17. Mai 2014

Brüchiger Stahl

Die behauptete Harmonie der beiden Mächte wurde spätestens im Weltkrieg ad absurdum geführt (Briefmarke von 1941)

Voller Interessengegensätze: Der deutsch-italienische Beistandspakt vom Mai 1939

Gerhard Feldbauer

Österreich war für Mussolini ein Sprungbrett auf den Balkan, den er als seine Einflußsphäre betrachtete. Im Juli 1934 hatte er eine schon damals von Hitler versuchte Annexion verhindert, indem er vier Divisionen an der Brennergrenze aufmarschieren ließ und Wien militärischen Beistand zusicherte. Hitler verschob den Einmarsch und holte ihn am 12./13. März 1938 nach. Die Okkupation belastete die Beziehungen erneut. Der »Führer« suchte zu beschwichtigen. In einer Reichstagsrede am 18. März dankte er dem »Duce« ausdrücklich für dessen Haltung, die er »nie vergessen werde« und versicherte: »Das Land und die Grenzen dieses Freundes aber sind für uns unantastbar«. Auf der Münchener Konferenz am 29./30. September 1938 schlossen Deutschland und Italien dann mit Großbritannien und Frankreich das berüchtigte Abkommen, welches Hitler zur Annexion tschechoslowakischer Gebiete ermächtigte und zu weiteren Aggressionen im Osten ermunterte. Mussolini nutzte das Münchener Diktat, um am 7. April 1939 Albanien zu überfallen, das er als Kolonie annektierte.

Mit dem »Stahlpakt« genannten »Freundschafts- und Bündnisvertrag«, den die Außenminister Deutschlands und Italiens, Joachim Ribbentrop und Graf Galeazzo Ciano, am 22. Mai 1939 im Beisein Hitlers unterzeichneten, wollte der »Führer« demonstrativ die Festigkeit des Bündnisses zwischen beiden faschistischen Regimes unter Beweis stellen. Mussolini war zu der feierlich aufgezogenen Zeremonie nicht nach Berlin gekommen. Gut drei Monate bevor Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg vom Zaune brach, war das Abkommen unter Bezug auf die 1936 vereinbarte Achse Berlin–Rom mit der Festlegung der automatischen gegenseitigen Beistandspflicht, falls der jeweils andere – ganz gleich aus welchen Gründen – »in kriegerische Verwicklungen mit einer anderen Macht« gerate (Artikel III), beschlossen worden. Es war direkt auf die danach begonnenen Aggressionen ausgerichtet und mithin kein Verteidigungspakt.

Kriegszieldivergenzen

Mussolini machte in einer Note geltend, militärische Konflikte in Europa bis 1943 unbedingt zu vermeiden, da Italien darauf nicht vorbereitet sei. Dazu konnte der »Duce« anführen, daß Italien bereits seit über einem Jahrzehnt kräftezehrende Eroberungskriege führte (1923–1934 in Libyen, 1935–1936 mit einer halben Million Soldaten in Äthiopien), mit bis zu 150000 Mann, 8000 Panzern und gepanzerten Fahrzeugen sowie 800 Kampfflugzeugen und 90 Kriegs- und Transportschiffen personell und materiell stärker als Deutschland an der Niederschlagung der Spanischen Republik teilgenommen und zuletzt Albanien besetzt hatte.

Obwohl der Stahlpakt genaue militärische Absprachen vorsah, wurde Mussolini von Hitler über den bevorstehenden Überfall auf Polen erst kurz vor Beginn informiert. Mit umfangreichen Forderungen nach Lieferungen von Rohstoffen (Kohle, Stahl, Treibstoff, Edelmetalle), Waffen und Technik zur Herstellung seiner Kriegsbereitschaft lehnte Mussolini eine Teilnahme am Überfall auf Polen ab, was Hitler schließlich akzeptierte.

In Wahrheit ging es um die unterschiedlichen Kriegsziele. Während Hitlers strategisches Ziel die Eroberung von »Lebensraum im Osten« war, wollte Mussolini die Vorherrschaft Italiens im Mittelmeerraum sichern und in Afrika ein Kolonialreich errichten. Als die Wehrmacht nach dem Blitzsieg gegen Polen weitere Erfolge gegen Dänemark, die Niederlande, Belgien und Norwegen erzielte, die britisch-französischen Truppen am 4. Juni 1940 eine Niederlage erlitten und die deutschen Truppen ihre Offensive in Frankreich fortsetzten, meinte Mussolini, »im September ist alles vorbei«, und trat am 10. Juni in den Krieg ein, um sich einen Anteil an der Beute zu sichern. Die von Italien an der Alpenfront eröffneten Angriffe zeitigten jedoch kaum Erfolge. Bei den Waffenstillstandsverhandlungen mit Frankreich am 24. Juni 1940 in Rom konnte Mussolini seine Ansprüche auf Korsika, Tunis und Djibouti nicht durchsetzen. Hitler billigte ihm nur einen kleinen Küstenstreifen an der Côte d’Azur bis Mentone zu.

