3. Januar 2013

Der deutsche Vernichtungsidealismus

Mit »Frankreich abrechnen«: Alfred Graf von Schlieffen (geboren am 28. Februar 1833 in Berlin; gestorben am 4. Januar 1913 ebenda) - Fotoquelle: Wikipedia

Am 4. Januar vor hundert Jahren starb Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen. Er ist einer der bedeutendsten Untoten der deutschen Gegenwartsgeschichte

Otto Köhler

Oberst Georg Klein sagte knapp und vernehmlich: »Vernichten!« Mit diesem Massenmordbefehl wurden am 3. September 2009 weit über hundert ahnungslose afghanische Zivilisten bei Kundus ums Leben gebracht. Das Massaker blieb nicht ungesühnt. Der deutsche Kriegsminister Thomas de Maizière beförderte den so geschaffenen Helden der Bundeswehr zum Brigadegeneral und zum Leiter des neuen Bundesamtes für Personalmanagement der Bundeswehr. Korrekte Begründung: Klein sei für diese Tätigkeit »gut geeignet« und erfülle alle fachlichen Voraussetzungen. Richtig: Klein verkörpert das deutsche Ideal der Vernichtung des Feindes.

Zwei Jahre zuvor, 2007, hielt der Bundeswehroffizier Wolfgang Petter vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt im 23. Band der repräsentativen, von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen und noch unvollendeten »Neuen Deutschen Biographie« fest: »Das seit Könggrätz, Metz und Sedan selbstverständliche und von S. in seinen Cannae-Studien erläuterte Ideal der Vernichtungsschlacht durch Umfassung steigerte er zum Ideal des Umfassungs- und Vernichtungsfeldzugs gegen Frankreich. Politische Zielsetzungen, Völkerrecht und Kriegsbrauch hatten, wie S.s Rahmenanweisungen erkennen lassen, gegebenenfalls hinter den strategisch-operativen Erfordernissen zurückzutreten.«

Ideal der Vernichtungsschlacht. Und mit »S.« gemeint ist Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen (1833–1913), dessen Ideal des Vernichtungsfeldzuges über den Ersten Weltkrieg – den er nicht mehr erleben durfte – hinaus im Zweiten beim Vernichtungskrieg im Osten seine Erfüllung fand. Es ist das Ideal, das auch heute – wie das Beispiel des neuen Bundeswehrpersonalamtsleiters lehrt – für die Soldatinnen und Soldaten des Thomas de Maizière als Vorbild dient.

1863 wurde der 30jährige Graf von Schlieffen in den Preußischen Generalstab berufen. Er vermied den Heldentod in der Schlacht bei Königgrätz gegen Österreich und Sachsen (1866) und zog als preußischer Major 1870/71 in den von Bismarck geschickt inszenierten Krieg gegen Frankreich. Dessen unerfreulichstes Ergebnis war die durch Ankauf des bayerischen Königs Ludwig II. ermöglichte Ausrufung eines Deutschen Reiches im Spiegelsaal von Versailles.

20 Jahre später wurde Schlieffen als Nachfolger des späteren China-Helden Alfred von Waldersee oberster Militär und Generalstabschef von Wilhelm II.

Heiligste Güter

Der hatte am 27. Juli 1900 in Bremerhaven mit seiner maßsetzenden Hunnenrede das 20. Jahrhundert eröffnet, indem er das Ideal der ethnischen Säuberung verkündete im Kampf gegen chinesische Eingeborene, die versucht hatten, sich ihres eigenen Landes zu bemächtigen. Das führte – Wilhelm: »Völker Europas, wahrt Eure heiligsten Güter« – zur feierlichen Ausrufung der Deutschen zur Henkernation. Der Kaiser: »Wie vor tausend Jahren die Hunnen (…) sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bestätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.«

Dazu die Ausführungsbestimmung: »Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht!« Daran hielt sich getreu der tapfere deutsche Soldat. Chinesen, die sich schon ergeben hatten, machte er reihenweise mit Gewehr und Bajonett nieder.

