24. Februar 2012

»Blitz der Aufklärung«

Advokat der Vernunft, dem »gewaltigsten Rüstzeug gegen alle Arten von Irrtümern«: Thomas Paine (1736–1809) - Quelle: Wikipedia

Geschichte. Vor 220 Jahren erschien der zweite Teil von Thomas Paines berühmter Schrift »Rights of Man« – eine fulminante Verteidigung der Französischen Revolution gegen die konterrevolutionäre Polemik seines Landsmanns Edmund Burke

Alexander Bahar

Als die Bevölkerung von Paris im Juli 1789 die Bastille stürmte und im Monat darauf die Nationalversammlung zusammentrat, um die Leibeigenschaft abzuschaffen und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte nach dem amerikanischen Vorbild zu verfassen, waren die Reaktionen jenseits des Kanals zunächst noch verhalten. Die Whigs, die mit William Pitt dem Jüngeren seit Dezember 1783 den Premierminister stellten, begrüßten die Ereignisse in Frankreich. Die Organisation, keine Partei im heutigen Sinne, sondern eine lose Vereinigung von Männern und Frauen vor allem aus den fortschrittlichen und handelsorientierten Schichten des aufstrebenden Bürgertums, stand für politischen und wirtschaftlichen Liberalismus, vorrangig für den Freihandel, ein starkes Parlament mit Widerstandsrecht im Sinne der Theorien John Lockes, die Abschaffung der Sklaverei und religiöse Toleranz gegenüber den sogenannten Dissenters1.

Mit der Radikalisierung der Revolution jedoch polarisierte sich im Laufe des Frühjahrs 1790 auch die öffentliche Meinung in England. Beschleunigt wurde diese Entwicklung durch Edmund Burkes Schrift »Reflections on the Revolution in France«, die am 1. November 1790 erschien. Burke, ein gebürtiger Ire, Politiker und Propagandist der Whigs, hatte die meiste Zeit seines Lebens aufgeklärte und fortschrittliche Positionen vertreten. Er gehörte zum Freundeskreis von Thomas Paine, der mit seinem im Januar 1776 veröffentlichten, knapp 50 Seiten umfassenden Aufruf »Common Sense« die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 mit ihrem »Streben nach Glück« maßgeblich beeinflußt hatte.

Wäre Burke im Alter von sechzig Jahren gestorben, wäre er wohl als Radikaler in die Geschichte eingegangen, der die Befreiung der Katholiken und der Dissenters unterstützt, das Selbstbestimmungsrecht für Irland und die Abschaffung der Sklaverei gefordert und den Generalgouverneur in Britisch-Ostindien der Ausbeutung des Subkontinents angeklagt hatte. Burke machte sich ferner für eine Parlamentsreform stark, attackierte die staatliche Korruption, trat dafür ein, die Macht der Monarchie einzudämmen und unterstützte die amerikanische Revolution. Nun, mit 61, hatte er jedoch ein Buch geschrieben, in dem er die gesamten Prinzipien der Französischen Revolution und der Aufklärung, insbesondere das der sozialen Gleichheit, in Grund und Boden verdammte. Dies sollte seinen Ruf für immer prägen.

Burkes Hauptsorge galt weniger unmittelbar der Französischen Revolution als vielmehr ihren internationalen Auswirkungen. In gehässigem und herablassendem Ton verschoß Burke giftige, zum Teil mit Bibelversen garnierte Pfeile gegen die Freunde von Demokratie und allgemeinem Wahlrecht. Unverhüllt äußerte er seine Verachtung der »säuischen Masse«, der er jedes Recht absprach, auf die Staatsgeschäfte Einfluß zu nehmen: »Das Geschäft eines Perückenmachers oder eines Seifensieders kann seinen Mann nicht ehren – noch weniger können es so manche andere Arbeiten, die niedriger und sklavischer sind. Leute aus solchem Stande müssen nie vom Staat unterdrückt werden, aber der Staat wird von ihnen unterdrückt, sobald sie sich einzeln oder vereinigt einen Anteil an der Regierung anmaßen.« Burke machte sich daran zu beweisen, daß so etwas wie Grundrechte nicht existierten, daß das englische Volk vielmehr durch eine Art organischen Vertrag ewigen Untertanengehorsams an »eine erbliche Krone, einen erblichen Reichsadel« gebunden sei. Radikalismus und Antimonarchismus verurteilte er per definitionem, da die »uralten Grundprinzipien« bereits eingesetzt und verankert seien, und da »allein schon die Idee [des Ersinnens] einer neuen Regierungsform genügt, um uns [Briten] mit Abscheu und Grauen zu erfüllen«.

