3. Dezember 2012

Der Flaschenteufel

Hinarbeiten auf die faschistische Diktatur: Kurt von Schleicher (1882–1934) – hier am Eingang zu seiner Dienstwohnung im Reichswehrministerium im Februar 1933 - Fotoquelle: Wikipedia

3. Dezember 1932: Ein General wird Reichskanzler – der letzte vor Hitler

Manfred Weißbecker

Etwas mehr als fünf Monate lang – vom Juni bis November 1932 – regierte der Herrenreiter Franz von Papen. Kein anderes Kabinett der Weimarer Republik hatte schon so rasch völlig abgewirtschaftet. Kürzer schaffte es nur noch Kurt von Schleicher, der das Amt von ihm am 3. Dezember 1932 übernahm und es bereits nach zwei Monaten wieder verlor. Und dies, obwohl der General großen Einfluß auf zahlreiche Politiker, Verbände und Zeitungen auszuüben vermochte sowie auf den Zuspruch des Reichspräsidenten Hindenburg bauen konnte. Von einer im Hintergrund agierenden »grauen Eminenz« wurde gesprochen, und wie kaum ein anderer verfügte er über eine große Machtfülle, amtierte er doch zugleich als Reichswehrminister und als Reichskommissar für Preußen.

Schleichers Berufung zum Reichskanzler war Ergebnis und Ausdruck der Situation, in die führende Gruppen der deutschen Bourgeoisie das Land mit ihren diversen, am Ende alle auf die hitlerfaschistische Diktatur hinauslaufenden Versuchen zur Bewältigung der Wirtschaftskrise sowie zur Zerschlagung der Weimarer Republik gebracht hatten. Zwar waren zuvor – vor allem mit dem Staatsstreich vom 20. Juli 1932 (siehe jW-Thema vom 20.7.2012) – die antifaschistischen Kräfte stark zurückgedrängt worden, doch untereinander dauerten Streit und Gerangel an; eine »schwüle Berliner Atmosphäre« verlange reinigende Gewitter, hieß es. Alles drängte nach Entscheidungen, die teils in erbitterten Machtkämpfen um unterschiedliche Konzepte, teils in regelrechten Intrigen angestrebt wurden. Deutschland befand sich auf dem Weg zu diktatorischen Verhältnissen – es ging kaum noch um das »Ob«, sondern um das »Wie«.

Herbst-»Stürme«

Eigentlich wäre Papens Rücktritt bereits am 12. September 1932 fällig gewesen. An diesem Tage hatten ihm 512 Abgeordnete des Reichstages das Mißtrauen ausgesprochen, lediglich 42 Parlamentarier für ihn votiert. Einzigartig nimmt sich diese Abstimmung in der deutschen Parlamentsgeschichte aus, auch weil sie das Ergebnis eines von der KPD gestellten Mißtrauensantrages war. Doch den Regierenden galten Verfassung und Volksvertretung schon überhaupt nichts mehr: Der de facto gestürzte Reichskanzler legte dem Reichstag eine bereits zuvor ausgefertigte Erklärung des Reichspräsidenten vor, die ihn bevollmächtigte, das erst sechs Wochen zuvor gewählte Parlament erneut nach Hause zu schicken.

