15. April 2014

Das neue Sehen

Hugo Brehme

Hugo Brehme war der wichtigste Dokumentarist der Mexikanischen Revolution:

Katja Klüßendorf

Ernst Hugo Brehme, 1882 als Sohn eines Schusters in Eisenach geboren, interessierte sich schon früh für Fotografie und begann 1898 eine Lehre als Fotograf in Erfurt. Brehme zog es in die Ferne, zunächst in die deutschen Kolonien nach Afrika, die er jedoch wegen einer schweren Malariaerkrankung nach zwei Jahren verlassen mußte. Von 1905 bis 1907 bereiste er dann Mexiko, ein Jahr später heiratete er Auguste Karoline Hartmann und zog mit ihr nach Mexiko-Stadt – wo er bis zu seinem Tod 1954 blieb. Seit 1951 war er mexikanischer Staatsbürger.

Brehme markiert mit seiner noch vom Piktorialismus beeinflußten Fotografie, die Ende des 19. Jahrhunderts Fotos als vollwertiges künstlerisches Ausdrucksmittel etablierte, den Übergang zum Neuen Sehen. Sein Fotostudio in Mexiko-Stadt war Anziehungspunkt für viele bekannte Fotografen. »Er verkaufte in seinem Studio das wohl beste Fotomaterial und Fotoequipment in ganz Mexiko«, erzählt Friedhelm Schmidt-Welle vom Ibero-Amerikanischen Institut. Vertreter der Moderne wie Tina Modotti, Edward Weston, Manuel Àlvarez Bravo, Henri Cartier-Bresson und der spätere Kameramann Gabriel Figueroa kauften bei ihm ein und ließen sich in technischen Fragen von ihm beraten.

Brehmes Werk umfaßt Aufnahmen von Landschaften, Städten, typischen Bauwerken dieser Zeit und vom einfachen Leben der mexikanischen Bevölkerung. Seine Arbeit hatte großen Einfluß auf die Wahrnehmung Mexikos im Ausland.

Brehme hielt aber auch Szenen der Mexikanischen Revolution (1910–1920) fest, darunter Porträts der Revolutionäre Emiliano Zapata, Pancho Villa und Francisco Madero. Er wurde damit der wichtigste Dokumentarist dieser Ereignissse. Bekannt sind vor allem seine Fotos von den Revolutionshelden. Kaum bekannt dagegen sind diejenigen der Decena Trágica, der US-Intervention im Hafen von Veracruz sowie solche, welche die Zerstörungen und die einfachen Truppen zeigen. Als »Decena Trágica«, die zehn tragischen Tage, wird der Staatsstreich gegen den Staatspräsidenten Franceso I. Madero, der im Februar 1913 umgebracht wurde, bezeichnet.

Bei all diesen Schlachten fotografierte Brehme, schon allein aus technischen Gründen, nur die Pausen zwischen den Kämpfen. »Besonders am Herzen lagen uns die Bilder aus dem Bürgerkrieg.« Brehme lebte aber im Wesentlichen vom Verkauf von Postkarten mit idyllisch romantischen Mexikobildern an Touristen. Die Zerstörungen der Revolution waren da ein denkbar ungeeignetes Motiv und blieben daher weitgehend unbekannt.

Bis Mitte der 30er Jahre war Hugo Brehme einer der berühmtesten Fotografen in Mexiko. Danach verblaßte sein Stern und auch der des Piktorialismus, dem er zeitlebens verhaftet blieb. Erst Anfang der 90er Jahre wurde er wiederentdeckt. Heute gehören seine Fotografien zum UNESCO-Weltkulturerbe, und man würdigt ihn auch in Mexiko wieder als einen der bedeutendsten Fotografen seiner Zeit

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