4. Februar 2014

Bis zum letzten Marschierer

Der Krieg kommt aus den Kasernen: Mobilmachung am 7. August 1914 in Bonn - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 146-2007-0025 / CC-BY-SA

Woher kam der Erste Weltkrieg? Ein alter Bestseller, neu aufgelegt: »Jahrgang 1902« von Ernst Glaeser

Kurt Pätzold

Eine Ausgabe dieses Buches geriet mir aus dem schmalen Bücherbestand meines Vaters vor sieben Jahrzehnten in die Hände. Die Mehrheit dieser seiner Besitztümer hatte er im Garten eines Genossen vergraben. Bedenke ich es heute, gehörte dieser Band auch zu jenen, die besser nicht vor die Augen der Schnüffler der neuen Machthaber kamen. Denn die Faschisten hatten am 10. Mai 1933 auch ihn in die Flammen geworfen. Seitdem waren zehn Jahre ins Land gegangen und das Kriegsende erkennbar nicht mehr fern. Und dieses Buch erzählte mir vom Weltkrieg, der nun der Erste hieß, denn es tobte nun und noch immer der Zweite.

»Jahrgang 1902« war im Jahr 1928 erschienen, nur wenige Monate bevor der Druck von Erich Maria Remarques »Im Westen nichts Neues« in der Vossischen Zeitung begann. Der Band wurde ein Bestseller und erlebte die Übersetzung in zwanzig Sprachen. Sein Autor gehörte selbst zum Geburtsjahrgang 1902, war also, als der Krieg begann, gerade zwölf Jahre alt. Er, Sohn aus bürgerlichem Hause, sein Vater war Amtsrichter, lebte in der hessischen Kleinstadt Butzbach, wo aus dem einstigen landgräflichen Schloß eine Kaserne geworden war. Hier bestaunte er, was später als »Augusterlebnis« verklärt werden sollte. Zu seinem Glück war der Krieg zu Ende, bevor auch er den kaiserlichen Rock anziehen mußte, der für Millionen Männer das Totenkleid wurde. Er hatte ihn als Gymnasiast verbracht, jedoch als ein scharfer Beobachter und mit denkendem Kopf.

Zu denen, die das Buch des 26jährigen begrüßten, zählte Carl von Ossietzky. Er sei, bekannte er in seiner Besprechung, womöglich nicht der richtige Rezensent, denn er habe sich schon, als er den Text vor seiner Drucklegung hatte lesen können, in ihn »verliebt«. Zwei Kapitel bekamen Leser der Weltbühne vorab zu Gesicht. In diesem Buch, das Ossietzky ein »junges Meisterstück« nannte, werde dargestellt, was Schriftsteller bislang vernachlässigten: wie der Krieg in der Heimat war. Das geschah aus der Perspektive eines Heranwachsenden, dem, je länger der Krieg dauerte, deutlich wird, in welche Zustände die Welt der Erwachsenen ihn und seine Altersgenossen gestürzt haben. Niemand hatte sie auf dieses Geschehen vorbereitet, nicht die Eltern, nicht die Lehrer, auch nicht die Pfarrer. Sie hatten ihnen und sich selbst eine Zukunft vorgegaukelt, die mit der Realität wenig bis nichts zu tun hatte. Und dann, als die Kriegserklärungen Deutschlands an Rußland und Frankreich bekanntgegeben wurden und die Englands an das Kaiserreich eintraf, erlebten diese Burschen ihnen bislang Unvorstellbares. Gestern Verfeindete lagen sich heute in den Armen. Der Bourgeois, der eben noch mit dem Proletarier kein Wort gewechselt haben würde, gab diesem ein Bier aus und der wieder prostete seinem Spender zu. Der Kriegsbeginn wurde mancherorts gefeiert wie ein Fest und eines der Versöhnung obendrein.

Doch wurden aus den wenigen »Festtagen« schier endlos anmutende Werktage. Es sind nicht mehr die offiziellen Heeresberichte, die das Thema des Tages bilden, sondern das tut die Frage, woher etwas zu bekommen ist, das den Hunger stillt.

Und dann ist da die Frage, woher dieser Krieg gekommen ist und warum er weiter und weiter geführt wird. Zu den Höhenpunkten des Buches gehört das Gespräch, daß der Ich-Erzähler mit einem seiner Kameraden führt, dessen Vater in einem im Unterstand geschriebenen Brief dem Sohne auseinandersetzt, wer durch diesen Krieg gewinnt und wer an ihm verdient. Der Schreiber ist, ohne daß der Autor es gesondert anmerken mußte, ein Sozialdemokrat und macht sich den ärgsten Vorwurf seines Lebens daraus, daß er sich bei Kriegsbeginn selbst auf die falsche Seite stellte. Inzwischen ist er zu jener Position zurückgekehrt, die er einst verfochten hatte.

Daß dieses Buch im Nazireich aus dem Verkehr gezogen wurde, versteht sich angesichts der von Staats wegen seit dem ersten Kriegstag 1914 verbreiteten Legende von der Vaterlandsverteidigung von selbst. An ihr hielten nicht nur die Mords­patrioten von Hindenburg bis zum letzten Marschierer in den Kriegerbünden fest. Auch von jenen, die wie der Feldpostbriefe schreibende Vater Grund genug hatten, sich zu ihren Rollen in ein kritisches Verhältnis zu setzen, schwiegen die meisten.

Ernst Glaesers Buch, eben neu verlegt, gehört mit dem früher erschienenen Arnold Zweigs »Der Streit um den Sergeanten Grischa«, dem erwähnten Buch Remarques und auch mit Ludig Renns »Krieg«, das ebenfalls 1928 veröffentlicht wurde, zu den herausragenden Werken der deutschen Antikriegsliteratur. Daran ändert auch nichts, daß sein Autor später die Ideen verriet, die er in »Jahrgang 1902« verfochten hatte. Bücher haben ihre eigene Geschichte, und sie sind so wenig zurückzunehmen wie das gesprochene Wort.

Ernst Glaeser: Jahrgang 1902, herausgegeben von Christian Klein, Wallstein-Verlag Göttingen 2013, 390 S., 22,90 Euro

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