Papen spekulierte bis zu seinem Rücktritt am 17. November darauf, für längere Zeit völlig ohne das Parlament zu regieren, was nur auf den Bajonetten der Reichswehr, also in Gestalt einer Militärdiktatur, oder gemeinsam mit den Nazis möglich gewesen wäre. Letztere hatten sich aber mit der Regierung überworfen, um ihre Politik des »Alles oder nichts« durchzusetzen. Allein die Sorge, es könnte zu weiteren und größeren, zu nicht mehr beherrschbaren Unruhen kommen, hielt die meisten der Kabinettsmitglieder von einer Zustimmung zu solchen Vorhaben zurück. Noch besaß die Regierung das Vertrauen des Reichspräsidenten und ebenso die Unterstützung einflußreicher Großindustrieller und Großagrarier. Zwar gab es kaum eine Stimme, die sich nicht für eine Einbeziehung der ­NSDAP in die Regierung ausgesprochen hätte, doch dieser die Führung zu überlassen, stieß auf Besorgnisse und Zweifel, ob deren Massenhang – geworben auch mit »sozialistischen« Parolen – beherrschbar sein würde. Zwiespältig registrierten die ökonomisch und politisch Mächtigen gewisse Veränderungen im taktischen Verhalten dieser Partei. So hatte Gregor Straßer, der zweite Mann nach Hitler, am 10. Mai im Reichstag eine Rede gehalten, in der er von einer »großen antikapitalistischen Sehnsucht« tönte, die »95 Prozent unseres Volkes bewußt oder unbewußt erfaßt« habe. Im Juli 1932 verkündete Straßer in einer Publikation sogar, man sei Todfeind des kapitalistischen Wirtschaftssystems.

Das diente in erster Linie dem erneut zu führenden Wahlkampf, der heftig entbrannte, nachdem der 6. November als Termin für die erneute Wahl eines Reichstages festgesetzt worden war. Es diente vor allem dem Bemühen der Nazis, möglichst große Teile der Arbeiterschaft zu gewinnen. Der war allerdings mit purer Demagogie nicht beizukommen, wie am Stimmungsbild der Bevölkerung sowie an den stagnierenden Wahlergebnissen abzulesen war – seit dem Frühjahr 1932 konnte die ­NSDAP keinen Zuwachs erreichen. Sie suchte nach anderer Substanz ihres öffentlichen Auftretens, die aber Risiken in sich barg. Verstärkte sie die antikapitalistische Note in ihrer Propaganda, hatte sie zu befürchten, die Gunst der Großbürgertums und ihm nahestehender Schichten zu verlieren. Würde sie ihre sozialpolitischen und sozialistisch eingefärbten Parolen abschwächen, lief sie Gefahr, den bislang erreichten Einfluß auf Arbeiter zu verlieren bzw. nicht erweitern zu können.

Vor diesem Hintergrund breitete sich in den Reihen der ­NSDAP Krisenstimmung aus. Nach dem 13. August – Hitler hatte vom Reichspräsidenten den Stuhl des Kanzlers gefordert und den ihm angebotenen Posten eines Vizechefs der Regierung abgelehnt – raunte es in der Partei, man müsse endlich zugreifen und zumindest die ­Chance einer Regierungsbeteiligung nutzen. Das Rumoren wuchs erheblich an, als sie bei den Wahlen vom 6. November zwar größte Partei blieb, aber einen Verlust von mehr als zwei Millionen Stimmen hinzunehmen hatte. Hatte sie bislang vom Nimbus eines unaufhaltsamen Aufsteigers zehren können, schien nun der »Zauber der Unwiderstehlichkeit« gebrochen. Die Partei war offensichtlich an einem Kulminationspunkt ihres Masseneinflusses angelangt.

Suche nach neuen Machtmodellen

Doch nicht allein in der ­NSDAP spitzten sich im Herbst 1932 die internen Auseinandersetzungen erneut zu. In ihnen spiegelten sich alle Streitpunkte, die es insgesamt unter den deutschen Eliten um die weitere Bewältigung der Wirtschaftskrise sowie um den weiteren Weg zur Revision der Ergebnisse der Jahre 1918/19 gab. Obgleich in zahlreichen Gesprächen führender Politiker der bürgerlichen Parteien immer noch nach einer koalitionspolitischen Lösung zwischen der Zentrumspartei und den Nazis bzw. zwischen diesen und den Deutschnationalen gesucht wurde, verlagerte sich im Herbst 1932 die Suche nach Entscheidungen mehr und mehr in andere Bereiche. Im wesentlichen drehten sich die Debatten und Aktionen der Herrschenden um mehrere unterschiedliche, jedoch ineinander verwobene und ineinander übergehende Konzepte:

