8. Oktober 2013

Dem Marxismus mißtrauen

Aktiv für eine linke, nichtmarxistische Bewegung: In der Redaktion der von Albert Camus (l.) mit betreuten Zeitschrift Combat, Organ der gleichnamigen ­Widerstandsgruppe gegen die deutsche Besatzung (Aufnahme ohne Datum)

Vorabdruck. Albert Camus bei den Drucksetzern

Albert Camus’ schriftstellerisches Werk zählt zur herausragenden Literatur des 20. Jahrhunderts. Weniger bekannt ist seine Beschäftigung mit dem Anarchismus, zu der ihn nicht zuletzt Rirette Maîtrejean inspirierte, eine der bedeutendsten französischen Anarchistinnen in den 1940er Jahren. Camus pflegte Freundschaften mit Libertären unterschiedlicher Strömungen. Mit ihnen diskutierte er über ein gemeinsames Verständnis von der damaligen Welt. Und er schrieb für ihre Presse.

Camus wäre am 7. November 2013 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlaß bringt der Laika Verlag aus Hamburg Beiträge des bei einem Verkehrsunfall am 4. Januar 1960 umgekommenen Existentialisten heraus. Das Buch umfaßt seine Artikel, Briefe und Antworten im libertären Umfeld, sowie die Transkriptionen seiner gehaltenen Reden, deren Wortlaut er anarchistischen Zeitschriften zur Verfügung stellte. Schließlich einige ausgewählte Diskussionen, welche in libertären Kreisen über Camus geführt wurden. jW veröffentlicht hier einen Bericht der Zeitung La Révolution prolétarienne vom Januar 1958 über einen Besuch des Schriftstellers bei Arbeitern in der Druckbranche. Die Zusätze in eckigen Klammern stammen vom Herausgeber Lou Marin.

Am Samstag, dem 21. Dezember [1957], sprach Albert Camus auf Einladung des Cerc­le d’études syndicales des correcteurs (Gewerkschaftlicher Studienkreis der Korrekturleser) in der Arbeiterbörse der Avenue Turbigo [in Paris] über das Verhältnis des Schriftstellers zu den Arbeitern in der Druckbranche vor rund 200 Genossen, darunter natürlich zahlreiche Korrekturleser, aber auch Linotypesetzer, Drucksetzer, Druckmaschinenmechaniker, Rotationsmaschinenmonteure, Stereotypeure und Fotograveure.

Nachdem uns [Nicolas] Faucier1 über die Themen des Gesprächs, die Albert Camus gerne akzeptierte, informiert hatte, stimmte unser Genosse [Nicolas] Lazarévitch2 mit warmherzigem Ton ein kurzes Loblied auf unseren Freund an: »Eine Tatsache ist einfach auszudrücken: Wir befinden uns in Gegenwart eines der wenigen Schriftsteller, die es nicht ertragen, sich korrumpieren zu lassen …«

Nachdem eine solche Grundstimmung geschaffen worden war, ging es im großen und ganzen darum, unserem Gast Fragen zu stellen, die sich mit der notwendigen Verbindung zwischen dem Schriftsteller und dem Arbeiter in der Druckbranche beschäftigten. Lazarévitch schlug uns ein Raster vor, das uns als Richtschnur durch das Gespräch führen sollte. 1.: Wir leben in einer Zeit, in der sich der Verbreitung des Denkens vielfältige Hindernisse in den Weg stellen; 2.: Technik und Wissenschaft entwickeln sich jedoch nur aufgrund der Drucktechnik; 3.: Das Radio ist dazu fähig, alle Konformismen umzustürzen, zum Beispiel indem es uns das Wunder ermöglicht, Camus zu hören, wie er aus seinem Werk »Caligula« liest und dadurch bei den jungen Hörern unerwartete Reaktionen hervorruft. Es ist oft zu beobachten, daß die Menschen der simplen Slogans und der wortreichen Zeiten, die nur dazu dienten, den kritischen Geist der Massen einzuschläfern, müde sind. Und wenn zum Beispiel die [sowjetische Zeitschrift] Literaturnaja Gaseta mit Bezug auf sein Werk »Der Mensch in der Revolte« über Camus spricht und ihn dabei »den kleinen Christus« nennt, dann dient das offensichtlich dem Zweck, den Autor lächerlich zu machen und von der Lektüre seines Buches abzuraten. Aber nichts sagt uns, daß vielleicht irgendwo, sei es in Workuta (ein Arbeitslager für politische Gefangene im Norden des Ural-Gebirges; d.Red.) oder woanders, nicht doch ein Neugieriger mehr darüber wissen wollte.

