19. November 2012

Der Anfang vom Ende

Kapitulation und Gefangenschaft einer Elitetruppe: Soldaten der 6. Armee treten bei Stalingrad den ungeordneten Rückzug an (undatierte Aufnahme) - Fotoquelle: jW-Archiv

Stalingrad. Untergang einer Armee

Dietrich Eichholtz

Am 19. November 1942 von Norden über den Don, am 20. von Süden über die Wolga kommend, schlossen 90 sowjetische Divisionen, insgesamt eine Million Mann mit 20000 Geschützen und 1560 Panzern, in drei Tagen die Stadt an der Wolga ein. Hauptsächlich schwach ausgerüstete rumänische Verbände überrollend, vollendete die Rote Armee – bei dichtem Nebel und Schneetreiben – zwischen Kalatsch und Sowjetskij die Einschließung Stalingrads in einem bis zu 100 Kilometer breiten Gürtel, dort Tod und Schrecken verbreitend und chaotische Flucht der deutschen Stäbe auslösend, darunter des Stabes der 6. Armee. »Auf der Jagd zur Rettung des eigenen Lebens wurde alles zurückgelassen, was das Rennen behinderte. Waffen und Ausrüstungsgegenstände wurden weggeworfen. Vollbeladene Munitionswagen, Feldküchen und Troßfahrzeuge bleiben stehen, konnte man doch auf dem Rücken der ausgespannten Pferde rascher vorwärtskommen.« (Wilhelm Adam, Der schwere Entschluß, S. 175) Wenige Tage danach bot die Steppe »einen gespenstischen Anblick; sie war voll toter Pferde (...) Während des russischen Durchbruchs waren 10000 Pferde getötet worden. Die ganze Strecke war übersät mit Kadavern, zerschossenen Protzen, Munitionswagen und Geschützen (...) und unendlich vielen Leichen, rumänischen und deutschen. (…) Kalatsch war ein Schlachtfeld; nur ein Haus stand noch.« (Alexander Werth, Rußland im Krieg, S. 352)

Hitler, Manstein und Co.

Tagelang existierte in dem Desaster der deutschen Kriegführung kein militärisches Oberkommando mehr. Hitler, der sich noch in Berchtesgaden von den Rückzugsnachrichten aus Nordafrika »erholte« (siehe »Entscheidung in der Wüste«, jW vom 20.10.2012), raffte sich am 22. November zur Rückfahrt an die Ostfront auf. Am 25. fanden sich die obersten Stäbe erst wieder im Führerhauptquartier zusammen.

Feldmarschall Erich von Manstein, von der Leningrader Front herbeigerufen, sollte als Oberkommandierender einer neugebildeten »Heeresgruppe Don« die Lage an Don und Wolga wiederherstellen. Von Partisanenaktionen aufgehalten, traf er erst nach Tagen, am 26. November, in Rostow ein und hatte zuerst offensichtlich Mühe, sich in der katastrophalen Situation zurechtzufinden. In Stalingrad war jetzt Generaloberst Friedrich Paulus sein Untergebener, den er gleich anfangs zu Treue und Gehorsam gegenüber des »Führers« Haltebefehlen mahnte.

Einen Ausbruch der 6. Armee schlug Manstein Hitler frühestens für den 9. Dezember vor. Mit einem vage zugesagten »Gegenangriff« sollte von Südwesten her die Verbindung zur Stadt wiederhergestellt werden. Nur als letzte Möglichkeit – als ein »schweres moralisches Opfer« – sah er die Aufgabe Stalingrads und damit »die Erhaltung der Kampfkraft einer Armee« an. Er scheint ferner auch an eine »Rochade« der starken deutschen Kräfte aus der Kaukasusfront zugunsten Stalingrads gedacht zu haben.

Nach dem kläglichen Scheitern einer Entsatzoffensive von Kotelnikowo aus, die 40 bis 50 Kilometer vor der Stadt liegenblieb (12. bis 27. Dezember) überließ Manstein die Verantwortung ganz seinem »Führer«, der noch am Ende des Jahres den Untergang der 6. Armee rechtfertigte, um sowjetische Kräfte zu fesseln. In ausführlichen Befehlen legte Hitler den ausgemachten Schwindel auf, starke Kräfte aus Westeuropa würden versammelt werden, um ab Mitte Februar (!) »nördlich des Don in Richtung Stalingrad zur Befreiung der 6. Armee anzutreten.« (31. 12.)