Eine ganze Reihe mächtiger Unternehmer, Bankiers und Großgrundbesitzer setzte sich mit wachsendem Nachdruck für die Berufung Hitlers als Reichskanzler ein. Deutlich kam dies in einem ungewöhnlichen Schritt zum Vorschein: Man richtete eine entsprechende Eingabe an Hindenburg. Zu den prominenten Unterzeichnern dieser Petition gehörten Hjalmar Schacht, Fritz Thyssen sowie Graf Kalckreuth, der Chef des Reichlandbundes. Hitlers Reichskanzlerschaft forderten mit ihren Unterschriften auch Angehörige des Keppler-Kreises, so u.a. der Bankier Kurt von Schröder, Fritz Thyssen, August Rosterg, Friedrich Reinhart und der Großreeder Kurt Woermann. Mit ihnen unterzeichneten weitere Großgrundbesitzer und Funktionäre landwirtschaftlicher Verbände die Petition: Robert Graf von Keyserlingk-Cammerau und der Präsident der Landwirtschaftskammer für die Provinz Brandenburg, Joachim von Oppen-Dannenwalde, beide Mitglieder des Deutschen Landwirtschaftsrates, der Präsident des Westfälischen Landbundes Engelbert Beckmann und Karl Gustav von Rohr-Mantze. Paul Reusch (Vorstandsvorsitzender der Gutehoffnungshütte Aktienverein für Bergbau und Hüttenbetrieb, zugleich stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Industrie- und Handelstages); Fritz Springorum und Albert Vögler ließen dem Reichspräsidenten separat mitteilen, daß sie »grundsätzlich voll und ganz auf dem Boden der Eingabe stehen«. Sie wünschten jedoch wie andere um ihre Teilnahme gebetene Personen, die sich verweigert hatten, nicht derart exponiert Partei zu nehmen. Letzteres galt auch für den Präsidenten der Rheinländischen Landwirtschaftskammer, Hermann Freiherr von Lüninck, der schon den Eintritt in das Kabinett Papens mit der Begründung abgelehnt hatte, es gehe um einen Systemwechsel, nicht nur um die Bildung einer veränderten Regierung, und der darauf verweisen konnte, daß er sich schon mündlich vor Hindenburg für »die Übertragung der Kabinettsführung an die nationalsozialistische Bewegung« ausgesprochen hatte. Insgesamt ließ der Vorgang erkennen, daß die Zahl jener Angehörigen deutscher Eliten, die Papen zu unterstützen bereit waren, dahinschmolz – langsam aber sicher.

»Stiefelabsatz« gegen das Volk

Demgegenüber setzten Hindenburg und Papen sowie die Unterstützer ihres Kurses in Wirtschaft, Reichswehr und Staatsbürokratie auf eine endgültige Ausschaltung der Rechte des Reichstages, auf völligen Bruch der Weimarer Verfassung. Die Verachtung der Demokratie und des Prinzips der Volkssouveränität brachte Papen mit den Worten zum Ausdruck: »Man muß dem Volke nur den Stiefelabsatz durch die Schnauze ziehen, dann pariert es schon.« Argumente, mit denen autoritäre, ständestaatlich verbrämte Diktaturverhältnisse gerechtfertigt wurden, hatten konservative Ideologen geliefert: Edgar Julius Jung beispielsweise, der mit Fug und Recht als Ghostwriter Papens zu bezeichnen ist, war bereits 1927 mit einem viel gelesenen Buch gegen die »Herrschaft der Minderwertigen« in Erscheinung getreten.

