28. März 2014

Der Fortschrittsoptimist

Marie Jean Antoine Nicolas Caritat, Marquis de Condorcet

Vor 220 Jahren starb der Philosoph, Mathematiker und Politiker Marie Jean Antoine Nicolas Caritat, Marquis de Condorcet

Alexander Bahar

Er gilt als einer der letzten Enzyklopädisten und Vertreter der französischen Aufklärung. Marie Jean Antoine Nicolas Caritat wurde am 17. September 1743 in Ribémont in Nordfrankreich als Sohn eines Mitglieds der königlichen Kavallerie geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters schickte ihn sein Onkel, der Bischof von Auxerre als Elfjährigen erst auf die Jesuitenschule in Reims und später zum Studieren nach Paris.

Doch statt eine Offizierslaufbahn einzuschlagen, wie es sich der Onkel gewünscht hätte, widmete sich der Marquis de Condorcet mathematischen Studien. Sein besonderes Interesse gilt der Analysis, den Differenzialgleichungen und der Wahrscheinlichkeitstheorie.

Berühmtheit erlangten das wahltheoretische »Condorcet-Paradoxon« zirkulärer Mehrheiten wie auch das »Condorcet Jury-Theorem«, das die Frage behandelt, unter welchen Bedingungen eine Mehrheitsentscheidung zum richtigen Ergebnis führt. Während der Französischen Revolution wurde Condorcet, der Mitglied der Académie française war, einer der führenden Köpfe der besitzbürgerlichen Girondisten, unter denen er durch sein Eintreten für »wirkliche Gleichheit« herausragte. Zwar teilte er den wirtschaftsliberalen Irrglauben, die Ungleichheiten des Reichtums würden unter den Bedingungen der Freiheit des Handels und der Industrie »fortwährend abnehmen«, doch er formulierte auch gewissermaßen präventiv in Grundzügen ein System der Altersversicherung.

1775 wurde Condorcet zum Generalinspekteur der staatlichen Münze ernannt. In diesem Amt, das er bis 1791 ausüben sollte, bemühte er sich um die Einführung eines einheitlichen Maß- und Gewichtssystems. Gemeinsam mit anderen Mathematikern edierte er zwischen 1784 und 1789 den mathematischen Teil der »Encyclopédie méthodique«. In seinen staatspolitischen Schriften forderte er die rechtliche Gleichstellung der Frauen und propagierte den Kampf gegen die Sklaverei. Von den Bürgern von Paris 1791 in die Gesetzgebende Nationalversammlung gewählt, wurde er im Februar 1792 deren Präsident. Am Entwurf zum Nationalerziehungsplan im April 1792 war Condorcet maßgeblich beteiligt. Dieser Plan sah die Beseitigung aller Klassenunterschiede im öffentlichen Bildungswesen vor und forderte dessen Unabhängigkeit von Staat und Kirche sowie eine umfassende Erwachsenenbildung. Nach Ansicht des kommunistischen Historikers Albert Soboul war dieser Plan »der weitestgehende von allen, die den Revolutionsversammlungen vorgelegt wurden«.

Als Deputierter des Nationalkonvents wurde Condorcet Mitglied der Verfassungskommission. Bis 1793 erarbeitete der von Girondisten dominierte Ausschuß einen Verfassungsentwurf, der seine liberale Handschrift trägt und in dem nicht zuletzt auch die Abschaffung der Todesstrafe vorgesehen war. Mit diesem Entwurf zog Condorcet die Feindschaft der radikaleren Republikaner auf sich. Als die Jakobiner unter Robespierre die Macht übernahmen, wurde auch er geächtet, und 1793 wird er vor dem Konvent als ein »Akademiker, Verschwörer und Feind der Republik« angeklagt. Doch Condorcet tauchte unter. Am 27. März 1794 verhaftet, wurde er zwei Tage später tot in seiner Zelle aufgefunden. Die Spekulationen über die Todesursache reichen von Giftmord bis Suizid.

Im verborgenen hatte er zuvor sein letztes großes – und bis heute bekanntestes Werk – vollendet: »Esquisse d’un tableau historique des progès de l’esprit humain« (Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes). Condorcets politisches Testament ist Ausdruck seiner unerschütterlichen Gewißheit des unendlichen Fortschritts. »Was wir uns für den künftigen Zustand des Menschengeschlechts erhoffen«, schrieb er, »läßt sich auf folgende drei wichtige Punkte zurückführen: die Beseitigung der Ungleichheit zwischen den Nationen; die Fortschritte in der Gleichheit bei einem und demselben Volke; endlich die wirkliche Vervollkommnung des Menschen«. Es müsse also »jene wirkliche Gleichheit« herbeigeführt werden, »die das letzte Ziel der Staatskunst ist, eine Gleichheit, die noch die Auswirkungen der naturgegebenen Verschiedenheit der Anlagen verringert«.

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