2. September 2013

Codename »Alta«

Für die sowjetische Aufklärung tätig: Ilse Stöbe im Jahr 1941 - Fotoquelle: vsa-verlag

Die Ehrung der Antifaschistin Ilse Stöbe durch das Auswärtige Amt der BRD ist längst überfällig. Eine Biographie der Widerstandskämpferin gibt Auskunft

Peter Rau

Traditionell am zweiten Sonntag im September wird alljährlich von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) in Berlin der »Tag der Erinnerung und Mahnung« veranstaltet. Neben vielen anderen Organisationen der Antifa, Buchverlagen und Zeitungsredaktionen wie junge Welt wird am kommenden Wochenende gewiß auch die Rosa-Luxemburg-Stiftung auf dem Tempelhofer Feld präsent sein. Die der Partei Die Linke nahestehende Einrichtung dürfte dabei zudem ihre jüngste Publikation im Angebot haben: das im Hamburger VSA-Verlag erschienene Buch »Ilse Stöbe: Wieder im Amt. Eine Widerstandskämpferin in der Wilhelmstraße«. Verfaßt haben diese lesenswerte Biographie – die erste im deutschsprachigen Raum überhaupt – die Essayistin und Literaturwissenschaftlerin Sabine Kebir und der Historiker Hans Coppi, Vorsitzender der Berliner VVN-BdA. Im Rahmen einer Veranstaltung dieser Organisation haben beide vor zwei Wochen ihr Buch erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die im Titel genannte Wilhelmstraße bezeichnet den Sitz des Auswärtigen Amtes während des sogenannten Dritten Reiches, in dessen Informationsabteilung Ilse Stöbe vorübergehend – bis zu ihrer Verhaftung durch die Gestapo am 12. September 1942 – tätig war. Wenn Johanna Bussemer und Wolfgang Gehrcke von der Linksfraktion im Bundestag in ihrer Einleitung allerdings behaupten, die Widerstandskämpferin sei 70 Jahre lang verschwiegen worden, so kann das höchstens für den Westteil der Republik gelten. Daß ihr womöglich auch in der DDR nicht die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt worden ist, dürfte indes eine Frage der Definition sein. Immerhin war Ilse Stöbe, bevor sie als Kundschafterin der sowjetischen Aufklärung im Dezember 1969 postum und offiziell mit dem Rotbannerorden geehrt wurde, weder eine Unbekannte noch – im Gegensatz zu Rudolf Herrnstadt als ihrem politischen Mentor – eine mißliebige Person.

Am 17. Mai 1911 in einer Berliner Arbeiterfamilie geboren, begann Ilse 1927 die Ausbildung an einer Fachschule für kaufmännische Berufe. Anschließend begann sie im Sekretariat des von Theodor Wolff geleiteten Berliner Tageblatts zu arbeiten. Dem liberalen Demokraten fiel »die intelligente, selbstbewußte, charmante, lebenslustige und vielseitig interessierte junge Frau« (Coppi) auf. Hier lernte sie um 1930 herum den acht Jahre älteren Journalisten Rudolf Herrnstadt (1903–1966) kennen. Der Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts und SPD-Stadtverordnete wurde seit dem 1. Juli 1931 unter einem Decknamen als »illegales« KPD-Mitglied geführt. Zuvor schon hatte er sich bereit erklärt, für die GRU, den Nachrichtendienst der Roten Armee, zu arbeiten. Seit Anfang 1931 berichtete Herrnstadt als Auslandskorrespondent für das Berliner Tageblatt aus Warschau. Hier lernte er auch Ilse Stöbe näher kennen, die dort ebenfalls, durch Vermittlung von Theodor Wolff, journalistisch tätig werden konnte. Schon bald teilte sie seine Überzeugungen und wurde nach und nach in die illegale Arbeit für die GRU einbezogen. Seit 1935/1936 wurde sie dort unter dem Decknamen »Alta« geführt.

Während Herrnstadt aufgrund seiner jüdischen Abstammung 1936 das Tageblatt verlassen mußte und sich fortan auf die Leitung der – natürlich illegalen – Warschauer GRU-Residentur konzentrierte, konnte Ilse Stöbe bis 1939 aus der polnischen Hauptstadt berichten, zuletzt für den Frankfurter Generalanzeiger. Inzwischen hatte Herrnstadt seine Bekanntschaft mit Rudolf von Scheliha (1897–1942), einem Botschaftsrat an der Warschauer Gesandtschaft, der nach 1939 in der Informationsabteilung des Außenamtes tätig war, vertieft und zu einem regelmäßigen Kontakt ausgebaut. Der Aristokrat machte, obwohl NSDAP-Mitglied, ihm gegenüber aus seiner Ablehnung der Hitlerdiktatur kein Hehl und wurde so zu einer besonders wichtigen Quelle von vertraulichen Informationen. Die übermittelte er Herrnstadt und später Ilse Stöbe in der Annahme, daß diese an den britischen Geheimdienst weitergeleitet würden. So erfuhr die GRU am 16. August 1939 von dem zum 1. September geplanten Einmarsch der Wehrmacht in Polen. Bereits im Dezember informierte »Alta« Moskau über den im Frühjahr 1940 erfolgenden Überfall auf Frankreich. Und seit dem 28. Dezember 1940, zehn Tage, nachdem Hitler den Angriffsplan »Barbarossa« gegen die Sowjetunion unterzeichnet hatte, wußte auch die GRU-Zentrale dank »Alta« und »Arier«, so Schelihas Deckname, davon. Wiederholt warnte sie die sowjetische Seite: »Haltet die Augen offen, macht Euch nichts vor!«

Trotz fehlenden Zugangs zu russischen Archiven und einer dürftigen Quellenlage ist den Autoren ein eindrucksvolles Porträt von Ilse Stöbe gelungen. Es kommt zudem zu einer brisanten Zeit auf den Buchmarkt. Denn nach der jahrzehntelang umstrittenen und erst 1995 erfolgten Anerkennung für Rudolf von Scheliha, seit 1941 Legationsrat I. Klasse, als Widerstandskämpfer auf der Ehrentafel des Auswärtigen Amtes steht ganz aktuell eine weitere Frage im Raum: die nach einer gleichberechtigten Würdigung seiner Mitstreiterin Ilse Stöbe, die überdies gemeinsam mit ihrem Informanten am 22. Dezember 1942 in Plötzensee hingerichtet worden war.

Hans Coppi/Sabine Kebir: Ilse Stöbe – Wieder im Amt – Eine Widerstandskämpferin in der Wilhelmstraße. VSA-Verlag, Hamburg 2013, 216 Seiten, 16,80 Euro

Den Artikel finden Sie unter: www.jungewelt.de/2013/09-02/002.php