Zwischen zwei Welten

Unumwunden bezeichnete Burke die Sympathisanten der Revolution als der »Volksverhetzung«, des »Aufruhrs« schuldig – damals ein schwerwiegendes Verbrechen – und forderte, daß sie durch die Obrigkeit zum Schweigen gebracht werden sollten. Auf der anderen Seite erging er sich in überschwenglichen Lobeshymnen auf die Macht und den Charme der eitlen und kapriziösen französischen Königin Marie Antoinette.

Burkes kompromißlose Verurteilung der Ereignisse in Frankreich stieß in England durchaus auf Widerspruch. Die ausführlichen Entgegnungen von William Goodwin, Joseph Priestley und Mary Wollstonecraft, Pionierin der Frauenemanzipation, zeugen vom Entstehen einer radikalen Partei innerhalb der bis dahin stabilen und reaktionären Atmosphäre in England. Doch nicht den Genannten, sondern einem Rückkehrer aus Amerika sollte es vorbehalten sein, mit seiner Replik auf Burkes »Betrachtungen« Geschichte zu machen: Thomas Paine.

Die konterrevolutionäre Schrift seines Freundes beantwortete Paine im Februar 1791 mit dem ersten Teil seiner »Rights of Man« (Die Rechte des Menschen). Im Februar 1792 folgte der zweite Teil. Am 29. Januar 1736 in Thetford in der Grafschaft Norfolk geboren, war Thomas Pain, wie er ursprünglich hieß, in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen. Nach einem vom Vater, einem bekennenden Quäker, vereitelten Versuch, auf einem Kaperschiff anzuheuern, verließ er mit 13 Jahren die Volksschule des Ortes und erlernte widerstrebend in der väterlichen Werkstatt das Handwerk eines Korsett- oder Miedermachers. 1756 trieb es ihn erneut zur See, diesmal mit Erfolg, doch kam er recht schnell zu dem Entschluß (mittlerweile war zwischen England und Frankreich der Siebenjährige Krieg ausgebrochen), daß die Seekriegsführung nicht nach seinem Geschmack war. In London, wo er nun sein Glück suchte, wurde er Stammgast in der Arbeiterlesehalle sowie in der Freidenkertaverne. Vom Debattieren allein konnte er freilich nicht existieren, und so siedelte er 1758 in das Hafenstädtchen Sandwich am Kanal über und wurde schließlich doch noch Miedermacher. Er heiratete die Tochter eines Steuereinnehmers oder Zollbeamten und zeugte mit ihr ein Kind, das 1760 mit der Mutter im Kindbett verstarb. Zurück in Thetford absolvierte er die erforderliche Prüfung, um Steuereinnehmer zu werden, und erhielt 1764 einen verantwortungsvollen Posten an der Nordseeküste, aus dem er jedoch bereits ein Jahr später entlassen wurde – angeblich, weil er einige Ballen gestempelt hatte, ohne ihren Inhalt gebührend zu inspizieren. Wieder in London, schlug er sich als Privatlehrer armer Kinder durch und verschaffte sich autodidaktisch ein umfassendes Wissen in Philosophie, Mathematik und Astronomie. Sein Antrag auf Wiedereinstellung in den Zolldienst hatte schließlich 1768 Erfolg. Er nahm im Zollhaus der Stadt Lewes, Sussex, an der Südküste Englands einen Posten an. Mit seiner zweiten Frau betrieb er in dem Städtchen nebenberuflich einen Tabak- und Kramladen. Er trat einem Debattierclub bei, wurde auch im Stadtrat ein angesehenes Mitglied und setzte sich mit einer Petition (»Die Lage der Zollbeamten«) für eine bessere Bezahlung seines Berufsstandes ein. Bei einem erneuten Besuch in London im Jahr 1773 lernte er Benjamin Franklin kennen. Offenbar wegen seines beharrlichen Eintretens für die Sache der Steuereinnehmer wurde er 1774 erneut aus dem Zolldienst entlassen, sein Besitz in Lewes wurde versteigert, seine Ehe zerbrach. Mit einem Empfehlungsschreiben Franklins emigrierte Paine Ende 1774 nach Amerika.

