29. März 2014

Das Ende der Republik

Reichsführer-SS Heinrich Himmler mit Karl Wolff bei einem Treffen mit Francisco Franco in Spanien (25. Oktober 1940). - Fotoquelle: Wikipedia

Der Verrat von Madrid: Vor 75 Jahren rückten Francos Truppen in Spaniens Hauptstadt ein

Peter Rau

Die letzten Monate, Wochen und Tage der Spanischen Republik Anfang des Jahres 1939 waren an Dramatik kaum zu überbieten. Diese Republik war zwar bereits im April 1931 ausgerufen worden, hatte sich jedoch erst fünf Jahre später zu einem bedeutenden Faktum der Weltpolitik entwickelt. Der Sieg einer Volksfront aus linken und republikanischen Parteien bei den Parlamentswahlen im Februar 1936 rief umgehend die Kräfte der einheimischen wie der ausländischen Reaktion auf den Plan. Sie witterten »kommunistische Gefahr«, obwohl unter den ersten republikanischen Ministerpräsidenten Manuel Azaña bzw. Casares Quiroga weder Mitglieder der sozialistischen PSOE noch der KP Spaniens zur Regierung gehörten. Die Antwort der Konterrevolution erfolgte im Juli: Ein Putsch rechter Militärs, massiv unterstützt von den faschistischen Regimes in Deutschland und Italien, sollte die Entwicklung wieder zurückdrehen. Doch auf die Schnelle war das nicht zu haben.

Erst die von den Westmächten, insbesondere Frankreich und Großbritannien, flugs ausgerufene und entsprechend institutionalisierte »Nichteinmischung« in den nur vermeintlich innerspanischen Konflikt sorgte für neuen Zündstoff. Diese »Non-Intervention« lief mehr oder weniger deutlich erkennbar auf Parteinahme für die Konterrevolution hinaus. Der verweigerten sich letztlich allein die Sowjetunion und Mexiko. Die Kommunistische Internationale rief ihrerseits weltweit zur Entsendung von Freiwilligen auf, die zu Zehntausenden zur Verteidigung der Volksfrontregierung auf die Iberische Halbinsel kamen, auch wenn sie nur einen Bruchteil der republikanischen Streitmacht stellten. Sie nahmen zwar an allen bedeutenden Schlachten – um Madrid, am Jarama, bei Guadalajara, Brunete oder Teruel und schließlich am Ebro – teil, konnten aber letztlich den Vormarsch der mit deutschen und italienischen Waffen bestens ausgestatteten Truppen des Putsch-Generals Francisco Franco nicht entscheidend aufhalten.

Ausland pro Franco

So kam es, daß nach der großen und anfangs durchaus erfolgversprechende Offensive am Ebro im Sommer und Herbst 1938 die Faschisten und ihre Legionäre im Nordosten Spaniens die Oberhand behielten. Doch selbst nach dem Fall von Barcelona am 26. Januar 1939 und der folgenden Besetzung ganz Kataloniens hatte die von dem Sozialisten Juan Negrin geführte Volksfront­regierung, zu der übrigens seit Herbst 1936 lediglich zwei kommunistische Minister gehörten, mit etwa zehn Provinzen noch gut ein Drittel des Landes unter Kontrolle.

Die zwischenzeitlich auf ein Millionenheer angewachsene Volksarmee verfügte – auch ohne die weitgehend abgezogenen und zumeist schon in französische Internierungslager deportierten Interbrigadisten – über rund 500000 Mann. Hinzu kamen wenigstens 200000 Rekruten in Ausbildungscamps. Die Luftwaffe hatte noch 100 Maschinen im Einsatz, und die Flotte war mit ihren drei Kreuzern, 13 Zerstörern, sieben U-Booten, fünf Torpedo- und zwei Kanonenbooten der des Gegners überlegen. Zudem waren erst zum Jahresende 1938 mit Moskau weitere umfangreiche Waffenlieferungen vereinbart worden. Die wurden jedoch von der französischen Seite zurückgehalten, während sich Francos Truppen – gegen entsprechend großzügige und profitable Bergbaukonzessionen – einmal mehr von den deutschen und italienischen Faschisten unbehelligt aufmunitionieren ließen.

Der andauernde Verrat seitens des »demokratischen« Auslands blieb natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die Moral der Volksfrontanhänger. Obwohl die Cortes, das gewählte Parlament, am 1. Februar bei einer letzten Zusammenkunft das von Ministerpräsident Negrin vorgestellte Minimalprogramm für die Beendigung des Krieges auf dem Wege von Verhandlungen billigte, machte sich selbst in Teilen der Armeeführung und auch der Regierung zunehmend Defätismus breit. Der erhielt neue Nahrung, als nach dem erklärten Rücktritt von Staatspräsident Azaña Paris und London am 27. Februar 1939 das Franco-Regime offiziell anerkannten. Als Wortführer der Kapitulanten spielte sich Oberst Segismundo Casado, seit Januar Militärkommandant von Madrid, in den Vordergrund (siehe Quellentext).

