13. Februar 2013

Der deutsche Staatssekretär

Hans Globke (2. Reihe Mitte) und sein Minister Wilhelm Frick (1. Reihe 2.v. r.) im September 1941 in der Slowakei, um die Regierung von Hitlers Gnaden in die Gesetze des »Dritten Reichs« einzuweisen. Der Rassengesetzekommentator Globke konnte - Fotoquelle: Bild 183-78475-0001

Vor 40 Jahren, am 13. Februar 1973, rief ihn Gott, der Herr, zu sich. Hans Globke hatte sein Werk vollendet: die renazifizierte Bundesrepublik

Otto Köhler

Die Ehefrau Augusta berichtet: »Er starb in aller Würde, die letzten 14 Stunden war er bewußtlos und schlief so langsam ins andere Leben hinein, tief gläubig, war er von einem ewigen Leben überzeugt.«

Das wird er bereuen, denn in jenem ewigen Leben muß er in der Hölle immer wieder auf Adolf Eichmann treffen. Den kannte Hans Josef Maria Globke noch nicht, als er am 10. September 1898 unter Kaiser Wilhelm II. geboren wurde, und er wird ihn danach auch nie gekannt haben wollen. Er war stets ein braver Junge, der wirklich alles machte, um noch Schlimmeres zu verhüten.

Sie liegen vor mir: ein dunkelroter und ein blauer Band. Der eine, herausgegeben von der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), heißt »Der Staatssekretär Adenauers – Persönlichkeit und politisches Wirken Hans Globkes«. Der andere, »Hans Filbinger. Der ›Fall‹ und die Fakten«, ist herausgegeben von Bruno Heck, dem damaligen Chef der Konrad-Adenauer-Stiftung. Beide Bände sind 33 Jahre alt, erschienen 1980, als die – inzwischen weltweite – KAS auch einen Konrad-Adenauer-Preis für »qualifizierte Journalisten« stiftete.

Ich bekam ihn nicht, obwohl ich damals beide Bände für den Norddeutschen Rundfunk besprach. Ich bekam etwas anderes: einen Wutausbruch meines Intendanten Friedrich Wilhelm Räuker durchs Telefon. Sein Parteifreund Bruno Heck hatte sich bei ihm über meine Besprechung beschwert. Woran er Anstoß nahm, wollte mir keiner sagen. Aber ich durfte danach nie wieder für den NDR tätig werden. Das gehört zu den normalen Risiken eines Journalistenlebens in der Bundesrepublik Deutschland, da gibt es nichts zu klagen.

An der KAS-Schrift für Globke war neben Friedrich Karl Vialon, dem Staatssekretär (Wirtschaftliche Zusammenarbeit) und Plünderungsspezialisten für jüdisches Vermögen im »Ostland«, und Hitlers Spionagegeneral, dem ehemaligen BND-Chef Reinhard Gehlen, auch ein junger aufstrebender Akademiker beteiligt: Dr. Ulrich von Hehl. Der stellte am Ende des Bandes auch »Dokumente« zusammen zur überzeugenden Rechtfertigung Globkes. Dokument Nr. 12 ist eine Erklärung von Rechtsanwalt und Notar Rudolf Dix gegen »Angriffe, insbesondere von jüdischer Seite«, die da lautet: »Wenn überhaupt jemand nach seiner politischen und menschlichen Haltung in der Nazizeit berufen ist, eine führende Stellung im heutigen Staatsgefüge zu bekleiden, so ist es ein Mann wie Globke.«

Hehls nächstes Dokument Nr. 13 stammte von dem Mann, der offiziell die führende Stellung bekleidete: »Aber ich finde es völlig falsch«, so ist da Konrad Adenauer aus dem Bundestag am 31. Mai 1953 dokumentiert, »und es ist nicht zu billigen, daß immer wieder darauf zurückgegriffen wird, daß Herr Ministerialdirektor Globke seinerzeit, ohne jemals in der Partei gewesen zu sein, an diesem bekannten Kommentar gearbeitet hat«.