In diesem Konzept spielte die ­NSDAP eine wichtige, jedoch nicht die ausschlaggebende Rolle. Sie konnte zwar nicht mehr übergangen oder gar zurückgedrängt werden, doch war nur an ihre Mitwirkung gedacht, an die Nutzung ihres Potentials für die eigenen Ziele. Dafür wurden neue, autoritäre Herrschaftsmechanismen gesucht, auf Teilgebieten gefunden und erprobt, mitunter verworfen oder variiert. Man könnte sogar vom Testen der Kompatibilität eigener zu den weiterreichenden Vorstellungen der ­NSDAP sprechen, die sowohl in der Praxis stattfanden – siehe u.a. die von Konservativen zielorientiert herbeigeführte Beteiligung von Nazis an einigen Landesregierungen – als auch theoretische Fundierung erfuhren, u.a. ein Betätigungsfeld solcher Vereine wie der Gesellschaft zum Studium des Faschismus oder konservativer Rechtsgelehrter wie Carl Schmitt, dem gegenwärtig keineswegs zufällig so etwas wie eine Renaissance widerfährt.

Dieses Konzept sah eine schrittweise Beschränkung und faktische Aushöhlung der Verfassung vor, wurde aber, die Realität verschleiernd, schlicht als »Verfassungsreform« benannt. Die radikalsten Pläne trug Papens Innenministers Freiherr von Gayl ausgerechnet am Verfassungstag des Jahres 1932 sowie in einer am 28. Oktober gehaltenen Rede vor. Das aktive und das passive Wahlrecht sollte jeweils um fünf Jahre erhöht werden. Als notwenig wurde angegeben, den »selbständigen Familienernährern, gleichviel ob Mann oder Frau, und den Kriegsteilnehmern eine Zusatzstimme« zu gewähren, um damit den »Dank des Vaterlandes zum Ausdruck« zu bringen. Parallel dazu wurde auch eine Reichsreform angestrebt, die zu mehr Zentralismus geführt haben würde, wäre dies nicht – wie auch der 1928 ins Leben gerufene Bund zur Erneuerung des Reiches – kläglich an den Länder-Egoismen gescheitert.

Weimars letzte Chance?

In Schleichers Kabinett verblieben die meisten Minister Papens. Auch in inhaltlicher Hinsicht unterschieden sich Papen und Schleicher kaum. Letzterer betonte etwas stärker die Parole »Arbeit schaffen!« und rief dafür ein neues Amt ins Leben: das von Günther Gereke geleitete Reichskommissariat für Arbeitsbeschaffung. Auch wollte er keine unberechenbaren Risiken eingehen, um ein folgenschweres Scheitern des Kurses auf neue Machtsysteme zu vermeiden. Rückhalt suchte er in Teilen der Parteien und anderer Organisationen. Dennoch besaß er keinerlei Rückhalt im Parlament, geschweige denn in der deutschen Bevölkerung. Im Reichstag konnte er wie vordem noch Papen nicht mit der Unterstützung durch die Deutschnationalen rechnen.

In der Öffentlichkeit wurden Aufgaben und Grenzen der neuen Regierung vielfach sehr deutlich benannt. Die von Hugo Stinnes jr. kontrollierte und einflußreiche Deutsche Allgemeine Zeitung bemerkte am 6. Dezember 1932, mit der Einsetzung dieses Kabinetts sei eine Atempause geschaffen, in der »zwischen den Inhabern der Gewalt und Hitler verhandelt werden kann«. Carl von Ossietzky schrieb, Schleicher setze der Nazipartei, »um sie bündnisreif zu machen, gleichsam Blutegel an«, und charakterisierte ihn als »Flaschenteufel«. Ernst Thälmann kennzeichnete die Regierung als ein Übergangskabinett mit der Funktion des Platzhalters für eine »Hitlerkoalition bzw. Hitlerregierung«, auf deren Zustandekommen weiter hingearbeitet werde. Absurd das Gerede, mit Schleicher hätte noch eine Chance für die Weimarer Republik bestanden!

Dieses »Hinarbeiten« erfolgte auf der Grundlage eines anderen Konzepts, einer weiteren Variante angestrebter neuer Herrschaftsformen. Auch um sie wurde in den Reihen der deutschen Eliten gestritten, darüber hinaus auch kräftig intrigiert. Dieses Konzept zielte auf die Schaffung einer »Querfront«, in der neben Teilen der ­­NSDAP vor allem die unterschiedlichsten Gewerkschaften als Massenbasis diktatorischer und von der Reichswehr zu sichernder Machtausübung wirksam werden sollten. Der Realisierung dieses Planes galt insbesondere die Aufmerksamkeit Schleichers nach den Reichstagswahlen vom 6. November, auch unter dem Eindruck der spektakulären Beteiligung der Nazis am Streik der Berliner Verkehrsarbeiter stehend.

