11. Januar 2013

Besetzt, beraubt, befreit

El Libertador: Símon Bolívar (1783–1830) führte große Teile Lateinamerikas in die Unabhängigkeit - Fotoquelle: Wikipedia

Bis zur Bolivarischen Revolution mußte Venezuela einen weiten und steinigen Weg zurücklegen. Dabei spielten auch deutsche Begehrlichkeiten eine Rolle

André Scheer

Heute erscheint im Verlag Wiljo Heinen das Buch »Venezuela. Reportagen aus der Revolution« von André Scheer. Der Autor schreibt dort über die vergangenen Präsidentschaftswahlen in Venezuela vom 7. Oktober 2012, bei denen Amtsinhaber Hugo Chávez mit deutlicher Mehrheit wiedergewählt wurde. Vorgeschaltet ist der Reportage ein kurzer Abriß der Geschichte des Landes. Daraus druckt junge Welt Auszüge vorab.

Als erster uns bekannter Europäer erreichte 1498 Christoph Kolumbus bei seiner dritten Reise in die »Neue Welt« an der Mündung des Orinoco im heutigen Venezuela das südamerikanische Festland und nahm es für die spanische Krone in Besitz. Schon sechs Jahre zuvor, 1492, war er mit einer vom spanischen Königshaus finanzierten und ausgerüsteten Flotte an einer Küste gelandet, von der er glaubte, es sei Indien. (…) Amerigo Vespucci äußerte Anfang des 16. Jahrhunderts als einer der ersten die Vermutung, daß es sich bei den entdeckten Ländern nicht um Indien oder Asien, sondern um einen neuen Kontinent handeln könnte. Zeichner von Weltkarten benannten den neuen Kontinent deshalb ab 1507 nach Vespucci: Amerika. Der Irrtum Kolumbus’ hat sich jedoch ebenfalls bis heute erhalten. Wir sprechen von »Indios« und »Indianern«, und eine Reihe von karibischen Inseln werden noch heute als die »West Indies« bezeichnet.

(…) Der heutige Name Venezuelas wird übrigens darauf zurückgeführt, daß sich die europäischen Eroberer von den Pfahlbauten der Indígenas an Venedig erinnert gefühlt haben sollen und das Land in ihrer Überheblichkeit deshalb »Klein-Venedig« – Venezuela – tauften. Mehr als drei Jahrhunderte lang blieb dieses Venezuela eine eher unwichtige Provinz des spanischen Kolonialreichs, deren Bedeutung nicht annähernd an die Bedeutung Perus, Kubas oder Mexikos heranreichte.

»Deutsche« Herrschaft

Auch deutsche Hände beteiligten sich an der Ausplünderung des Landes. Wobei der Begriff »deutsch« irreführend ist: Ein »Deutschland« im heutigen Sinne, also ein mehr oder weniger geeinter Nationalstaat, existierte im 16. Jahrhundert nicht. Das »Heilige Römische Reich Deutscher Nation« war nicht viel mehr als ein lockerer Zusammenschluß zahlreicher Königreiche und Fürstentümer, deren jeweilige Herren eifersüchtig darauf bedacht waren, ihre Privilegien und Herrscherrechte nicht zu verlieren. Der Kaiser dieses Reichs wurde von den Kurfürsten gewählt und dann vom Papst gekrönt.

Was für die Könige und Fürsten galt, das galt auch für die oberdeutschen (im heutigen Sinne: süddeutschen) Handelshäuser in Augsburg, Ulm, Nürnberg und anderen Städten. Ihnen ging es nicht um ein wie auch immer verstandenes »deutsches« Interesse, sondern um ihre eigenen Gewinne und Bilanzen. Wenn wir also von Venezuela als »deutschem« Besitz sprechen, dann ist damit praktisch das Unternehmen »Bartholomäus Welser und Gesellschaft« gemeint. Zwischen 1528 und 1556 verpachtete Kaiser Karl V. den Welsern das von den Eroberern noch weitgehend unerschlossene und wenig erkundete Gebiet des heutigen Venezuela als Pfandbesitz.

(…) 1519 starb Kaiser Maximilian I. Er war nicht mehr dazu gekommen, seine Nachfolge zu regeln, so daß sich mehrere Kandidaten um die Krone stritten. Seit 1397 hatten die Habsburger den Kaiserthron des Heiligen Römischen Reiches inne, und nach ihrem Willen sollte es auch dabei bleiben: Maximilians Enkel, Karl I. von Spanien, sollte ihm auf den Thron folgen. Aber auch Heinrich VIII. von England und vor allem Franz I. von Frankreich warben bei den deutschen Kurfürsten um Stimmen.

