15. Juni 2013

Darstellungen eines Tages

Bertolt Brecht: Verbundenheit mit der SED

West- und ostdeutsche Schriftsteller zum 17. Juni 1953: Aus welcher Perspektive ­betreiben sie Politik mit literarischen Mitteln?

Kai Köhler

Die Ereignisse um den 17. Juni 1953 herum bleiben umstritten. Die Artikel, die in diesen Tagen erscheinen, dürften das allerdings nur in geringem Maß abbilden, denn der Sieger schreibt bekanntlich die Geschichte. Dabei hat die Erzählung vom »Arbeiteraufstand«, der von brutalen Machthabern mit Panzern niedergewalzt worden sei, damals wie heute eine genau benennbare politische Funktion: nämlich die Klassenherrschaft über Arbeiter zu legitimieren.

Freilich ist nicht zu leugnen, daß 1953 tatsächlich auch Arbeiter demonstrierten und daß sie für ihre Unzufriedenheit Gründe hatten. Es wäre seltsam, hätte der Westen dies nicht mitten im Kalten Krieg nach Kräften angestachelt. Und ebenso wäre es eine Überraschung, hätten gerade einmal acht Jahre nach der Befreiung nicht auch Faschisten auf eine Beseitigung der DDR hingearbeitet. Doch stellt sich die Frage nach der jeweiligen Bedeutung dieser Faktoren und auch nach ihrem möglichen Zusammenhang.

Diese Frage wurde auch in literarischen Werken zu beantworten versucht. Einige von ihnen werden im folgenden vorgestellt. Vorrangiges Ziel ist nicht, ihre historische Richtigkeit zu bewerten. Vielmehr geht es darum, mit welcher Schreibstrategie, mit welcher Perspektivierung Politik literarisch betrieben wird, und zu welchem Zweck.

Erste Reaktionen

Bereits am 17. Juni griffen Schriftsteller in die Auseinandersetzung ein. Bekanntestes Beispiel ist Bertolt Brecht, von dem unter diesem Datum vier Briefe überliefert sind: Einer an den sowjetischen Botschafter Wladimir Semjonow, in dem er seine Verbundenheit mit der UdSSR ausdrückte; einer an Gustav Just (beim Zentralkomitee der SED für Kunst und Kultur zuständig), in dem Brecht einen aktuellen Rundfunkbeitrag des Berliner Ensembles anbot; einer an Otto Grotewohl, den Ministerpräsidenten der DDR, in dem Brecht gleichfalls vorschlug, dessen mögliche Rundfunkansprache mit Liedern und Rezitationen von Ernst Busch und anderen Künstlern zu umrahmen; und eine Solidaritätsadresse an den General­sekretär des ZK der SED, Walter Ulbricht, und die gesamte Partei.

Es ist dieser Text, von dem das Neue Deutschland am 21. Juni nur den letzten Absatz abdruckte, in dem Brecht seine Verbundenheit mit der SED ausdrückte. Die voranstehende Passage, in der er eine »große Aussprache mit den Massen über das Tempo des sozialistischen Aufbaus« forderte, blieb zunächst – zu Brechts Ärger – unpubliziert. Dabei war es ihm gerade auf die Einheit von prinzipieller Unterstützung der DDR einerseits und andererseits der Forderung, Initiativen und Meinungen aus der Bevölkerung verstärkt aufzugreifen, angekommen.Doch auch dies ist noch nicht das Gesamt von Brechts Position. In einem Brief an seinen Westverleger Peter Suhrkamp, der in der Bundesrepublik während der Anti-Brecht-Hetze im Kalten Krieg ohnehin schon keinen leichten Stand hatte, erklärt er auf Nachfrage seine Haltung: »Die Straße freilich mischte die Züge der Arbeiter und Arbeiterinnen schon in den frühen Morgenstunden des 17. Juni auf groteske Art mit allerlei deklassierten Jugendlichen, die durch das Brandenburger Tor, über den Potsdamer Platz, auf der Warschauer Brücke kolonnenweise eingeschleust wurden, aber auch mit den scharfen, brutalen Gestalten der Nazizeit, den hiesigen, die man seit Jahren nicht mehr in Haufen hatte auftreten sehen und die doch immer dagewesen waren.« Brecht verweist auf Parolen wie »Hängt sie!«, auf Bücherverbrennungen, auf Pogrome in der Provinz.