Um in dieser Zeit die Möglichkeiten und Grenzen der Machtsicherung auszuloten, ließ Schleicher am 18. November, einen Tag nach dem Rücktritt Papens, in seiner Eigenschaft als Reichswehrminister Einladungen zu einem Planspiel der Militärs verschicken. Dessen Thema galt den Aussichten und Gefahrenpunkten eines innenpolitischen Ausnahmezustandes. Ihm lag die Annahme zugrunde, daß die im Herbst in vielen Betrieben stattfindenden Streiks in einen Generalstreik münden würden. Das Ergebnis des Planspiels ernüchterte: Einer solchen Lage sei mit Reichswehr, Polizei und Technischer Nothilfe allein nicht beizukommen. Ferner wurde festgestellt, daß also »Ergänzungsleute« benötigt würden, aber das dazu erforderliche »Menschenmaterial« nur aus »Stahlhelmkreisen zu bekommen« sei. Die vorhandenen und mobilisierbaren Kräfte, die eine gewaltsame Durchsetzung elitärer Militärdiktatur hätten absichern können, würden nicht ausreichen, so das Fazit. Diktatorisch zu regieren – das ging nur noch mit Hilfe der ­NSDAP.

Mit Schleichers Namen verband sich das Konzept, eine tragfähige Basis aus Teilen der Parteien bzw. den ihnen nahestehenden Organisationen zu gewinnen. Das Konzept einer »Querfront«, das der Soziologe Hans Freyer schon im Jahr zuvor als »Revolution von rechts« charakterisiert hatte, zielte darauf, sowohl die ­NSDAP als auch die freien und die christlichen Gewerkschaften, ferner einige Wehrverbände und auch das Reichsbanner hinter sich bringen zu können. Bei ersteren rechnete Schleicher mit jenen, die der Rückschlag bei den Reichstagswahlen vom 6. November denken ließ, man dürfe nicht länger auf der Position »Alles oder Nichts« verharren. Intensive Gespräche fanden auch mit Gewerkschaftsführern statt, die den angekündigten Programmen zur Arbeitsbeschaffung zustimmen sollten. Er stieß dabei nicht auf völlige Ablehnung.

In der Führung des ADGB mehrten sich in diesem Zusammenhang Stimmen gegen eine als zu eng empfundene Bindung an die SPD. In seiner aufsehenerregenden Rede, gehalten am 14. Oktober in der Bundesschule der Freien Gewerkschaften, hatte deren Vorsitzender Theodor Leipart erklärt, man sei »zu sehr auf das Ganze gerichtet, um Parteifesseln zu tragen«. Das »Ganze« sei für ihn: Dienst am Volk, deutsches Gemeinschaftsgefühl und »sozialer Kampf im Interesse der Nation«. In deutlicher Anlehnung an Ernst Jüngers kurz zuvor erschienenes Buch »Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt« sprach Leipart auch davon, daß die Gewerkschafter den »soldatischen Geist der Einordnung und der Hingabe für das Ganze« kennen würden. Ein Mann des deutschnationalen Stahlhelm-Bundes applaudierte, Zustimmung kam aus dem Tat-Kreis um Hans Zehrer, veröffentlicht in der Täglichen Rundschau, einer Zeitung, die mit Schleichers finanzieller Hilfe erworben worden war. Leiparts Worte würden »weite Ausblicke in die Zukunft eröffnen«, reagierte Gregor Straßer. Nach seiner Auffassung brauche nun die »antikapitalistische Front« nur noch gestaltet zu werden, was erfolgen könne, wenn sich »die einsichtigen Leute aus allen Lagern (…) zusammenfinden«.

