5. November 2011

Blutige Spur

Kurt Pätzold

Zum Erscheinen der »Ereignismeldungen UdSSR«

Kurt Pätzold

Einsatzgruppen – so hießen die Mörderschwadronen, die der deutschen Wehrmacht 1939 nach Polen und 1941 in die UdSSR auf deren Eroberungszügen folgten. Ihr Auftrag bestand nicht nur darin, im Hinterland der vordringenden Truppen Friedhofsruhe durch die Niederhaltung jedes Widerstands zu schaffen. Ihnen war befohlen, schon während des Feldzugs die Bedingungen für eine dauerhafte Herrschaft der Eindringlinge herzustellen. Denn nach den Zukunftsplänen der Nazis sollte aus dem eroberten Land eine Kolonie gemacht und deren »brauchbare« Bewohner Arbeitssklaven werden.

Diese Einsatzgruppen »der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes « traten schon 1939 beim Überfall auf Polen in Aktion. Nun waren sie für den Krieg zur Liquidierung der UdSSR neu formiert worden. Sie setzten sich aus Angehörigen des Sicherheitsdienstes, der Geheim-, Kriminal- und Ordnungspolizei sowie der Waffen-SS zusammen. Deren oberster Befehlshaber war der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich.

»Geheime Reichssache«

In der Geschichte Europas und der Kriege, die auf dem Kontinent tobten, ist keine zweite Truppe auffindbar, die eine derartige Blutspur gezogen hätte. Ihre Opfer waren Männer, Frauen und Kinder, in überwiegender Zahl Juden, sowjetische Partei- und Staatsfunktionäre, politische Offiziere der Roten Armee, Menschen aus Behindertenanstalten und solche, die des Widerstands auch nur verdächtig waren.

Authentische Informationen von den Untaten dieser Gruppen waren im Kriegsverlauf, u. a. durch das Auffangen und die Entschlüsselung von Funksprüchen der Mörder, bekannt geworden. Doch erst nach 1945 wurde ihr ganzes Ausmaß offenbar. Zu den grauenvollen Entdeckungen gehörten Massengräber, die die Faschisten vor ihrem Rückzug zwar zu beseitigen gesucht hatten, aber dies war ihnen nicht vollends gelungen. Und es lebten auch Zeugen, Menschen, die dem Morden entkommen waren oder die Geschehnisse mehr oder weniger zufällig wahrgenommen hatten. Zudem fand sich im Beutegut der Alliierten eine umfängliche papierene Hinterlassenschaft der Mörder.

Die Offiziere der auf unterster Befehlsebene operierenden Kommandos hatten befehlsgemäß zunächst an die Chefs der Einsatzgruppen schriftlich Bericht erstattet. Diese verdichteten die Angaben zu Meldungen, die durch Kurier, per Funk oder Fernschreiber nach Berlin gelangten. Im Amt IV, dem der Gestapo, wurden sie zu Texten zusammengefaßt, die den harmlosen Namen »Ereignismeldungen UdSSR« erhielten. Diese gelangten nur vor die Augen eines streng begrenzten Kreises von Personen. Heute befinden sie sich im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde.

Auf der Grundlage dieser Beweisstücke entstand eine beträchtliche Geschichtsliteratur. Forscher haben in ihren Publikationen Meldungen in Auswahl gedruckt oder zitiert, so der Potsdamer Militärhistoriker Norbert Müller 1980 in einer Dokumentensammlung. 1981 erschien in Stuttgart die von Helmut Krausnick und Hans-Heinrich Wilhelm verfaßte Geschichte der Einsatzgruppen von 1938 bis 1942. Über ihren Titel »Die Truppe des Weltanschauungskrieges« ließ sich streiten, denn wenn auch eine nicht mehr feststellbare Zahl ihrer Angehörigen vom Rassenwahn getrieben sein mochte, der Ausrottungsfeldzug im ganzen war nicht allein auf die Eliminierung eines weltanschaulichen Gegners gerichtet, sondern Teil eines imperialistischen Kriegsprogramms. 1996 folgte die Monographie Ralf Ogorrecks »Die Einsatzgruppen und die ›Genesis der Endlösung‹«, die sich besonders der Frage zuwandte, wann das Judenmorden auf Frauen und Kinder ausgedehnt wurde. Im Jahr darauf gab Peter Klein den Band »Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42« heraus, an dem die Spezialisten der Holocaust-Forschung Wolfgang Scheffler, Christian Gerlach, Dieter Pohl und Andrej Angrick beteiligt waren. Letzterer hat 2003 eine Studie über »Besatzungspolitik und Massenmord. Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion. 1941–1943« publiziert. 2008 erschien von Klaus-Michael Mahlmann, Jochen Böhler und Jürgen Mattäus der Band »Einsatzgruppen in Polen«. Zudem wurden Biographien der Befehlshaber und Kommandeure geschrieben. Zu denen gehört, jüngst erschienen, Wolfram Wettes Abhandlung über Karl Jäger, den Kommandeur des Einsatzkommandos 3, das in Litauen wütete.