Der erst 19 Jahre alte Karl I. sprach als Muttersprache Französisch, in seinem Geburtsland, den Niederlanden, galt er als Spanier, in Spanien als Deutscher. Aber die oberdeutschen Handelshäuser versprachen sich von den Habsburgern, mit denen sie schon seit Jahrzehnten einträgliche Geschäftsbeziehungen pflegten, größeren Einfluß als von einem französischen oder englischen Herrscher. So investierten allein die Fugger mehr als eine halbe Million Gulden in den »Wahlkampf« Karls, in Form wertvoller Geschenke und Wahlversprechen für die Kurfürsten. Die Welser steuerten 143333 Gulden bei.

Diese Investition markierte den Beginn einer Reihe von Krediten, welche die beiden reichen Augsburger Familien dem Haus Habsburg gewährten, dessen Reich nun solche Ausdehnungen angenommen hatte, daß Karl – der nun als Kaiser Karl V. auch Herrscher des Deutschen Reichs geworden war – einmal gesagt haben soll, in seinem Reich gehe die Sonne nie unter. Die Welser konzentrierten ihre Geschäfte nun zunehmend auf den Bergbau sowie auf die Finanzgeschäfte mit dem Kaiserhaus. Mindestens 23mal gewährten die Welser zwischen 1522 und 1532 der Krone Kredite in einer Gesamthöhe von 2,6 Millionen Dukaten. (…)

Vertreten wurde das Unternehmen »Bartholomäus Welser und Gesellschaft« am spanischen Hof durch Hieronymus Sailer, der 1533 durch die Heirat mit Felicitas Welser, der Tochter des Unternehmenschefs, zu dessen Schwiegersohn werden sollte. Am 27. März 1528 unterzeichnete er gemeinsam mit Heinrich Ehinger im Auftrag der Welser den Kronvertrag mit dem spanischen Thron, der ihnen die Herrschaft über die Provinz Venezuela übertrug: »So gebe Ich Euch die Erlaubnis und Einwilligung, daß Ihr oder einer von Euch (…) die besagten Länder und Provinzen entdecken, erobern und besiedeln kann, die sich an der besagten Küste befinden …« In dem Vertragswerk werden den Welsern zahlreiche Verpflichtungen auferlegt, die offenbar im Zusammenhang mit Unruhen in den fraglichen Kolonien standen.

1527 war es in der Provinz Santa Marta im heutigen Kolumbien zu einem Aufstand gekommen, als sich eine Gruppe von Offizieren gegen den Gouverneur Rodrigo de Bastidas erhob, weil sie offenbar mit der Verteilung der Beute aus den zahlreichen Raubzügen unzufrieden waren. Bastidas konnte zunächst zwar nach Kuba entkommen, erlag dort aber den Verletzungen, die ihm die Meuterer zugefügt hatten. Zugleich erhoben sich auch die Indios der Provinz und nutzten die Uneinigkeit der Spanier aus.

Die Berichte über die Unruhen in Santa Marta alarmierten den spanischen Hof. Die Provinz durfte nicht verloren gehen, versprach man sich von ihr doch Gold und andere Edelmetalle. Kaiser Karl ernannte den aus einem angesehenen Handelshaus in Burgos stammenden García de Lerma zum neuen Gouverneur und Generalkapitän von Santa Marta und erteilte ihm den Auftrag, die Ordnung wiederherzustellen. Da man nicht wußte, was den neuen Gouverneur in Santa Marta erwartete, sollte er von 200 Soldaten begleitet werden, die so ausgerüstet sein sollten, daß sie die »christlichen« Rebellen und die aufständischen Indios unterwerfen konnten. Doch dafür war viel Geld nötig.

