, so Hitler hierzu mündlich, anschließend für den »Vorstoß einiger motorisierter Expeditionskorps via Iran, Irak nach Mesopotamien« zu nutzen,

– »im Vorstoß entlang des Kaspischen Meeres« sei dann »der Raum um Baku in Besitz zu nehmen«,

– von Heeresgruppe B sei »neben dem Aufbau der Donverteidigung im Vorstoß gegen Stalingrad die dort im Aufbau befindliche feindliche Kräftegruppe zu zerschlagen, die Stadt selbst zu besetzen und die Landbrücke zwischen Don und Wolga sowie den Strom selbst zu sperren«.

– Im Anschluß hieran seien schnelle Verbände entlang der Wolga anzusetzen mit dem Auftrag, bis nach Astrachan vorzustoßen und dort gleichfalls den Hauptarm der Wolga zu sperren. Die Luftwaffe habe »dem Gegner die Ölzufuhr aus dem Kaukasus baldigst zu sperren«.

Die schwerste Sorge der Faschisten während des Vormarschs im Sommer und Herbst war erklärtermaßen die Versorgung mit Treibstoff. Hitler selbst hatte kurz vor Beginn der Offensive in Poltawa der dort versammelten Generalität erklärt: »Wenn ich das Öl von Majkop und Groznyj nicht bekomme, dann muß ich diesen Krieg liquidieren.«

Vor Stalingrad

Im August war die 6. Armee bis ins Vorgelände von Stalingrad gelangt und die Heeresgruppe A ins Kuban-Gebiet und in das – restlos zerstörte – Maikoper Ölrevier an der Paßstraße nach Tuapse. Dann erschöpfte sich der Elan der deutschen Offensive unter zunehmenden Verlusten durch den jetzt unüberwindlichen sowjetischen Widerstand, lange bevor noch das Herbst- und Winterwetter die Transport- und Nachschubschwierigkeiten verzehnfachte. Jetzt und in Zukunft gab es für die Wehrmacht keinen Zugriff auf die Wolga und ihren Unterlauf, keinen Weg nach Baku, nach dem Iran oder Irak, keine Überwindung der Gebirgspässe, keinen Zugang auf die Schwarzmeerküstenstraße und keinen Schwarzmeerhafen, von Zielen wie Leningrad und der Murmanbahn zu schweigen.

Als im Laufe des September offensichtlich war, daß das von den Faschisten in der UdSSR verfolgte Konzept vollständig scheiterte: nämlich der künftigen militärischen und wirtschaftlichen Übermacht der Antihitlerkoalition durch die angestrebten Siege im Osten zu begegnen und den sowjetischen Gegner kurzfristig und auf Dauer auszuschalten, verlor die deutsche Führung den letzten Rest an realistischem Einschätzungsvermögen. Hitler geriet über die Lage in hellste Aufregung. Das Scheitern der ursprünglichen Strategie für 1942 entlud sich in einer Führungskrise, die die bisherige militärische Führungsstruktur einschneidend veränderte. Ohne auf Widerstand zu stoßen, wechselte der »Führer« Marschälle und Generale im Dutzend aus, voran den Chef des Heeresgeneralstabs, Franz Halder. Im Hauptquartier und bis in die Fronteinheiten hinein regierte jetzt allein Hitler mit seinen Schreibtischbefehlen, ausgeführt vom liebedienerischen Korps der Generalität. Hitlers Kreaturen waren es, die fortan auch die unsinnigsten Befehle des »Führers« umsetzten. Selbst vorsichtige Vorstellungen der Wehrmachtsführung, die hochkritische Situation an Wolga und Kaukasus zu entschärfen und Kräfte aus Stalingrad für das Fortkommen am Kaukasus freizumachen, lehnte Hitler schroff ab, »nicht nur aus operativen, sondern auch aus psychologischen Gründen«. Die Einnahme von Stalingrad sei »dringend notwendig (…) für Weltöffentlichkeit und Stimmung der Verbündeten«.

