12. März 2011

»Bolschewisten sofort unschädlich machen«

Geschichte Vor 70 Jahren wurde die Grundsatzweisung für den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und ein kriminelles Okkupationsregime beschlossen

Martin Seckendorf

Aus der Weisung des Oberkommandos des Heeres vom 26.3.1941 über den Einsatz der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes beim Angriff auf die Sowjetunion. Die SS-Einheiten waren bei »Exekutiv-Maßnahmen« gegen die Bevölkerung »zu engster Zusammenarbeit« mit der Wehrmacht verpflichtet

Am 18. Dezember 1940 hatte Hitler die »Weisung für die Kriegsführung Nr. 21 Fall Barbarossa« unterzeichnet. Darin wurde festgelegt, im Frühjahr 1941 die Sowjetunion zu überfallen. Als Kriegsziel war die Zerschlagung der UdSSR und die Besetzung vorerst bis zu einer Linie von Astrachan am Kaspischen Meer bis Archangelsk am Weißen Meer vorgesehen (siehe jW-Thema vom 18.12.2010). In den folgenden Beratungen ging es neben der weiteren Ausarbeitung der operativen Grundlinien eines Blitzkrieges um die »riesigen« Möglichkeiten, die dem deutschen Imperialismus aus einer Eroberung der Sowjetunion erwüchsen. Am 9. Januar 1941 hob Hitler vor den Spitzen der Wehrmacht in Anwesenheit des Reichsaußenministers den ausgesprochenen Raubcharakter des geplanten Feldzuges hervor. Nach dem Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) sagte er: »Der russische Riesenraum berge unermeßliche Reichtümer. Deutschland müsse ihn wirtschaftlich und politisch beherrschen.«

Seit März 1941 stand für die Militärs, die SS und Polizei und für die mit der wirtschaftlichen Ausbeutung befaßten Stellen die Frage im Mittelpunkt, wie der »Riesenraum« zu beherrschen und auszubeuten sei.

Antikommunistischer Feldzug

Grundlegende Befehle und die Zusammenfassung der internen Diskussion zu diesen Problemen enthielten die vom Chef des OKW, Wilhelm Keitel, am 13. März 1941 erlassenen »Richtlinien auf Sondergebieten zur Weisung Nr. 21 (Fall Barbarossa)«. Darin wurde festgestellt, daß die Aggression wegen des Umfangs der geplanten Eroberungen, der kolonialistischen Ausbeutung des zu besetzenden Gebietes, vor allem wegen des Gegners und der Art des Umgangs mit der Bevölkerung kein Feldzug wie die vorausgegangenen werden wird. Um die Kriegsziele zu erreichen, so das Kalkül, müßten in großem Umfang völkerrechtswidrige Mittel angewendet werden. Der besondere Charakter des kommenden Krieges ergebe »sich aus dem endgültig auszutragenden Kampf zweier entgegengesetzter politischer Systeme« heißt es in den »Richtlinien«. Dazu seien der SS Sondervollmachten erteilt worden, um die dauerhafte politische Beherrschung der Gebiete vorzubereiten und zu sichern. Für die Wehrmacht müßten abweichend von bisherigen Regelungen neue Befehle für »das Verhalten der Truppe gegenüber der Bevölkerung und die Aufgaben der Wehrmachtgerichte« herausgegeben werden.