Mit jener Einfachheit, die ihn charakterisiert, gab uns Albert Camus Auskunft über seinen Standpunkt: Es sei sicher, daß es eine evidente Trennung zwischen den Intellektuellen und den Arbeitern gebe; das sei umso bedauerlicher, wenn es sich um die Druckarbeiter handele. Wir sollten zusammen versuchen, diese Spaltung zu überwinden.

Intellektuelle und Arbeiter

Eine erste Frage wurde ihm gestellt, welche das Verhältnis zwischen dem Schriftsteller und den Korrekturlesern betraf. Camus versicherte uns, daß, was ihn betreffe, er mit der großzügigsten Aufmerksamkeit den Vorschlägen Rechnung trage, die ihm der Korrekturleser hinsichtlich des Sinns und der Grammatik unterbreite. Und er präzisierte, daß er in acht von zehn Fällen den Korrekturlesern recht gebe. Ihr Verhältnis sei daher äußerst höflich. Aber Camus erweiterte die Diskussion und zeichnete uns in grober Skizze ein Bild vom Leben eines Schriftstellers im allgemeinen und von seinem Leben im besonderen. Wenn er sich scheinbar lange bitten lasse, um an einem Treffen, einer Diskussion, einer Versammlung teilzunehmen, dann weil seine Zeit unglaublich knapp sei und weil er sich andererseits kein wirklich wertvolles Werk vorstellen könne ohne lange Perioden einsamen Nachdenkens. Dann bleibe immer noch die materielle Arbeit des Schreibens oder des Diktierens seines Werks. Aber es ist gemeinhin bekannt, daß ein Schriftsteller nur schlecht von seinen Büchern leben könne. Er benötige deshalb einen »zweiten Beruf«, wenn er sich nicht mit dem »Verkaufen« von Romanen in hoher Auflage oder zusätzlicher Artikel begnügen wolle. Dieser zweite Beruf absorbiere ihn über Stunden oder manchmal Wochentage hinweg. Dann gebe es noch den Schriftverkehr. Camus erhalte durchschnittlich 400 Briefe pro Monat, auf die er gerne antworten würde. Schließlich widme er als Autor von Dramen und als Regisseur drei Monate jährlich (dies fast durchweg Tag und Nacht) dem Theater. Was bleibe dann nach alledem an Privatleben? Und, so sagt er, was immer manche auch denken würden: Er sei kein »kleiner Christus«!

Aber es sei seine Bestimmung, weiter zu schreiben und irgendwie ein »Handlungsreisender einer bestimmten Haltung des Denkens« zu bleiben. Wie könne man unter solchen Bedingungen einen ununterbrochenen Kontakt mit der Welt der Arbeit aufrechterhalten? Wie könne man die Mittel für diesen Kontakt aufbringen? Wie könne man den Abgrund (das Wort stammt von Faucier) überbrücken, der sich zwischen dem Handarbeiter und dem Intellektuellen auftue? Ich sehe, so meinte Camus, den Beginn einer Lösung in der Freiheit der Arbeit, in der Freiheit der Kultur. Doch die Arbeit sei unterjocht, und der Intellektuelle habe keine Freiheit. Die Rechte der Arbeiter zu verteidigen sei deshalb mit der Verteidigung der Rechte der Intellektuellen gleichzusetzen. Und welchen Ort gebe es für die einen wie für die anderen schon, sich zu begegnen, wenn nicht die Gewerkschaft?

Aber die Arbeitergewerkschaft sei politisiert – und die Gewerkschaft der Schriftsteller existiere nicht. Wie könnte sie entstehen? Indem die Intellektuellen, wie wir es heute vormachten, dazu eingeladen würden, an bestimmten Debatten innerhalb des Studienkreises teilzunehmen; und indem die »Volksuniversitäten« wieder entstünden. Wo jedoch seien die Aktivisten für solche Projekte – und hätten sie die Muße hierfür? Es sei offensichtlich, daß die Intellektuellen dazu schwiegen und daß sie überhaupt keinen Kontakt mit dem hätten, was man die Arbeiterbewegung nennen könnte – wenn sie denn existierte. Doch es gebe keine Arbeiterbewegung, die diesen Namen verdiene. Wie also könnten wir uns als Teil einer nichtexistenten Bewegung verstehen? Natürlich gebe es genug diskussionswürdige Probleme, aber wo gebe es konsensfähige Positionen hierfür? Wir sollten die Intellektuellen dazu aufrufen, wir sollten sie zu Diskussionen provozieren.