In den wenigen Zeilen an Suhrkamp wie auch in den kurzen Notaten, die Brecht in diesem Umfeld anfertigte, sind alle wichtigen Motive versammelt, die in der DDR-Literatur in der Darstellung des 17. Juni prägend werden: wirtschaftliche Nöte, die zu allzu ehrgeizigen Plänen und Normen führen; ungenügende Kommunikation zwischen Partei und Arbeiterklasse; aber auch – damit eng verbunden – ein durchaus berechtigtes Mißtrauen gegen große Teile der Bevölkerung. Die wichtigsten Politiker der SED teilten mit den Schriftstellern wie Brecht die Erfahrung von Exil oder Inhaftierung; der Blick auf die Faschisten, von denen viele im feindlichen westlichen Teil Deutschlands wieder einflußreiche Positionen besetzt hatten, prägte eine durchaus realistische Wahrnehmung.

Im Brief an Suhrkamp unterscheidet Brecht freilich genau zwischen Arbeitern einerseits, Nazis und westlichen Schlägern andererseits. Nur letztere hätten die Ausschreitungen verschuldet. Diese Trennung ist Voraussetzung der Forderung, künftig Maßnahmen nicht mehr administrativ zu verordnen, sondern sie gemeinsam mit den Werktätigen zu entwickeln.

Eine solche Position war unter Künstlern kaum umstritten. Die Literaturgeschichte möchte heute große Autoren wie Brecht von jämmerlichen Dogmatikern unterscheiden, und für letztere muß Kuba herhalten. Tatsächlich hatte Kurt Barthel, der in neueren Publikationen auf ein trauriges Nachleben als Verfasser platter Propagandagedichte reduziert ist, als Sekretär des Schriftstellerverbandes von den Arbeitern Wiedergutmachung für den 17. Juni gefordert: Sie sollten künftig mehr arbeiten, um ihre »Schmach« zu tilgen. Diese unpraktische Moralisierung wurde zum Anlaß für Brechts Gedicht »Die Lösung«, das mit der sarkastischen Frage endet: »Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?«

Tatsächlich aber hatte Kuba bereits am 16. Juni vor dem erweiterten Vorstand des Schriftstellerverbandes einen Vortrag gehalten, der in überarbeiteter Form im Augustheft 1953 der Neuen Deutschen Literatur (NDL), der Zeitschrift des Verbands, nachzulesen ist. Kuba distanzierte sich zwar nicht von den kulturpolitischen Kampfbegriffen »sozialistischer Realismus« und »Formalismus«, dehnte sie jedoch derart aus, daß sie ästhetisch beliebig wurden: »Sozialistischer Realismus in der Literatur ist eine Sache des Bewußtseins der einzelnen Schriftsteller«; er soll nicht befohlen, nicht dekretiert und nicht aufgezwungen werden.

Der ganze Text entspricht literaturpolitisch den Beschlüssen des Politbüros der SED und des Ministerrats bereits vom 9. und 11. Juni, die wirtschaftspolitisch den Kurs forcierter Kollektivierung zurückgenommen und dem Bürgertum wieder Freiräume eröffnet hatten. Allerdings zielte Kuba nicht nur auf eine Bündnispolitik mit nichtsozialistischen Dichtern, sondern nahm auch die sozialistischen Schriftsteller in die Pflicht. Sie sollten nun, auch gegen Widerstände, Mängel und Fehler benennen: »Wir schrieben oft so, wie wir wünschten, daß es in unserer Republik sein sollte, aber wir schrieben nicht immer so, wie es in unserer Republik war.«

Das NDL-Heft belegt eine Übereinstimmung des vorgeblich niederen Tagesdichters Kuba und des bedeutenden Modernen Brecht. Kuba bezeichnete Formalismusvorwürfe, die gegen Brecht gerichtet waren, als »Unverschämtheit«; umgekehrt schließt ein weiteres Gedicht, »Nicht feststellbare Fehler der Kunstkommission«, im Heft unmittelbar an Kubas Rede an. Seine Befürchtung in diesem Gedicht, das Bekenntnis von Fehlern könne allgemein-rhetorisch bleiben, aber konkrete Mängel aussparen, ist durch die literarische Diskussion nicht zu erhärten.