Diese humanitäre Mission in China organisierte Schlieffen von Berlin aus als Chef des Generalstabs. Sein Mitarbeiter und späterer Nachfolger, Helmuth Graf von Moltke, der Jüngere, erinnerte sich wehmütig: » (…) wie gern hätte ich die schwarz-weiß-rote Fahne gegen die gelben Halunken geführt«. Und er fügte etwas hinzu, was im Deutschlandfunk-Interview auszusprechen den lebenden Horst Köhler ein schlechtes Jahrhundert später in den reuevollen Rücktritt trieb. Moltke, in seinen sechs Jahre nach seinem Tode veröffentlichten Erinnerungen: »Auf das eigentlich treibende Motiv der ganzen Expedition muß man freilich nicht eingehen, denn wenn wir ganz ehrlich sein wollen, so ist es Geldgier, die uns bewogen hat, den großen chinesischen Kuchen anzuschneiden. Wir wollen Geld verdienen, Eisenbahnen bauen, Bergwerke in Betrieb setzen, europäische Kultur bringen, das heißt in einem Wort ausgedrückt. Geld verdienen.«1

Vier Jahre später war Graf von Schlieffen als Generalstabschef erneut für die Wahrung unserer heiligsten Güter, diesmal in Afrika, tätig. »Für Südwest«, schrieb sein Vertrauter General Hugo Freiherr von Freytag-Loringhoven, »war er immer zu haben. Abgesehen von den regelmäßigen Vorträgen erschien er in kritischer Zeit noch abends in vorgerückter Stunde persönlich auf dem Bureau und machte auch am Hochzeitstage seiner Tochter keine Ausnahme.«2 Denn auch Deutschsüdwestafrika bedurfte einer humanitären Mission gegen die Eingeborenen, die sich auf diesem urdeutschen Siedlungsland breit machen wollten.

Europäische Kultur

Vertrauensvoll arbeitete Schlieffen mit dem ihm unterstellten Kommandeur der Kaiserlichen Schutztruppe Deutsch-Südwestafrika Lothar von Trotha zusammen. Der hatte seine militärische Aufgabe in Afrika in diese Worte gefaßt:

»Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik. Ich vernichte die aufständischen Stämme in Strömen von Blut und Strömen von Geld. Nur auf dieser Aussaat kann etwas Neues entstehen.«3

Was Vernichten bedeutet, wurde nicht erst in den expliziten Vernichtungskriegen der Wehrmacht im Osten oder 2009 unter Oberst Klein klar, es war schon 1904 deutlich.

Reichskanzler Bernhard von Bülow – er hatte immerhin als Freiwilliger im Husarenregiment »König Wilhelm I.« am Reichsgründungskrieg 1870/71 teilgenommen, empfand da – viel später in seinen Memoiren – doch etwas Ekel über den Kaiserlichen Kommandeur: »Um rascher mit den Hereros fertigzuwerden, schlug er vor, sie mit Frauen und Kindern in eine wasserlose Wüste zu treiben, wo sie einem sicheren und qualvollen Tod entgegengegangen wären. Ich erklärte Seiner Majestät, daß ich meine Zustimmung zu diesem Vorgehen nicht geben würde. Der Kaiser machte erst große Augen, dann geriet er in Erregung. Meinem Hinweis auf unser Christentum begegnete er mit der Einwendung, daß dessen Gebote gegenüber Heiden wie Wilden keine Geltung hätten.«

Und so christlich sah es auch Alfred von Schlieffen. Der Generalstabschef klärte den ethisch angekränkelten Bülow über die Alternativlosigkeit der Trothaischen Mission auf. »Daß er die ganze Nation vernichten oder aus dem Land treiben will, darin kann man ihm beistimmen«, schrieb Schlieffen dem Reichkanzler und erläuterte: »Der entbrannte Rassenkampf ist nur durch die Vernichtung oder vollständige Knechtung der einen Partei abzuschließen.«

Schlieffen bedauerte nur: »Das letztere Verfahren ist aber bei den jetzt gültigen Anschauungen auf Dauer nicht durchzuführen.«4