Die Kosten für diesen Feldzug übernahmen die Welser, wie aus dem Anfang des als »Venezuela-Vertrag« bekanntgewordenen Abkommens vom 27. März 1528 hervorgeht: »Zu diesem Zweck sind große Ausgaben und viel Geld vonnöten, und damit das Unternehmen und die Besiedlung des besagten Landes weder mißlingen noch in Gefahr geraten oder verzögert werden, macht Ihr Euch erbötig, eine Armada aufzustellen von vier und mehr Schiffen mit zweihundert Mann oder mehr, die für ein Jahr bewaffnet und verproviantiert sind. Mit diesen soll der besagte Gouverneur sich das besagte Land Santa Marta untertan machen.«

In diesem Zusammenhang wird dann die Gegend um Coro im heutigen Venezuela angesprochen, in dem Vertragswerk beschrieben als »ein weiteres Land, das sich zwischen dem Cabo de la Vela und dem Golf von Venezuela und dem Cabo de San Román und anderen Regionen bis zum Cabo de Maracapana erstreckt«. Übertragen auf die heutige Situation umfaßt dieses Gebiet die Nordküste Südamerikas von der Halbinsel La Guajira bis etwa Cumaná. »Ihr erbietet Euch, dieses Land zusammen mit dem von Santa Marta mit den besagten Männern und weiteren Hundert zu befrieden und zu besiedeln, so daß es dreihundert sind, alle sehr gut ausgerüstet und bewaffnet, wie gesagt, alles auf Eure Kosten und Aufwendung, ohne daß es zu irgendeiner Zeit an Uns wäre, Euch zu bezahlen, noch für die Ausgaben aufzukommen, die Ihr in dieser Sache machen werdet, über das hinaus, was Euch in diesem Vertrag bewilligt wird.«

In den Verträgen wurde weiter festgehalten, daß die Welser den ihnen überlassenen Landstrich kolonialisieren und entwickeln sollten. Das Interesse der Augsburger war jedoch nicht die Entwicklung, sondern die direkte Ausplünderung des Landes. Es ging um Gold. Die aus Amerika zurückkehrenden Abenteurer und Seefahrer um Kolumbus und die ihnen nachfolgenden Eroberer hatten märchenhafte Geschichten von mit Gold behängten Eingeborenen mitgebracht. Besonders beeindruckend waren die Berichte von einer vor Gold glänzenden Stadt, die von einem goldenen Häuptling (»El Dorado«) regiert werde.

Vor diesem Hintergrund begründete der als Gouverneur zum ersten Statthalter der Welser in Südamerika ernannte Ambrosius Ehinger zwar die Stadt Maracaibo, doch kümmerte er sich ebenso wie sein Nachfolger Nikolaus Federmann mehr um Erkundungs- und Beutezüge ins Landesinnere. Der spanische Dominikanerbischof Bartolomé de Las Casas (1484–1566), der 1552 mit der »Brevísima relación de la destrucción de las Indias« (1552, auf Deutsch erstmals erschienen 1790 als »Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder«) die erste berühmte Anklageschrift über die Greueltaten der Konquistadoren veröffentlicht hatte, beschrieb die deutschen Konquistadoren wegen ihres Treibens als »unmenschliche Tyrannen«.

Die Herrschaft der Welser über Venezuela, die zuletzt auf immer stärkeren Widerstand der ansässigen Spanier gestoßen war, endete 1556. Zuvor waren der militärische Oberbefehlshaber Philipp von Huttens und Bartholomäus Welser der Jüngere 1546 bei einer Expedition ins Innere des Landes ums Leben gekommen, was die Herrschaft der Deutschen erschütterte und einen zehn Jahre dauernden Rechtsstreit um die gewährten Privilegien auslöste. Die Abdankung Karls V. 1555/56 bedeutete dann jedoch endgültig den Verlust der Handelsrechte der Welser in Venezuela.

Kampf um die Unabhängigkeit

Ab Ende des 17. Jahrhunderts wuchs vor allem unter der aus Europa stammenden Gesellschaftsschicht des kolonialen Venezuelas, den Kreolen, der Wunsch nach einer Lösung von Spanien. Hintergrund war zum einen die Vorherrschaft der Spanier, also der direkt aus dem »Mutterland« gekommenen Kolonialbeamten, gegenüber den bereits in Venezuela geborenen Kreolen. Zum anderen sahen sich speziell die Kreolen in ihren wirtschaftlichen Interessen immer mehr von Zoll- und Handelsbeschränkungen, die das spanische Königshaus verordnet hatte, eingeengt. Ideologisch kamen in dieser Zeit Impulse der europäischen Aufklärung, der Französischen Revolution und der Unabhängigkeit der USA nach Venezuela, die als Rechtfertigung für Aufstände dienten, wie etwa der Sklavenrebellion in Coro 1795, die deren Anführer José Leonardo Chirino ausdrücklich mit der Berufung auf die Menschenrechte und die nordamerikanische Unabhängigkeitserklärung begründete. Für einen Erfolg dieser Bestrebungen war es jedoch noch zu früh (…)