Die beschriebenen Rückschläge und die seit langem unsichere Gesamtkriegslage überforderten den Diktator maßlos. Sie ließen seine Megalomanie und Brutalität über alles Maß anwachsen, steigerten zugleich aber auch die eigene tiefe Unsicherheit und sein krankhaftes Mißtrauen. Ende September/Anfang Oktober verließ er sein Hauptquartier, um in Berlin mehrere Reden zu halten, in denen er, vor allem vor seinen Parteigetreuen, die Erfolge im Osten pries und den Fall Stalingrads für die allernächste Zeit ankündigte – wo in Wirklichkeit seit August von der 6. Armee wöchentlich 5000 gefallene Soldaten und über 130 tote Offiziere registriert wurden.

Als er am 7. November wiederum das Frontquartier verließ und nach München fuhr, überraschte ihn die Nachricht von der alliierten Landung in Nordwestafrika. In Berchtesgaden erreichte ihn die Hiobsbotschaft vom Beginn der sowjetischen Großoffensive bei Stalingrad am 19./20. November.

Teil II (und Schluß) folgt in der morgigen ­Ausgabe

Weitere Beiträge von Dietrich Eichholtz finden sich in der jW-Broschüre »›Barbarossa‹. Raubkrieg im Osten« (Berlin 2011, 5,80 Euro, im jW-Shop erhältlich, Bestellungen an ni@jungewelt.de)

Dokument:

Auszug aus Hitlers Weisung Nr. 45 vom 23.7.1942 für die Fortsetzung der ­Operation »Braunschweig«

I. In einem Feldzug von wenig mehr als drei Wochen sind die von mir dem Südflügel der Ostfront gesteckten weiten Ziele im wesentlichen erreicht worden. (…)

II. Ziele der weiteren Operationen:

A) Heer:

1.) Die nächste Aufgabe der Heeresgruppe A ist es, nunmehr die über den Don entkommenen feindlichen Kräfte im Raum südlich und südostwärts Rostow einzuschließen und zu vernichten. (…)

2.) Nach Vernichtung der feindlichen Kräftegruppe südlich des Don ist es die wichtigste Aufgabe der Heeresgruppe A, die gesamte Ostküste des Schwarzen Meeres in Besitz zu nehmen und damit die Schwarzmeerhäfen und die feindliche Schwarzmeerflotte auszuschalten. (…)

Mit einer weiteren Kräftegruppe, bei der alle übrigen Gebirgs- und Jg.Div. zusammenzufassen sind, ist der Übergang über den Kuban zu erzwingen und das Höhengelände von Maikop und Armavir in Besitz zu nehmen. (…)

3.) Zugleich ist mit einer im wesentlichen aus schnellen Verbänden zu bildenden Kräftegruppe unter Aufbau eines Flankenschutzes nach Osten der Raum um Grossnyi zu gewinnen und mit Teilkräften die Ossetische und Grusinische Heerstraße möglichst auf den Paßhöhen zu sperren.

Anschließend ist im Vorstoß entlang des Kaspischen Meeres der Raum um Baku in Besitz zu nehmen. (…)

4.) Der Heeresgruppe B fällt – wie bereits befohlen – die Aufgabe zu, neben dem Aufbau der Donverteidigung im Vorstoß gegen Stalingrad die dort im Aufbau befindliche Kräftegruppe zu zerschlagen, die Stadt selbst zu besetzen und die Landbrücke zwischen Don und Wolga sowie den Strom selbst zu sperren.