Unter der kryptischen Formel vom »endgültig auszutragenden Kampf zweier entgegengesetzter Systeme« war die Vernichtung der Sowjetunion als staatliche Basis der kommunistischen Weltbewegung und eines zum Kapitalismus alternativen Gesellschaftsmodells als Gegenmacht gegen den Imperialismus im Weltmaßstab gefaßt. Dabei ging es nicht nur um die Zerschlagung des sozialistischen Staates, sondern auch um die physische Vernichtung der Kommunisten und aller Menschen, die der »Nähe« zum Sowjetsystem verdächtigt wurden. In den Besprechungen zur Erarbeitung der »Richtlinien« wurde der Code von dem besonderen Charakter des Krieges gegen die Sowjetunion und vom »Kampf zweier entgegengesetzter politischer Systeme« aufgelöst. Am 3.März 1941 befahl der Chef des Wehrmachtsführungsstabes, Alfred Jodl, es sei von »der Notwendigkeit« auszugehen, »alle Bolschewistenhäuptlinge und Kommissare sofort unschädlich zu machen«. Auf einer Besprechung mit der Heeresführung am 17. März 1941 verlangte Hitler: »Die von Stalin eingesetzte Intelligenz muß vernichtet werden. Im großrussischen Bereich ist die Anwendung brutalster Gewalt notwendig.« Am 30. März 1941 erläuterte Hitler vor der Generalität, wie der »Kampf zweier Weltanschauungen« zu führen sei. Nach dem Kriegstagebuch des Generalstabschefs des Heeres, Franz Halder, sagte er: »Bolschewismus ist gleich asoziales Verbrechertum. Kommunismus (bedeutet) ungeheure Gefahr für die Zukunft (…) Es handelt sich um einen Vernichtungskampf.« Den deutschen Eroberern stünden die Sowjetmenschen als »kommunistische (r) Feind gegenüber«. Die Wehrmacht führe diesen Krieg nicht, »um den Feind zu konservieren«. Notwendig sei die »Vernichtung der bolschewistischen Kommissare und der kommunistischen Intelligenz«. Diese Auffassungen wurden an die zum Überfall bereitgestellten Verbände weitergegeben. Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, Fedor von Bock, befahl: »Scharfes Zufassen. Wir sind nicht dazu da, um Verbrecher zu konservieren. Kommissare.« Anfang Juni instruierte der General z.b.V. im OKW, Eugen Müller, der maßgeblich an der Erarbeitung von Vernichtungsbefehlen beteiligt war, die Abwehroffiziere und Heeresrichter der Großverbände. Vor diesem, für die Terrorpolitik in den eroberten Gebieten entscheidenden Personenkreis sagte er am 11. Juni 1941, es habe »Rechtsempfinden u.U. hinter Kriegsnotwendigkeit zu treten«. Den kommunistischen Feind, die »Träger der feindlichen Einstellung« dürfe man »nicht konservieren, sondern erledigen«. Es sollten auch »Hetzer, Flugblattverteiler, Saboteure« sowie all jene Sowjetbürger, die deutsche Anordnungen nicht befolgen, ermordet werden. In der »Aufmarsch- und Kampfanweisung Barbarossa« der Panzergruppe4 befahl deren Oberbefehlshaber Erich Hoepner am 2.Mai 1941, der Kampf müsse »mit unerhörter Härte geführt werden«. Insbesondere gebe »es keine Schonung für die Träger des heutigen russisch-bolschewistischen Systems«.

Nach dieser Befehlslage zählten die Mitglieder der Kommunistischen Partei sowie alle »systemnahen« Sowjetbürger – die Angestellten des sowjetischen Staates vom Minister bis zur Kindergärtnerin, die Angehörigen der Intelligenz, aber auch das leitende Personal der Wirtschaft – zu den Todeskandidaten.

Rassistischer Mordplan

Der Kreis der zu ermordenden Sowjetbürger wurde dadurch erheblich ausgeweitet, daß in den Weisungen der extreme Antikommunismus mit einem rabiaten biologischen Rassismus, insbesondere mit Antisemitismus verbunden war. In der »Aufmarsch- und Kampfanweisung Barbarossa« der Panzergruppe 4 werden die Vernichtungsmaßnahmen damit begründet, daß es sich bei der Aggression um einen »Kampf der Germanen gegen das Slawentum«, gegen »moskowitisch-asiatische Überschwemmung«, um »die Abwehr des jüdischen Bolschewismus« handele.

Bereits am 26. März 1941 hatte Hermann Göring, der zweite Mann nach Hitler, den Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Hey­drich, beauftragt, für die Wehrmacht, für »die Truppe«, eine »ganz kurze, 3–4seitige Unterrichtung« vorzubereiten, »damit sie wisse, wen sie praktisch an die Wand zu stellen« habe. Insbesondere müsse darin auf »die Gefährlichkeit« der sowjetischen Sicherheitsbehörden, der »Politkommissare, Juden usw.« hingewiesen werden. Außerdem legte Heydrich mit Blick auf den bevorstehenden Überfall einen Plan zur »Lösung der Judenfrage« vor, der von Göring grundsätzlich gebilligt wurde.

Die SS hatte in Übereinstimmung mit den »Richtlinien auf Sondergebieten zur Weisung Nr. 21 (Fall Barbarossa)« damit begonnen, eine riesige Mordmaschinerie zu formieren. Dazu gehörten spezielle Verbände der Waffen-SS in Brigadestärke ebenso wie motorisierte Polizeiregimenter. Sie hatten in enger Zusammenarbeit mit den Sicherungsdivisionen der Wehrmacht das Hinterland zu »befrieden«, »rassisch« wie politisch »unerwünschte« Sowjetbürger zu töten und dabei generell die »Slawen« zu dezimieren, um die Einwohnerzahl auf die vorher in Studien zur »Ernährungssicherung« und zur »germanischen Besiedlung« großer Teile der Sowjetunion prognostizierten Größen »abzusenken«.

