2. September 2013

Bitte, lieber Taliban …

Das Deutsche Reich verlor alle Kriege, nachdem es durch drei preußische Siege entstanden war: Militärparade zur Einweihung der Siegessäule in Berlin (2.9.1873) - Fotoquelle: Wikimedia Commons

Seit einem Jahrhundert hat es sich ausgesiegt – ein Grund, die heute vor 140 Jahren von Kaiser Wilhelm I. errichtete, von Adolf Hitler aufgestockte, und vom Erfolgsbauträger Klaus Wowereit neu vergoldete Siegessäule endlich in die Luft zu ­sprengen

Otto Köhler

Die Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, bekannt als Vossische Zeitung, konstatiert »Hohenzollernwetter«. Und das heißt: »Eine Sonne so lachend und unverhüllt wie vor drei Jahren über dem weiten Blutfeld von Sedan«. Am 2. September 1873, um 11.05 Uhr, befiehlt Kaiser Wilhelm Nr. 1 , der sich zeitlebens gern als »der Große« rühmen läßt, das Denkmal seiner Siege zu enthüllen. Als »Zeugniss der Thaten der Armee« soll es, so dekretiert der einstige Kartätschenprinz, »künftigen Geschlechtern zur Nacheiferung« dienen. Vor dem gegenwärtigen Geschlecht war er 1848 mit seiner Frau – als Diener und Zofe verkleidet – vor seinem Volk ins Ausland geflohen. Die Untertanen hatten ihm nachgesungen: »Schlächtermeister Prinz von Preußen / komm doch, komm doch nach Berlin! / Wir wollen Dich mit Steinen schmeißen / und die Barrikaden ziehn.«

Solches Volk braucht dringend Einigung. Drei Kriege werden seither mit dem hochaufragenden Berliner Reichsphallus gefeiert: Preußens Sieg über Dänemark von 1864, Preußens Sieg über Österreich von 1866. Und Preußens Sieg über Frankreich von 1870/71, der dazu führte, daß der preußische König Wilhelm in Versailles als Kaiser eines so entstandenen Deutschen Reiches ausgerufen werden konnte – freilich erst nachdem Otto Fürst Bismarck die Zustimmung des bayerischen Königs Ludwigs II. mit Millionensummen erschmiert hatte.

Man kann das auch sachlich sehen. Das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) in Potsdam gibt bekannt: »Zum weithin sichtbaren Symbol der ›Reichseinigungskriege‹ wurde die noch heute in Berlin stehende Siegessäule. Als im Jahr 1864 Johann Hinrich Strack, ein Schüler des preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel, die ersten Entwürfe für ein Siegesmonument entwarf, ahnte er nicht, daß hieraus einmal ein Nationaldenkmal für die Reichseinigung werden würde. Noch im selben Jahr begannen am damaligen Königsplatz (heute Platz der Republik) die ersten Arbeiten. Das am 2. September 1873 eingeweihte Denkmal erfüllte für die innere Reichseinigung eine zentrale Funktion: Es wurde nationales Sinnbild der Gründung des Deutschen Reiches. Drei mit 60 vergoldeten Beutekanonen geschmückte Trommeln sowie ein mit poliertem roten Granit verkleideter und mit vier bronzenen Reliefdarstellungen verzierter Sockel, welche die drei Kriege und Einzug der siegreichen Truppen in Berlin im Jahr 1871 zeigen, zeugen vom zeitgenössischen Stellenwert und Selbstverständnis des Militärs als Garant der Staatswerdung.« So beschreiben es heute Major Thorsten Loch und Major Lars Zacharias, die für das MGFA unter dem Titel »Wie die Siegessäule nach Berlin kam« eine »Kleine Geschichte der Reichseinigungskriege 1864 bis 1871« herausgaben.

Der erste Beitrag aus der Feder des Korvettenkapitäns im Ruhestand Michael Epkenhans eröffnet auch eine unvoreingenommene Sicht auf das markige Wort, das Bismarck kurz nach Amtsantritt 1862 im kommenden Deutschland berühmt machte: »Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen –, sondern durch Eisen und Blut.« Der gegenwärtige Leiter der Abteilung Forschung des MGFA hat dazu im Siegessäulenbuch erforscht: »So martialisch die Rede auch klang, so enthielt sie doch auch ein Angebot an die Liberalen zur Zusammenarbeit.« Richtig, nur verkennt Epkenhans, daß die Liberalen von 1862 schon in der FDP waren.