»Gesunder Menschenverstand«

Im Dezember 1774 traf er in Philadelphia ein, änderte seinen Nachnamen in Paine und wurde Mitherausgeber des Pennsylvania Journal and Weekly Advertiser. In einem am 8. März 1775 veröffentlichten Essay gegen die Sklaverei (»African Slavery In America«) bekannte sich Paine zum Abolitionismus und forderte vehement die Freilassung der Schwarzen. Als unmittelbare Folge seines Artikels wurde bereits am 14. April 1775 in Philadelphia mit der American Anti-Slavery-Society die erste Gesellschaft Amerikas zur Abschaffung der Sklaverei gegründet. Paine selbst gehörte zu den Gründungsmitgliedern.

Obwohl es im April 1775 in der Schlacht von Lexington und Concord zu einer ersten militärischen Konfrontation zwischen amerikanischen und britischen Truppen gekommen war, strebte der Kontinentalkongreß der Kolonien im Konflikt mit Großbritannien immer noch eine Versöhnung mit dem Mutterland an. Noch war zwar wenig Blut vergossen worden, doch das Scharmützel hatte Gräben aufgerissen, die nicht mehr zu schließen waren. Früher als die meisten war Paine bereit, für die Unabhängigkeit und damit die Trennung von der englischen Krone zu plädieren. Im Oktober 1775 veröffentlichte er einen kurzen Artikel unter dem Titel »A Serious Thought« (Ein ernster Gedanke). Darin sprach er erstmals von der Unabhängigkeit der amerikanischen Kolonien. Im Januar des folgenden Jahres erschien Paines Schrift »Common Sense« (Gesunder Menschenverstand). Frei von allen emotionalen Bindungen an England führte der Verfasser aus, es sei die Aufgabe Amerikas, die Unabhängigkeit zu erringen und ein neues, auf die Prinzipien der natürlichen Rechte des Menschen gegründetes demokratisches Regierungssystem einzuführen. »Common Sense« wurde zum Bestseller, mehr als 500000 Exemplare wurden verkauft und verteilt – in einem Land von zirka drei Millionen Einwohnern! Eine Ausgabe wurde sofort auf Deutsch gedruckt, weitere in Zeitungen nachgedruckt. Den vielen Leseunkundigen wurde die Schrift vorgelesen. Paine beeinflußte mit »Common Sense« nicht nur entscheidend die von Thomas Jefferson verfaßte Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776, er war auch der erste, der vorschlug, die neue Nation »Vereinigte Staaten von Amerika« zu nennen.

An den Stolz der Amerikaner als hart arbeitende Pioniere appellierend und in der Tonart des ihnen allen allein bekannten Buches, der Bibel, suchte er nachzuweisen, daß das Alte Testament keine Rechtfertigung für das Königtum enthält und das ursprüngliche Eden in der Neuen Welt seine Entsprechung gefunden habe. Aus der Tatsache, daß viele der Kolonisten keine Engländer waren, folgerte Paine, daß die Forderung nach Untertanentreue gegenüber der britischen Krone für sie nicht bindend sei. Die Idee eines multiethnischen Staates antizipierend, postulierte er: »Diese Neue Welt ist zum Asyl für die verfolgten Freunde der bürgerlichen und religiösen Freiheit aus allen Teilen Europas geworden.«