Globke hatte stets nur Schlimmeres verhütet. Auch in diesem Kommentar zu den Nürnberger Gesetzen für den Schutz des deutschen Blutes, in dem Globke im Gegensatz zu anderen Kommentatoren festlegte, daß nicht erst der Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Deutschblütigen strafbar ist, sondern bereits schon eine beischlafähnliche Handlung. Nur so verhindert man Schlimmeres. Und so bewährte sich der überzeugte Katholik Globke in seinem Widerstand gegen jeglichen Nationalsozialismus.

»Globke tut den Juden gut«

2003 berichtete der Chefhistoriker der Welt Sven F. Kellerhoff unter der Überschrift »Bestmögliche Regelungen für die Betroffenen«, wie gut Globke den Juden tat. Kellerhoff vermerkte: »Bis heute gilt der Verweis auf Adenauers Staatssekretär bei vielen Menschen (besonders, aber keineswegs nur, in den neuen Bundesländern) als schlagender Beweis für die Behauptung, in Westdeutschland hätten selbst übelste Nazis problemlos Karriere machen können.«

Doch das ist unwahr. Diesmal durchaus korrekt hatte der renommierte Zitatfälscher Kellerhoff (siehe jW vom 26.2.2011) entdeckt: »Der Leipziger Historiker Erik Lommatzsch analysiert die Verteidigung von Hans Globke und findet, daß sie in großen Teilen zutrifft.«

Es handelte sich dabei um eine Vorarbeit zu einer Dissertation, die zurück zu den KAS-Verteidigungsschriften des Jahres 1980 führt. Damals mußte sich der um die Verteidigung Globkes hochverdiente Dr. Ulrich von Hehl jahrelang als Geschäftsführer der außeruniversitären katholischen »Kommission für Zeitgeschichte« in Bonn abmühen, und nach seiner Habilitierung bekam er auch nur eine Lehrstuhlvertretung in Augsburg. Bis ihm dann endlich 1992 der zustehende Beuteanteil am Schnäppchen DDR zugeteilt wurde: ein Lehrstuhl für Geschichte an jener Hochschule in Leipzig, die nicht mehr Karl-Marx-Universität heißen mochte. Hehl grapschte sich den Leipziger Studienanfänger Erik Lommatzsch, setzte ihn an sein altes Thema Globke, verschaffte ihm nach vier Jahren Studienförderung durch die CDU-nahe KAS ein dreijähriges Promotionsstipendium der CSU-verbundenen Hanns-Seidel-Stiftung für das Globke-Projekt.

Aber auch jetzt, in die westdeutsche Freiheit nach Augsburg entlaufen, hatte sich Lommatzsch weiter am KAS-Programm von 1980 abzuarbeiten, diesmal an dem blauen Band: nach einem »Lebensbild« (»Umweltpolitische Positionen Hans Filbingers«), das er letztes Jahr für die KAS-Zeitschrift Historisch-Politische Mitteilungen schrieb, wird er in seinem nächsten Buch die Todesurteile von Hitlers erfolgreichem Marinerichter ins rechte Licht setzen dürfen: Seit September 2011 bearbeitet er an der Universität Augsburg das Projekt »Hans Filbinger (1913–2007). Eine Biographie«. Parteistipendien müssen sich auszahlen.

Zurück zu Globke. Er studierte in Köln und Bonn, trat – zum Lebensbund – dem Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen bei und in die Zentrumspartei ein. Ergebnis: 1929 ist er Regierungsrat im Preußischen Ministerium des Inneren. 1932 wird er Referent für Verfassungs- und Staatsrecht, zuständig für Standesamtsangelegenheiten und für Namensänderungen. Noch bevor am 30. Januar 1933 Hitler die Macht übergeben wird, arbeitet Globke der Zukunft voran. Er stellt 1932 Richtlinien auf für die »Bearbeitung der Anträge auf Änderung der Familiennamen« und riecht schon Blut. Der Familienname, so dekretiert er, dient der »Kenntlichmachung der blutsmäßigen Zusammenhänge«. Daraus folgert er: »In zweifelhaften Fällen wird in der Regel dem Antrag auf Namensänderung nicht stattgegeben.«