Den Tod schulden

Bereits im 13. Jahr der Siegessäule begründete einer der Großen des deutschen Geisteslebens die Lehre, daß das Leben jedes einzelnen dem Führer gehört. Das war der klassische Philologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff in seiner Rede zur »Feier des 25jährigen Regierungs-Jubiläums Seiner Majestät des Kaisers und Königs« am 3. Januar 1886 in der Georg-August-Universität Göttingen. »Es ist der Tag des Königs«, sprach er und fuhr also fort: »Wir alle, vor allem aber Sie, unsere jungen Commilitonen, wollen im Angedenken an diesen Tag die Erkenntnis festhalten, dass es die Majestät des Königsthumes ist, welche Preussen gross gemacht und Deutschland ein majestätisches Kaiserthum geschaffen hat, dass in diesem Königsthume das Heil unserer gesammten Cultur liegt. Schauen Sie auf die Tafel dort, die die Namen Ihrer Commilitonen trägt, die im Felde den Tod für ihren König fanden. Tausende sind so gestorben, und die Hunderttausende, welche die Kugeln verschonten, empfinden, dass sie ihrem König ebenso gut einen Tod schuldeten.«

Dieser König sollte sich noch im gleichen Jahr für die Gefälligkeit, mit der Professor von Wilamowitz-Moellendorff ihm das Leben seiner Studenten schenkte (den eigenen Sohn Tycho spendierte er erfolgreich dem Nachfolger Wilhelm Zwo: Tycho fiel 1914 an der Ostfront), mit dem Ritterkreuz des Königlichen Hausordens von Hohenzollern revanchieren. Der Festredner aber fuhr fort: »In der frischen gesunden Luft eines Krieges, wo der Mann das Leben gewinnt, weil er es einsetzt, da wird es leicht, seine Pflicht zu thun, da verwirren sich die Gefühle nicht.« Das war noch Klasse. Ganz so schön konnten das heute die Bundespräsidenten Horst Köhler und Joachim Gauck nicht wieder formulieren. Sie bemüh(t)en sich.

Dreieinhalb Jahre nach dieser fulminanten Rede wurde in Berlin Walter Benjamin geboren. In seinem Buch »Berliner Kindheit um 1900«, die er in Einzelstücken auch in der eingangs zitierten Vossischen Zeitung veröffentlichte – die mit der lachenden Sonne über dem weiten Blutfeld von Sedan – beschäftigt er sich mit der Siegessäule und dem Sedantag, der seit ihrer Einweihung bis 1919 gefeiert werden mußte – stets am selben 2. September: »Sie stand auf dem weiten Platz wie das rote Datum auf dem Abreißkalender. Mit dem letzten Sedantag hätte man sie abreißen sollen. Als ich klein war, konnte man aber ein Jahr ohne Sedantag sich nicht vorstellen. Nach Sedan blieben nur Paraden übrig.«

Abreißen? Geduld, wir kommen gleich drauf. Vorerst nur soviel: »Vergangenes historisch zu artikulieren heißt nicht, es erkennen, ›wie es denn eigentlich gewesen ist‹. Es heißt sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.« Schreibt Benjamin in seinen Thesen »Über den Begriff der Geschichte«.

Geißler teilt aus

Zur Jahrtausendwende, im Mai 2000, unterzeichnete der alte Christdemokrat Heiner Geißler einen Brief an seinen Parteifreund, den damaligen Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen, in dem gefordert wurde, endlich eine Straße nach Matthias Erzberger zu benennen, der den Friedensvertrag für Deutschland in Versailles unterzeichnet hatte. Für den Burschenschafter Diepgen offensichtlich eine Schande – es gab nicht mal eine Gasse. Geißler damals: »Mir ist schleierhaft, warum ein ausgewiesener Demokrat, von Rechtsradikalen ermordet und erster Reichsfinanzminister, keine Straße bekommen sollte. Von Hindenburg bis Luxemburg sind doch alle Namen der Zeit auf Schildern vertreten.«

Im Februar 2012, Diepgen-Nachfolger Klaus Wowereit von der deutschen Sozialdemokratie ließ gerade die Siegessäule für viel Geld, das dann im Kultur- und Sozialhaushalt fehlte, aufwendig restaurieren, legte Geißler nach. Unter der Überschrift: »Die Siegessäule ist das dümmste Monument der Republik« schrieb er für den Tagesspiegel einen Gastkommentar: »Rechtskonservatives und deutschnationales Gedankengut ist offensichtlich nicht auf Glatzköpfe und NPD-Funktionäre beschränkt, sondern breitet sich ungestört auch in städtischen Ämtern und Parlamenten aus. Die Stadt Berlin findet nichts dabei, daß das dümmste Monument der Republik, nämlich die Siegessäule mit ihren blutrünstigen Reliefs und eingelassenen Kanonenrohren (…) umgeben von Standbildern der preußischen Generalität, mitten in der deutschen Hauptstadt ihren Standort hat.«