Logische Konsequenz dieser Entwicklung war die Forderung Francos, der das Cortes-Angebot vom Monatsbeginn nicht einmal einer Antwort für wert erachtet hatte, nach bedingungsloser Kapitulation der Republik und ihrer Streitkräfte. Angesichts dessen forderte Regierungschef Negrin seine Militärs zu weiterem Durchhalten auf.

Widerstand erodiert

Doch sowohl in der Armeeführung wie in Teilen der Truppenbasis fand sich keine Mehrheit für die Fortsetzung des Widerstands. Zwischen verschiedenen Einheiten kam es daraufhin sogar zu militärischen Auseinandersetzungen, so in Madrid, Valencia und Alicante. In der Marinebasis Cartagena im Südosten Spaniens schlugen regierungstreue Einheiten eine Meuterei nieder, doch die dort stationierte Flotte verließ anschließend den Hafen und nahm Kurs auf die nordafrikanische Küste.

In der Hauptstadt konstituierte sich unter der Führung von Oberst Casado am 5. März ein »Nationaler Verteidigungsrat«, der der Volksfrontregierung jede weitere Rechtmäßigkeit absprach. Zu dessen Mitgliedern gehörten auch sozialistische und republikanische Politiker und Militärs, darunter der rechte Sozialdemokrat und Parlamentsabgeordnete der PSOE Julían Besteiro sowie Casados Vorgänger im Zentralkommando der Armee, General José Miaja, und der anarchistische Korpskommandeur Cipriano Mera.

In Madrid kam es in den folgenden zwei bis drei Wochen zu erbitterten Kämpfen zwischen regierungstreuen Einheiten und den Casado-Anhängern. Mit Francos Angriffsspitzen im Rücken hatten die neuen Putschisten im Namen des »Verteidigungsrates« jedoch leichtes Spiel – auch außerhalb der Hauptstadt. Die Gegenwehr der zur rechtmäßigen Regierung haltenden Truppen brach innerhalb weniger Tage zusammen. Noch während ihrer offiziellen Waffenstillstandsverhandlungen mit den Unterhändlern Francos um einen »ehrenhaften Frieden« – sie begannen am 19. März – hatte bereits eine allgemeine Hatz auf all jene begonnen, die kommunistischer Gesinnung oder auch nur verdächtig waren, Anhänger der Volksfrontregierung zu sein. Vor den Bittstellern Casados beharrten Francos Abgesandte auf ihrer Forderung nach bedingungsloser Kapitulation. Am 28. und 29. März marschierten die Truppen des selbsternannten »Caudillo« (Führer) kampflos in Madrid und Valencia ein und besetzten die restlichen der Republik verbliebenen Gebiete.

Am 1. April zog Franco in die Hauptstadt ein und ließ das Ende seines »Kreuzzuges gegen den Bolschewismus« erklären. Von der früher verkündeten Versicherung, daß »Vergeltungsmaßnahmen (…) der nationalen Bewegung fremd« seien, blieb indes nichts übrig. Rache war angesagt, genauer gesagt ein mörderischer Feldzug der Sieger gegen die Besiegten.

Quellentext: Dolores Ibarruri über den Verräter Segismundo Casado

Die spätere langjährige Vorsitzende der KP Spaniens Dolores Ibarruri, genannt »La Pasionara« (Die Leidenschaftliche), war von 1936 bis 1939 Abgeordnete der Cortes:

Am 5. Januar 1939, als die Front in Katalonien bereits durchbrochen war, beschlossen die Genossen, daß ich mich zusammen mit Irene Falcón nach Madrid begeben sollte. (…) In Madrid fand ich eine besorgniserregende Situation vor. Am Tage nach meiner Ankunft suchte ich Oberst Casado auf. Das war unumgänglich, denn Casado unterstanden praktisch alle Truppen in der südlichen Zentralzone; General Miaja zählte bloß noch als Aushängeschild in den Zeitungen oder um als Repräsentant der republiktreu gebliebenen Armee ausländische Delegationen zu empfangen. (…) Es dürfte schwer sein, sich einen niederträchtigeren Wicht vorzustellen als den aalglatten Oberst Segismundo Casado, den späteren Vorsitzenden der Kapitulationsjunta, die Spanien dem Faschismus auslieferte. Berufsoffizier, Freimaurer, Kommandeur der militärischen Eskorte des Präsidenten der Republik, ein ehrgeiziger politischer Schwätzer, der unter Francos Offizieren beträchtliches Ansehen genoß und eng mit den Anarchisten liiert war – das war Casado. Während der ganzen Zeit sabotierte er die militärischen Operationen der Volksarmee, und ihm hat Franco zum großen Teil den Ruhm seines Sieges über die Republik zu verdanken.

Aus: Dolores Ibarruri: Der einzige Weg. Erinnerungen. Dietz Verlag ­Berlin (DDR) 1965, Seite 489f.

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