Generalprobe für den Holocaust

Auf Dauer ging es dann doch. 2011 betrachtet ein Sammelband über »Völkermord in Deutsch-Südwestafrika« die von Schlieffen gebilligte und von Trotha durchgeführte Vernichtungsaktion »auch alsVorgeschichte des Holocaust. Schon allein durch Begriffe wie Konzentrationslager und Völkermord deutet sich eine Verbindung zu den Massenverbrechen während des Dritten Reiches an.« Auch wenn man sich vor »vorschnellen« Gleichungen hüten solle, stehe doch fest: »Da zwischen dem ersten und dem zweiten von Deutschen verübten Völkermord weniger als 40 Jahre liegen, wäre zudem das Fehlen eines Zusammenhanges erstaunlicher als dessen Vorhandensein.« Schon damals sei in der »deutschen (Populär-)Literatur« die planmäßige Vernichtung der Herero und Nama in Deutsch-Südwest weder bestritten noch bagatellisiert worden. Sie wurde vielmehr als »sinnvoller und gerechtfertigter Beitrag im Vollzug (…) eines allgemeinen Prozesses der Entwicklung einer Weltkultur gedeutet«.5

Des Kaisers Generalstabschef Schlieffen war 1941 schon tot. Doch er hätte beim Abzeichnen von Vernichtungsbefehlen im Führerhauptquartier eine ebenso hervorragende Verwendung gefunden wie Adolf Heusinger, der erste Generalinspekteur der Bundeswehr.

Alfred Graf von Schlieffen war eigentlich ein Defensivstratege. »Wir sind umstellt« – er zog bei einer Sitzung des Generalstabs mit seinem rechten Zeigefinger einen Kreis auf dem Tisch – »von einer ungeheuren Koalition; wir befinden uns in derselben Lage wie Friedrich der Große vor dem Siebenjährigen Kriege.« Das war 1904 während des russisch-japanischen Krieges. Und in der Tat. Das Deutsche Reich war eingekreist wie schon Preußen unter dem großen Fridericus.

Befähigungsnachweis Krieg

Der soeben im weltweit aufgestellten Neuen Großen Deutschland zu seinem 300. Geburtstag Vielgefeierte wollte sich nach seiner Thronbesteigung einen Namen machen, verfügte über eine schlagkräftige Armee und eine gutgefüllte Kriegskasse und marschierte ohne Kriegserklärung in Schlesien ein wie später in Sachsen. Er raubte sich ein größeres Preußen zusammen und wunderte sich, daß er eines Tages von einer Welt von Feinden umstellt war, die sich leider als allzu großmütig erwiesen. Denn sie nutzten Friedrichs totale Niederlage in der Schlacht von Kunersdorf 1759 nicht: Russen, Österreicher und Franzosen rückten nicht auf Berlin vor. Sie hätten Preußen zerschlagen können. Der Welt wäre damit das Deutsche Reich von 1871 vielleicht ganz erspart geblieben, samt dem Ersten und Zweiten Weltkrieg – aber das sind so Flausen, denen uns hinzugeben im Deuropa von heute nicht erlaubt sein kann. Schade.

Nein, wir sitzen immer noch 1904 beim sich eingekreist fühlenden Generalstabschef Schlieffen am Planungstisch. Und der freut sich über den russisch-japanischen Krieg: »Jetzt können wir heraus aus der Schlinge. Der ganze Westen Rußlands ist von Truppen entblößt, Rußland ist in Jahren nicht aktionsfähig; wir könnten jetzt mit unserem erbittertsten und gefährlichsten Gegner Frankreich abrechnen und wären wohl dazu vollständig berechtigt.«6

Abrechnen. Schlieffen meinte: Das durch den von Bismarck provozierten Krieg entstandene Deutsche Reich habe 1871 Frankreich nicht ausreichend ausgeplündert. Da sei noch viel mehr zu holen (– wie zur gleichen Zeit die Annexionsprogramme der deutschen Industrie bestätigten).

