2. Januar 2014

»Big Brother« auf Sendung

Fotoquelle: Wikipedia

Vor dreißig Jahren wurde in der BRD das Privatfernsehen eingeführt

Thomas Wagner

Mit seinem utopischen Roman »1984« schuf der Schriftsteller George Orwell zwischen 1946 und 1948 das Horrorgemälde eines nahezu perfekten Überwachungsstaates. Darin stützt ein Big Brother genannter Despot seine Herrschaft auf Propagandabotschaften, die mittels Fernsehapparaten jeden einzelnen in seiner Wohnstube, am Arbeitsplatz oder auf öffentlichen Plätzen erreichen. Tatsächlich war 1984 das Jahr, in dem im Westteil Deutschlands das Privatfernsehen auf Sendung ging: Am 1. Januar, also vor dreißig Jahren, startete das spätere Sat.1 (ab 1.1.1985) unter dem Namen PKS (Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk). Einen Tag später nahm RTL plus aus Luxemburg seinen Sendebetrieb auf.

Vorausgegangen war ein Jahrzehnte dauernder Streit um die Einführung des Kommerzfernsehens. Während Unionsparteien und Medienunternehmer gemeinsam Front für mehr Unterhaltung und weniger Politik im Rundfunk machten, befürchteten Sozialdemokraten, Gewerkschaften und Intellektuelle eine Verflachung des Programms sowie den größer werdenden Einfluß von Konzernen auf die Meinungsbildung. Welche Seite sich am Ende durchsetzte, ist kein Geheimnis. Im Jahr 2000 lief die erste Staffel der Reality-Show »Big ­Brother« auf RTL II. Spätestens zu diesem Zeitpunkt waren alle Tabus in Sachen Privatsphäre gefallen. Auch ARD und ZDF setzen heute auf Infotainment und Bouleavard.

»Das Privatfernsehen muß Geld verdienen, Realität abzubilden oder gute Fiktion zu erschaffen ist zu teuer«, schrieben Claudia Fromme und Katharina Thiel in der Süddeutschen Zeitung. Warum die Autorinnen gleichwohl der Meinung sind, die allein der Kapitalmehrung verpflichtete Glotze von Sat.1, RTL und Co. habe das Fernsehen »demokratisiert«, ist schwer zu verstehen. Als Indiz dafür nehmen sie ausgerechnet die Ablösung des politischen Kabaretts durch die Comedy: »Bei den Privaten durfte jeder lachen.« In Zukunft erwarten sie noch mehr Beteiligung der Bürger. Kein Geringerer als RTL-Gründer Helmut Thoma suche Sponsoren für ein bundesweites Mantelprogramm für private Regionalsender. Mittels »Social Media« sollen die Zuschauer noch stärker einbezogen werden. »Die könne man per Skype ins Studio schalten.« Fluchtpunkt der mit der Einführung des Privatfernsehens begonnenen Medienentwicklung ist der total vernetzte Zuschauer. Der mit dem Internet verbundene Fernsehapparat funktioniert als Datenkrake, der auch qua obligatorisch eingebauter Kamera buchstäblich keine Bewegung der Nutzer aus den Augen läßt. Marktforscher und Geheimdienste wissen, was sie davon haben. »Big Brother is watching you«, heißt es bei Orwell. Manche nennen es Demokratie.

Der Artikel der Süddeutschen Zeitung mündet in einem Zitat Helmut Thomas. Das Fernsehen habe seine große Zukunft noch vor sich. »Klingt wie 1984«, schließen Fromme und Thiel ihren Lobgesang auf die Bürgerabzocke im Mitmachgewand. Ob sie sich über den Doppelsinn ihres Satzes im klaren sind?

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2014/01-02/006.php