Und dann kommt er – auch noch 1932 – listig zur Sache, um die es bald gehen wird, mit seiner Zuarbeit: »Der Standpunkt, daß es einer Persönlichkeit jüdischer Herkunft zur Unehre gereiche, einen jüdischen Namen zu führen, kann nicht gebilligt werden.« Keiner soll entkommen: »Bestrebungen jüdischer Personen, ihre jüdische Abkunft durch Ablegung oder Änderung ihrer jüdischen Namen zu verschleiern, können daher nicht unterstützt werden.«

Am 23. Dezember 1932 gingen Globkes neue Richtlinien für die Bearbeitung der Namensänderungsanträge an die »Herren Regierungspräsidenten (Polizeipräsident in Berlin), die Herren Landräte und die Herren staatlichen Polizeiverwalter sowie die übrigen Ortspolizeibehörden in den Stadtkreisen)« hinaus. Für die Verschleierung der amtlichen Absichten war eines wichtig und zweimal vermerkt: »Zum Abdruck im MBliV« – Ministerialblatt der inneren Verwaltung – »nicht geeignet.« Und noch mal: »Von einer Veröffentlichung der Richtlinien ist Abstand zu nehmen.«

Aber es eilt – »S o f o r t !« steht an der Spitze des Globke-Schreibens vom Vorweihnachtstag 1932. Denn: »Jede Namensänderung im Verwaltungswege beeinträchtigt die Erkennbarkeit der Herkunft aus einer Familie, verschleiert die blutsmäßige Abstammung und erleichtert damit eine Verdunkelung des Personenstandes.«

Am Christfest 1932 war der Weg frei zur Jagd auf Juden. Freigeschaufelt von Hans Joseph Maria Globke. Sein Namenserlaß von 1932, dem später noch andere folgten, nahm den Juden eine Chance, Auschwitz zu entgehen.

2009 erschien im Campus Verlag das 446-Seiten-Buch »Hans Globke (1898–1973) Beamter im Dritten Reich und Staatssekretär Adenauers«, das aus der von der CSU-Stiftung finanzierten Dissertation von Erik Lommatzsch hervorgegangen war. Das Buch ist auch als Antwort auf eine gründlich recherchierte, kritische Fernsehdokumentation von Jürgen Bevers und Bernhard Pfletschinger gedacht, die ARTE 2008 ausstrahlte. Bevers machte aus seinen TV-Recherchen 2009 für den Christoph-Links-Verlag den 240-Seiten-Band »Der Mann hinter Adenauer. Hans Globkes Aufstieg vom NS-Juristen zur Grauen Eminenz der Bonner Republik«. Bevers’ Recherchen gehen von einem Buch von Reinhard Strecker (Dr. Hans Globke – Aktenauszüge – Dokumente) aus, das 1961 erschien oder auch nicht erschien – der Bundesnachrichtendienst bekam 50000 Mark aus dem Kanzleramt und kaufte auf, was er kriegen konnte. Hans Globke prozessierte, bekam in zwei völlig unwesentlichen Punkten recht. Das Buch hätte mit diesen kleinen Änderungen wiederaufgelegt werden können. Doch der Rütten & Loening Verlag verzichtete aus gutem Grund – er gehörte zum Bertelsmann-Konzern, dem Bonn mit dem Entzug von Regierungsaufträgen drohte.

Streckers Dokumentensammlung enthielt erstmals Globkes Weihnachtserlaß gegen die Juden von 1932. Das war 1961. 2009 verteidigt CSU-Stipendiat Lommatzsch den Staatssekretär Adenauers gegen: »Veröffentlichungen mit offen propagandistischem Charakter« wie die »1961 in Hamburg erschienene Dokumentensammlung des SDS-Aktivisten Reinhard Strecker«, über den sich Lommatzsch wiederum bei dem hochbegabten Stasi-Erzähler Hubertus Knabe (»Die unterwanderte Republik«) informierte.