(…) Im Anschluß hieran sind schnelle Verbände entlang der Wolga anzusetzen mit dem Auftrag, bis nach Astrachan vorzustoßen und dort gleichfalls den Hauptarm der Wolga zu sperren.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2012/01-05/018.php

Welthistorische Wende

»Barbarossa«: Das Entscheidungsjahr 1942. Teil II (und Schluß): Stalingrad und die Antihitlerkoalition

Dietrich Eichholtz

»Das Jahr 1942 (…) umfaßte eine solche Menge an Momenten der schwierigsten Lage, aus denen es, wie es schien, keinen Ausweg gab und aus denen sich dennoch einer fand, eine solche Menge an entscheidenden Veränderungen in der Frontlage – mal dramatische, mal für uns glückliche –, daß all das damals Erlebte bis heute in der Erinnerung als eine pausenlose innere Anspannung zurückbleibt (…). Wenn man versucht, sich an das Wichtigste zu erinnern, so sind ›Stalingrad‹ und ›Standhalten‹ die in der Seele verankerten wichtigsten Worte des Jahres 1942.«

Der sowjetische Schriftsteller Konstantin Simonow (1915–1979) nach dem Sieg

Die Naziwehrmacht, obwohl im Jahr 1941 nach monatelangem Vormarsch erschöpft, in ununterbrochenen Kämpfen auch materiell geschwächt und personell zunehmend dezimiert, überstand die schwere Niederlage des Winters und beantwortete sie nach durchgreifender Vorbereitung von Front und Heimat mit einer Großoffensive in Richtung Stalingrad, Noworossijsk und zu den Pässen des Kaukasus, annähernd eine halbe Million Quadratkilometer erobernd. Wehrmacht und Hitler-Regime hielten sich nach wie vor für unüberwindlich, der Roten Armee und den »minderwertigen Ostmenschen« überlegen und wähnten die endgültige Unterwerfung der Sowjetmacht nahe.

Die deutsche Offensive

Der Naziführung, der Generalität, der Rüstungswirtschaft und dem faschistischen Terrorapparat war es bis zum Sommer 1942 gelungen, Millionen deutsche und ausländische Arbeitskräfte für erhebliche Anstrengungen in der Rüstungswirtschaft einzusetzen und neu ausgehobene Soldaten und verbündete Divisionen in wachsender Zahl für eine große Offensive im Süden der Front zu mobilisieren. Von einer dauerhaften Schwächung der Roten Armee überzeugt, spannten die Deutschen ihre Ziele weiter denn je: zum Öl des Kaukasus, zum Schwarzen Meer, zur unteren Wolga, nach Baku, zum Nahen Osten und zum Persischen Golf, womöglich nach Indien, wo man sich mit den Japanern treffen zu können glaubte.

Im September war keines dieser Ziele erreicht. Der Marsch nach Stalingrad geriet ins Stocken. In der Stadt selbst erwies sich der Widerstand als unüberwindlich. Jedes Haus, jede Ruine wurde umkämpft; jeder Meter kostete Blut. Die Wolga und die Flußübergänge blieben unter sowjetischer Kontrolle, ebenso wie die Ostküste des Schwarzen Meeres. Am Kaukasus lahmte der deutsche Vormarsch. Kein Gebirgspaß geriet in deutsche Hand. Um den Übergang nach Tuapse und um die dort völlig zerstörten Erdölfelder von Maikop dauerte der Kampf Wochen und Monate, bis in der Regenzeit die Wege unpassierbar wurden. Unablässige sowjetische Angriffe waren währenddessen in der Mitte der Front (Rshew/Wjasma; Woronesh) und im Norden (Leningrad) abzuwehren.

Dem deutschen Vormarsch in Nordafrika setzten überlegene britische Truppen 200 Kilometer vor Kairo bei El Alamein ein endgültiges Ende. Ende Oktober begannen ihre Offensive und der Rückzug des deutsch-italienischen Afrikakorps über Hunderte von Kilometern. Während dieser Zeit landeten US-Amerikaner und Briten mit großer Truppenmacht bei Casablanca, Oran und Algier (7./8. November) und nahmen ungehindert durch die anfängliche Vichy-französische Gegenwehr Kurs auf Tunis und Libyen. Damit drohte die Invasion Europas von Süden her.