Geißler kritisierte auch die Wiedererrichtung des »architektonisch mittelmäßigen Hohenzollernschlosses zu einem Kostenpunkt von einer halben Milliarde Euro« – es wird mehr –, »während Opernhäusern, Orchestern und Museen in der ganzen Republik, vor allem in Berlin, Geld und Stellen gestrichen werden. Sie ist aber unfähig, eines großen demokratischen Märtyrers und Staatsmannes angemessen zu gedenken.«

Dabei wäre es, so Geißler weiter, angesichts der Debatte um die europäische Schuldenkrise und des Bemühens europäischer, aber vor allem auch deutscher Demokraten um deren Bewältigung angebracht, sich an »die erste gigantische Schuldenkrise zu erinnern, die das deutsche Volk heimgesucht hatte. Als der Erste Weltkrieg zu Ende war, stand die erste demokratische Regierung in Deutschland vor einem gigantischen Schuldenberg.«

Geißler, der unbequeme Christdemokrat, wußte, warum der Mann von der Zentrumspartei auch heute noch in Deutschlands Hauptstadt kein Vorbild sein darf – Ludwig Erhard trat nach Hitlers Ende an mit dem 1943/44 entworfenen Programm, die Besitzer von Produktionsmitteln zu schonen, ihre Kriegsprofite nicht anzurühren und dafür die Ersparnisse der kleinen Leute zu vernichten. Von ihm kündet gleich gegenüber dem Hauptbahnhof die beliebte Promenade, das Ludwig-Erhard-Ufer. Für Matthias Erzberger aber gibt es keinen Weg, keine Straße, denn er setzte, so Geißler, »die erste große Finanzreform der deutschen Geschichte und eine Steuerreform durch, indem er eine Steuer auf Vermögen und Grundbesitz einführte. Er mußte sich mit dem fatalen Erbe der Kriegsfinanzierung herumschlagen. Das kaiserliche Deutschland hatte den Krieg vor allem durch Anleihen finanziert. Es gab keine Kapital- und Vermögenssteuer und keine Reichssteuer auf Großgrundbesitz. Der Kaiser und seine Generäle hatten, indem sie an das nationale Gewissen appellierten, den eigenen Bürgern wertlose Schuldscheine aufgeschwatzt und der Oma die letzte Goldmark gegen wertloses Papier aus dem Strumpf geholt. Im Gegensatz dazu hatten Franzosen und Engländer ihre Kriegskosten vorwiegend über höhere Steuern finanziert. Auch die Rüstungskonzerne hatten dort höhere Steuern bezahlen müssen. Im wilhelminischen Deutschland dagegen wurden ihre Rekordgewinne weitgehend geschont.«

Deshalb stieß Erzberger auf den Haß der Vermögens- und Grundbesitzer. Aber auch auf den der Deutschnationalen, weil er, als die deutschen Militärs am Ende waren, auf Wunsch der obersten Heeresleitung das Waffenstillstandsabkommen mit den Alliierten unterzeichnet hatte, wozu, so Geißler, »Hindenburg zu feige« war. Der CDU-Mann fragt, »ob der Widerstand der Berliner Politik gegen Erzberger damit zusammenhängt, daß er Reichstagsabgeordneter der Bismarck-kritischen Zentrumspartei und Leiter der Waffenstillstandskommission war, die allerdings nur die Kriegsverbrechen des Kaisers und seiner Generäle auszubaden hatte«. Selbst die Welt titelte schon im Jahr 2000: »In Berlin fehlt eine Matthias-Erzberger-Straße«. Die Zeit fand 2011 die Überschrift: »Diese Straße wird es nie geben«. Und schrieb darunter »…zumindest nicht in Berlin«. Das erschien zu Erzbergers 90. Todestag.