Kernstück des SS-Vernichtungsapparates waren vier Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, jede in Stärke zwischen 650 und 950 Mann und voll motorisiert. Sie hatten in Abstimmung mit der Wehrmacht, »im Verbande des Heeres«, wie Walther von Brauchitsch, Oberbefehlshaber des Heeres, in einem Befehl vom 28. April 1941 festlegte, in die Sowjetunion einzudringen. Dort sollten sie im Rücken der Front und in den schnell zu schaffenden politisch verwalteten Besatzungszonen »Sonderaufgaben« lösen, die sich aus dem »endgültig auszutragenden Kampf zweier entgegengesetzter politischer Systeme ergeben«, wie es in den »Richtlinien« vom 13. März heißt. Wenige Tage vor dem Überfall erhielt das Führungspersonal der Einsatzgruppen von Hey­drich den Auftrag, in den eroberten Gebieten der Sowjet­union möglichst schnell alle Kommunisten, Juden und »sonstige radikalen Elemente« zu töten. Bei den Massenmorden, so die Weisung Heydrichs, waren einheimische Antikommunisten und Antisemiten als Täter zu verwenden. Diese sollten von SS-Leuten in Zivilkleidung zu Pogromen angestachelt werden, ohne daß die initiierende und lenkende Hand der Deutschen sichtbar wird. Die Mordaktionen seien »spurenlos auszulösen, zu intensivieren, (…) in die richtigen Bahnen zu lenken«. Die Auslösung der Aktion habe so konspirativ zu erfolgen, daß sich selbst die Kollaborateure später nicht »auf Anordnungen (…) berufen können«. Als »Selbstreinigungsaktionen« der Einwohner gegen ihre »jüdisch-bolschewistischen Unterdrücker« wollte man die Morde propagandistisch verwerten. Die Massaker sollten gefilmt werden. Das Material war auch als Druckmittel gegen die Kollaborateure gedacht, um sie unlösbar an ihre deutschen Auftraggeber zu binden. Der Trick der SS wirkt bis heute. Bei der Darstellung von Massakern durch gegenwärtige Autoren wird manchmal die Verschleierungstaktik weitgehend ausgeblendet. Die Metzeleien der Kollaborateure stehen im Mittelpunkt, die Hauptschuld der Deutschen wird relativiert.

Verbrecherische Ziele…

Die Pläne zur Schaffung »menschenverdünnter Räume« schlugen sich in detaillierten Konzepten nieder, die vor Beginn der Aggression erarbeitet worden waren.

Das Reichssicherheitshauptamt plante das »Verschwinden« von mehr als 30 Millionen Slawen. Im Februar 1941 teilte der Chef des Wehrwirtschaftsamtes im OKW, Georg Thomas, dem Oberkommando des Heeres mit, die Wehrmacht sei voll aus den besetzten sowjetischen Gebieten zu ernähren. Außerdem könne man aus der UdSSR soviel an landwirtschaftlichen Überschüssen herausholen, daß der deutsche Zuschußbedarf für 1941 und 1942 mehr als gedeckt werde. Voraussetzung sei die Reduzierung des Verbrauchs der »Russen« um mindestens zehn Prozent, wobei die traditionellen sowjetischen Zuschußgebiete (Großstädte wie Moskau und Leningrad und die Waldzone) von der Lebensmittelversorgung fast völlig abgeschnitten werden müßten. Das Hungerkonzept von Thomas bildete die Grundlage einer Besprechung von Staatssekretären am 2. Mai 1941, auf der festgestellt wurde, daß in Vollzug der Pläne »zweifellos zig Millionen« Sowjetbürger verhungern werden. Der Plan war verbindliche Richtlinie für alle Besatzungsbehörden in der UdSSR. Im Februar 1941 wurde im Auswärtigen Amt eine Studie diskutiert, in der Siedlungsmöglichkeiten für das »übervölkerte Deutschland« gefordert wurden. Geeignetes Land sei vor allem in der Ukraine vorhanden. Dazu sollten aus diesen Gebieten zehn bis 20 Millionen Slawen nach »russisch Asien« deportiert werden. In klassisch einfacher Weise beschrieb der Leiter der Grundsatzabteilung im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete, Otto Bräutigam, 1942 die deutschen Kriegsziele in der UdSSR. Man führe einen »Krieg zur Vernichtung des Bolschewismus, ein (en) Krieg zur Zertrümmerung des Großrussischen Reiches und endlich ein (en) Krieg zum Erwerb von Kolonialland zu Siedlungszwecken und zur wirtschaftlichen Ausbeutung«. Bräutigam war nach 1945 im Auswärtigen Dienst der Bundesrepublik. Er wurde u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz dekoriert.