Nun hat sich eine in der Sache hochausgewiesene Forschergruppe das Verdienst erworben, die »Ereignismeldungen« in einer vorbildlichen Edition herauszubringen. Die Dokumentation setzt am 23. Juni, dem Tag nach dem Überfall auf die Sowjetunion ein, und ist bis zum 22. Dezember 1941 geführt, sie umfaßt 149 Berichte (von insgesamt 195 bis zum 24. April 1942 reichenden), die im Original fast 4500 Schreibmaschinenseiten umfassen und als »Geheime Reichssache« eingestuft waren. Während bisher zumeist nur auf jene Angaben Bezug genommen wurde, welche die Mordaktionen betrafen, macht die vollständige Wiedergabe deutlich, daß der Ehrgeiz der Verfasser und das Interesse der Empfänger weiter reichte. Informiert wird über den Zustand der vorgefundenen Städte und Industrieanlagen, Stimmungen und Verhalten der Bevölkerung, über die Tätigkeit der ukrainischen Nationalisten und den Partisanenkampf, auch über die angetroffenen »Volksdeutschen« und die Rolle der Kirchen.

Nur »Beihilfe«?

Die Lücke, die in der Literatur über die Einsatzgruppen noch zu schließen bleibt, ist eine Bilanz der Gerichtsprozesse, in denen Angehörige dieser Gruppen nach Kriegsende angeklagt wurden. Die Zahl der von deutschen Gerichten abgeurteilten einstigen Angehörigen der Gruppen beträgt 123, wie der Autor einer an der Universität Santa Cruz (Kalifornien) vorgelegten Dissertation angibt. Das früheste Verfahren fand 1947/1948 vor einem US-amerikanischen Militärgericht in Nürnberg statt. Eine Auswahl seiner Dokumente (»Fall 9«) wurde 1963 in der DDR herausgegeben. Der Prozeß endete mit vierzehn Todesurteilen, zwei lebenslangen Haft- und fünf Freiheitsstrafen zwischen zehn und 20 Jahren. Von den Todesstrafen wurden 1951 vier im Kriegsverbrechergefängnis Nummer eins der USA in Landsberg am Lech vollstreckt, zehn hingegen umgewandelt. Außerdem wurden die Zeitstrafen herabgesetzt. 1952 begannen Entlassungen. Sechs Jahre später befand sich niemand mehr hinter Gefängnismauern. 2009 ist bei Cambridge University Press eine Geschichte dieses Verfahrens von Hilary Earl erschienen, die auf ihrer Dissertation fußt.

Der bekannteste westdeutsche Prozeß gegen Mitglieder dieser Einsatzgruppen versammelte 1958 auf der Anklagebank Angehörige der »Einsatzgruppe Tilsit«. Gerichtsort war Ulm (siehe auch jW vom 18.6.2008). Die Richter stuften die Rolle aller Angeklagten auf »Beihilfe« zum Mord herab. Entsprechend lauteten die Urteile auf Freiheitsstrafen zwischen 15 und drei Jahren. Zum Zeitpunkt dieses Prozesses befanden sich in der Bundesrepublik hochgestellte SS-Führer von Einsatzkommandos noch auf freiem Fuß. Dazu gehörte der Kommandeur des Kommandos 8, SS-Obersturmbannführer Otto Bradfisch, der zunächst unter falschem Namen das Leben eines Arbeiters geführt, dann aber keine Bedenken mehr hatte, seine echte Identität wieder anzunehmen. Da war er Bezirksdirektor der Hamburg-Mannheimer Versicherung geworden. Sein Name verband sich mit Mordaktionen hinter der Heeresgruppe Mitte. 1958 wurde er verhaftet, 1961 verurteilte ihn das Landgericht München ebenfalls wegen Beihilfe, obwohl er Erschießungen nicht nur befehligt, sondern selbst Hand angelegt hatte. Die Strafzumessung lautete 13 Jahre. Zur »Strafverbüßung« gehörte 1965/1966 ein halbjähriger Urlaub, den angeblich eine medizinische Behandlung notwendig machte, ein Verfahren, das in der Bundesrepublik einen Skandal auslöste. Wieviel Bradfisch von seiner Strafe verbüßte, ist unbekannt. Er starb nach seinem 91. Geburtstag.

Karl Jäger, von dem hier schon die Rede war, wurde 1959 verhaftet. Er, SS-Mitglied seit 1932, hatte es bis zum Standartenführer gebracht und war als Kommandeur des Einsatzkommandos 3 stolz darauf gewesen, daß er und seine Männer Litauen »judenfrei« gemacht hatten. 14 Jahre lebte er nach dem Kriegsende bei Heidelberg und dann nahe Neckargemünd, ohne sich auch nur mit einem falschen Namen zu tarnen. Nach seiner Verhaftung erhängte er sich im Gefängnis Hohenasperg. Der Justiz der Bundesrepublik blieb eine erneute Abwägung von strafmildernden Gründen, wie im Falle Bradfisch geschehen, erspart.

Andrej Angrick, Jürgen Matthäus, Martin Cüppers (Hrsg.) Die »Ereignismeldungen UdSSR« 1941: Dokumente der Einsatzgruppen in der Sowjetunion I. (Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Bd. 20) Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011

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