Und so wie Friedrich Zwo sein Abitur mit dem Ersten Schlesischen Krieg machte, erklärte auch Schlieffen 1905 bei einer Staatsratssitzung während der Marokkokrise: »Rußland ist im Osten gebunden. England noch vom Burenkrieg geschwächt, Frankreich mit seinen Rüstungen im Rückstande. Seinen Befähigungsnachweis muß das Deutsche Reich doch über kurz oder lang durch einen Krieg bringen. Jetzt ist die günstigste Zeit: Mithin ist meine Lösung: Krieg mit Frankreich.«7

»Krieg mit Frankreich«, so hieß auch Schlieffens Denkschrift vom Dezember 1905, die bis heute als Schlieffenplan – spätere Ausarbeitungen kamen noch dazu – durch die Geschichte spukt. Und der sah vor: »Das Wesentliche (für den Verlauf der gesamten Operationen) ist, einen starken rechten Flügel zu bilden, mit dessen Hilfe die Schlachten zu gewinnen und in unausgesetzter Verfolgung den Feind mit eben diesem starken Flügel immer wieder zum Weichen zu bringen.«

Das war ein schöner Vorsatz. Schlieffen sah allerdings ein kleines Problem: »Wenn der rechte Flügel sehr stark gemacht wird, so kann dies nur auf Kosten des linken geschehen, dem dadurch wahrscheinlich die Aufgabe zufällt, gegen Übermacht zu kämpfen.«

Doch dagegen hilft ein fanatischer Glaube: »Die Deutschen können, wenn sie auf ihren Operationen verharren, sich versichert halten, daß die Franzosen schleunigst umkehren werden. Und zwar nicht nördlich, sondern südlich von Metz in der Richtung von welcher die meiste Gefahr droht. Es ist daher geboten, daß die Deutschen auf dem rechten Flügel so stark wie möglich sind, denn hier ist die Entscheidungsschlacht zu erwarten.«

Die aber fiel für die Deutschen in die ­Marne. Doch so weit sind wir noch nicht. Seinen Plan will Schlieffen – wie er in den Vierteljahresheften für Truppenführung und Heereskunde schrieb, bei Hannibal und seiner Schlacht von Cannae – am 2. August 216 vor unserem Herrn Jesus Christus – gelernt haben.

Reiten gegen den Feind

Doch Schlieffen hatte schlecht recherchiert. Er verwechselte sich mit Hannibal und die Römer mit den Franzosen, und so kam es später statt zum Sieg der Deutschen von Cannae zu deren Niederlage in der Marneschlacht.

Der Schweizer Politik- und Strategiewissenschaftler Albert A. Stahel: »Wohl übernahm Schlieffen von Hannibal das Prinzip der Umfassung, er übersah aber« – und so etwas hat deutsches Militär immer gern mißachtet – »daß Hannibal aus einer defensiven Stellung heraus den unvorsichtigen Feind schließlich vernichtete. Schlieffen dagegen konzipierte einen rein offensiven Plan.«8

Und wäre damit selber im Marne-Wasser abgesoffen, wenn ihm der Alleroberste Feldherr nicht rechtzeitig vorher zum Abtreten verholfen hätte. Doch zunächst einmal schrieb am 29. Dezember 1903 der irdische Dienstherr seinem Vernichtungsspezialisten, betrübt habe er vernommen, daß »Sie den Wunsch bei sich zu erwägen beginnen, der Last ihrer Stellung überhoben zu werden«. Wilhelm: »Diese Nachricht hat mich mit aufrichtigem Kummer erfüllt, und ist mir der Gedanke daran sehr zuwider. Sie genießen mein ganzes volles Vertrauen ebenso wie das Meines Heeres und sind mir ein in jeder Hinsicht aufrichtiger, klarer, anregender und lieber Berater. Nichts würde mir eine größere Freude sein, als auch einmal im Ernstfalle mit Ihnen gemeinsam die Entschlüsse zu fassen, welche im Kriegsspiele mir gestellt wurden, und von Ihnen beraten, wider den Feind zu reiten.«

Im Ernstfall. Schlieffen, sehr erfahren in der Strategie des Umgangs mit Monarchen, hatte bei den Kriegsspielen, wie damals Manöver genannt wurden, stets den Kaiser hoch zu Roß an die Spitze der Truppe gestellt, die siegen sollte.

Kein Wunder, daß Wilhelm bettelte: »Ich erhoffe daher sehr, daß Sie mir diese Aussicht nicht ganz rauben wollen, sondern daß ich noch einige Zeit Ihrer treuen Arbeit mich erfreuen darf.«

Zwei Jahre später durfte Schlieffen in den »Ruhestand« gehen, für den Krieg, den Angriffs- und Vernichtungskrieg hat er geplant bis in den Tod. Wilhelms Traum, an Schlieffens Seite in den Kampf zu ziehen, ging nicht in Erfüllung. Immer wieder türmten sich neue Hindernisse vor dem ersehnten Krieg auf.