Heute noch wird Manstein, der sich bis Kriegsende jeglicher Widerstandshandlung verweigerte, seines »Genies« und Durchhaltewillens wegen von Militärhistorikern gefeiert. Als Schreibtischtäter unterschied er sich aber in keiner Weise von der Masse der Hitler sklavisch folgenden Generalität. Unter seiner Führung sind bis 1944 noch Ströme von Blut, deutschem und fremdem, vergossen worden.

Ende der 6. Armee

Am 31. Januar 1943 gab sich Paulus der Roten Armee gefangen, mit ihm der sogenannte Südkessel; am 2. Februar auch der Rest seiner Armee. Genaue Zahlen über die Opferung der 6. Armee gibt es bis heute nicht und wird es angesichts der katastrophalen Begleitumstände ihres Untergangs auch nicht geben. Zur Zeit der Einkesselung befanden sich in der Stadt nach den Zahlen des Oberquartiermeisters der Heeresgruppe Don 304000 Soldaten, Deutsche (20 Divisionen) und Rumänen (zwei Divisionen). Nach Wehrmachterhebungen 1943/44 rechnete man mit 60000 Gefallenen bzw. Gestorbenen und Vermißten. 34000 Mann, hauptsächlich Verwundete, waren ausgeflogen worden, ferner, nach Paulus’ Rechnung, 7000 sogenannte Spezialisten, in erster Linie Offiziere. In Gefangenschaft gerieten schließlich 110000 Mann, von denen auf dem Marsch oder später in den Lazaretten und Lagern die weitaus meisten an völliger Erschöpfung, an Schwäche (Hunger) und Krankheiten starben. Nur etwa 6000 kehrten nach Deutschland heim.

Die katastrophale Unterversorgung durch die Luftwaffe ließ die Eingeschlossenen, je länger, desto mehr, ohne Brennmaterial und Öfen, ohne Baumaterial für Unterkünfte, ohne ausreichende Winterausrüstung. Viele Tausende Verwundete blieben ohne medizinische Hilfe. Quälend war der Wassermangel. Im Januar ging die Verpflegung zu Ende; am 28. erklärte Paulus, es könne an Verwundete und Kranke keine Verpflegung mehr ausgegeben werden, »damit Kämpfer erhalten bleiben«. Die »Kämpfer« hatten mitunter keine Munition mehr und schlugen sich mit der blanken Waffe. Größter Mangel herrschte während der ganzen Zeit an Treibstoff.

Die Zahl der Gefallenen und Vermißten ist von dem untersuchenden Wehrmachtstab (»Arbeitsstab Stalingrad«) weitaus zu niedrig berechnet bzw. geschätzt worden. Die Toten, die die Schneewüste und die eisigen Trümmer der Stadt im Januar/Februar 1943 bargen, konnten weder vorher noch nachher alle »ordnungsgemäß« gefunden, identifiziert, begraben und gezählt werden. Außer den im Kampf Gefallenen gab es Tote ohne Zahl, die im Kessel den Hungertod, den Erfrierungstod, den Tod nach Verwundung starben, die durch Krankheit (Fleckfieber, Ruhr; mit Zehntausenden Todesfällen noch nach der Gefangennahme) und durch Selbstmord umgekommen sind. Unbekannt ist ferner die Zahl der Überläufer, die freiwillig in Gefangenschaft gingen.

Verratene »Helden«

Hermann Göring vertrat Hitler am 30. Januar 1943 als Redner zum zehnten Jahrestag der Machtübertragung an den deutschen Faschismus. Seine Rede war ein Grabgesang auf die 200000 Soldaten in Stalingrad, von denen ja mehr als die Hälfte noch am Leben war. Der Redner pries ihren Untergang als »größten Heroenkampf unserer Geschichte«. Das bisher schmählich irregeführte Volk erschauerte entsetzt, und wer im Kessel davon erfuhr, vernahm sein eigenes Todesurteil. »Wer kann sich in unsere Lage versetzen«, heißt es in einem späteren Bericht, »als wir am 30. Januar in einem Kellergewölbe unserer eigenen Grabrede lauschten, die man in der fernen Heimat hielt, uns mit den spartanischen Helden verglich und dann von den Lebenden abstrich?«

Freilich war der Zugang zur Stadt und die Stadt selbst schon seit mehreren Monaten auf eine Weise von der Roten Armee verteidigt worden, die auch die deutsche Seite große Verluste kostete und einen schnellen Sieg immer fragwürdiger erscheinen ließ. Seit Ende August machten der sowjetische Widerstand und zunehmende Gegenangriffe das Vorwärtskommen immer schwieriger. Mitte September stellte man im Stab der 6. Armee fest, die Kämpfe der vorangegangenen Tage hätten eine grausame Härte angenommen, »wie sie noch keine der beteiligten Truppen in diesem Kriege erlebt hat«. Der verbissene tägliche Kampf der erschöpften Infanterie um einzelne Straßen und Ruinen in der fast völlig zerstörten Stadt gegen die Verteidiger, gegen die aktive sowjetische Luftwaffe und Zehntausende bewaffneter Zivilisten, Arbeitermilizen und Volkswehrabteilungen beschleunigte ihr »allmähliches Ausbrennen« (Franz Halder, 20.9.). Vom organisierten Ausbau von Winterstellungen konnte keine Rede sein.

