6. Dezember 2013

Der Hitler-Hollywood-Pakt

Wie die Remarque-Verfilmung »All Quiet on the Western Front« 1930 außerhalb der USA in die Kinos kam, entschied die Zensurbehörde des Deutschen Reiches - Fotoquelle: picture alliance / United Archives/IFTN

Welche Deals hatten Nazis und Studiobosse? Ein Historiker aus Cambridge über »The Collaboration«

Werner Rügemer

Unter Hitler waren Filme aus Hollywood extrem populär. Ab 1933 stieg ihre Zahl in den deutschen Kinos an, bis 1940 auf insgesamt 350 neue Produktionen. Die meisten wurden große Publikumserfolge. Sie entstanden als Ergebnis einer genauen Abstimmung mit der faschistischen Zensur. Ben Urwand von der Universität Harvard hat diese Kollaboration zum ersten Mal systematisch untersucht.

Hollywood paßte sich schon vor der Hitler-Regierung an Wünsche aus Deutschland an. 1930 sollte »All Quiet on the Western Front« in die deutschen Kinos kommen. Der Film basierte auf dem Antikriegsroman »Im Westen nichts Neues« von Erich Maria Remarque. Die NSDAP kaufte 300 Eintrittskarten der ersten Aufführung in Berlin, warf Stinkbomben und weiße Mäuse ins Publikum und randalierte vor dem Kino. Die Aufführung wurde abgebrochen. Der Berliner Gauleiter und spätere Propagandaminister Joseph Goebbels hetzte im Saal gegen den Film, weil er die Ehre der deutschen Soldaten in den Dreck ziehe. Der Film wurde nicht mehr gezeigt. Carl Laemmle, Chef der Produktionsfirma Universal Partners, versprach sich gerade von diesem Film einen großen Erfolg in Deutschland. Er stimmte eine stark geänderte Fassung mit der Zensurbehörde des Deutschen Reiches ab. Der pazifistische Gehalt wurde entfernt, und zwar für alle Versionen in anderen Staaten.

Der bekannte Drehbuchautor Hermann Mankiewicz, jüdischer Herkunft, hatte 1933 die Idee zu einem ersten Hitler-kritischen Film: »The Mad Dog of Europe« (Europas verrückter Hund). Darin sollte eine patriotische jüdische Familie gezeigt werden, deren Mitglieder sich aufgrund von brutaler Verfolgung gemeinsam mit denen einer deutschen Familie zu Nazigegnern entwickeln. Der Film fand keinen Produzenten, Begründung: Damit würden künftige Geschäfte mit den Nazis unmöglich.

Hollywood produzierte sogar den ersten großen profaschistischen Film: »Gabriel over the White House«. In den USA setzt sich ein volksnaher Diktator durch, inspiriert vom Engel Gabriel. Er löst die damaligen Probleme der Massenarbeitslosigkeit, der Kriegsschulden u.ä. Der Film wurde vom Medien-Tycoon William Hearst protegiert, der Mussolini und Hitler als Autoren seiner Zeitungen gewann. Das größte Studio, Metro Goldwyn Mayer (MGM) produzierte den Film, der mit der Darstellung des Führerprinzips auch in Deutschland Erfolg hatte.

Konsul Georg Gyssling vertrat in Hollywood das NS-Regime. Im Kontakt mit der deutschen Botschaft in Washington überwachte er die jüdischen Künstler, die aus Deutschland flüchteten. Er bekam die Drehbücher und verhandelte jede Formulierung, bis sie paßte. Dabei stimmte er seine Korrekturen mit der internen Aufsichtsbehörde von Hollywood (Hays Office) ab, die über die weltweite Verkäuflichkeit der Filme wachte. Gyssling einigte sich aber ebenso mit der vor Ort präsenten jüdischen Lobby aus Jewish Congress, Anti-Defamation League und B’nai B’rith. Auch ein Rabbi segnete die Vereinbarungen ab: Kein Film sollte das Mißfallen Hitlers erregen, die Geschäfte durften nicht gefährdet werden. Ergebnis: Ab 1933 kamen weder Juden noch Nazis in den Filmen vor.