… verbrecherische Mittel

Den Eroberern war klar, daß die Ziele Unruhe auslösen mußten. In den Bolschewiki sahen sie die Hauptkraft des Widerstandes. Hitler sagte gegenüber seinen Generälen am 3. März 1941, daß die sozialistische Idee schon zu lange im Sowjetvolk verankert sei. Sie »ist aus dem heutigen Rußland nicht mehr wegzudenken«. Mit mörderischen Befehlen sollte dieser »Gefahr« begegnet werden.

Die Vernichtungsbefehle waren ziemlich vage gefaßt, um die Tötungsmaschinerie nicht einzuengen und den örtlichen Verhältnissen anpassen zu können.

Im »Kommissarbefehl« vom 6. Juni 1941 heißt es, »die Truppe« habe politische Kommissare »aller Art« zu töten. Sie seien »eine Gefahr für die eigene Sicherheit und die schnelle Befriedung der eroberten Gebiete«. Außer den Politarbeitern der Roten Armee fielen unter den Begriff Kommissar alle Funktionäre der KPdSU und des Komsomol, jeder Kommunist in leitender Funktion in staatlichen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Einrichtungen.

In den Dokumenten der Einsatzgruppen wird neben der befehlsgemäßen Tötung auch einfacher Parteimitglieder, Juden und der leitenden Angestellten in Staat und Wirtschaft ebenso über die massenhafte Ermordung von »Zigeunern«, geistig Behinderten und Menschen »mit vorwiegend asiatischem Einschlag« berichtet. Zahlreiche Massenmordaktionen wurden damit begründet, daß es sich bei den Getöteten »um rassisch minderwertige Elemente« gehandelt habe.

Die übergreifende, verbindende Tötungsformel in den Befehlen für Wehrmacht, SS und Polizei bildete die Wortkombination »jüdisch-bolschewistisch«. In der Naziideologie war die Verbindung von Antikommunismus mit Rassismus und Sozialdarwinismus als vorherrschendem gesellschaftlichen Entwicklungsprinzip seit Gründung der faschistischen Partei zentral. Angesichts des internationalistischen Charakters der revolutionären Arbeiterbewegung und der Tatsache, daß Juden in führende Positionen der kommunistischen Parteien gelangten, behaupteten die Nazis, die sozialistische Bewegung sei vom Judentum dominiert. Die Juden würden die Arbeiterbewegung benutzen, um der »höherwertigen germanischen Rasse« den naturgegebenen Anspruch auf »Lebensraum« und Vorherrschaft streitig zu machen. In seiner Schrift »Mein Kampf« behauptet Hitler 1924, »die Bolschewisierung Deutschlands« sei das Ziel des »Judentums«, und ein »bolschewisiertes« Deutschland bilde die Grundlage für die »Weiterverbreitung der jüdischen Welteroberungstendenz«. Insbesondere die sowjetische kommunistische Partei, so die Nazipropaganda, sei vom Judentum dominiert. Jeder Jude galt als potentieller, »Träger der feindlichen Einstellung«. Das »Ostjudentum« war danach ein ständig sprudelnder Quell des Bolschewismus, und jeder Sowjetfunktionär galt als vom Judentum gefördert und begünstige seinerseits die Juden.

Die krude Naziideologie verschmolz mit den Plänen für den Raubkrieg. Sie diente der Fokussierung auf den »Hauptgegner« – die sowjetischen Kommunisten. Vor allem diente sie zur Rechtfertigung der aus den ausufernden Kriegszielen abgeleiteten Vernichtungsmaßnahmen und war Grundlage einer beispiellosen Haßpropaganda in die deutsche Bevölkerung und in das Militär. Im »Gerichtsbarkeitserlaß« des OKW vom 13. Mai 1941 wurde befohlen, »die Truppe« habe »sich gegen jede Bedrohung durch die feindliche Zivilbevölkerung schonungslos zur Wehr« zu setzen. Alle »Angriffe feindlicher Zivilpersonen (…) sind von der Truppe auf der Stelle mit den äußersten Mitteln (…) niederzukämpfen«. Eine gerichtliche Untersuchung wurde verboten. Schon der Verdacht genügte, um zu töten. Zwei Punkte hatten für die Bevölkerung verheerende Wirkungen. Bei Widerstand sollten gegen die in der Nähe liegenden Ortschaften »kollektive Gewaltmaßnahmen durchgeführt« werden. Dabei war keine Begrenzung angeordnet. Die Zahl, das Alter und das Geschlecht der zu Tötenden lagen ebenso wie der Umfang der Zerstörungen im Ermessen des zuständigen Bataillonskommandeurs – der Exzeß wurde »von oben« befohlen. Der exzessive Charakter der angeordneten Maßnahmen wurde dadurch gesteigert, daß den Soldaten und SS-Männern Straffreiheit beim Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung zugesichert war, selbst wenn nach deutschem oder internationalem Recht »die Tat ein militärisches Verbrechen oder Vergehen ist«. Auch niedrigste Instinkte konnten straffrei ausgelebt werden.