Der Faschismus greift an

Eine der frühesten literarischen Verarbeitungen des 17. Juni ist gleichzeitig bis heute eine der bekanntesten. Stephan Hermlins Erzählung »Die Kommandeuse« greift auf einen Fall zurück, den auch Brecht in seinem Brief an Suhrkamp erwähnt: Die als KZ-Aufseherin wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit inhaftierte Erna Dorn wurde am 17. Juni von Demonstranten befreit, spielte bei den Auseinandersetzungen in Halle eine nicht mehr exakt zu rekonstruierende Rolle, wurde jedenfalls wieder inhaftiert, zum Tode verurteilt und am 1. Oktober 1953 hingerichtet.

Die historische Person Dorn ist schwer faßbar; denkbar ist immerhin, daß sie sich einiger der Greueltaten, die sie im KZ Ravensbrück begangen haben wollte, nur aus Geltungsdrang bezichtigte. Die Justiz im vereinten Deutschland hat sie 1994 willfährig rehabilitiert, wozu es jedenfalls keinen Anlaß gab. Wichtig ist hier, daß sie zur Symbolfigur der Nazibeteiligung an den Kämpfen des 17. Juni wurde, und als solche hat Hermlin sie gestaltet.

Bei ihm heißt sie Hedwig Weber; die ganze außerordentlich geschlossen gestaltete Novelle ist aus ihrer Perspektive geschrieben. Ihre Befreiung, der durchgehende Wille zur Brutalität, aber auch die Schwierigkeit, sich in der überraschenden Situation zu orientieren; die Heuchelei derjenigen, die sie einsetzen: »Es spricht zu ihnen ein Opfer des kommunistischen Terrors, die ehemalige politische Gefangene Helga Schmidt.«

Unter diesem falschen Namen redet die Faschistin von »Freiheit und Menschenwürde«, aber plant doch schon: »Ihr seid Mörtel, im besten Fall, wenn es um den Bau von Großdeutschland geht, und ihr wart ein Drecksmörtel beim letztenmal. Jetzt gebt ihr uns den kleinen Finger, ihr Idioten, aber wir nehmen die Hand dazu und alles übrige, und dann drehen wir euch durch den Wolf.«

Sie wird erkannt und später gefangen; ihr Blick von oben auf den künftigen »Mörtel« hat keine Folgen. Doch es ist der Staat, der sie neutralisiert. Nicht die Gegenwehr von Partei oder klassenbewußten Arbeitern durchkreuzt ihre Pläne, sondern der Sicherheitsapparat. Gegen die faschistische Gefahr setzt Hermlin nicht auf demokratische Überzeugung, sondern auf organisierte Gegenmacht. Mit einer plebejischen Ästhetik wie der Brechts hat er nichts zu tun.

Erfaßte Totalität

Eine ganze Reihe von in der DDR entstandenen Romanen dagegen entwirft umfangreiche Gesellschaftsbilder, in denen Auseinandersetzungen auch zwischen Arbeitern eine zentrale Rolle spielen. Der bekannteste unter ihnen, Stefan Heyms »Fünf Tage im Juni«, konnte allerdings in der DDR nicht erscheinen. Der 1974 im Westen publizierte Text ist eine Umarbeitung der ein gutes Jahrzehnt zuvor unter dem Titel »Der Tag X« entstandenen Fassung; einstweilen ist schwer zu entscheiden, wie stark Heym geändert hat.

Heym erzählt relativ straff, manchmal kolportagehaft, stets spannend die Entwicklungen zwischen dem 13. und dem 17. Juni – von ersten konspirativen Gesprächen in jenem Betrieb, der im Mittelpunkt des Buches steht, bis hin zu offenen Kämpfen. Es fehlt nicht das ganze negative Personal, das es in der Geschichte tatsächlich gab: Nazis, heruntergekommenes Gesindel, aber auch Sozialdemokraten, die aus dem Westen heraus die Unruhen zu organisieren versuchen. Es mag sein, daß Heym die Verbindung von politischer Konspiration und krimineller Halbwelt etwas zu sehr betont. Doch macht er auch nachvollziehbar, wie Arbeiter, die eigentlich nicht antisozialistisch eingestellt sind, durch den Verlauf der Ereignisse auf die Feindseite gezogen werden.