Krise der Wehrmachtführung

An der Ostfront stellte sich das Ergebnis des bisherigen Kampfes auf beiden Seiten außerordentlich widersprüchlich dar. Die Rote Armee hatte die unmittelbare Gefahr für Moskau gebannt und behielt die eroberten Räume in einem weiten Umkreis westlich und südlich der Stadt fest in der Hand. Hitlers Vorgabe, Leningrad Mitte September 1942 zu nehmen und zu »vernichten«, wurde schon Ende August durch eine sowjetische Entsatzoperation durchkreuzt.

Die deutsche Sommeroffensive, lange Zeit von der sowjetischen Führung nicht als Hauptopera­tion erkannt, war bis zum Herbst über tausend Kilometer südwärts vorangekommen und bedrohte ein gewaltiges Gebiet zwischen Wolga, Kaukasusvorgebirge und Taman-Halbinsel.

Als sie aber im September nicht mehr aussichtsreich vorankam und sich überall, besonders in Richtung Stalingrad, aber auch am Kaukasus festlief, erwies sie sich in ihren wesentlichen Zielen als verfehlt. Die Rote Armee zu »vernichten«, sie »in großen Paketen abzuwürgen« (Hitler) und an die große Erdölausbeute zu gelangen, glückte während der Sommer- und Herbstmonate nirgends, und die Zahlen sowjetischer Kriegsgefangener, die auf dem langen Zug nach Süden gemacht wurden, blieben im Vergleich zu denen des Vorjahrs um vieles geringer. Die deutschen Kräfte, auf riesigem Areal zersplittert eingesetzt, erschöpften sich dagegen, immer stärker von Versorgungsschwierigkeiten heimgesucht.

Mordkrieg – Raubkrieg

Im Jahr 1942, als die deutschen Eroberungen sich ausweiteten und schließlich Stalingrad und den Kaukasus erreichten, stieg die Zahl der Mordopfer der Wehrmacht, der SS und der Polizeiorgane auf ihren Höhepunkt. Nicht einmal die Zahl der systematisch und auf Befehl umgebrachten Menschen ist exakt bekannt. Viele Hunderttausende wurden getötet, insbesondere

– Juden (Männer, Frauen und Kinder)

– Partisanen, Partisanen-»Helfer«, Partisanen-»Verdächtige« (Männer, Frauen und Kinder)

– Kriegsgefangene

– Politische Kommissare der Roten Armee

– Staats- und Parteifunktionäre in Verwaltung, Wirtschaft und Intelligenzberufen und andere »Reichsfeinde«

– Städter (Leningrad, Stalingrad, Charkow), die man dem Verhungern aussetzte

– Roma

– Krankenhausinsassen, darunter Geisteskranke.

Der Krieg im Osten war zugleich ein gigantischer Raubzug, und als solcher wurde er seit Beginn von den zentralen staatlichen Stellen, von der Wehrmacht und von der privaten Wirtschaft verstanden. Im Jahre 1942 setzten sich die Vierjahresplanorganisation, die Kontinentale Öl AG, die Montan- und Elektrokonzerne, die Großbanken und der Großhandel bereits überall fest und drängten auf die Privatisierung der sowjetischen Betriebe und Rohstoffquellen. Auch kleinere Betriebe in großer Zahl suchten sich profitable Objekte zu sichern. Zum Zuge kamen einstweilen nur großindustrielle Vorhaben unter staatlicher Kontrolle, etwa das »Iwan-Munitionsprogramm« und das Treuhandschaftsprogramm der Montankonzerne in der »Berg- und Hüttenwerksgesellschaft Ost«.

Aus den Reichtümern des Riesenlandes sollten, so jedenfalls der Plan, zuvörderst die gesamten Kriegskosten bestritten werden.