Die Lage änderte sich, als französische Truppen unter Napoleon Bonaparte ab 1808 Spanien besetzten, die Königsfamilie gefangennahmen und ­Joseph Bonaparte, der ältere Bruder Napoleons, zum König Spaniens ernannt wurde. Die Kreolen Venezuelas widersetzten sich dem neuen Herrscher und dessen Beamten. Am 19. April 1810 setzten die Bürger von Caracas den von Joseph Bonaparte eingesetzten Generalkapitän Venezuelas, Vicente Emperán y Orbe, ab und bildeten eine eigene Junta, die die Kolonie verwalten sollte, bis Ferdinand (Fernando) VII. wieder als spanischer Monarch in Amt und Würden eingesetzt sein würde.

Diese zunächst königstreu begründete Autonomiebewegung radikalisierte sich in den folgenden Monaten, so daß der Kongreß von Venezuela am 5. Juli 1811 die vollständige Unabhängigkeit des Landes von der spanischen Kolonialherrschaft erklärte. Das »Mutterland«, bzw. der 1813 auf den spanischen Thron zurückgekehrte Ferdinand, widersetzte sich jedoch dem Verlust des Besitzes in Südamerika und entfesselte einen jahrelangen Bürgerkrieg, der erst 1823 mit der Eroberung von Puerto Cabello endete, nachdem die Spanier zwei Jahre zuvor in der Schlacht von Carabobo entscheidend geschlagen worden waren.

Untrennbar verbunden ist der Kampf um die Unabhängigkeit mit Simón Bolívar. (…)

Bolívar wurde am 24. Juli 1783 als Sohn einer reichen Aristokraten- und Großgrundbesitzerfamilie in Caracas geboren. Bereits mit neun Jahren verlor er seine Eltern und wurde im Haus von Verwandten durch wechselnde Lehrer erzogen. Zu diesen gehörte auch einer der wichtigsten Dichter und Philosophen der venezolanischen Geschichte, Andrés Bello. Besonderen Einfluß auf den jungen Bolívar hatte jedoch Simón Rodríguez (alias Samuel Robinson), der ein Anhänger der französischen Aufklärung war und für seine Zeit fortschrittliche Ideen, vor allem zur Frage der Erziehung, vertrat. (…)

Zusammen mit dem jungen Bolívar reiste Rodríguez durch Europa. (…) Dessen Überlieferung zufolge legte Bolívar dabei am 15. August 1805 auf dem Monte Sacro bei Rom vor seinem Lehrer den Eid ab, sein Leben der Befreiung seiner Heimat von der Kolonialherrschaft zu widmen: »Ich schwöre vor dir, ich schwöre beim Gott meiner Eltern, ich schwöre bei ihnen, ich schwöre bei meiner Ehre und ich schwöre bei meiner Heimat, daß mein Arm nicht ruhen und meine Seele nicht rasten werden, bis die Ketten zerbrochen sind, die uns heute durch den Willen der spanischen Macht unterdrücken!«

Simón Bolívar wurde zum legendären Führer der Befreiungsbewegung. Von seinen Landsleuten erhielt er den Ehrentitel »El Libertador« (Der Befreier) und wurde zum Präsidenten der 1819 ausgerufenen Republik Kolumbien ernannt. Dieser nur kurzlebige Staat, der bereits 1830 wieder zerbrach, umfaßte das Territorium der heutigen Staaten Venezuela, Kolumbien, Ecuador und Panama und wird in der Geschichtsschreibung deshalb – zur Abgrenzung vom heutigen Land gleichen Namens – als Groß-Kolumbien bezeichnet. Zudem entstand auf dem Gebiet von Alto Peru (Hoch-Peru) die Republik Bolivien, zu deren erstem Präsidenten ebenfalls Bolívar ernannt wurde. Sein Ziel einer Einheit Südamerikas, die er als einzige Garantie für die Verteidigung der Souveränität der neuen Republiken ansah, konnte Bolívar jedoch nicht realisieren. Kurz vor seinem Tod im Jahre 1830 zerfiel Groß-Kolumbien und der ins Abseits gedrängte Bolívar starb vereinsamt und mittellos in Santa Marta. Bis heute halten sich Spekulationen, er sei nicht – wie damals offiziell festgestellt wurde – an Tuberkolose gestorben, sondern einem Attentat zum Opfer gefallen.