Nach einer Reihe von militärischen Niederlagen, die Paine bei der Truppe miterlebt hatte, befand sich die Moral der von George Washington befehligten Kontinentalarmee in einem miserablen Zustand. Unter dem Titel »The American Crisis« (Die amerikanische Krise) veröffentlichte Paine eine Reihe von 13 Schriften (für jede Kolonie eine), die den Amerikanern während des langen Kampfes moralischen Rückhalt geben sollte. Das erste »Krisen«-Papier, das im Dezember 1776 erschien, begann mit der legendären Zeile: »These are the times that try men’s souls« (»Dies sind die Zeiten, die die Seelen der Menschen in Versuchung führen«). Von der suggestiven Kraft des Textes beeindruckt, ließ ihn Washington all seinen Truppen vorlesen. Die Schrift verfehlte ihre Wirkung nicht: Im Dezember 1776 errangen Washingtons Streitkräfte bei Trenton einen ersten Sieg, der die amerikanischen Unabhängigkeitsbestrebungen entscheidend beflügelte.

»Die Rechte des Menschen«

Nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges und der offiziellen Gründung der Vereinigten Staaten zog sich Paine zunächst aus der Politik zurück. Ganz dem Fortschrittsgedanken der Aufklärung verpflichtet, konzentrierte er all seine Bemühungen auf den Versuch, eine Eisenbrücke mit einer bisher unbekannten Spannweite zu konstruieren. Dieses Projekt führte ihn 1787 nach Frankreich und nach England, wo er den Bau der Wearmouth-Brücke vorantrieb. In dieser Zeit freundete sich Paine mit Edmund Burke an, der während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges eine vermittelnde Rolle gespielt hatte und den Paine deshalb für einen Freund der Freiheit hielt.

In »Rights of Man« rechnet Paine nach allen Regeln der Kunst mit den reaktionären Auffassungen seines ehemaligen Freundes ab. Die Schrift ist eine Zusammenfassung der Ergebnisse der politischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts und zugleich eine leidenschaftliche Verteidigung der französischen Revolution, verfaßt in einer glasklaren Sprache, die buchstäblich für jedermann verständlich war.

Ähnlich wie zuvor »Common Sense« wird »Die Rechte des Menschen« zum Bestseller: Als Paine im März 1791 den ersten, George Washington gewidmeten Teil veröffentlicht, sind fast im Handumdrehen 50000 Exemplare verkauft. Allerorten entstehen »corresponding societies« und andere Diskussionsgruppen der arbeitenden Bevölkerung. Bis 1793 werden 200000 Exemplare abgesetzt.

Die britische Regierung, die inzwischen ein Abkommen zur Anerkennung der amerikanischen Unabhängigkeit unterzeichnet hatte, beschränkte sich zunächst darauf, Paine observieren zu lassen. Heimlich gaben ihre Agenten ein verleumderisches Persönlichkeitsprofil von Paine in Auftrag, in dem nahezu alle Verunglimpfungen, die über Paine kursierten – treulos gegen Frauen, dem Alkohol verfallen, charakterlich zutiefst unzuverlässig – wieder aufgewärmt wurden.

Als Paine den zweiten Band jedoch dem Aufklärer, Bürgerkriegsgeneral und zeitweiligen Kommandanten der französischen Nationalgarde, Marquis de La Fayette, widmet und zur Ausweitung der Französischen Revolution über ganz Europa aufruft, beginnen die Gegner, die Messer zu wetzen. Am 21. Mai 1792 veröffentlicht der britische Premierminister William Pitt im Namen der Krone eine »Königliche Proklamation gegen gotteslästerliche und aufrührerische Schriften«. Am selben Tag erhält Paine eine Vorladung vor Gericht, um sich zu einer Anklage wegen aufrührerischer Verleumdung zu äußern. Von der Kanzel, aber auch mit Unterstützung der Richterbank, wird zu bedrohlichen Kundgebungen aufgerufen, bei denen man Paines Schrift bzw. eine ihn darstellende Puppe öffentlich verbrennt. Lehrer, Buchhandlungsbesitzer, kleine Drucker und örtliche Befürworter freier Meinungsäußerung sehen sich unvermittelt Geldbußen, der Schließung ihres Ladens und Gefängnisstrafen ausgesetzt, während bezahlte Schlägerbanden gegen Andersdenkende vorgehen.