Als am 19. November die sowjetische Offensive losbrach und die Stadt eingekesselt wurde, begann die tödliche Phase bereits in den ersten Tagen, als nämlich die Depots mit den Vorräten der 6. Armee im Bereich des Kessels zerstört wurden. Die Verpflegungssätze für Soldaten sanken von 600 Gramm (Brot) täglich bis zum 8. Januar 1943 auf 200 Gramm. Sämtliche Zufuhr von Verpflegung, Munition und Treibstoff hatte die Luftwaffe (Göring) zugesagt. Dieser »Plan«, der 450 bis 550 Tonnen Lufttransport, d. h. die Ladung von 250 Ju 52-Transportern, pro Tag erfordert hätte, scheiterte vom ersten Tag an am Wetter – Schnee, Sturm, Nebel und eisige Kälte – und am Mangel an Transportflugzeugen, lange bevor beide brauchbaren Flugplätze im Kessel am 23./24. Januar von der Roten Armee erobert waren und nur noch Versorgungsbomben aufs Geratewohl abgeworfen werden konnten. Zu dieser Zeit war der Kessel bereits auf ein Viertel seiner ursprünglichen Größe geschrumpft. Die letzten Maschinen wurden von Verwundeten gestürmt. Sie konnten mitunter erst abheben, nachdem die Zahl der Passagiere mit vorgehaltener Waffe reduziert worden war.

Aus diesen Tagen berichtet ein Arzt von der Flucht mit vielen hunderten Kranken und Verwundeten von den Flugplätzen in die Stadt: »Auf dem ausgefahrenen, vereisten Weg nach Stalingrad, den wir nun mit den Resten der Einheit zurücklegten, lagen an den Straße überall und in grauenhaftem Umfang Verwundete, Erfrorene und Erfrierende, die unseren langsam fahrenden Wagen den Weg mit ihren Leibern versperrten, die sie mitten auf die Fahrbahn gewälzt hatten. Ihre Schreie, sie zu überfahren oder mitzunehmen, wiederholten sich in ähnlichen Bildern über die ganze Strecke. Viele hatten die Hände, verbunden mit durchfeuchtenden Verbänden, flehend erhoben, manche schüttelten die Fäuste, manche rührten sich gar nicht.«

Die Gefangennahme durch die Rote Armee, obwohl absehbar für alle Übriggebliebenen, wurde als Schock empfunden, als »physischer und psychischer Zusammenbruch in einem kaum vorstellbaren Ausmaß« (Luitpold Steidle, Entscheidung an der Wolga, 277).

Generaloberst Paulus, Chef der Armee, setzte fast jeden Tag einen Funkspruch über die Lage der sterbenden Armee an die Heeresgruppe und das Oberkommando des Heeres (OKH) ab. Er erhielt als Antwort nurmehr den Befehl, die Stellung zu halten, bis die Armee, wann auch immer, entsetzt werde, und jedes Kapitulationsangebot abzulehnen. Am 26. Januar meldete Paulus 30000 bis 40000 unversorgte Verwundete und Versprengte im engeren Stadtgebiet. Zwei Tage später sah sich das Armeeoberkommando gezwungen, an Verwundete und Kranke keine Verpflegung mehr ausgeben zu lassen. Am 30. Januar waren die Männer in zahlreichen Einheiten so am Ende, »daß sie sich nach Verschuß ihrer Munition trotz schärfster Gegenmaßnahmen willenlos gefangengeben«.