Wirren, Instabilitäten, Diktaturen

Nach dem Zerfall des gemeinsamen Groß-Kolumbien entstanden die »Vereinigten Staaten von Venezuela«, die erst 1953 in »Republik Venezuela« umbenannt wurden. Die innenpolitische Lage blieb lange instabil und durch Bürgerkriege geprägt. Immer wieder wurden – meist autoritär regierende – Herrscher durch Staatsstreiche gestürzt und Diktaturen errichtet. Daran war teilweise auch Deutschland beteiligt, das 1902 mit Kanonenbooten und im Bündnis mit anderen europäischen Mächten die Küste Venezuelas blockierte und Häfen bombardierte, um ein von Cipriano Castro verhängtes Schuldenmoratorium zu brechen.

Dieser hatte 1899 mit der sogenannten »Liberalen Restaurativen Revolution« den damaligen Staatschef Ignacio Andrade gestürzt. Gegen den neuen Machthaber stellte sich eine starke Oppositionsbewegung unter der Führung des Bankbesitzers Manuel Antonio Matos, der auf finanzielle Unterstützung ausländischer Unternehmen zählen konnte. Vor diesem Hintergrund erklärte Castro, die hohen Auslandsschulden Venezuelas, die eine Folge der vorangegangenen Bürgerkriege gewesen waren, nicht bezahlen zu wollen. Zum einen seien sie nicht legitimiert, zum anderen viel zu hoch berechnet worden. Deutschland, England und Frankreich verhängten daraufhin eine Seeblockade vor der venezolanischen Küste, griffen venezolanische Häfen an und kaperten die gerade erst aufgestellte Seeflotte des südamerikanischen Landes. Dadurch gelang es den imperialistischen Mächten, das Schuldenmoratorium zu brechen. Venezuela sah sich gezwungen, im Februar 1903 einen durch die USA vermittelten »Kompromiß« zu unterzeichnen, der eine schrittweise Zahlung der Ausstände vorsah.

Cipriano Castro selbst wurde 1908 durch seinen Vizepräsidenten Juan Vicente Gómez gestürzt, als er sich gerade zu einer Auslandsreise in Deutschland aufhielt. Der Geschichtsschreibung zufolge hatte sich Castro in Berlin einer medizinischen Operation unterzogen und sich anschließend mehrere Jahre lang in Dresden aufgehalten, von wo er offenbar – erfolglos – eine bewaffnete Rebellion gegen Gómez vorbereitete.

Die Zeit der Diktaturen und der Instabilität endete in Venezuela erst am 23. Januar 1958, als ein breites Bündnis demokratischer Parteien unter Führung der sozialdemokratischen Acción Democrática (AD), der christsozialen COPEI, der liberalen URD und der Kommunistischen Partei (PCV) den seit 1952 herrschenden Diktator Marcos Perez Jiménez stürzen konnte. Wenige Monate nach dieser demokratischen Revolution verbündeten sich die drei bürgerlichen Parteien jedoch gegen die Kommunisten und vereinbarten im »Pakt von Punto Fijo« eine Machtteilung unter Ausschluß der revolutionären Linken – die »Vierte Republik« entstand. Bereits zu diesem Zeitpunkt entfesselten die Machthaber eine brutale Unterdrückung der Linken, die daraufhin zu den Waffen griffen. Die Kommunistische Partei sowie Linksabspaltungen von URD und AD bildeten die Streitkräfte zur Nationalen Befreiung (FALN), die in den 60er Jahren – und manche Zellen noch lange darüber hinaus – einen Guerillakrieg gegen das Regime führten.

Vom »Caracazo« zu Chávez

(…) Im Februar 1989 übernahm mit Carlos ­Andrés Pérez ein Sozialdemokrat die Präsidentschaft, der im Wahlkampf soziale Verbesserungen versprochen hatte. Er verkörperte die Erinnerung an die »goldenen 70er Jahre«, als durch die hohen Erdölpreise auf dem Weltmarkt auch für die armen Bevölkerungsschichten zeitweilig einige Verbesserungen abgefallen waren. Diese Zeit war jedoch längst vorbei, die Erdölpreise waren zusammengebrochen – und damit auch die wichtigsten Einnahmen des venezolanischen Staates. Kaum gewählt, erfüllte Carlos Andrés Pérez deshalb die Vorgaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) und setzte per Dekret massive Haushaltskürzungen durch. Dazu gehörten Preissteigerungen beim Benzin, was dazu führte, daß die Fahrpreise der Busse, dem Hauptverkehrsmittel der öffentlichen Verbindungen in Caracas, praktisch über Nacht drastisch anstiegen. Das war der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte, denn für viele Menschen brach damit die einzige realistische Möglichkeit weg, zum Broterwerb in das Zentrum der Hauptstadt zu gelangen. Am 27. Februar 1989 bildeten die ausgegrenzten und verarmten Menschen deshalb spontan Protestzüge, die aus den Armenvierteln in die wohlhabenderen Teile der Millionenmetropole zogen. Geschäfte wurden geplündert und Autobusse in Brand gesteckt. Die Antwort der Regierung war blutig. Innerhalb einer Woche wurden mehrere tausend Menschen von Polizisten und Soldaten umgebracht. Augenzeugen berichteten, daß die Regierungstruppen sogar mit schwarzen Listen von Haus zu Haus gegangen seien, um angebliche oder tatsächliche Aktivisten hinzurichten. Erst nach der Amtsübernahme durch Hugo Chávez haben die Behörden die Verantwortung für dieses Massaker übernommen und den damals Verletzten sowie den Hinterbliebenen der Ermordeten Entschädigungen gezahlt.