Lommatzsch: »Wenig Mühe wurde bei der Publikation Streckers darauf verwandt zu verbergen, daß die DDR Material für dieses Buch geliefert hatte, zuweilen sind auf den abgedruckten Faksimiles deutlich die Stempel der DDR-Archive zu erkennen.« Stimmt: auf dem Globke-Erlaß vom 23. Dezember 1932 ist an einer freien Stelle der Stempel angebracht »Eigentum des Deutschen Zentralarchivs«. Da erübrigt es sich, auf den Inhalt des Schreibens einzugehen.

Bei Lommatzsch also kein Wort über Globkes vornazistische Maßnahmen gegen die Juden. Er weiß: »Der Mensch Hans Globke tritt hinter dem Ministerialbeamten beziehungsweise außerhalb des Ministeriums nur wenig hervor«. Aber eines findet der KAS-Stipendiat doch hervorhebenswert: »Vielleicht nicht ganz gewöhnlich für einen höheren Ministerialbeamten in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft ist, daß er als überzeugter Katholik Mitglied der Pfarrei St. Matthias in Berlin war und allsonntäglich am Gottesdienst teilnahm.«

Bevers berichtet, wie nach Hitlers Siegen in den eroberten Gebieten bald schon Reichsinnenminister Wilhelm Frick mit seinem Globke auftauchte. So im September 1941 in der neugegründeten Slowakei, in Preßburg (Bratislava), wo der von Hitler eingesetzte katholische Priester Dr. Jozef Tiso Staatspräsident war. Globke, im Reich für das Personenstandswesen zuständig, konnte dem Staatssekretär Franz Karmasin bestens erläutern, wer als Jude zu gelten hat. Wenige Monate später liefen die Transporte, und Staatspräsident Tiso würdigte die »christliche Tat«, weil die Slowakei »ihre Schädlinge« entfernen müsse.

Tiso wurde 1947 hingerichtet, Globke aber war schon ein Jahr später Adenauers Vertrauter. »Diese Reise (von 1941 – d. A.) diente der Repräsentation und der Besichtigung der Sehenswürdigkeiten des Landes«, erklärte Globke 1962. Über die Herausgabe eines Judenkodexes zu sprechen, sei dabei nun wirklich keine Zeit geblieben.

Der hilfreiche SS-Posten

All die Staatsmänner von Hitlers Gnaden im besetzten Europa, die Globke mit seinem Minister Frick zwecks Einweisung in die Gesetze der Dritten Reiches aufsuchte, sie verbleiben im Lommatzsch-Buch in wohltuender Unerwähntheit.

Bis auf eine Ausnahme: Arthur Seyß-Inquart kommt doch vor. Auf Seite 85. Lommatzsch schildert die bewegende Geschichte der Grete Heide. Sie war mit ihrem jüdischen Mann nach Shanghai emigriert und hatte zuvor ihren Sohn in einem Heim in den Niederlanden untergebracht. Die Deutschen marschierten 1940 dort ein. Grete Heide kehrte zurück, um ihren Sohn herauszuholen. Doch in die Niederlande durfte sie nicht einreisen. Sie versuchte es in Berlin im Reichsinnenministerium. Ein SS-Posten habe ihr dort gesagt, sie solle zu Globke gehen. Der riet ihr, einen Brief an Arthur Seyß-Inquart zu schreiben, den Reichskommissar der besetzten Niederlande. Dann habe er einen »Aktenvorgang«. Für alles übrige werde er Sorge tragen. Schließlich wurde ihr Kind im Oktober 1940 nach Berlin gebracht, und von dort konnte sie im Oktober zurück nach Shanghai.