Lügen und Propaganda

Die Katastrophe in Stalingrad war seit Ende November 1942 nicht mehr aus den öffentlichen Diskussionen in Deutschland herauszuhalten. Im Gegenteil, drei Monate lang bewegte das Thema erhebliche Teile der Bevölkerung, was die Nazipropaganda wie auch den Geheimdienst (Sicherheitsdienst der SS) Tag für Tag stark beschäftigte. Im Kontrast zu den früheren Berichten über »Rommels Krieg« in Afrika, die Erfolge des deutschen U-Boot-Krieges und die heimischen Sorgen beherrschten jetzt jedes Mal die Nachrichten von der Ostfront die Hauptmeldungen. Nicht allein die große Zahl von Angehörigen von Soldaten im Kessel und überhaupt an der deutschen Ostfront waren besorgt und beunruhigt über die äußerst spärlich bekannt gemachten Ereignisse dort und über die Zunahme der Gefallenenanzeigen in den Zeitungen.

Doch die Öffentlichkeit wurde mit enormem Aufwand und mit wochenlangen Täuschungsmanövern über die Lage in Stalingrad im unklaren gelassen. Als »Führungsmittel« der faschistischen Führung unverzichtbar waren in der Propaganda Zeitungen und Rundfunk, besonders wichtig auch die Kino-Wochenschau.

Schon längere Zeit waren das Ausbleiben der gewohnten Erfolgsmeldungen und »der anhaltende sowjetische Widerstand in diesem Ausmaße vorher nicht für möglich gehalten« worden (SD-Bericht, 23.11.). Alle näheren Umstände der Kämpfe in und um Stalingrad, ja die Tatsache der Einkesselung selbst, überließ man wochenlang den wabernden Gerüchten. Das Bild, das die Bevölkerung sich machte, sei bestimmt von einem »Durcheinander« von Vertrauen in die Führung und »sehr starker Sorge und Ungewißheit« (18.1.). Als am 3. Februar 1943 die Niederlage und Aufgabe von Stalingrad gemeldet wurde, war die Bevölkerung »geschockt«. Nach wie vor unaufgeklärt über den Umfang des Unglücks, suchte sie schon Trost bei der nackten Nachricht, daß aus Stalingrad »47000 Verwundete gerettet werden konnten« (8.2.). Würde nun auch noch die Front am Kaukasus aufgegeben, so die verbreitete Meinung, wären womöglich alle Anstrengungen des Jahres 1942 vergebens gewesen.

Hitler, der noch im Oktober in Berlin und München öffentlich einen großen deutschen Sieg in Stalingrad angekündigt hatte, ließ Göring die unvermeidliche Gefallenen-Gedenkrede halten. Goebbels brauchte er vor allem für die mit allen Mitteln der Propaganda in den Vordergrund geschobene Ankündigung und Durchführung des »Totalen Krieges«.

Die Geschichtsschreibung

Die Schlacht von Stalingrad war der Anfang vom Ende des Untergangs der faschistischen Wehrmacht und wurde weltweit so bewertet. Auch der deutsche antifaschistische Widerstand griff die deutsche Niederlage als ermutigendes Signal sofort auf; schon am 18. Februar 1943 erschien das berühmte Stalingrad-Flugblatt der Gruppe um die Geschwister Scholl.

Die Rote Armee war es, die diesen Untergang einleitete. Sie bewies große Kriegskunst und widerlegte mit einem Schlag den Mythos der Überlegenheit eines bis dahin anscheinend stets siegreichen Feindes. Die kriegsgeschichtliche Bedeutung der Schlacht war einzigartig. Die Einkesselung und Vernichtung einer deutschen Elitearmee, der »stärksten von allen« (Manstein), die den Zusammenbruch der gesamten deutschen Großoffensive im Süden der Ostfront nach sich zog, wird nicht zu Unrecht zu den größten militärischen Taten der Weltgeschichte gezählt.

In der wissenschaftlichen Bewertung der Ereignisse an der deutsch-sowjetischen Front im Winter 1942/Frühjahr 1943 sind heutzutage rückschrittliche Tendenzen nicht zu leugnen. Der verbrecherische imperialistische Charakter des Hitlerschen Krieges und besonders des Krieges gegen die UdSSR, der in den Hamburger Ausstellungen über die »Verbrechen der Wehrmacht« und von Anfang an in den Arbeiten der sowjetrussischen und der DDR-Geschichtsschreibung den ihm zustehenden Platz innehatte, steht nicht mehr im Vordergrund neuester repräsentativer Veröffentlichungen. Größe und Schwere der deutschen Kriegsopfer sind gewiß erwähnenswert – wenn der Faschismus, die Generalität einschließlich des von Manstein und andere Vertreter des Mordens und des Mordprofits als die Schuldigen benannt werden. Eine solche Sicht wird zusehends seltener, je stärker der Drang nach Großmachtstellung und »Weltgeltung« deutsche Politik und Wissenschaft bestimmt.