Nach einem Gespräch zwischen Schleicher und Leipart, das am 28. November stattfand, munkelte die Presse, es stehe die Bildung eines »Schleicher-Leipart-Straßer-Kabinetts« bevor. Auf die damit verbundenen Ankündigungen, die neue Regierung werde sich intensiv um die Beschaffung von Arbeitsplätzen bemühen, Arbeitsdienstprogramme verfolgen und sozialpolitisch agieren, reagierte ein Teil der Großindustriellen recht distanziert. Jedwede Stärkung gewerkschaftlicher Positionen schien ihnen unerträglich zu sein; man wollte »Herr im Hause« sein und bleiben.

Straßer gegen Hitler?

Realisieren ließ sich ein solcher »Querfront«-Versuch der Krisenbewältigung ohnehin nur, wenn zumindest ein größerer Teil der ­NSDAP eingebunden werden konnte. Doch in deren Führung tobten erhebliche Auseinandersetzungen. Annäherung an Gewerkschaften? Das traf ins Mark faschistischer Vorstellungen, wie Macht zu erringen und auszuüben sei. Als sich Straßer bereiterklärte, dem Kabinett Schleicher als Vizekanzler beizutreten, und sich auf viele Abgeordnete der Reichstagsfraktion verlassen zu können glaubte, geriet die ­NSDAP in eine ernste Krise.

Als am 5. Dezember in Berlin eine Führertagung der ­NSDAP zusammentrat, lag durch das Ergebnis der thüringischen Landtagswahlen vom Vortage der unbezweifelbare Beweis vor, daß der Einflußverlust der Partei fortdauerte und auch Gebiete ergriff, in denen sie ihre ersten bedeutenden Erfolge erlangt hatte. In der Frage, wie gegenüber der Schleicher-Regierung taktiert werden solle, prallten die divergierenden Auffassungen aufeinander, personifiziert in der Kontroverse zwischen Hitler und Straßer. Während die Fraktion im Reichstag lavierte, um dessen erneute Auflösung und eine gefürchtete Neuwahl zu vermeiden, scheiterten alle Versuche, einen Kompromiß zu finden. Straßer, wenige Monate zuvor an die Spitze des weitverzweigten organisatorischen Apparats der ­NSDAP gestellt und somit aus der nur wenige Personen zählenden zweiten Reihe der Parteihierarchie noch herausgehoben, legte schließlich am 8. Dezember seine Ämter in der ­NSDAP nieder. Offiziell wurde verlautbart, er habe »mit Genehmigung des Führers einen Krankheitsurlaub von drei Wochen« angetreten. Er hatte resigniert, kehrte auch nicht mehr in die Politik zurück. Auch Gottfried Feder, der einzige mit Straßers Haltung kurzzeitig offen Sympathisierende, schwenkte wieder auf Hitlers Kurs ein. Am 9. Dezember fand im Palais des Reichstagspräsidenten eine theatralische Treuebekundung für den »Führer« statt. Hitler verpflichtete die Reichstagsabgeordneten und Gauleiter durch Handschlag zu bedingungslosem Gehorsam. Offensichtlich war die Zahl derer zu klein geblieben, von denen Straßer Unterstützung erwartet hatte – es handelte sich wohl um etwa 60 der 196 Reichstagsabgeordneten sowie um einen Gauleiter. Den offenen Machtkampf mit Hitler vermied er, denn nicht in der Zielsetzung, nur in Fragen der Taktik unterschieden sich beide Faschisten.

Das Konzept einer »Querfront« scheiterte bereits in seinen Ansätzen. Der weitere Weg, der nun beschritten bzw. ausgekungelt wurde, führte zur Übergabe der Regierungsgewalt an Hitler, zum 30. Januar 1933. Schleicher und Straßer, die es umzusetzen bemüht waren, überlebten beide die Mordaktion der an die Macht gebrachten Faschisten vom 30. Juni 1934 nicht.

