11. April 2014

Cross-over-Aktivistin

Johanna Elberskirchen - Fotoquelle: Wikipedia

»Ausbeutung ist Ausbeutung! Kapitalismus ist Kapitalismus!« – - zum 150. Geburtstag der feurigen linken Feministin Johanna Elberskirchen

Christiane Leidinger

Der reine Feminismus ist nolens volens radikal. Notwendig schließt er (...) Mäßigung, Beschränkung, Halbheit aus. Feministisch sein heißt keineswegs à tout prix ein Recht für eine kleine Anzahl Frauen auf Kosten der anderen Frauen ergattern zu wollen – feministisch sein, das heißt immer nur für Gesamt-Befreiung des gesamten weiblichen Geschlechts kämpfen.« Mit diesen zeitlosen Sätzen – von denen sich einige in ihrem Werk finden – griff Johanna Elberskirchen 1913 in die hitzige Debatte über Frauenstimmrecht und Dreiklassenwahlrecht ein: Die meisten bürgerlichen Feministinnen gaben sich mit einem Stimmrecht nur für bürgerliche und adlige Damen zufrieden; Befürworterinnen des demokratischen Wahlrechts für alle waren in der Defensive.

Über den radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung hinaus war Johanna Elberskirchen in der Homosexuellenbewegung, in der ArbeiterInnenbewegung sowie in der Lebens- und Sexualreformbewegung cross over aktiv. Eine Freundin von Haupt- und Nebenwidersprüchen war sie dabei ebensowenig wie von Sexismus und Kapitalismus. Insofern waren Konflikte programmiert. In der Linken. Unter Frauen. Bei den Wissenschaftlern. Unter Homosexuellen. Den einen war Elberskirchen zu sehr bürgerlich, den anderen zu wenig, den meisten zu radikal. Zu provokant. Zu offensiv. Zu feministisch.

Elberskirchen war wohl das, was man eine unbeugsame Frau nennen kann, und entsprechend schreckte sie auch nicht vor Autoritäten zurück. Eine Replik auf Thesen des sexistischen Neurologen Paul Julius Möbius begann sie angriffslustig mit dem Satz: »Ich hätte auch schreiben können, Feminismus und Schwachsinn, denn die Kritik, die im Namen der Wissenschaft am Feminismus verbrochen wird, hat oft mit Wissenschaft wenig zu tun.« Dabei wurde es ihr nicht gerade in die Wiege gelegt, Wissenschaftler öffentlich in Frage zu stellen.

Johanna Elberskirchen wird am 11. April 1864 in Bonn in eine kleine Kaufmannsfamilie geboren. Die Eltern betreiben einen Gemischtwarenladen. Sie heiratet nicht, erkämpft sich eine höhere Mädchenbildung und den Zugang zur Universität: Von 1891 bis 1898 studiert sie (ohne Abschluß) Medizin und Jura in der Schweiz. Parallel publiziert sie und hält Vorträge. Frech, ironisch, bissig, polemisch, provokant, sprachgewaltig – und bisweilen sehr pathetisch ist ihr Stil.

Um 1900 kehrt sie ins Rheinland zurück. Sie arbeitet weiter als Schriftstellerin, ist Naturärztin, Säuglingsfürsorgerin und zuletzt Heilpraktikerin. Wegen ihres feministischen Stimmrechtsengagements wirft man sie 1913 aus der Bonner Sozialdemokratie – trotz ihrer aufrechten politischen Haltung. Das hindert sie jedoch nicht daran, in Rüdersdorf bei Berlin wieder einzutreten.

Schon 1898 hatte sie Erfahrungen mit dem Ausgeschlossenwerden gemacht – im Allgemeinen Österreichischen Frauenverein. Anlaß war wohl ihre scharfe publizistische Abrechnung mit Vergewaltigern als »Mannbestie«. Dazu, daß sie immer wieder Marginalisierungs- und Ausgrenzungserfahrungen machen mußte, trug sicherlich ein weiterer Tabubruch bei: Elberskirchen hatte sich 1904 – außergewöhnlich und mutig – indirekt selbst geoutet. Mit lässiger Nonchalance forderte sie: »Sind wir Frauen der Emanzipation homosexual – nun dann lasse man uns doch! Dann sind wir es doch mit gutem Recht.«

Einen Namen machte sie sich auch mit sexualwissenschaftlichen und -reformerischen Texten. Dabei thematisierte sie auch weibliche Lust – einschließlich Selbstbefriedigung. Außerdem wandte sie sich gegen die »Mannweiber«-Theorie, der zufolge in lesbischen Beziehungen eine Partnerin den Mann repräsentiere und »männlich« empfinde, während die andere, »die Frau repräsentierend, weiblich« empfinde. Elberskirchen postulierte dagegen, Frauenliebe sei durch einen »Zug zum Weiblichen« gekennzeichnet.

An ihren sexualwissenschaftlichen und -reformerischen Texten zeigen sich bei allem Mut und aller Kreativität jedoch auch am deutlichsten die Widersprüche ihres politischen Lebens. So griff sie seit der Jahrhundertwende zeitgeistige »eugenische« und »rassenhygienische« Argumente auf und trug selbst zu deren Verbreitung bei. Sie teilte also die Idee, daß es notwendig sei, sogenannt hochwertige Kinder hervorzubringen und das Erbgut zu verbessern. »Eugenik« und »Rassenhygiene« im Sinne explizit antisemitischer oder rassistischer Inhalte vertrat sie zwar nicht. Eine klare Stellungnahme dagegen sucht man jedoch in ihrem Werk vergeblich.

In der Zeit des deutschen Faschismus mußte sie sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen. 1938 stand eine ihrer Schriften auf der Liste des »schädlichen und unerwünschten Schrifttums«. Johanna Elberskirchen wird krank, lebt in Armut. 1943 stirbt sie im Alter von 79 Jahren. Die Urne mit ihrer Asche wird 1975, also über 30 Jahre nach ihrem Tod, von zwei Frauen gefunden und heimlich in der Grabstätte ihrer letzten Lebensgefährtin Hildegard Moniac beigesetzt. Seit 2002 und 2005 erinnern in Rüdersdorf bei Berlin und in Bonn Gedenktafeln an die ebenso couragierte wie streitbare Schriftstellerin, Heilpraktikerin und Cross-over-Aktivistin.

Christiane Leidinger ist Autorin der Biographie »Keine Tochter aus gutem Hause. Johanna Elberskirchen (1864– 1943)«, erschienen im UVK Verlag, Konstanz 2008, 480 Seiten, aktueller Preis zum 150. Geburtstag: 9,99 Euro

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