Von Dietrich Eichholtz erschien an dieser Stelle zuletzt »Betrachtungen zum 20. Juli 1944« (jW-Thema vom 20.7.2012). Beiträge unseres Autors finden sich in der jW-Broschüre »›Barbarossa‹. Raubkrieg im Osten« (2. Auflage: Berlin 2011, 5,80 Euro, im jW-Shop erhältlich)

Dokumentation: Hilferufe aus dem Kessel (Aus Feldpostbriefen)

Gestern sagte zu mir einer, er würde ja auf alles verzichten, würde die dreckigsten Arbeiten ausführen als Handlanger oder Stiefelputzer oder sonst irgend etwas, wenn er nur nach Hause käme (…) und dann kommt wieder die Wirklichkeit, nackt, brutal, grausam, ohne Rücksicht auf den einzelnen, und nur eines ist geblieben, daß es einmal doch wieder anders kommen kann. (19.11.1942)

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Augenblicklich befinde ich mich im Feldlazarett, 3 km hinter der Front. Es ist ein dunkler Bunker und wir frieren. Es gibt kein Holz hier, und die Kameraden reißen die letzte Verschalung von den Wänden, damit wir in unserem Öfchen ein bißchen Temperatur erreichen können. Wir sind vollkommen verlaust, und das Ungeziefer läßt uns kaum schlafen. Seit Wochen kaum gewaschen, denn es gibt auch kein Wasser hier. (…) Das Schrecklichste jedoch ist der Hunger, der peinigt. Morgens und abends eine Scheibe Brot, mittags eine dünne Wassersuppe, ein wenig Beikost, das ist alles. Zu Weihnachten haben wir uns bloß ein Brot gewünscht. Wir haben es nicht bekommen, nur eine Tafel Schokolade. Es wird wohl das elendste Weihnachten in meinem Leben sein. (…) Nun ist es hier so, daß nur schwere Fälle mit Flugzeugen wegtransportiert werden können. (…) Hier kommen jeden Tag Erfrierungen an, und zwar nur Erfrierungen dritten Grades, die schon Blasen an den Füßen oder Fingern haben und schon schwarz werden. Die Truppen hier müßten alle ersetzt werden, aber es kommen ja keine neuen rein, alles wartet darauf, daß der Kessel gesprengt wird, aber keiner glaubt daran. Und zuweilen bis zu 25 Grad Kälte (…) Was wird bloß noch werden? (Silvester 1942)

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Sollte ich, lb. Mutter, nochmal das Glück haben, nach Hause, zu Dir hin zu kommen, dann brauchst Du mich nicht mehr zu fragen, was Du kochen sollst – alles werde ich essen, ohne mit den Wimpern zu zucken, und nicht mehr meckern. (11.1.1943)

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Post ist auch schon über acht Tage nicht angekommen. Verluste haben wir fast jeden Tag. Viele Kameraden sind schon tot und verwundet. Auch erfrorene Glieder. (…) Wenn nur erst wieder mal Post käme und die lieben Päckchen. Manchmal ist mirs zum Verzweifeln. Die Hoffnung auf Befreiung schwindet immer mehr. (12.1.)

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Nun dauert es schon acht Wochen, und immer ist unsre Lage und unser trauriges Schicksal noch unverändert. Noch nie in meinem Leben hat mich das Schicksal so schwer bestraft, und noch nie hat uns der Hunger so gequält als jetzt. Jetzt zeigt uns der Krieg seine ernste Seite, aber nun heißt es, immer fester den Stahlhelm zu schnallen, denn nur so gibt es eine Erlösung. (14.1.)

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Es ist ja so, Hilde, daß man mal wieder plötzlich ganz down ist. Man kann sich dann selber soviel Mut und Glauben zusprechen, aber das alles nutzt auch nichts. (…) Man kommt nicht mehr dagegen an. Aber danach fragt uns hier ja kein Mensch. (19.1.)

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Um für einige Minuten wieder andere Gedanken zu fassen, habe ich mir eine Pfeife Maisblätter angesteckt und schreibe in meinem Bunker diese Zeilen. (…) Habt Ihr in diesem Jahr wieder eine Festgans gehabt? An solche Dinge darf ich gar nicht denken. Ich habe z. B. gestern abend seit fünf Tagen wieder das erste Stückchen Brot gegessen. (…) Liebe Wally, wenn ich gesund wieder nach Hause kommen sollte und wir verheiratet sind, mußt Du dann fleißig Kuchen backen, denn noch nie habe ich so einen starken Kuchenappetit wie jetzt. (Januar 1943)

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