Nur die überstürzte Abreise nach Dover am 17. September 1792 und die anschließende Flucht nach Frankreich retten Paine vor der Verhaftung. Im Dezember desselben Jahres macht ihm die Regierung im Londoner Gericht, der Guildhall, in absentia den Schauprozeß wegen aufrührerischer Verleumdung. Paine wird wegen Hochverrats verurteilt und für vogelfrei (outlawry) erklärt. Die Verbreitung der »Rights of Man« wird untersagt. Aus der Menschenmenge, die sich vor dem Gericht versammelt hat, erschallen Rufe wie »Für Paine und Pressefreiheit!«. Verleger und Verkäufer von Paines Büchern werden in der Folge oft zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt oder gar in die damalige Strafkolonie Australien deportiert.

Was ist »aufrührerisch« an Paines Schrift? Wohl kaum, daß er merkantilistische Monopole und den Kolonialismus als Einschränkungen des freien Handels verurteilte, das freie Unternehmertum befürwortete und für verständliche und transparente Vertragsregeln plädierte. Es sind die politischen Konsequenzen der Behauptung, alle Menschen seien von Natur aus gleich und frei, und es existiere keine durch Tradition, Religion oder Erblichkeit legitimierte, festgefügte Macht. »Der Mensch besitzt kein Eigentum am Menschen, ebenso wenig besitzt eine Generation Eigentum an künftigen Generationen«, lautet eines der zentralen Postulate Paines. In Erwiderung auf Burke bestritt er, daß es irgendeinen präexistenten »Vertrag« zwischen Herrscher und Beherrschten geben kann. Zu glauben, es habe einen solchen gegeben, wie John Locke es getan hatte und Edmund Burke es tat, hieße, »die Wirkung vor die Ursache« zu setzen. »In Wirklichkeit«, so Paine, müßten »die Individuen selbst, jedes vermöge seines persönlichen und unumschränkten Rechts, einen Vertrag miteinander eingegangen sein, um eine Regierung zu schaffen.« Dies sei »die einzige Art der rechtmäßigen Entstehung und das einzige Prinzip des rechtmäßigen Bestehens von Regierungen«. Mit Recht wies er auf das so absurde wie schikanöse Wahlrecht in England hin und hielt lobend entgegen, daß in Frankreich jeder, der Steuern zahlte, auch wahlberechtigt war. Später erst sollte er konsequent ein weder an Besitz noch Vermögen gebundenes allgemeines und gleiches Wahlrecht fordern, von dem er – im Unterschied zu Mary Wollstonecraft – allerdings den weiblichen Teil der Bevölkerung ausnahm.

Trennung von Kirche und Staat

Paines große Leistung bestand darin, daß er die Diskussion der menschlichen Rechte und ihrer Konsequenzen in der Demokratie bei einem breiten Publikum der unteren Bevölkerungsschichten einführte. Radikal und kompromißlos entwickelte er zudem bereits in »Rights of Man« das Modell einer weltlichen, laizistischen Gesellschaft, hatte er doch erkannt, daß die »Verfolgung« Andersgläubiger und Andersdenkender »der stark ausgeprägte Zug aller Staatsreligionen oder gesetzlich eingeführten Religionen« ist. In heftiger Opposition zu Burkes Modell einer staatlich geförderten Frömmigkeit forderte er die absolute Trennung von Kirche und Staat, wie sie vor allem auf Betreiben Jeffersons später im ersten Zusatzartikel (First Amendment) der US-Verfassung festgeschrieben wurde. In diesem eminent wichtigen Punkt stritt sich Paine indes nicht nur mit Burke, sondern ebenso mit jenen französischen Revolutionären, die sich nicht zum Ziel gesetzt hatten, die Kirche vom Staat zu trennen, sondern sie zu verstaatlichen.

Im zweiten, 1792 erschienenen Teil machte sich Paine daran, die Prinzipien des Repräsentativsystems zu skizzieren (Ein-Kammer-Parlament, Gewaltenteilung), das er, angewandt auf Gesellschaften von der Größenordnung Amerikas, Frankreichs oder Englands für praktikabler hielt als die direkte Demokratie der Griechen. Am Beispiel der amerikanischen Verfassung vertiefte er den Gedanken von der ursprünglichen Unterscheidung zwischen Staat (Regierung) und Gesellschaft (Volk), indem er herausarbeitete, daß »eine Regierung« nur aus einer »Konstitution« hervorgehen könne, »die vom Volk in seiner ursprünglichen Gestalt geschaffen wurde«.