Schlieffen wußte längst, daß es den von Wilhelm angedachten frisch-fröhlichen Krieg nicht geben werde, daß die Mordbefehle künftig nicht mehr von dero Majestät, sondern vom kleinen Obersten ganz unten bei Kundus kommen würden: »Kein Napoleon, umgeben von einem glänzenden Gefolge, hält auf einer Anhöhe. Auch mit dem besten Fernglas würde er nicht viel zu sehen bekommen. Sein Schimmel würde das leicht zu treffende Ziel unzähliger Batterien sein. Der Feldherr befindet sich weiter zurück in einem Hause mit geräumigen Schreibstuben, wo Draht- und Funkentelegraph, Fernsprech- und Signalapparate zur Hand sind, Scharen von Kraftwagen und Motorrädern, für die weitesten Fahrten gerüstet, der Befehle harren. Dort, auf einem bequemen Stuhle vor einem breiten Tisch, hat der moderne Alexander auf einer Karte das gesamte Schlachtfeld vor sich, von dort telephoniert er zündende Worte, und dort empfängt er Meldungen der Armee- und Korpsführer, der Fesselballons und der lenkbaren Luftschiffe, welche die ganze Linie entlang die Bewegungen des Feindes beobachten, dessen Stellungen überwachen.«9

Natürlich hätte Schlieffen mit seinem unverfälschten Plan den Krieg gewonnen, wenn er noch gelebt und ihm nicht Moltke der Jüngere nachgefolgt wäre. Der Neffe des alten Siegers über Frankreich war ein vorzüglicher Sündenbock, denn er starb schon – vorzeitig zur Ruhe versetzt – mitten im Krieg 1916. Er hatte Schlieffens guten Plan – in der Marne? – »verwässert«, wie der um den Endsieg betrogene demokratisch gewählte Reichsmarschallpräsident Hindenburg erläuterte. Und viele seiner Konkurrenten meinten: weil Moltke an Spiritismus glaubte, was der weitsichtige Kaiser Wilhelm ihm ausdrücklich verboten hatte. Die richtige Instanz war keine Spukgestalt, sondern, wie sich einige Zeit später erwies, die Vorsehung.

Der Einmarsch ins neutrale Belgien, unverzichtbarer und völkerrechtswidriger Bestandteil von Schlieffens Plan, hatte sich dank Wilhelms Wankelmut verzögert. Die Festung Lüttich, die den schnellen Durchmarsch der Deutschen aufhielt, ward nicht im Sturm genommen. Engländer und Franzosen konnten den überfallenen Belgiern zur Hilfe eilen. Und an der Marne wurde schon nach fünf Wochen der Vormarsch der Deutschen gestoppt. Aber nur sechs Wochen hatte Schlieffen den Deutschen für den Vernichtungssieg über Frankreich gegeben, jetzt nährten sich vier Jahre Stellungskrieg – von Schlieffen einst streng untersagt – vom Blut der Millionen. Sein 1904 unter dem Titel »Angriffskrieg gegen Frankreich« erstmals formulierter Plan war eine undurchführbare Phantasmagorie. Und das blieb er erst recht, als er einen Zweifrontenkrieg einbezog: Frankreichs Heer in sechs Wochen vernichten und dann – Mehdorn war noch nicht geboren – mit der vorzüglichen deutschen Eisenbahn die siegreichen deutschen Soldaten zwecks Endsieg vom Westen in den Osten transportieren, das war ein verbrecherisch dummer Plan.

1912 hatte Wilhelm II. mit dero unfaßbarer Ignoranz geglaubt, die Briten würden neutral bleiben, wenn er Frankreich angreife. Als er am 8. Dezember von seinem Botschafter in London erfuhr, daß das perfide Albion einen deutschen Überfall auf Frankreich mit sofortigem Kriegs­eintritt quittieren würde, berief er unverzüglich seinen Kriegsrat ein (siehe jW-Thema vom 7.12.2012) und wollte ebenso wie Schlieffens Nachfolger Moltke (»je eher je besser«) sofort losschlagen. Doch Admiral Tirpitz warf sich dazwischen, weil der Nordostseekanal erst im Sommer 1914 vollendet wurde, auf dem seine Schlachtschiffe gen England fahren konnten.