Auf die »soziale Frage« angesprochen gab Camus zu, daß dies ein tiefgründiges Thema sei, das ein Schriftsteller nur mit Umsicht behandeln könne. Man müsse sich davor hüten, sich »das Arbeitermilieu anzueignen« und in die Falle der Banalitäten eines Ilja Ehrenburg3 zu tappen – oder »in die des Pfadfindertums der sozialen Ak­tion«. Ohne den Fehler zu machen, sich auf die Seite des l’art pour l’art (Kunst um der Kunst willen) zu stellen, was ein grundsätzlicher Fehler wäre, stünde es seiner Meinung nach jedem gut an, bestimmte Themen mit Vorsicht anzugehen, ohne gleichzeitig aus den Augen zu verlieren, daß man auch schreibe, »um gelesen zu werden«. Die Kommunikation, die Solidarität mit der menschlichen Gemeinschaft seien nötig; es gehe also darum, sich an die größtmögliche Zahl zu wenden, ohne deshalb den Anspruch an ein Kunstwerk aufzugeben. Wir sollten zum Beispiel einen [André] Gide4 und einen [Leo] Tolstoi vergleichen. Vom ersten könne man sagen, daß er zu einer bestimmten Befreiung verholfen habe; aber er sei doch genau der Typ des Schriftstellers, der nicht für das Volk geschrieben habe. Tolstoi dagegen, jener große Erdenbewohner, habe ein Werk geschaffen, das für alle Menschen verständlich sei und doch alle Qualitäten eines Kunstwerks habe. Wenn das Ziel eines Schriftstellers also das Schreiben für die größtmögliche Anzahl sei, so dürfe er doch nicht die Schwierigkeit unterschlagen, die sich in der Forderung nach einem Kunstwerk verberge. So sagte Camus: »Als ich daher die Kurznovelle »Les Muets« (Die Stummen) entworfen habe, die Teil des Buches »L’Exil et le royaume« (Das Exil und das Reich) ist und einen Streik in einer algerischen Böttcherei behandelt, fühlte ich mich sehr beunruhigt. Ich konnte die Tatsache nicht aus den Augen verlieren, daß die gelungene Beschreibung eines Streiks – oder genauer: seiner Auswirkungen – in verständlicher Sprache eine äußerst feinfühlige Arbeit bedingt. Sie könnte mir trotzdem gelungen sein!«

Auf der Basis der Hoffnung

– Jemand sagte: »Wurden Sie als Journalist nicht durch die politische Konjunktur und die Anordnungen des Eigentümers behindert?«

– [Camus:] »Sicherlich bringt es das Schreiben eines Leitartikels notwendigerweise mit sich, daß sowohl im Hinblick auf die öffentliche Meinung als auch im Hinblick auf die Kollegen, die für dasselbe Blatt schreiben, Zugeständnisse gemacht werden. Das führt dazu, daß immer eher zuwenig als zuviel gesagt wird. Ich war daher nie mit meinen Arbeiten als Journalist wirklich zufrieden: 1.: weil diese Arbeiten eine Geschwindigkeit der Ausführung erfordern, die mich immer stört und die für mich die fast beständige Unmöglichkeit mit einschließt, mein Denken zu überprüfen; 2.: weil ich Furcht vor Feinden habe und die journalistische Auseinandersetzung unabänderlich dazu führt, sich welche zu schaffen. Das ist für mich ein immerwährender Schmerz, denn man muß sich deutlich vor Augen führen, daß wir uns hier in der Metropole der Gehässigkeit, der Verleumdung und der systematischen Lüge befinden. Wir leben beständig in einer schäbigen Atmosphäre der Verschwörung, welche einem in diesem Land die Luft zum Atmen nimmt. Aber welchen Ausweg sollte es da geben?«

– Ein anderer sagte: »Eine bestimmte Anzahl von mehr oder weniger einflußreichen Schriftstellern ist ziemlich dogmatisch. Liegt darin nicht eine Gefahr?«