In gewisser Weise ist der Roman eine Doppelbiographie: zum einen des Genossen Witte, der früh vor Gefahren warnt, darum Ärger mit seiner Partei bekommt und während dieser fünf Tage mit bedingtem Erfolg versucht, die politische Kontrolle über seinen Betrieb zu behalten; zum anderen des Arbeiters Kallmann, der sich aus gewerkschaftlichem Bewußtsein heraus gegen Norm­erhöhungen wehrt und ohne bösen Willen, vom westlichen Gegner instrumentalisiert, gewalttätig gegen die eigenen Interessen auftritt.

Um diese beiden Personen herum ist eine ganze Anzahl weiterer Lebensläufe gruppiert. In großer Verdichtung beschreibt Heym, wie der 17. Juni für Menschen auf allen Seiten eine politische Entscheidung erzwingt und so einen Schritt der Persönlichkeitsentwicklung darstellt. Diese Entwicklung ist nicht immer positiv; doch ist Heyms Parteinahme eindeutig. Auf seiten der Verteidiger der sozialistischen Ordnung bewähren sich zuletzt auch diejenigen, die anfangs politische Fehler machten; auf seiten ihrer Gegner führt die Entwicklung notwendig zu jener Entmenschung, die Heym in Szenen von Chaos und Plünderung plastisch darzustellen weiß.

Historisch rettete am Ende nur die Gewalt; Heym macht auch dies nachvollziehbar, indem er beschreibt, wie sich die Gewalt des »Arbeiteraufstands« am Ende gegen Arbeiter richtete. In Anna Seghers’ Roman »Das Vertrauen« (1968) ist der 17. Juni zwar nicht Thema des ganzen Buchs, doch ein wichtiges Motiv. Auch hier kämpfen in einem fiktiven Werk Kossin Arbeiter gegen Arbeiter; auch hier kommt durch die Gewalt der Aufständischen gerade eine unschuldige Arbeiterin ums Leben. Bei Seghers wie bei Heym ist der 17. Juni als Konterrevolution gezeichnet, damit aber als Chance der Bewährung: Rettet der Kampf bei Heym Wittes Parteikarriere, so kann der junge Thomas als Zentralgestalt bei Seghers seinen Ruf, der durch unbedachte Kontakte zur Westberliner Halbwelt fast schon ruiniert war, wiederherstellen.

Was die Protagonisten des Aufstands angeht, zeichnet Seghers eine groteske Kombination: Der Brigadier Weber wird von seinem sozialdemokratischen Vater angestachelt, der aber ein glaubwürdiger Gegner des Faschismus war; für seinen Verbündeten Fritz Wendig, der das umkämpfte Fabrikgelände sondiert wie »im Krieg vor jedem Angriff«, ist der 17. Juni die Fortsetzung des faschistischen Krieges. Beide führen Gruppen von Arbeitern an, die schließlich durch eine Kette von klassenbewußten Arbeitern gehindert werden, in die Stadt zu marschieren. Es kommt nun darauf an, das Eingreifen sowjetischer Panzer zu verhindern: Der Parteisekretär Richard erreicht es gegen die Bedenken der Fabrikleitung, daß die Truppen außerhalb des Werks bleiben, daß also – gegen die geschichtliche Hauptlinie – der deutsche Konflikt unter Deutschen geklärt wird.

Eine ausführliche Würdigung hätte Inge von Wangenheims Roman »Am Morgen ist der Tag ein Kind« (1958) verdient; durch die Schilderung eines Betriebsausflugs entwirft sie ein umfassendes Gesellschaftspanorama. Eine Dampferfahrt bringt die Belegschaft eines Berliner Theaters am Morgen des 16. Juni an den südlichen Stadtrand. Auf der Hinfahrt ist die Gruppe sozial und politisch zerspalten und sind die Kommunisten eine kleine Minderheit. Ein Kollektiv entsteht erst, als ein Schaden am Schiffsmotor sie dazu zwingt, draußen vor der Stadt zu übernachten und die Leute Opfer eines Angriffs randalierender Jugendlicher werden. Die Rückfahrt ist bereits von Gerüchten über die laufenden Auseinandersetzungen geprägt, doch können sich sogar die SED-Mitglieder nicht darauf vorbereiten, da der DDR-Rundfunk keine brauchbaren Informationen sendet.