Den hilfreichen SS-Posten wagt Lommatzsch – manchmal doch realitätstüchtig – »wenigstens leise in Zweifel« zu ziehen. Aber: »In jedem Fall ist es Tatsache, daß sich Globke um das Anliegen von Grete Heide bemüht hat.«

Wer hat das gemacht? Der Globke hat’s gemacht. So war er. Das konnte er. Auch Hitler rettete den jüdischen Arzt seiner Mutter vor den Transporten in die Gasöfen. Trotzdem blieb dem Führer nur der »Untergang«, Globke aber das Palais Schaumburg, von dem aus er Westdeutschland weiterregierte.

Vollinvalide Adenauer

1945 wurde Globke auf mehreren Kriegsverbrecherlisten unter der Nummer 101 geführt. Am 20. August wurde er verhaftet und schon am 28. Dezember 1945 aus dem Internierungslager für ehemalige Ministerialbeamte entlassen. Obwohl er nie in der NSDAP war, trat er 1946 der CDU bei und wurde im gleichen Jahr Stadtkämmerer in Aachen, 1947 erhielt er bei der Entnazifizierung den angenehmen Status »unbelastet«. 1948 war er an den Planungen für die künftige Bundesverwaltung beteiligt und zog im Oktober 1949 in das Bundeskanzleramt ein. Ein Jahr später war er als Ministerialdirektor schon der engste Vertraute von Konrad Adenauer, der ihn 1953 zum Staatssekretär ernannte.

»Durch kluges Führen, Koordinieren und Strippenziehen machte er das Amt zum Angelpunkt des Regierungssystems und verschaffte sich dabei selbst eine Machtfülle, die bis heute wohl von keinem seiner Nachfolger je wieder erreicht wurde«, schrieb 1964 der konservative Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis über Globke. Und er fügte hinzu: »Ohne das Kanzleramt wäre der Bundeskanzler ein bedauernswerter Vollinvalide: Er könnte nicht sehen, hören noch schreiben, geschweige denn Richtlinien bestimmen.«

Globke hatte den alten Adenauer so sehr in der Hand, daß er jeden Wechsel hintertrieb. Als Adenauer 1959 Bundespräsident werden wollte und Erhard als Nachfolger antrat, kämpfte Globke mit allen Mitteln, um sich seine Marionette zu erhalten, damit er auch künftig die Strippen ziehen konnte. Er schrieb Adenauer am 21. Mai 1959, »daß die Verantwortung vor dem deutschen Volke es verbietet, an Erhards Bestellung zum Bundeskanzler mitzuwirken.«

Später könne das unter bestimmten Bedingungen möglich sein: »Aber im Augenblick, wo die Entscheidung bevorsteht, ob auch das Volk in der Bundesrepublik der kommunistischen Versklavung ausgeliefert wird, scheint mir das Experiment zu gewagt.«

Durch das 1951 beschlossene 131er Gesetz verschaffte er seinen früheren Beamtenkollegen von der NSDAP einen »Rechtsanspruch auf Wiedereinstellung«, mit dem Privileg, die ihnen seit 1945 entgangenen Bezüge nachzufordern. Mehr als neunzig Prozent der 1945 entlassenen Nazis trampelten nun als Beamte der Bundesrepublik fest auf den Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Man mußte NSDAP-Mitglied gewesen sein, um in diesem Lande etwas zu werden. Dank der Teilung befanden sich in den Ämtern der Bundesrepublik mehr NSDAP-Mitglieder – »ehemalige« – als zuvor unter Hitler. Und über allen thronte Globke. Er wußte alles über jeden. Er war ein ständig abrufbares Bundessicherheitshauptamt. Und so wuchs er – trotz aller offiziellen Zurückhaltung über den hinaus, dem er zu dienen hatte: Bundeskanzler Konrad Adenauer, der sich als einsamer Entscheider fühlte, auch wo er von Globke gelenkt wurde. Globke war ein Glücksfall für die alten Eliten.

Adenauer verteidigte sich gern mit dem Spruch, daß man schmutziges Wasser nicht weggießen dürfe, wenn man kein sauberes hat. Globke aber saß an der Wasserleitung im Kanzleramt und sorgte mit Hilfe eines Bassins im Keller dafür, daß oben nur schmutziges Wasser herauskam.