Der Aufklärungsdienst der Wehrmacht, der der Blindheit der obersten Führung verhaftet war, vermochte zu keiner Zeit zu erkennen, daß die Rüstungs- und militärische Kraft der Sowjetunion sich in beispiellos kurzer Zeit von den Verlusten des Jahres 1941 und auch von der Erschöpfung der eigenen Winteroffensive 1941/42 erholte. Die sowjetischen Verluste bei der Erzeugung von Rohstoffen (Steinkohle über 75 Prozent; Stahl 13,5 Prozent, Erdöl 22 Prozent) waren groß, sehr spürbar die Einbrüche in der Zivil- und Nahrungsmittelproduktion. Trotzdem sind die wichtigsten Großwaffen während des Jahres 1942 in Mengen produziert worden, die die deutsche Aufklärung sich nicht vorstellen konnte und die nur durch die Hingabe der Männer und Frauen des ganzen Landes an die Sache der Landesverteidigung zu erklären sind (siehe Tabelle).

Strategie der Roten Armee

Diese Grundlage ermöglichte es der sowjetischen Führung, über eine wirkungsvolle Abwehr und über eine offensive Strategie auf längere Sicht nachzudenken. Freilich hielt Stalin lange an seiner Befürchtung fest, der deutsche Hauptangriff sei gegen die Mitte der Front, d. h. gegen Moskau gerichtet. Aber die Realität der harten Sommermonate und die Verluste an Donez und Don, später vor Stalingrad und am Fuße des Kaukasus brachten die strategischen Ansichten der führenden Generalstäbler demgegenüber unausweichlich zur Geltung.

Die Rückzüge und Verluste der Roten Armee über Monate hin waren höchst schmerzlich, aber großmaßstäbige Vernichtungsschlachten wie im Jahr 1941 kamen nicht mehr vor. Die deutschen Befehlshaber sprachen schon seit Juli unzufrieden von »Luftstößen« gegen den weichenden Feind, besonders südlich des Don, spürten aber andererseits in Richtung Stalingrad die immer unnachgiebigere Verteidigung.

Nicht wissenschaftlich aufgearbeitet ist das offensichtliche Ausweichen größerer sowjetischer Einheiten vor der Heeresgruppe A bis gegen Ende des Sommers, zumal offiziell der drakonische »Befehl Nr. 227« Stalins vom 28. Juli 1942 existierte: »Keinen Schritt zurück!« Dieser Befehl forderte kategorisch, jeden Fußbreit Boden um jeden Preis zu halten und bedrohte Feiglinge als Verräter der Heimat mit Erschießen. Zur gleichen Zeit wurden neue Tapferkeitsorden gestiftet und Truppenfahnen verliehen. Seit dem 9. Oktober 1942 gab es zwar noch politische Kommissare, aber die militärische Einzelleitung verblieb bei den Kommandeuren.

Immerhin galt es im Generalstab seit Juli 1942, damals unter B. M Schaposhnikow, als unumstößlich, daß Noworossijsk, Stalingrad und der Kaukasus dem Feind nicht überlassen werden würden. Diesem Grundsatz diente, wenn wahrscheinlich auch nicht als von oberster Stelle bestätigte Strategie, die kräfte- und blutschonende Kampfesweise der folgenden Monate im Süden, ebenso wie – in anderem Zusammenhang und unabhängig von operativen Überlegungen – der Befehl 227.

»Uranus« – Der Plan

Am 12. September 1942 beschloß die Moskauer Führung den Plan, bei Stalingrad eine umfassende Offensive vorzubereiten, die das Gesetz des Handelns für die Zukunft in die Hand der Roten Armee legen sollte. Stalin faßte mit seinen engsten Mitarbeitern im Hauptquartier, G.K.Shukow und A. M. Wassilewski, einen Beschluß darüber, für dessen Ausführung er die Verantwortung den beiden Generalstäblern übertrug.