Dennoch erweist sich die Geschlossenheit, die die Belegschaft in der vorangegangenen Nacht erreicht hat, als stabil. Die Gruppe zerfällt nach der Landung nicht, sondern geht durch das Chaos, das mittlerweile auf den Straßen herrscht, geschlossen zum Arbeitsplatz, dem Theater – auf diese Weise ein Gegenbild zum Streik.

Das ist weitaus weniger schematisch geschrieben, als es in der Zusammenfassung klingt: Wangenheim schildert durchaus widersprüchliche Persönlichkeiten und weiß individuelle und soziale Voraussetzungen politischer Wandlungsprozesse überzeugend zu gestalten. Sie vermag Szenen mit wenigen Sätzen plastisch zu entwerfen; eine Wiederauflage des Romans wäre wünschenswert.

Sichtweisen aus der BRD

Nur wenige Schriftsteller aus der Bundesrepublik waren an Vorgängen in der DDR so interessiert, daß sie sich der Schwierigkeit stellten, eine Gesellschaft zu beschreiben, in der sie selbst nicht lebten. Es ist kein Zufall, daß zwei der drei in diesem Abschnitt vorgestellten Texte von Übersiedlern aus der DDR stammen.

Uwe Johnson war 1959 nach Westberlin gezogen. Sein Roman »Das dritte Buch über Achim« (1961) erprobt freilich die umgekehrte Blickrichtung. Die Perspektive ist meist die des westdeutschen Schriftstellers Karsch, der in der DDR ein Buch über den Radsportler Achim zu schreiben unternimmt. Dabei versucht er, im Gegensatz zu offiziellen Vorgaben und auch Achims Wünschen, Brüche in der Biographie des Sportlers hervorzuheben. Der Plan scheitert, als Karsch ein Bild zugespielt bekommt, das die Beteiligung Achims an einer Demonstration am 17. Juni belegt. Das Buch bleibt ungeschrieben, Karsch reist zurück.

Die Schilderung ist politisch ganz aus der westlichen Sicht des Kalten Krieges gehalten. Es entsteht das Bild einer spontanen, friedlichen Menge, die sogleich beschossen wird. Verbrannt werden in diesem Roman keine Bücher, sondern Akten der Unterdrücker; und auch das geht noch »ordentlich« vonstatten. Überhaupt: »Aber sie waren nicht verabredet. Sie verbrüderten sich: Sie waren ausgelassen wie auf einem Jahrmarkt«, bis dann die Panzer kommen.

Zwar streut Johnson ab und an Distanzierungsfloskeln ein wie: »Karsch hatte sich gesagt sein lassen«; doch weil ohnehin nichts anderes gesagt wird, als die bundesrepublikanischen Leser erwarten, bleiben solche erzählerischen Mechanismen zumindest in der Passage zum 17. Juni wirkungslos.

Viel besser begründet ist die Perspektivwahl in Erichs Loests autobiographischem Buch »Ein Riß geht durch die Welt«, das der Schriftsteller unmittelbar nach seiner Übersiedlung in den Westen 1981 publizierte. Loest berichtet in der dritten Person über »L.«, 1953 noch Parteimitglied und auf seiten derjenigen, die die Existenz der DDR verteidigten. Die Distanznahme ist sicherlich durch Loests Entwicklung in den folgenden 30 Jahren begründet, aber auch dadurch, daß man kaum mehr wissen kann, wer man vor drei Jahrzehnten war: Zu sehr ist das Selbstbild von Erinnerungen und Erzählungen überlagert.

L. nun also, als noch überzeugter Kommunist, wird in den Wochen nach Stalins Tod durch erste Auseinandersetzungen in der Sowjetunion beunruhigt, hat nach dem 9. Juni keine ausreichenden Informationen, um den »Neuen Kurs« der SED einzuordnen und sieht sich im Schriftstellerverband durch die Gewalt der Aufständischen bedroht: Der Schriftsteller Max Zimmering kommt blutend und mit zerrissenem Jackett zur Sitzung, weil er nicht bereit gewesen war, sein Parteiabzeichen abzunehmen. Ein Rundgang draußen bringt keine Beruhigung: »An der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden war inzwischen der Teufel los: Ein Zeitungskiosk stand in Flammen, ein Dutzend junger Burschen, Schlägertypen, beherrschte die Szene.« Anders als früher Brecht unterscheidet Loest nicht scharf zwischen protestierenden Arbeitern und solchen Schlägern; aber auch er berichtet von westlichen Geheimdienstlern, die »Arbeitslose und Kriminelle, Jugendliche mit dem Drang zum Abenteuer, Russenfeinde und Rowdys« mit dem Versprechen auf 50 Mark zum »freiheitlich motivierten Brennen und Plündern« über die Grenze geschickt haben.