– [Camus:] »Geben wir zu, daß es schwierig ist, in einem Land wie dem unseren zu publizieren, das in der historischen Epoche, in der wir uns befinden, die bitteren Zeichen der Dekadenz ausstrahlt, deren wichtigster Charakterzug eine Art Atomisierung ist. Wir spüren unsere Einsamkeit äußerst intensiv, und dort, wo wir stehen, erscheint es uns unmöglich, uns an etwas zu klammern: die Liebe, den Glauben, die Gesellschaft – oder aber wir geben uns der Illusion hin, irgend einer Ideologie anzugehören. In einer solchen Position gab es dann für einige einfach keine Probleme mehr. Die Probleme sind dann nach dem Bericht des XX. Parteikongresses5 entstanden … Mir scheint sehr deutlich zu sein, daß wir alle müde sind, die Franzosen im allgemeinen und die Schriftsteller im besonderen. Das sieht man an der schlechten Stimmung der Pariser und an der Verzweiflung des Vereinsamten … Aber an was sollten wir uns denn klammern? Es gab eine Zeit, in der die Monarchie, das Christentum den Menschen ein bestimmtes Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelten. Welche Regierungsform oder welche Ideologie könnte uns denn heute zusammenführen? Auf diese Weise reflektiert die Haltung zahlreicher französischer Schriftsteller die Haltung von allen. Wir sollten versuchen, auf der Basis der Hoffnung zusammenzufinden, daß all das verändert werden kann. Bemühen wir uns um Ehrlichkeit und erkennen wir, daß wir als Schriftsteller nicht lügen dürfen.«

Als Hauptgründe für diese Zerrüttung und dieses Versagen des Geistes benannte [der Drucksetzer] Aubrée6 die Spaltung zwischen der technischen Zivilisation und der Arbeiterbewegung, die extreme Zentralisierung der Macht und die daraus resultierende Verantwortungslosigkeit.

– Camus sagte dazu: »Die beiden genannten Gründe treten zur selben Zeit auf. Jedoch sind zur Unterstützung der industriellen Revolution zwei Strömungen in der Welt der Arbeit entstanden: die erste, die revolutionär-sozialistische (­proudhonistische und populistische) Strömung, wurde durch die Geschichte unterdrückt. Der zweiten, der zentralistisch-sozialistischen und cäsaristischen Strömung, gelingt es nicht, die Eroberungen der Technik auszugleichen. Aber der Kampf zwischen dem libertären Sozialismus und dem cäsarischen Sozialismus ist nicht beendet, und es kann keinen Kompromiß des einen im Hinblick auf den anderen geben … Man könnte uns den skandinavischen Sozialismus als beispielhaft vorschlagen, der ein weiser Ausdruck der syndikalistischen und unternehmerischen Organisationen ist. Dort ist tatsächlich die gewerkschaftliche Autonomie garantiert, und innerhalb der Gewerkschaft ist es möglich, alle Werte der Freiheit aufrechtzuerhalten … Sagen wir jedenfalls, daß die Revolutionen mit den Maschinengewehren an den Straßenecken zu Ende sind.«

– [Jemand:] »Aber tendieren die Technokratie und die gegenwärtigen Forschungen außerhalb der Reichweite der Libertären nicht dazu, die Regierung über die Menschen zu verstärken?«

– [Camus:] »Deshalb ist ja gerade eine Wiedererstehung der syndikalistischen apolitischen Bewegung unumgänglich. Nur durch sie könnten die Führungseliten innerhalb der Arbeiterbewegung ausgebildet werden, denn der Mangel an Führungskräften ist in der Hauptsache ein Ergebnis der Politisierung der Gewerkschaftsbewegung. Das Problem besteht also darin: ganze Menschen auszubilden – und zwar durch die Gewerkschaft.«

Kommunist, aber kein Marxist

Lazarévitch fragte Camus darauf, wie denn seine Novelle »Die Stummen«, von der er gerade gesprochen hatte, angekommen sei:

– Camus antwortete: »Es gab nicht einen Brief von einem Arbeiter – und keine Arbeiterzeitung hat je nach einer Erlaubnis für eine Reproduktion des Textes nachgefragt. Und was das Buch anbetrifft, ist uns klargeworden, daß es sich nicht im Arbeitermilieu verkauft hat. Das hat sicher den Grund, daß die Bücher allgemein zu teuer sind.«

– [Lazarévitch:] »Und auch Ihr Stück »Les Justes« (Die Gerechten) hatte keine große Resonanz? Woran mag das liegen? Immerhin werden dort große menschliche Probleme behandelt, denn es spürt einer Episode des revolutionären Kampfes von 1905 [in Rußland] nach.«

– [Camus:] »Wie das Buch, so ist auch das Theater zu teuer. Auf der anderen Seite ist das ebenfalls ein Ausdruck jener Müdigkeit der gesamten Nation, von der wir vor einigen Augenblicken gesprochen haben.«