Matthias Erzberger, der den Friedensvertrag in Versailles unterzeichnete, den Fememörder dafür erschossen, ihm wird das schlichte Gedenken durch die Benennung einer Berliner Straße mit seinem Namen verweigert. Die Siegessäule aber, die für das Abschlachten von Menschen im Krieg wirbt, wurde für einige Millionen Euro liebevoll restauriert und neu vergoldet. Geißler: »Diese Geschichtsvergessenheit wirft ein miserables Licht auf das historische Bewußtsein der Parteien und der Verantwortlichen in Senat und Abgeordnetenhaus.«

Als Geißler im Juni 2012 im ZDF-Kulturmagazin »Aspekte« seine Kritik wiederholte und einen Verbesserungsvorschlag machte, da schlug Bild Alarm: »Heiner Geißler dreht im TV durch – CDU-Politiker will Siegessäule sprengen!« Und erregte sich: »Für viele Berliner ist sie das schönste Wahrzeichen der Stadt. Für die meisten Touristen der beste Aussichtspunkt Berlins. Nur für Heiner Geißler (82) ist die Siegessäule ein häßliches Symbol des Militarismus. ›Sprengen! Anders geht es nicht‹, wetterte der Ex-Generalsekretär der CDU und Stuttgart-21-Schlichter in der ZDF-Sendung ›Aspekte‹. Wieso dieser TV-Ausraster gegen unsere fast 140 Jahre alte, denkmalgeschützte Goldelse?« Ganz einfach: »Die Siegessäule ist das sinnloseste und unnötigste Denkmal in ganz Deutschland. Sie sollte schleunigst verändert werden. Wenn nicht, dann gehört sie endlich gesprengt«, sagt Geißler darauf zu Bild. Und weiter: »In ihr sind die Kanonen verbaut, mit denen Menschen getötet wurden. Die Reliefs zeigen Szenen, in denen Soldaten mit Bajonetten aufgeschlitzt werden. Das kann man doch heute nicht ernsthaft als Denkmal feiern.«

Unsere vierte Trommel

Was aber weder Geißler noch – möglicherweise – seine Kritiker von Bild gebührend beachten, das ist das Zukunftsweisende, das ist die vierte Trommel der Siegessäule. Als Kaiser Wilhelm I. heute vor 140 Jahren das Monument seiner drei siegreichen Kriege einweihte, da hatte die Säule drei Stockwerke – Trommeln genannt. Die hatte sie auch, als Walter Benjamin sie beschrieb. Doch heute sind es vier. Warum und zu welchem Ende?

Der deutsche Reichskanzler Adolf Hitler wollte mit der starken Hilfe seines Freundes, des »guten Deutschen« Albert Speer, Berlin zur Welthauptstadt Germania umbauen. Die ersten Schritte waren längst getan, bevor der Krieg ausgebrochen wurde. Häuser, die den Plänen im Weg standen, waren niedergerissen, die bisherigen Mieter mußten untergebracht werden.

Protokoll einer offiziellen Besprechung am 14. September 1938: »Prof. Speer entwickelte einen Vorschlag, der darauf abzielt, die erforderlichen Großwohnungen durch zwangsweise Ausmietung von Juden freizumachen. Dieser Vorschlag ist streng vertraulich zu behandeln, da Prof. Speer zunächst die Auffassung des Führers erkunden will. Danach würden die erforderlichen gesetzlichen Handhaben zu schaffen sein.« Hitler sagte gern ja. Und Speer konnte bald in seinen Plänen vermerken, welche Viertel »judenrein« waren. Das war – Speer wußte es – der erste Schritt zur Deportation und Vernichtung der Juden.

Besser als den Juden erging es der Siegessäule am Königsplatz (heute: Platz der Republik) gegenüber dem Reichstag. Zwar mußte auch sie im Mai 1938 Speers Germania-Plänen für ein »Forum des Großdeutschen Reiches« weichen. Doch sie wurde nur weitertransportiert und entstand am zentralen »Großen Stern« am 19. April 1939 wieder, einen Tag vor dem 50. Geburtstag des Führers. Größer denn je und damit zukunftsoffen. Die bisher aus drei Trommeln zusammengesetzte Säule war da plötzlich um eine vierte Trommel erhöht. Drei für die siegreichen Einigungskriege gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71). Die neu hinzugekommene vierte Trommel aber war vorgesehen für den schon 1933 von Reichskanzler und Reichswehr geplanten Sieg über die Sowjetunion.

Das muß Wowereits Senat gewußt haben. Aus Hitlers Siegen wurde nichts. Aber Gerhard Schröder und Joseph Fischer bombardierten 1999 Belgrad weiter, wo Adolf Hitler 1941 begonnen hatte. Und sie siegten. Da die vierte Trommel von Siegen des Dritten Reiches nicht künden kann, wird sie in den Dienst der Berliner Republik treten. Neue Reliefs in der Siegessäule werden von den neuen Siegen der Bundeswehr künden. Dem Sieg von 1999 über die Kinder auf der Brücke Varvarin ebenso wie den Sieg vom 4. September 2009, den Oberst Georg Klein (»Wir werden mit aller Härte, die geboten ist, zurückschlagen«) bei Kundus über mehr als 140 Männer, Frauen und Kinder errang. Es genügt nicht, daß unser Kriegsminister dafür den Obersten zum General beförderte und diesen sachkundigen Mann mit dem Personalmanagement der Bundeswehr betraute – sein so prämiertes Massaker von Kundus ist beispielgebend für unsere neuen Siege in aller Welt und muß darum in der Siegessäule verzeichnet sein.