Aus den Quellen

Aus der Rede Franz von Papens vom 12.10.1932 vor Vertretern des Bayerischen Industriellenverbandes:

»Die Reichsregierung muß unabhängiger von den Parteien gestellt werden, ihr Bestand darf nicht Zufallsmehrheiten ausgeliefert sein. Das Verhältnis zwischen Regierung und Volksvertretung muß so geregelt werden, daß die Regierung und nicht das Parlament die Staatsgewalt handhabt.«

Aus der Eingabe von Industriellen, Bankiers und Großagrariern an Hindenburg vom 19.11.1932:

»Wir bekennen uns frei von jeder engen parteipolitischen Einstellung. Wir erkennen in der nationalen Bewegung, die durch unser Volk geht, den verheißungsvollen Beginn einer Zeit, die durch Überwindung des Klassengegensatzes die unerläßliche Grundlage für einen Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft erst schafft. Wir wissen, daß dieser Aufstieg noch viele Opfer erfordert. Wir glauben, daß diese Opfer nur willig gebracht werden können, wenn die größte Gruppe dieser nationalen Bewegung führend an der Regierung beteiligt wird. Die Übertragung der verantwortlichen Leitung eines mit den besten sachlichen und persönlichen Kräften ausgestatteten Präsidialkabinetts an den Führer der größten nationalen Gruppe wird die Schwächen und Fehler, die jeder Massenbewegung notgedrungen anhaften, ausmerzen und Millionen Menschen, die heute abseits stehen, zu bejahender Kraft mitreißen.«

Aus einer Rede Walter Ulbrichts auf einem Bezirksparteitag der KPD in Berlin am 19.11.1932:

»Unsere nächste Aufgabe besteht gegenwärtig, wo der Klassenfeind versucht, den Faschismus weiter zu entfalten, darin, alles daranzusetzen, durch die Einheitsfrontaktion das Tempo des proletarischen Aufschwungs so zu beschleunigen, daß unsere Kräfte schneller wachsen als die Kräfte der faschistischen Konzentration.«

Aus der Erklärung des SPD-Vorstandes zur Berufung Schleichers als Reichskanzler vom 5.12.1932:

»Es wird für alle Zeit das geschichtliche Verdienst der Sozialdemokratie bleiben, den deutschen Faschismus so lange von der Macht ferngehalten zu haben, bis sein Abstieg in der Volksgunst begann. Dieser Abstieg wird kaum weniger schnell erfolgen, als sich sein Aufstieg vollzogen hat.«

Aus Gregor Straßers Erklärung zum Rücktritt von seinen Parteiämtern vom 8.12.1932:

»Die brachiale Auseinandersetzung mit dem Marxismus kann und darf nicht – dem einzelnen überlassen – in dem Mittelpunkt der innerpolitischen Aufgaben stehen, sondern ich sehe es als das große Problem dieser Zeit an, eine große breite Front der schaffenden Menschen zu bilden und sie an den neugeformten Staat heranzubringen. Die alleinige Hoffnung auf das Chaos als der Schicksalsstunde der Partei halte ich für falsch, gefährlich und nicht im gesamtdeutschen Interesse liegend.«

Aus der 1947 abgegebenen Erklärung Kurt von Schröders, Mitinhaber des Bankhauses J. H. Stein:

»Als die ­NSDAP am 6. November 1932 ihren ersten Rückschlag erlitt und somit also ihren Höhepunkt überschritten hatte, wurde eine Unterstützung durch die deutsche Wirtschaft besonders dringend. Ein gemeinsames Interesse der Wirtschaft bestand in der Angst vor dem Bolschewismus und der Hoffnung, daß die Nationalsozialisten – einmal an der Macht – eine beständige politische und wirtschaftliche Grundlage in Deutschland herstellen würden. Ein weiteres gemeinsames Interesse war der Wunsch, Hitlers wirtschaftliches Programm in die Tat umzusetzen, wobei ein wesentlicher Punkt darin lag, daß die Wirtschaft sich selbst lenken sollte zur Lösung der von der politischen Führung gestellten Probleme.«

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