Die komplizierten Umstände des Zustandekommens des mit dem Tarnnamen »Uranus« versehenen Plans sollen hier erörtert werden, ohne daß auf sowjetischer bzw. russischer Seite eine verläßliche Dokumentation vorliegt. Vordem hatte das Moskauer Hauptquartier eine Strategie verfolgt, die hauptsächlich die noch während der Winteroffensive 1941/42 errungenen Erfolge im weiteren Umkreis von Moskau sichern und, wo immer möglich, erweitern sollte. Dieses Ziel wurde nur teilweise erreicht, band aber doch, auch noch während des Sommers und Herbstes, erhebliche deutsche ­Kräfte.

Der enorme Raumgewinn der deutschen Offensive seit Juni in Richtung Südost und die blutigen Verluste auf sowjetischer Seite beunruhigten die sowjetische Führung tief. Das im Sommer verkündete Axiom (Schaposchnikow), daß der Kaukasus, die Schwarzmeerküste, Stalingrad und die untere Wolga nicht aufgegeben würden, schien in Gefahr.

Zugleich wurde dem sowjetischen Oberkommando klar, daß der Widerstand der Roten Armee der Wehrmacht zunehmend größte Schwierigkeiten bereitete und dem deutschen Vormarsch inzwischen weitgehend ein Ende machte. Wichtig war wohl auch, daß früher oder später mit entlastenden Aktionen der westlichen Alliierten, wenigstens aber mit Hilfslieferungen von Waffen und Rohstoffen zu rechnen war.

Unabhängig davon machte die Sammlung der Kräfte des Hinterlandes, besonders der nicht anders als heroisch zu nennende Kampf um die Fortschritte der Rüstungsproduktion im Ural und in Westsibirien, das wirtschaftliche und politische Potential des Riesenlandes sichtbar. Lieferte die Panzerindustrie der UdSSR 1940 etwa 2800 und 1941 6600 Panzer, so verfügte die Rote Armee 1942 über 24000. Während die Flugzeugindustrie 1941 rund 15740 Flugzeuge hergestellt hatte, waren es 1942 weit über 20000. Hinzu kam die Massenproduktion von Geschützen und Granatwerfern.

Damit schienen der Moskauer Führung wichtige Bedingungen gegeben, ihre militärische Strategie zu ändern und dem Feind an der für ihn empfindlichsten Stelle einen konzentrierten Offensivschlag zu versetzen. Die Grundidee für diesen Plan, die offenbar von Shukow als seinem Stellvertreter und Wassilewski als Chef des Generalstabs stammte, wurde von Stalin gebilligt. Die beiden erhielten Generalvollmacht für seine Ausführung. Stalin hatte Ende August Wassilewski und wenig später Shukow nach Stalingrad geschickt, da er die unmittelbare Gefahr voraussah, die die vorrückenden deutschen Truppen für die Stadt bedeuteten. Mit beiden beriet er am 12. September in Moskau. Er bot Verstärkungen an: Panzer, Geschütze, Luftstreitkräfte. Die Generalstäbler gaben zu bedenken, daß die Krise nachhaltig gelöst werden müsse und eine großräumige Gegenoffensive verlange, die die gesamte strategische Lage im Süden zu verändern in der Lage sei. Genauere Berechnungen konnten sie noch nicht vorlegen; »doch war uns klar«, schrieb später Shukow, »daß die Hauptschläge gegen die Flanken der gegnerischen Stalingrader Gruppierung geführt werden mußten, die von rumänischen Truppen gedeckt wurden«. Die Kräfte und Mittel hierfür könnten nicht früher als Mitte November einsatzbereit sein.