Und das bleibt anzuerkennen: Bauherr Wowereit vermag auch schnelle und solide Arbeit zu organisieren. Nur sechs Monate nach Kleins erfolgreichem Massaker begannen 2010 die Restaurierungsarbeiten an der doch etwas heruntergekommenen Säule. Die Victoria an der Spitze bekam – samt den Beutekanonen darunter – neues Blattgold, mehr als vier Millionen Euro kostete die zügige Renovierung der deutschen Siege, und der SPD-Bürgermeister, immer zu einer launigen Bemerkung aufgelegt, sagt nach dem nicht verschobenen Wiedereröffnungsfestakt im Mai 2011, »die Siegessäule ist heute kein Zeichen der Auseinandersetzung mit den Nachbarn mehr, sondern erinnert an fröhliche Veranstaltungen« (www.bz-berlin.de).

Geißler kneift

Heiner Geißler aber sah schließlich auch gut aufgeräumt aus der Wäsche. Undementiert stand es im mutmaßlichen Nachrichtenmagazin Focus vom 18. Juni 2012 – es war doch nicht so gemeint: »Auf Nachfrage, ob er tatsächlich für eine Sprengung der Säule sei, ruderte Geißler zurück: Wenn Sie Ironie für bare Münze nehmen. Aber hinter jeder Ironie steht ein ernster Gedanke.« Der ernste Gedanke stammt von mir und ist schon etwas älter: Gut ein Jahr vor Geißlers Ironie hatte ich in der Zweiwochenschrift ­Ossietzky (Heft 11/2011) eine Warnung unseres erfolgreichen Kriegsministers Thomas de Maizière aufgegriffen, der damals noch als Innenminister dringlich vor Angriffen des Taliban in unserem eigenen Land warnte. Auch ich hatte wenig Lust, für die heimtückischen Terroranschläge »unserer Soldatinnen und Soldaten« auf afghanische Zivilisten büßen zu müssen. Und deshalb appellierte ich damals: »Bitte, bitte, lieber Taliban, hör endlich auf unsere Regierung, tu, was sie sagt. Der Bundesinnenminister informiert: Mit terroristischen Anschlägen vom Hindukusch her ist zu rechnen. Taliban, sei so lieb, schone uns, spreng endlich für Dich und für uns diese impertinente Siegessäule mit ihrer gänseflügeligen Victoria (Kanonen inklusive) in die Luft. Die Völker der Welt, die auf diese Stadt schauen, werden es Dir danken.« Der Taliban hat nicht reagiert. Das finde ich fies. Es hätte genügt, die unterste, die von Hitler hinzugefügte Trommel wegzusprengen, dann wäre das ganze Siegmal in sich zusammengefallen. Gerade jetzt, da die aus der Wehrmacht aufgebaute Bundeswehr Anstalten zum Abzug aus Afghanistan macht, täte uns ein solches Zeichen der Versöhnung gut – Deutschland würde endlich begreifen, daß es nicht mehr in aller Welt herumballern kann. Aber auch ich bin klüger geworden: Mit der Siegessäule allein ist es nicht getan. Wenn der Taliban sich endlich an die Arbeit macht – bitte, anders als Oberst Klein, ein paar Minuten vorher Alarm schlagen, damit kein Mensch zu Schaden kommt –, dann könnte er gleich das miterledigen, was von Wilhelms Schloß schon wieder steht. Auch damit wir die Milliarden sparen, die das scheußliche Ding noch weiter kosten würde.

Und noch eins, bitte nicht vergessen: in Potsdam wollen sie jetzt auch noch die Garnisonkirche wiederaufbauen, schon immer ein Symbol des deutschen Militärs, das in diesem Gotteshaus auch noch seine Hochzeit mit Hitler feierte. Mach schnell, lieber Taliban. Es eilt. Nach den Wahlen folgt der nächste Krieg.

Thorsten Loch/Lars Zacharias (Hg.): Wie die Siegessäule nach Berlin kam. Ein kleine Geschichte der Reichseinigungskriege 1864 bis 1871. Rombach Verlag, Freiburg 2011, 267 Seiten, 24,80 Euro

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