Der spätere, durchaus antikommunistische Loest ist korrekter Beobachter genug, um nicht die Beschreibung gemäß den Erwartungen seines neuen, westlichen Zielpublikums zu verfälschen. Seine Kritik setzt da ein, wo er die Versprechen des »Neuen Kurses«, etwa nach offenerer Diskussion, nach wenigen Wochen zurückgenommen sieht.

Etwas ganz anderes findet sich in dem bekanntesten bundesrepublikanischen Werk zum 17. Juni, Günter Grass’ Theaterstück »Die Plebejer proben den Aufstand«. Im Mittelpunkt steht »Der Chef«, Theaterleiter und Fan proletarischer Revolutionen. Er arbeitet gerade an einer Adaption von Shakespeares »Coriolanus«, in der er gegen die Herrschergestalten den plebejischen Aufstand aufzuwerten plant. Zu seinem Unglück dringen reale Plebejer in sein Theater ein und erwarten, daß er den realen Aufstand vom 17. Juni unterstützt. Der »Chef« versucht, den revolutionären Gestus in seine Inszenierung einzubauen, er laviert politisch, und als er schließlich von den ungeduldigen Arbeitern bedroht wird, rettet ihn sein Mitarbeiter ausgerechnet mit jener Körperparabel, mit der in Shakespeares Stück Herrschaft – und damit hier der Chef – gerechtfertigt wird: Die Körperteile müssen für den Magen arbeiten, denn ohne Magen sind sie nicht lebensfähig.

Nicht nur durch die Arbeit am »Coriolanus«, auch durch zahlreiche andere Einzelheiten ist der »Chef« unschwer als Brecht zu dechiffrieren. Grass stellt diese kaum getarnte Brecht-Karikatur als politisch hilflos und opportunistisch dar; daß die Figur am Ende ein wenig Schuldbewußtsein empfindet, mag sie menschlich retten, ändert aber nichts an der Stoßrichtung des Stücks.

Um dies zu erreichen, manipuliert Grass die Realität auf vielfache Weise. Bei ihm stehen nicht die Nazis auf der Seite der Revolteure, sondern kann einer der aufständischen Arbeiter eine Tätowierung vorzeigen, die ihn als ehemaligen KZ-Häftling ausweist. Zudem stellt Grass Arbeiter auf die Bühne, die nichts von Westunterstützung für den Aufstand wissen.

Dabei zielt Grass nicht darauf, den Aufstand vom 17. Juni ein weiteres Mal zu verklären; solche Reden waren 1963 schon lange Begleitmusik zu dem netten Frühlingsfeiertag geworden, den man im Westen noch bis 1990 genießen konnte. Vielmehr geht es ihm darum, Brecht zu denunzieren, dem er folgerichtig kein einziges politisches Argument läßt und den er zum Nur-Ästheten erniedrigt. Aber auch dies ist lediglich Mittel: nämlich um in den Auseinandersetzungen in der BRD durch den Angriff auf Brecht den linken Flügel im Literatur- und Theaterbetrieb zu schwächen und einen reformistischen SPD-Kurs durchzusetzen.

Es fehlt hier viel. Mindestens anschließen müßte die Darstellung, wie in der Konsolidierungsphase der DDR der 17. Juni Episodenstoff in Romanen wie Hermann Kants »Das Impressum« (1972) wird, in denen auf die Konflikte der Frühzeit Rückschau gehalten wird. Anschließen müßte auch, wie Heiner Müller in »Germania Tod in Berlin« (1956–1971) und besonders Thomas Brasch in »Rotter« (1978) den Akzent von einer Auseinandersetzung im Klassenkampf zu einem explizit deutschen Konflikt verlagern. Doch dürfte deutlich geworden sein, daß literarische Darstellungen des 17. Juni stets Versuche darstellen, das Geschichtsbild zu prägen und damit Stellungen in aktuellen Kämpfen zu behaupten.

Kai Köhler lebt als Literaturwissenschaftler und Publizist in Berlin.

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