25. Juli 2012

Der häßliche Deutsche

Rostock-Lichtenhagen im August 1992

Pogrome gegen Migranten in Rostock bestätigten Furcht vor vereintem Deutschland

Mirko Knoche

Wo wart ihr in Rostock?« Diese an die Polizei gerichtete Anklage skandieren Antifaschisten in Deutschland noch heute, zwei Jahrzehnte nach dem Pogrom im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen im August 1992. In der Plattenbausiedlung hatten Neonazis unter dem grölenden Beifall der Anwohner eine Asylbewerberunterkunft und ein Heim vietnamesischer Vertragsarbeiter mit Molotow-Cocktails in Brand gesetzt. Mehrere Familien aus Vietnam konnten den Flammen nur über das Dach entkommen, die Polizei hatte sich zurückgezogen und ließ den Mob gewähren. Sinnbildlich ging ein Foto um die Welt, das einen betrunkenen Mann mit DFB-Trikot und Hitlergruß zeigte, der eine uringetränkte Jogginghose trug. Daneben kicherte leicht verschämt ein dürrer Kumpan. Der häßliche Deutsche war wieder da – die Furcht der Europäer vor einem vereinten deutschen Staat hatte sich bestätigt.

Frankreichs damaliger Präsident François Mitterand und noch energischer die seinerzeitige britische Premierministerin Margret Thatcher hatten sich nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 gegen ein Großdeutschland ausgesprochen. Sie mußten sich jedoch geschlagen geben, als die Supermächte USA und UdSSR dem diplomatisch geschickt agierenden BRD-Kanzler Helmut Kohl (CDU) ihr Einverständnis erteilten. Es war nicht nur der zu erwartende Machtverlust, der Paris und London gegen die Übernahme der DDR durch die BRD aufbrachte, sondern auch die immer noch wache Erinnerung an die Besatzung durch die Wehrmacht und die Bombardements durch die faschistische Luftwaffe.

Außenpolitisch brachte der damalige Minister des Auswärtigen, Hans-Dietrich Genscher (FDP), das jugoslawische Pulverfaß zur Explosion, indem er 1991 Kroatien und Slowenien als unabhängige Staaten anerkannte, obwohl die noch in einer militärischen Auseinandersetzung mit der Belgrader Zentralregierung standen. Die westlichen Verbündeten waren damit nicht einverstanden, sahen sich aber gezwungen gleichzuziehen, als die Deutschen bereits Fakten geschaffen hatten.

Die faschistischen Krawalle in Rostock-Lichtenhagen waren somit kein isolierter Einzelfall, sondern entwickelten sich in einem zugespitzten nationalistischen Klima, welches nicht nur die Politik beherrschte, sondern auch Massen erfaßt hatte. Als Westberliner Bürger einen Tag nach dem Mauerfall vom 9. November 1989 den regierenden Bürgermeister Walter Momper, Altkanzler Willy Brandt (beide SPD) und den amtierenden Kanzler Helmut Kohl (CDU) auspfiffen, weil die vom Balkon des Rathauses Schöneberg das Deutschlandlied anstimmten, wandte sich eine große Zahl von Menschen gegen den deutschnationalen Taumel. Mit dem Sieg der westdeutschen Auswahl bei der Fußballweltmeisterschaft im Sommer 1990, dem Anschluß der DDR am 3. Oktober 1990 und Kohls Wahlsieg im Dezember desselben Jahres war die Stimmung aber vollends umgeschlagen.

Unmittelbar nach Öffnung der DDR-Grenze waren westdeutsche Neonazis in Scharen nach Osten gereist, um ihre Propaganda zu verbreiten und faschistische Strukturen aufzubauen. Bereits im September 1991 organisierten sie in der sächsischen Kleinstadt Hoyerswerda einen Pogrom gegen eine Asylbewerberunterkunft und ein Heim für vietnamesische Vertragsarbeiter, so wie ein Jahr später in Rostock. Anfang der neunziger Jahre hatten besonders Roma aus Südosteuropa Zuflucht in Deutschland gesucht, weil sie in ihrer Heimat brutaler Verfolgung ausgesetzt waren.

Nun waren sie auch hier der ständigen Gefahr von Überfällen durch rechte Schlägertrupps und nächtliche Brandanschläge ausgesetzte. Während die Öffentlichkeit fast nur auf die östlichen Bundesländer schaute, gab es solche Übergriffe auch im Westen. Im Mai 1992 verübten Anwohner ein Pogrom in Mannheim-Schönau. Die meisten Toten bei Brandanschlägen waren ebenfalls in Westdeutschland zu beklagen. So starben fünf Mitglieder der türkischen Familie Genç, darunter vier Kinder, am 29. Mai 1992 im nord­rhein-westfälischen Solingen und drei Tage zuvor im schleswig-holsteinischen Mölln zwei türkische Mädchen und eine türkische Frau. Dort setzten sich anschließend erstmals massenhaft deutsche Einwanderer gewaltsam zur Wehr und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. In Rostock waren ein Jahr zuvor im Moment der höchsten Gefahr vietnamesische Familien und ein ZDF-Kamerateam im brennenden »Sonnenblumenhaus« ihrem Schicksal überlassen worden. Kurz darauf erklärte der damalige SPD-Chef Björn Engholm sein Einverständnis, das Asylrecht weitgehend abzuschaffen. Begründung: die Bevölkerung akzeptiere keine weiteren Flüchtlinge mehr.

Samstag, 25. August, 14 Uhr, Rostock-Lichtenhagen: Demonstration »20 Jahre nach den Pogromen – Das Problem heißt Rassismus«, www.­lichtenhagen.net

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