So versuchte Mussolini, seine Großmachtansprüche auf dem Balkan und in Nordafrika zur Geltung zu bringen. Im Oktober 1940 fiel er von Albanien aus in Griechenland ein. Hitler war über den Angriff nicht informiert worden. Die italienische Offensive scheiterte jedoch an der unerwartet starken Abwehr der griechischen Armee, welche die Italiener in ihre Ausgangsstellungen zurückwarf. Am 9. März 1941 startete der »Duce« den zweiten Versuch, Griechenland zu erobern. Nach einer Woche brach auch diese Offensive zusammen. Berlin war wiederum nicht informiert worden. Wie der westdeutsche Historiker Andreas Hillgruber schreibt (siehe Quelle) soll Hitler, als er von dem Überfall erfuhr, »einen Tobsuchtsanfall erlitten haben«.

Das Schicksal der ARMIR

Er wartete zunächst ab. Als sich jedoch britische Unterstützung abzeichnete, die Griechen zu Gegenangriffen ansetzten und Hitlers Achsenpartner vor aller Welt »richtiggehend verprügelt« wurde, startete die Wehrmacht im Vorfeld der Aggression gegen die UdSSR am 6. April von Bulgarien und Ungarn aus zum bereits geplanten Überfall auf Jugoslawien und Griechenland. Die italienischen Truppen wurden von nun an dem Oberbefehl der Wehrmacht unterstellt.

Bei der Aggression Hitlerdeutschlands gegen die UdSSR mußte Mussolini gemäß dem »Stahlpakt« Hilfsdienste leisten. Im Juli 1941 stellte er ein Korps von vier Divisionen zur Verfügung. Im Sommer 1942 wurde es um weitere acht Divisionen (Hitler hatte 20 gefordert) zur Armata Italiana in Russia (ARMIR) auf eine Stärke von 230000 Mann aufgestockt, um die schweren Verluste der Wehrmacht in der Schlacht vor Moskau auszugleichen. Während der sowjetischen Gegenoffensive wurde die ARMIR zwischen dem 11. und 22. Dezember in die verschneite Donezsteppe getrieben, dort eingekesselt und größtenteils vernichtet.

Ein Bericht des italienischen Generalstabes besagte, daß die Wehrmacht die Italiener während des schrecklichen Rückzuges erbarmungslos ihrem Schicksal überließ, die deutschen »Verbündeten« den »Italienern stets jegliche Hilfe versagten, sich aller verfügbaren Kraftfahrzeuge bemächtigten, unsere Verwundeten ohne Transportmittel, ohne Nahrungsmittel und ohne erforderliche Versorgung zurückließen.« Der bei Stalingrad verlorengegangene Mythos von der »Unbesiegbarkeit« der Hitlerwehrmacht führte unter den Trägern der faschistischen Diktatur Italiens zu ersten Erkenntnissen, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Marschall Pietro Badoglio, der als Generalstabschef gegen den Kriegseintritt gewesen und zurückgetreten war, sondierte mit führenden Industriellen einen Austritt aus der Achse mit Berlin (siehe jW-Geschichte vom 20./21.7.2013).

Unverändert gegensätzliche Kriegsziele

Von den unverändert gegensätzlichen Kriegszielen zeugte, daß Mussolini am 1. Dezember 1942 gegenüber Göring bei dessen Besuch in Rom äußerte, »daß auf die eine oder andere Weise das Kapitel des Krieges gegen Rußland, der keinen Zweck mehr hat, abgeschlossen werden müsse«, um Kräfte für den Kampf gegen die Angloamerikaner im Westen und im Mittelmeerraum zu gewinnen. Außenminister Ciano, der am 18./19. Dezember ins Führerhauptquartier »Wolfsschanze« flog, übermittelte Hitler den Erwägungen des »Duce«, ob es zur Vermeidung eines Zweifrontenkrieges nicht möglich sei, mit Rußland zu einer Lösung der Art »neuer Brest-Litowsk-Friede« zu kommen, um größere Truppenmengen von der Ostfront abziehen zu können. Hitler entgegnete, das strategische Hauptziel bleibe, »den bolschewistischen Koloß zu zerschlagen«.

Im März 1943 begannen die überlegenen anglo-amerikanischen Truppen ihre Offensive. Sie endete am 13. Mai 1943 am Kap Bon nahe Tunis mit der Kapitulation der je zur Hälfte aus Deutschen und Italienern bestehenden, noch 250000 Mann zählenden Heeresgruppe Afrika. Der Sturz Mussolinis im Juli 1943 durch eine Palastrevolte, die einem antifaschistischen Aufstand zuvorkommen wollte, war auch das Ende des Stahlpaktes.

Quelle: Andreas Hillgruber: Von El Alamein bis Stalingrad. München 1964

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