Eben am 12. September beriet sich auch Hitler mit Generaloberst Friedrich Paulus (6. Armee) und Generaloberst Maximilian v. Weichs (Heeresgruppe B) über die Lage in Stalingrad und über die Pläne nach Eroberung der Stadt. Hitler verstand sehr wohl die Gefahr aus der Don-Flanke, verbreitete sich aber lieber über Zukunftsaussichten, besonders über das weitere Vordringen von Stalingrad nach Norden und den beabsichtigten Vorstoß auf Astrachan im Süden, und hörte gern die Versicherung v. Weichs’, in den nächsten vierzehn Tagen werde die ganze Aktion abgeschlossen werden können.

Gerade in den kommenden Tagen und Wochen nahmen die Kämpfe in und um Stalingrad eine beispiellose, der deutschen Führung bisher unbekannte Härte an. Im Generalstab stellte man »das allmähliche Ausbrennen der Angriffstruppe« fest (Halder, 20.9.). Allein vom 21. August bis zu 16. Oktober meldete die 6. Armee Verluste von 1068 Offizieren und 39000 Mann. Auf sowjetischer Seite trugen in diesen Wochen die berühmte 62. (W. I. Tschuikow) und Teile der 65. Armee (M. S. Schumilow), ferner die 16. Luftarmee die Hauptlast der Kämpfe, verstärkt durch einige Reserven, die über die Wolga kamen.

Nördlich des Don und jenseits der Wolga wurde die Offensive unter größter Geheimhaltung vorbereitet. Neue Fronten wurden für den Angriff eingeteilt, deren Führung die Generale N. F. Watutin, A.I. Jeremenko und K. K. Rokossowski übernahmen. Die genauere Einweisung aller beteiligten Befehlshaber unter der Verantwortung von Shukow und Wassilewski fand erst von Anfang November an statt. Der Transport von Mannschaften und Material über Don und Wolga an den Brückenköpfen und anderen Übersetzstellen geschah erst jetzt und nur nachts. Am 19. November 1942 begann die unvergeßliche Operation der Einkesselung Stalingrads und die Vernichtung der 6. deutschen Armee.

Neue Bündnispolitik

Das Cannae der deutschen Wehrmacht bei Stalingrad wiederholte sich in dieser grandiosen, welthistorischen Form nicht mehr. Es legte den eigentlichen Grundstein für die deutsche Niederlage im Zweiten Weltkrieg. Der internationale Widerhall des sowjetischen Sieges war ungeheuer. Begeisterung empfanden alle antifaschistischen Kräfte der Welt.

Die Großtaten der Sowjetarmee bei Stalingrad und während der folgenden Offensive bis Februar/März 1943 veränderten wesentlich auch die Beziehungen innerhalb der Antihitlerkoalition. Die westlichen Alliierten, deren politische und militärische Stäbe im Jahre 1941 und noch später der UdSSR wenig Siegeschancen eingeräumt hatten, begannen, ihr Urteil zu revidieren. Die führenden Kreise um Churchill und Roosevelt, soweit darunter nicht kurzsichtige Antikommunisten waren, erkannten die vernichtende Niederlage der Wehrmacht als bisher größten Erfolg der Antihitlerkräfte und als grundlegend für die weitere Bekämpfung der faschistischen Pest.

Freilich lernten sie begreifen, daß ihr bisheriges Bündniskonzept untauglich geworden war. Die untergeordnete – und möglichst erschöpfende – Rolle, die sie der UdSSR 1941/42 zugedacht hatten, war bei derartigen sowjetischen Erfolgen, deren Wirkungen in die ganze Welt ausstrahlten, ohne Aussicht auf Realisierung. Die spätere europäische Friedensordnung würde bestimmen, wer den Feind besiege. »Wenn Rußland den Krieg allein gewinnt, so wird es auch am Friedenstisch allein dominieren.« (New York Post, 10.2.1943).

Diese Kreise befaßten sich in den fortlaufenden Beratungen und Überlegungen der folgenden Monate jetzt nicht mehr vordergründig mit Forderungen an die Sowjetunion für die Nachkriegsordnung – Räumung Ostpolens, Abtretung der baltischen Länder, Nichteinmischung in Südosteuropa. Es ging jetzt mehr und mehr um konkrete Bündnisverhandlungen, um Abmachungen vor allem über Hilfslieferungen von Waffen und Gütern und über entlastende militärische Operationen der Westmächte in Europa, besonders in Westeuropa.