Für soziale Demokratie

Paine war kein Sozialist, insistierte aber auf dem »allgemeinen Glück« als dem einzig legitimen Zweck jedweder Konstitution oder Regierung und machte weitreichende Vorschläge für ein Sozialversicherungssystem. So forderte er, die damals existierenden Armen-Gesetze abzuschaffen und sie durch eine gesetzliche Grundversorgung der Bedürftigen zu ersetzen. In einer späteren Streitschrift (»Agrarian Justice«) schlug er vor, allen Bürgern, beiderlei Geschlechts, bei Erreichen der Volljährigkeit eine bestimmte Summe als einmalige Versicherung zum Lebensstart auszubezahlen. Diese sollte durch eine gestaffelte und bescheidene Einkommenssteuer sowie eine Art Erbschaftssteuer finanziert werden. Außenpolitisch lehnte er sowohl ein mehrere Länder beherrschendes Imperium als auch Krieg und Eroberung entschieden ab. Er war der Ansicht, das Ende der monarchischen Staatsform, die Zunahme von Manufakturen, Handel und technischer Innovationen werde die Nationen friedlicher machen, war aber nicht so naiv zu glauben, daß damit Krieg und Aggression der Vergangenheit angehören würden. Konkret machte er den kühnen Vorschlag, Amerika, Frankreich und England sollten zusammen mit den Holländern ein Bündnis zur Abrüstung schließen und ihr Programm auch den anderen europäischen Reichen dringend empfehlen.

Zwischen den Fronten

In Paris war Paine mit offenen Armen empfangen und zum französischen Ehrenbürger ernannt worden. Das Department Pas de Calais entsandte ihn den Nationalkonvent. Doch schon bald geriet er zwischen die Fronten der sich bekämpfenden Fraktionen der Girondisten und Jakobiner. Obschon ein entschiedener Gegner der Monarchie und weit davon entfernt, die Person des Königs als »heilig und unantastbar« zu erklären, wie es die Verfassung von 1791 tat, sprach er sich im November 1792 im Konvent gegen die sofortige Hinrichtung des Königs aus, der von den Jakobinern zu Recht der Konspiration mit ausländischen Mächten bezichtigt wurde. Paine plädierte statt dessen für einen ordentlichen Prozeß, zum einen aus grundsätzlichen Erwägungen – er war ein Gegner der Todesstrafe und befürchtete, die Revolution könne in ein falsches Fahrwasser geraten – zum anderen aus taktischen Gründen: Da Ludwig XVI. einst ein Verbündeter der Vereinigten Staaten war, könnte die öffentliche Meinung Amerikas seine Hinrichtung negativ aufnehmen. Mit dieser Haltung machte Paine sich jedoch bei den radikalen Jakobinern unbeliebt und geriet mehrmals insbesondere mit Jean Paul Marat aneinander. In den Weihnachtstagen 1793, während der Terrorherrschaft Robespierres, verhaftet und ins Gefängnis geworfen, entging er nur durch einen glücklichen Zufall knapp der Guillotine. Der amerikanische Botschafter, Gouverneur Morris, versäumte es, ernsthaften Druck auf die Revolutionsbehörden auszuüben, so daß Paine erst nach fast einjähriger Haft – und gesundheitlich ruiniert – im November 1794 freikam. Bereits kurz nach seiner Freilassung wurde er zurück in den Konvent berufen.

»Das Zeitalter der Vernunft«

In jenem und im folgenden Jahr veröffentlicht Paine die beiden Teile seines deistischen Manifests »The Age of Reason« – ein Frontalangriff auf die christliche Offenbarungsreligion, ja auf den Anspruch der »Offenbarung« schlechthin, wie er von mosaischen, christlichen und muslimischen Autoritäten erhoben wurde. Zugleich ist es ein flammendes Plädoyer für bedingungslose Freiheit der Meinungsäußerung und für die Vernunft, »das gewaltigste Rüstzeug gegen alle Arten von Irrtümern«. Kapitel für Kapitel nimmt sich Paine die Bibel vor, um festzustellen, daß sie von Anfang bis Ende von Absurdität, Widersprüchlichkeit und Unmoral durchdrungen ist und überdies zu großen Teilen aus älteren Mythologien schöpft. Die kirchliche Orthodoxie, gleich welcher Konfession, schäumt und brandmarkt Paine als Atheisten.