Goebbels war überzeugt: Hollywood-Filme sind besser als deutsche – sie sind lustiger, die Schauspieler sind natürlicher. Sie sind die bessere Propaganda, weil man die Propaganda nicht bemerkt. Goebbels schickte Regisseure wie Leni Riefenstahl nach Hollywood zum Lernen.

Muster Hollywood: Einfache Menschen werden zu Führerpersönlichkeiten, etwa wenn Clark Gable in »Meuterei auf der Bounty« (1935) gegen den tyrannischen Kapitän aufsteht. »The Lives of a Bengal Lancer« (»Angelsächsische Kameradschaft«) war in Deutschland zehnmal erfolgreicher als Riefenstahls »Triumph des Willens« und wurde mit Gary Cooper in der Hauptrolle zum Schulungsfilm der Hitlerjugend: Ein Offizier der britischen Kolonialtruppen zweifelt zuerst an den Fähigkeiten des Kommandanten, dann sieht er sein Unrecht ein und opfert sich, damit der Krieg gegen die aufsässigen Inder gewonnen wird.

So strömten die Deutschen in die Filme mit Greta Garbo, Marlene Dietrich, Claudette Colbert, Clark Gable und Gary Cooper. Einige Filme wie »Tarzan« und »Blonde Venus« wurden wegen »Unzüchtigkeiten« abgelehnt. »The Prizefighter and the Lady« wurde zurückgewiesen, weil die Hauptperson, ein jüdischer Boxer, den Davidstern auf seine Hose genäht hatte.

Paramount und Fox Tönende Wochenschau, eine deutsche Tochterfirma von Twentieth Century Fox, warben zudem mit ihren politisch-aktuellen Reportagen für Hitler und verkauften sie weltweit. MGM investierte in deutsche Rüstungsunternehmen. So manche Korrespondenz mit Nazibehörden endete mit »Heil Hitler«. Hollywood unterschied sich bei der Kollaboration mit den Nazis im übrigen nicht von US-Konzernen wie IBM und General Motors, merkt Urwand an.

Die wichtigsten Hollywood-Studios gehörten jüdischen Immigranten: William Fox (Fox), Louis Mayer (Metro Goldwyn Mayer), Adolph Zokor (Paramount), Harry Cohn (Columbia Pictures), Carl Laemmle (Universal Pictures) sowie Jack und Harry Warner (Warner Brothers). Sie verschwiegen auch während des Weltkriegs die Judenverfolgung, in Abstimmung mit der jüdischen US-Lobby und der US-Regierung: Der Antisemitismus würde sonst weiter angestachelt werden.

Eine Initiative des bekannten Drehbuchautors Ben Hecht (»Vom Winde verweht«, 1939), unterstützt von Kurt Weill, Frank Sinatra und Marlon Brando, forderte die Produzenten auf, als Juden gegen den Mord an Juden mit den Mitteln des Films tätig zu werden. Die Initiative wurde unterdrückt. Einzig »The Great Dictator« von Charlie Chaplin kam in Hollywood zustande (1940), ein Slapstick, über den Chaplin später sagte, er hätte ihn im Wissen um die Konzentrationslager der Nazis nicht gedreht. In der BRD wurde der Film 1958 erstmalig gezeigt.

Ab 1942 produzierte Hollywood Antinazifilme, die aber diesmal der Zensur des Office of War Information (OWI) der Roosevelt-Regierung unterlagen. Erst ab Ende 1944 kamen allmählich Juden in Filmen vor, aber nur als einzelne. Der erste Film, der die Judenvernichtung seriös thematisierte, war »Das Tagebuch der Anne Frank«, 1959.

Ben Urwand: The Collaboration. Hollywood’s Pact with Hitler. Harvard University Press, Cambridge/London 2013, 328 Seiten

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