24. April 2014

Das »beste Handwerk«

Der Schriftsteller im Jahre 1972

Der verstorbene García Márquez verstand sich vor allem als Journalist

Volker Hermsdorf, Havanna

Die Nachrufe auf den am vergangenen Donnerstag im Alter von 87 Jahren in Mexiko-Stadt verstorbenen Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez füllen bereits nach wenigen Tagen Bände. Während in Europa vor allem seine literarischen Werke gewürdigt wurden, räumten die ungezählten Nachrufe in Lateinamerika auch seinem Wirken als eines der wichtigsten linken Intellektuellen, Antiimperialisten und engagierten politischen Journalisten den ihm gebührenden Raum ein.

García Márquez erste Erzählung, »La tercera resignación« wurde 1947 in der kolumbianischen Zeitung El Espectador veröffentlicht. Bei diesem Blatt begann auch seine journalistische Laufbahn. Mit seinen Artikeln, Essays und Kommentaren zu aktuellen Themen Lateinamerikas hatte er sich auf dem Kontinent bereits einen Namen gemacht, bevor er 1967 mit dem Roman »Hundert Jahre Einsamkeit« literarischem Weltruhm erlangte. Auch nachdem er 1982 mit dem Literaturnobelpreis geehrt worden war, bekannte sich der Autor zu seiner eigentlichen Berufung. »Ich bin ein Journalist und werde immer ein Journalist bleiben«, sagte er. Dieser Beruf sei für ihn das »beste Handwerk der Welt«.

Nachdem er zunächst im El Espectador vor allem wöchentliche Filmkritiken verfaßt hatte, identifizierte er sich – nach einem Gemetzel an protestierenden Studenten in Bogotá – 1955 endgültig mit der linken Bewegung Lateinamerikas. Mehrere Reisen nach Europa bestärkten ihn im Engagement für die Befreiungskämpfe der unter Kolonialismus und Imperialismus leidenden Völker. Nach dem Sieg der kubanischen Revolution reiste »Gabo«, wie er sich von seinen Freunden nennen ließ, 1959 auf Einladung Fidel Castros nach Havanna und unterstützte dort die von den Revolutionären ins Leben gerufene »Operation Wahrheit«. Unter anderem wohnte er als Beobachter öffentlichen Gerichtsverhandlungen gegen die Schergen des geflohenen Diktators Fulgencio Batista bei.

Bei García Márquez erstem Aufenthalt in Kuba wurde seine lebenslange, tiefe Freundschaft mit Revolutionsführer Fidel Castro begründet, für die er von Vertretern der Rechten bis nach seinem Tod angefeindet wurde. Linksliberale und bildungsbürgerlich orientierte Medien beginnen dagegen bereits jetzt damit, den Anhänger der kubanischen Revolution in einen für sie erträglicheren Vertreter der »kritischen Solidarität« umzudeuten. Im FAZ-Feuilleton durfte sich zum Beispiel am Sonnabend Walter Haubrich, ein Korrespondent der Mallorca Zeitung, damit brüsten, einmal als ungeladener Gast auf einem Filmfestival von Fidel Castro zurechtgewiesen und von Gabo vor dem Rauswurf bewahrt worden zu sein. Der Wichtigtuer ließ García Márquez, der sich dagegen jetzt nicht mehr wehren kann, dafür das zweifelhafte Lob zukommen, er sei »nie ein unterwürfiger Intellektueller am Hofe des Diktators Fidel Castro gewesen«.

Tatsächlich hat sich der politische Journalist García Márquez nie den Regeln der bürgerlichen Medien unterworfen. Nach dem Sieg der kubanischen Revolution war er maßgeblich am Aufbau der linken Nachrichtenagentur Prensa Latina beteiligt, für die er als Korrespondent zunächst einige Monate aus Bogotá und seit Anfang 1961 aus New York berichtete. Dort wurde er zur Zielscheibe rechter Exilkubaner, die ihn bedroht und auf dem Weg zu seiner Wohnung in Queens sogar auf ihn eingestochen hatten. Später verweigerte ihm Washington über Jahrzehnte die Einreiseerlaubnis. Bis zur Amtszeit von William Clinton gab es nur eine Ausnahme: 1971 durfte er den Ehrendoktortitel der University of Columbia entgegennehmen.

Der Haß der im US-Exil lebenden Anhänger Batistas und anderer lateinamerikanischer Diktatoren richtete sich immer auch gegen Gabos aufklärerische Arbeit. So publizierte er unter anderem von 1974 bis 1980 gemeinsam mit kolumbianischen Schriftstellern und Journalisten die linke Zeitschrift Alternativa. Anfang der 80er Jahre unterstutzte er in Reportagen die sandinistische Revolution Nicaraguas, nachdem er 1974 uber die Verwicklung der USA in den Putsch gegen Salvador Allende in Chile berichtet hatte. Zugleich setzte er sich für die Förderung des journalistischen Nachwuchses ein und beteiligte sich 1994 in Cartagena an der Gründung der Stiftung Neuer Iberoamerikanischer Journalismus (FNPI).

Auf Kuba gründete Gabriel García Márquez 1985 die weltweit angesehene Internationale Hochschule für Film und Fernsehen in San Antonio de los Baños, deren Träger die ebenfalls von ihm gegründete Stiftung des Neuen Lateinamerikanischen Films (Fundación del Nuevo Cine Latinoamericano, FNCL) ist. In Anerkennung dieses Engagements beschlossen die Organisatoren, das 36. Internationale Festival des Neuen Lateinamerikanischen Films, das im Dezember in Havanna stattfindet, García Márquez zu widmen.

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