Casablanca (14.–26. Januar 1943)

Die sowjetische Führung begriff sehr gut, daß die Westalliierten keine Eile damit hatten, Blut und Kosten für eine Festlandsinvasion in Westeuropa zu riskieren, solange ihnen die Sowjetunion die Hauptlast des opferreichen Kampfes abnahm. Die offiziellen Verhandlungen darüber in Casa­blanca vom 14. bis 26. Januar 1943 blieben intern, wie andere derartige Besprechungen, das heißt ohne Teilnahme der UdSSR.

Noch Ende 1942 hatten sich Großbritannien und die USA mit Vorschlägen vorgedrängt, starke britische Flugzeugverbände der Sowjetunion als »Hilfe« in den Kaukasus zu schicken, und sandten bereits eine Erkundungskommission dorthin (Dezember). Die USA schlugen eine direkte US-Flugroute von Alaska nach Sibirien vor, wollten ferner gegen die japanische Gefahr (!) 100 ihrer schweren Bomber im sowjetischen Fernostgebiet stationieren. Stalin lehnte all diese durchsichtigen Angebote ab, was gewisse renommierte Historiker noch heute nicht verstehen wollen.

Nach Casablanca kamen Churchill und Roose­velt mit ihren führenden Militärs. In Stalins Augen war der wichtigste zu beschließende Punkt die Entlastung der Sowjetunion noch im Frühjahr/Sommer 1943 durch eine Invasion in Westeuropa. Später, erst im Mai, eröffnete man dem Sowjetführer, vor Frühjahr 1944 werde keine ausreichende Kräftekonzentration für eine solche Operation zu schaffen sein. Dafür wurden Tunesien und im Juni 1943 Sizilien besetzt. Churchills Lieblingsplan, den die äußerste US-Reaktion unterstützte, nämlich eine westalliierte Invasion in Südosteuropa einzuleiten, wiesen die US-Militärs immerhin ab.

Im Abschlußmemorandum von Casablanca stand außer diesem für die im schwersten Kampf stehende UdSSR enttäuschenden Beschluß auch die Absichtserklärung, die seit letzten Sommer stark verminderten Hilfeleistungen für die Sowjetunion über den Atlantik zu verstärken. Als neu begrüßte es die Sowjetregierung, daß sich in naher Zukunft die US-Bomberflotten an den britischen Angriffen auf deutsche Städte mit Tagesbombardements gegen industrielle und strategisch wichtige Ziele beteiligen wollten.

Von den Verlautbarungen der Konferenz, ob nun später umgesetzt oder nicht, drang wenig ins öffentliche Gedächtnis. Noch heutzutage aber wird Roosevelts vom State Department vorbereitete Formel von der »bedingungslosen Kapitulation« Deutschlands, Italiens und Japans (unconditional surrender) als Ziel der drei Alliierten zitiert, die er auf der Pressekonferenz am 24. 1. 1943 bekanntgab. Nicht überall im westalliierten Lager mag man mit dieser Losung uneingeschränkt zufrieden gewesen sein. Aber die Führung der UdSSR konnte darin eine gewisse Sicherung gegen mögliche appeasementpolitische Bestrebungen erblicken.

Teil I erschien in der gestrigen Ausgabe

An den Untergang der 6. deutschen Armee in Stalingrad vor 70 Jahren wird im November an dieser Stelle erinnert werden

Weitere Beiträge von Dietrich Eichholtz finden sich in der jW-Broschüre »›Barbarossa‹. Raubkrieg im Osten« (Berlin 2011, 5,80 Euro, im jW-Shop erhältlich)

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2012/01-06/001.php