In den Streitkräften führte das Massaker vom Februar 1989, das unter dem Namen »Caracazo« in die venezolanische Geschichte eingegangen ist, zu Diskussionen und zu einem weiteren ­Anwachsen der ohnehin vorhandenen Unzufriedenheit. Die soziale Zusammensetzung der Armee dieses süd­amerikanischen Landes unterschied sich lange – und unterscheidet sich bis heute – grundsätzlich von der in anderen Ländern des Kontinents. Im Gegensatz etwa zu Chile oder Argentinien gab es in der venezolanischen Oberschicht nicht die Tradition, mindestens einen Sohn die Offizierslaufbahn einschlagen zu lassen, wodurch sich dort im Militär eine von der normalen Bevölkerung isolierte Kaste herausbildete. Demgegenüber stellten die Streitkräfte in Venezuela für viele Jugendliche aus armen Familien eine der wenigen sicheren Beschäftigungsmöglichkeiten dar, die zumindest Verpflegung und Unterkunft garantierten. Zudem beziehen sich die venezolanischen Streitkräfte in ihrem Selbstverständnis direkt auf die Befreiungsarmee Simón Bolívars, in deren Tradition sie sich sehen.

Zu der Gruppe von Offizieren, die aus ärmlichen Verhältnissen den Aufstieg in die Hierarchie der Streitkräfte geschafft hatten, gehört auch Hugo Chávez. Unter seiner Führung erhoben sich am 4. Februar 1992 Militärs in mehreren Garnisonen gegen die Regierung von Carlos Andrés Pérez. Die Rebellen, die sich zur Revolutionären Bolivarischen Bewegung 200 (MBR-200) zusammengeschlossen hatten, verstanden ihren Aufstand, der von einigen linken Organisationen der venezolanischen Zivilgesellschaft mehr schlecht als recht unterstützt wurde, als eine direkte Reaktion auf das Massaker von 1989. In mehreren Städten gelang es den aufständischen Truppen, die Kontrolle zu übernehmen. Aber in der Hauptstadt Caracas scheiterten die rebellierenden Soldaten bei dem Versuch, die strategischen Punkte zu besetzen, den Präsidentenpalast in ihre Gewalt zu bringen und den Staatschef gefangenzunehmen.

Als deutlich wurde, daß es den Aufständischen nicht gelingen würde, die Kontrolle in Caracas zu übernehmen, entschied Chávez als Comandante der Rebellen, ein weiteres Blutvergießen zu verhindern und die Waffen niederzulegen. Um die ihn unterstützenden Soldaten in anderen Städten zu erreichen, mußten ihn die Regierung und das Oberkommando der Streitkräfte im Fernsehen sprechen lassen. Durch diese kurze Ansprache jedoch wurde Chávez in Venezuela bekannt und populär. Vor allem zwei Aspekte aus der kaum mehr als eine Minute langen Rede blieben im kollektiven Gedächtnis. Zum einen die Tatsache, daß Chávez die Verantwortung für die Ereignisse übernahm und sich nicht drückte. Zum anderen wurde seine Formulierung, man habe die Ziele »für den Augenblick« – »por ahora« – nicht erreicht, als Ankündigung weiterer Aktionen verstanden. So sollte es kommen.

André Scheer: Venezuela - Reportage aus der Revolution. Verlag Wiljo Heinen, Berlin und Böklund 2013, 176 Seiten, 13,90 Euro * auch im jW-Shop erhältlich.

Den Artikel finden Sie unter: www.jungewelt.de/2013/01-11/019.php