Eine hysterische Propaganda sollte die Befolgung der Mordbefehle unterstützen. Die »Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Rußland« des OKW vom 19. Mai 1941 waren Verhaltens­kodex für die Soldaten und Vorgabe für die faschistische Propaganda. »Der Bolschewismus« sei der »Todfeind« des deutschen Volkes, heißt es dort. »Dieser zersetzenden Weltanschauung und ihren Trägern« gelte »Deutschlands Kampf«. Gegen »bolschewistische Hetzer, Freischärler, Saboteure, Juden« wurde »rücksichtsloses (…) Durchgreifen« gefordert, um »aktiven oder passiven« Widerstand zu brechen. Die Rotarmisten – auch die gefangenen – wurden einer »heimtückischen Kampfesweise« verdächtigt. »Besonders die asiatischen Soldaten der Roten Armee« seien »hinterhältig und gefühllos«. Diese Thesen schlugen sich in den massenhaft verbreiteten Agitationsmaterialien nieder. Im ersten Juni-Heft 1941 der Mitteilungen für die Truppe war zu lesen: »Was Bolschewiken sind, das weiß jeder, der einmal einen Blick in das Gesicht eines Roten Kommissars geworfen hat. Es hieße Tiere beleidigen, wollte man die Züge dieser zu einem hohen Prozentsatz jüdischen Menschenschinder tierisch nennen. In der Gestalt dieser Kommissare erleben wir den Aufstand des Untermenschen gegen edles Blut.«

In der Gegenwartsliteratur wird hin und wieder Klage darüber geführt, daß es bei höheren Offizieren kaum Opposition gegen den Überall auf die Sowjetunion und gegen den Vernichtungskrieg gab. Die Generalität habe hingegen beflissen die offenkundig völkerrechtswidrigen Befehle ausarbeiten und mit unbarmherziger Konsequenz umsetzen lassen. Dagegen ist darauf hinzuweisen, daß die revolutionäre Arbeiterbewegung vom deutschen Militär spätestens seit der Oktoberrevolution in Rußland und der Novemberrevolution in Deutschland ebenso wie von den Nazis als Todfeind betrachtet wurde. Die Agitation der Linken sei für die Niederlage im Ersten Weltkrieg, für die Revolutionierung breiter Teile des deutschen Volkes im Oktober/November 1918 und für die revolutionäre Nachkriegskrise verantwortlich, war die gängige Auffassung. Seit 1917/18 galt den Militärs »das Judentum« als Hauptträger der linken Propaganda. Karl Freiherr von Bothmer, 1918 als Vertreter der Obersten Heeresleitung an der kaiserlich-deutschen Botschaft in Moskau, bezeichnete die Bolschewiki als eine »Judenbande« und wünschte sich, »ein paar 100 der Judenbengels nebeneinander (…) an der Kreml-Mauer hängen zu sehen. Möglichst so, daß der Tod langsam eintritt, um die Wirkung zu erhöhen.« In der offiziellen Darstellung des deutschen Generalstabs von 1936 über den »Zusammenbruch des Ostheeres« 1918 wird die bolschewistische Agitation für die Niederlage im Osten verantwortlich gemacht. Hauptträger der »bolschewistischen Propaganda« seien die Juden gewesen.

Im »Drang nach Osten« und in der Todfeindschaft zum Marxismus trafen sich sehr früh die Faschisten und die Militärs. Die Zerschlagung der Sowjetunion und die Vernichtung der Bolschewisten war für beide ein vorrangiges Ziel.

Als am 22.Juni 1941 der Angriff begann, trat ein lange vor der Aggression erarbeitetes Vernichtungsprogramm gegen die sowjetische Bevölkerung in Kraft, das Wehrmacht, SS, Polizei, zivile Besatzungsorgane und die Wirtschaft zu enger Zusammenarbeit verpflichtete.

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