Während also Wilhelm am 8. Dezember 1912 fest zum Krieg entschlossen, aber eben doch noch nicht bereit war, arbeitete Schlieffen mit letzter Kraft an seinem Plan.

Lichte Momente

Drei Wochen nach dem Kaiserlichen Kriegsrat, der den Termin für den Ersten Weltkrieg festlegte, besuchte am 28. Dezember 1912 der Kavalleriegeneral Konrad von Hausmann seinen alten Generalstabschef. Sie besprachen eine Operationsstudie für den kommenden Krieg. Am nächsten Tag bekam Schlieffen Fieber – der Arzt stellte eine Gesichtsrose fest. Der vertraute General Freiherr von Freytag-Loringhoven beschrieb im Vorwort zu Schlieffens Schriften überaus exakt die letzten Stunden: »In seine Fieberphantasien mischten sich Gedanken über Geschichtliches, Politik, Krieg und Schlachtbeschreibungen. Dazwischen kamen lichte Momente. Seine Worte bekundeten Kenntnisse der Krankheit, an der er litt, so sagte er gelegentlich: ›Also Kopfrose‹, dann: ›merkwürdig dieser Kräfteverfall.‹«

»Macht mir den rechten Flügel stark«, sagte er zuallerletzt und hauchte sein bald viele Millionen Tote generierendes Leben aus. Das war morgen Nachmittag gegen zwei vor hundert Jahren.

Schlieffen wollte der Clausewitz des anbrechenden zwanzigsten Jahrhunderts sein. Zur Neuauflage von dessen opus maximum schrieb er 1905 die Einleitung und rühmte:»Der dauernde Wert des Werkes ›Vom Kriege‹ liegt neben seinem hohen ethischen und psychologischen Gehalt in der nachdrücklichen Betonung des Vernichtungsgedankens.«

Richtig. Und darum hat Kriegsminister Thomas de Maizière den Friedensnobelpreis verdient für seine Ernennung des Vernichtungsobersten Georg Klein zum General und Leiter des Personalmanagements der Bundeswehr.

Anmerkungen

1 Helmuth von Moltke, Erinnerungen, Briefe, Dokumente 1877–1916. Ein Bild vom Kriegsausbruch, erster Kriegsführung und Persönlichkeit des ersten militärischen Führers des Krieges, Stuttgart 1922, S. 243

2 Alfred Graf von Schlieffen, Gesammelte Schriften, Bd. 1, Berlin 1913, Vorwort Hugo Friedrich von Freytag-Loringhoven, S. XIX

3 Martin Baer/Olaf Schröter, Eine Kopfjagd. Deutsche in Ostafrika. Spuren kolonialer Herrschaft, Berlin 2001, S.156 f.

4 Jürgen Zimmer, Deutsche Herrschaft über Afrikaner. Staatlicher Machtanspruch und Wirklichkeit im kolo­nialen Namibia, Münster 2001, S. 60

5 Völkermord in Deutsch-Südwestafrika: Der Kolonialkrieg 1904–1908, hrsg. v. Jürgen Zimmerer u. Joachim Zeller, Berlin 2003, S. 54

6 Hugo Rochs: Schlieffen, Berlin 1926. S. 43

7 Zitiert nach John C.G. Röhl, Wilhelm II. – Der Weg in den Abgrund 1900-1941, München 2008, S. 364

8 Albert A. Stahel: Klassiker der Strategie – eine Bewertung, Zürich 1995, S. 245

9 Alfred Graf von Schlieffen, Gesammelte Schriften, Band I: Der Krieg in der Gegenwart, Berlin 1913, S. 15 f.

Otto Köhler erzählt am Sonntag, den 6. Januar auf WDR 5 um 7.05 Uhr (Wiederholung 19.05 Uhr) in der Sendereihe »Erlebte Geschichten« aus seinem Leben als Journalist und Autor

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