– Ein weiterer Zuschauer sagte: »Aber im Zirkus und in der Music-Hall sind die Säle voll, auch wenn die Plätze teuer sind. Und dort sieht man auch viele Arbeiterfamilien …«

– [Camus:] »Ich würde in dieser Hinsicht den Arbeitern auch nicht den geringsten Vorwurf machen. Wenn sie von ihrer Arbeitswoche ermüdet sind, haben sie sehr wohl das Recht, etwas Ablenkung zu suchen …«

Ein Genosse steuerte die Beobachtung bei, daß es für einen Lohnabhängigen an der Basis sehr schwer sei, eine Leitlinie zu wählen, zumal in Gegenwart einer Haltung sogenannter intellektueller Linker, die verbissener gegen den Marxismus als gegen den Kapitalismus kämpften.

Camus sagte dazu: »Persönlich spreche ich mich energisch dagegen aus, als eine Führungsperson der Arbeiterklasse betrachtet zu werden. Das ist eine Ehre, die ich ablehne. Ich befinde mich immer im Zustand der Unsicherheit, und ich habe ein ständiges Bedürfnis danach, dazuzulernen. Es ist wirklich zu leicht, aus einem Betriebsbüro heraus zu entscheiden, was der Lohnabhängige zu tun hat. Diese Probleme stellen sich uns allen. Wenn ich Kommunist gewesen wäre, dann aber nicht Marxist. Natürlich ist der Marxismus als Methode zur Kritik der bürgerlichen Mystifikationen immer akzeptabel, so wie jedes Denken oder jede fruchtbare Doktrin akzeptabel ist. Aber wir sollten den marxistischen Schemata mißtrauen, ohne jedoch dafür in irgendeine Apologie des Kapitalismus zu verfallen. Die kapitalistische Gesellschaft ist nicht mehr das, was sie im 19. Jahrhundert war – aber kann man von jener Gesellschaft, die sich selbst sozialistisch nennt, sagen, daß sie auf diese ursprüngliche Definition eine Antwort liefert? Wir sollten sorgfältig die Errungenschaften der einen wie der anderen Gesellschaft bewahren, uns aber ihren Mystifikationen widersetzen.«

Und so ging unser Gespräch zu Ende. Diese große Diskussionsstunde wird nicht vergebens gewesen sein, und es wäre zu wünschen, daß eine solche Erfahrung nicht ohne Fortsetzung bleiben wird.

Anmerkungen des Herausgebers

1 Nicolas Faucier (1900–1983) stammt aus Orléans; französischer Anarchist, Pazifist und Syndikalist in der Branche der Korrekturleser; er schrieb für fast alle anarchistischen Zeitungen im Frankreich der Zwischenkriegs- und Nachkriegszeit; er veröffentlichte 1983 das bedeutende Buch »Pacifisme et antimilitarisme dans l’entre-deux guerres«.

2 Nicolas Lazarévitch (1895–1975): russischer Anarchist und Anarchosyndikalist; in Brüssel geboren; er war Kind russischer Zarenflüchtlinge; zusammen mit Hem Day (1902–1969) war er wohl einer der wichtigsten belgischen Anarchisten überhaupt.

3 Ilja Grigorjewitsch Ehrenburg (1891–1967): russischer Schriftsteller und Journalist; nahm am Spanischen Bürgerkrieg teil und war während des Zweiten Weltkrieges Kriegsberichterstatter; beteiligte sich während des Stalinismus an der sowjetischen Propaganda.

4 André Gide (1869–1951): französischer Schriftsteller; sympathisierte in den dreißiger Jahren mit dem sowjetischen Experiment, wurde jedoch von einer Reise in die Sowjetunion im Sommer 1936 desillusioniert und kritisierte die Moskauer Prozesse 1937; er erhielt 1947 den Nobelpreis für Literatur.

5 XX. Parteitag der KPdSU 1956: Enthüllungen über stalinistische Verbrechen durch die Rede Chruschtschows.

6 Leider konnte ich keine weiteren Angaben oder Lebensdaten zum Drucksetzer Aubrée finden.

Erscheint zur Frankfurter Buchmesse: ­Albert Camus – Libertäre Schriften (1948–1960), herausgegeben, eingeleitet, kommentiert und übersetzt von Lou Marin, Laika Verlag, Hamburg 2013, 384 Seiten, 24,90 Euro

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