Den Aufstieg Napoleons zum Alleinherrscher im November 1799 befürwortet Paine. Er verfällt dem Charme und den Schmeicheleien des Autokraten, der ihn sogar im Jahr zuvor zum Diner gebeten hatte. Auf Einladung des dritten US-Präsidenten Thomas Jefferson, der ihn stets unterstützt hat, kehrt Paine im Herbst 1802 nach Amerika zurück. Hier empfängt ihn der geballte Haß seiner autoritätsgläubigen und erzreli­giösen Gegner aus den Reihen der konservativen »Federalists«, darunter der vormalige (zweite) US-Präsident John Adams, der Paine schon seit langem mißtraut. Man verübelt ihm nicht nur seine Agitation gegen Kirche und Christentum, sondern auch seinen Kampf gegen die Sklaverei und für die Rechte der Frauen. Seine letzten Lebensjahre verbringt Paine anfangs angefeindet, dann zunehmend ignoriert und vergessen, in New York City bzw. im knapp 30 Kilometer entfernten New Rochelle. Nach zwei Schlaganfällen stirbt er am 8. Juni 1809 in Greenwich Village (New York City).

Die Erfüllung seines letzten Wunsches – eine Beerdigung auf dem Friedhof der Quäker – wird dem »Gottlosen« verweigert. So wird Paine auf seiner Farm in New Rochelle bestattet, die ihm der Staat New York lange zuvor geschenkt hatte. Nur sechs Privatpersonen folgen dem Sarg. Im Jahr 1819 gräbt der radikale Journalist und Pamphletist William Cobbett, ein ehemaliger Tory und heftiger Kritiker Paines, den Sarg in einer nächtlichen Aktion aus und veranlaßt die Überstellung nach England, wo Paines Gebeine im Verlauf der nächsten Jahrzehnte verlorengehen. Heute erinnert ein Denkmal in Paines Heimatstadt Thetford an den großen Publizisten.

»Schmutziger kleiner Atheist«

Paines Nachruhm ist bis heute zwiespältig. Während die demokratischen »Republicans« dem Inspirator der Unabhängigkeitserklärung pflichtschuldig ihre Gunst bezeugen, ist er sich des Hasses der »Federalists« und aller konservativen Amerikaner für alle Zeiten sicher. In zahlreichen Publikationen als gottloser, trunksüchtiger und verkommener Staatsfeind diffamiert, beschimpfte ihn noch hundert Jahre nach seinem Tod Präsident Theodore Roosevelt als »schmutzigen kleinen Atheisten«.

Interessanter sind die Namen der Männer, die Paine inspirierte und die sich auf ihn beriefen: Georg Büchner, Abraham Lincoln, Walt Whitman, Thomas Alva Edison, Bertrand Russell, Jawaharlal Nehru und – mit mehr als nur einem Körnchen Salz – Ronald Reagan und Barack Obama. Die Wirkung von Paines Schriften auf dürstende Geister hat der Erfinder Thomas Alva Edison eindrücklich beschrieben: »Paine sprach die Wahrheit in einer einzigartig klaren und kräftigen Weise aus. (…) Mit ungefähr 13 öffnete ich erstmals ein Buch. Und ich kann mich immer noch an den Blitz der Aufklärung erinnern, der von seinen Seiten ausging. Es war in der Tat eine Offenbarung, auf seine Ansichten in politischen und religiösen Angelegenheiten zu stoßen, die so sehr verschieden waren von den Ansichten vieler Menschen um uns herum. Natürlich verstand ich ihn nicht sehr gut, aber seine Ernsthaftigkeit und Leidenschaft machten auf mich einen Eindruck, der durch nichts jemals gemindert werden kann.«

1 Protestanten, die sich ihrer abweichenden Meinung wegen von der Church of England getrennt hatten und eigene Glaubensgemeinschaften bildeten.

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