Eichmann allein gelassen

Aber hatte er eigentlich das Recht dazu? War er selbst nicht viel zu sauber? »Nein, niemals«, sagte der Schuldfreie – er wurde als Zeuge der Verteidigung im Nürnberger Wilhelmstraßenprozeß gefragt, ob er NSDAP-Mitglied gewesen sei. »Ich habe den Nationalsozialismus abgelehnt« – beteuerte Hans Globke, der 1941 vergebens den Antrag gestellt hatte, in die NSDAP aufgenommen zu werden – »und habe auch nie ein Hehl daraus gemacht.«

Ja, und auch das noch, sagte er damals in Nürnberg: »Ich bin früh in der Widerstandsbewegung gewesen. Dieser ganze Antisemitismus ist uns, ich bin« – wie Joseph Goebbels – »Rheinländer, den gibt es im Rheinland gar nicht.«

Insgesamt waren es – um mit dem Historiker Norbert Frei zu sprechen – »die Funktionseliten der Hitler-Zeit, die das Projekt Bundesrepublik bis in die siebziger Jahre hinein entscheidend gestalteten«. In dem von ihm mit herausgegebenen Buch »Das Amt« heißt es: »In einer Zeit , in der selbst Staatssekretärsposten der Bundesbehörden sukzessive von ehemaligen PGs besetzt wurden und sich unter dem Schlagwort vom ›überparteilichen Fachbeamtentum‹ in praktisch allen Verwaltungsbereichen ungehemmt Seilschaften breitmachen konnten, wirkte die leidenschaftlich geführte Auseinandersetzung über die Altlasten des AA fast wie ein Anachronismus.« Während man im Bundestag darüber debattierte, verlangte Adenauer, es müsse endlich Schluß sein mit der »Naziriecherei«.

Als Eichmann in Jerusalem vor Gericht gestellt wurde, hatte der BND – und damit der für den Nachrichtendienst zuständige Globke – lange vor dem israelischen Geheimdienst gewußt, wo sich der Massenmörder versteckte.

Der Kamerad wurde nicht an die Juden verraten. Er wußte zuviel, auch über Globke. Mit Waffenlieferungen und Wiedergutmachungszahlungen wurde dafür gesorgt, daß Globke nicht einmal als Zeuge nach Jerusalem mußte, wo er eigentlich als Mitangeklagter neben Eichmann hätte sitzen müssen. Sein Anwalt Robert Servatius wurde auch von Bonn bezahlt. Er stellte den Antrag, Globke als »Zeugen« zu hören, als das verfahrensrechtlich nicht mehr möglich war. So geschah – dank Globke – einem Eichmann Unrecht, obwohl er zu Recht gehängt wurde. Eichmann jammerte und klagte: »Hier Staatssekretär einer Regierung; da zum Tode verurteilt.« Globkes Kommentar war ihm einst – auch wenn er das nicht nötig hatte – Handlungsanweisung.

Hans Maria Joseph Globke fand, wie berichtet, dreizehn Jahre später einen guten Tod. Als sein Gott ihn zu sich nahm, da schied er – anders als die Millionen Opfer seiner einstigen Tätigkeit in Hitlers Reich – aus einem erfüllten Leben. Das verdankte er seiner wichtigsten Eigenschaft. Er konnte – so Autor Bevers – »geradezu hemmungslos schweigen«. 

Literatur

Jürgen Bevers: Der Mann hinter Adenauer. Hans Globkes Aufstieg vom NS-Juristen zur Grauen Eminenz der Bonner Republik. Verlag Christoph Links, Berlin 2009

Erik Lommatzsch: Hans Globke (1898–1973): Beamter im Dritten Reich und Staatssekretär Adenauers. Campus, Frankfurt/Main 2009

Otto Köhler schrieb zuletzt am 3. Januar 2013 an dieser Stelle über den Generalfeldmarschall Alfred von Schlieffen

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