25. Juni 2010

Der Kalte Krieg wird heiß

Geschichte. Am 25. Juni 1950 begann der Kampf um die Vorherrschaft auf der koreanischen Halbinsel

Rainer Werning

Von 1910 bis 1945 war Korea eine japanische Kolonie. Sehnlichst hatten die Koreaner gehofft, daß das Ende des Zweiten Weltkrieges ihnen endlich Freiheit und Unabhängigkeit beschert. Doch bereits vor der Kapitulation Japans Anfang September 1945 hatten sich die Siegermächte USA und die Sowjetunion darauf verständigt, Korea in zwei Besatzungszonen aufzuteilen und das Land zunächst treuhänderisch zu verwalten. Nördlich des 38. Breitengrades hatte die Rote Armee das Sagen und protegierte den antijapanischen Partisanenverband des späteren Präsidenten Kim Il-Sung. Südlich dieser Linie kontrollierten die USA das politische Geschehen. Washington verhalf dort dem eigens aus US-amerikanischem Exil nach Seoul eingeflogenen Rhee Syngman zur Macht – entgegen dem Willen der damals überall in Korea wie Pilze nach einem warmen Regenguß entstandenen demokratischen Volkskomitees, die sich für die Unabhängigkeit engagierten. Sie übernahmen unmittelbar nach dem Kriegsende am 15. August 1945 die Verwaltung des Landes und wählten auf ihrer am 6. September 1945 tagenden Repräsentativversammlung in Seoul eine Regierung der gesamtnationalen Volksrepublik Korea. Es waren Nationalisten, Sozialisten und Kommunisten unterschiedlicher Couleur, die sich folgenden zentralen Zielen verpflichtet fühlten: eine umfassende Land- und Agrarreform zum Wohle der Masse der Bevölkerung, Nationalisierung großindustrieller Komplexe sowie die Durchsetzung des Achtstundentags, eines Mindestlohns sowie Preiskontrollen bei Grundnahrungsmitteln und Mieten. Diese Forderungen waren außerordentlich populär und wurden landesweit unterstützt. Die Crux der neuen Volksrepublik: Sie wurde international nicht anerkannt und von den neuen Besatzern bis aufs Messer bekämpft.

Befriedung statt Befreiung

Am 8. September 1945 landete die 7. US-Infanteriedivision in Inchon an der Westküste Koreas. Die Besatzungstruppen unter Führung von General John R. Hodge nahmen von der gerade gebildeten koreanischen Regierung keine Notiz. Statt dessen entstand im Süden Koreas die »United States Army Military Government in Korea«, die US-amerikanische Militärregierung – kurz: USAMGIK. Sie bestimmte, was die Koreaner fortan zu tun und zu lassen hatten. Die Menschen in der Hauptstadt Seoul staunten nicht schlecht, als an Stelle der koreanischen Flagge das Sternenbanner gehißt wurde. Tragischer noch: Die Sicherheitskräfte der USAMGIK und Rhee Syng­mans rekrutierten sich mehrheitlich aus projapanischen Kollaborateuren. »Als wir hier die Polizei übernahmen«, erklärte der US-amerikanische Chef der südkoreanischen Polizeidivision, Oberst William Maglin, »waren unter den 20000 Mann 12000 Japaner. (...) Wir schickten die Japs nach Hause, stockten die Zahl der Koreaner auf und bauten einen Apparat auf, in den sämtliche jungen Männer integriert wurden, die der Polizei vorher geholfen hatten.«

Als Mitte November 1945 ein Kongreß der Volksrepublik es ablehnte, sich selbst aufzulösen, erklärte General Hodge ihn kurzerhand für ungesetzlich. Auf Initiative der USAMGIK konstituierte sich Mitte Februar 1946 ein sogenannter Parlamentarischer Demokratischer Rat, dessen Vorsitzender Rhee wurde. Obgleich er die koreanische Nachkriegsrealität nicht kannte, wurde er mit US-amerikanischer Rückendeckung zum Chef der vormals mit den Japanern kollaborierenden Kräfte – Großgrundbesitzer, Kapitalisten und Staatsbürokraten – aufgebaut. Sogar Mitglieder der USAMGIK äußerten offen Kritik an dieser Maßnahme und am autoritären Führungsstil Rhees. Ab dem Frühjahr 1946 kam es deshalb landesweit zu heftigen politischen Auseinandersetzungen. Streiks, vor allem im öffentlichen Verkehrswesen, waren an der Tagesordnung. Besonders harten Repressionen waren Arbeiter- und Bauernorganisationen und Gewerkschafter unter der Führung von Park Hun-Young ausgesetzt, die ihre Basis im traditionell oppositionellen Gebiet um die Stadt Kwangju im Südwesten der Halbinsel hatte.

Im September 1946 erließen die amerikanischen Behörden Haftbefehle gegen namhafte kommunistische Führer. Diese setzten sich daraufhin in den nördlichen Landesteil ab. Als Reaktion darauf und aufgrund der miserablen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse – allerorten mangelte es an Nahrungsmitteln, Kleidung und Unterkünften – kam es im Süden erneut zu Massenprotesten und regimefeindlichen Demonstrationen, die von US-Truppen und rechten paramilitärischen Schlägertrupps – darunter die notorische Nordwest-Jugend, gebildet von Söhnen der im Norden enteigneten Grundbesitzer und projapanischen Kollaborateuren – niedergeschlagen wurden. Deren grausames Wüten entsetzte selbst hartgesottene US-amerikanische Militärberater. Zur Überwachung und Einschüchterung der Bevölkerung entstanden »strategische Weiler«, zentrale Sammelstellen, in die sich die Menschen zu Zehntausenden begeben mußten, um nicht als »Umstürzler« zu gelten. Dieser geballten Repression fielen viele zum Opfer, so daß quasi die Führung fortschrittlicher und linker Bewegungen im Süden der Halbinsel physisch liquidiert wurde. Vor allem auf der südlichen Insel Cheju, wo es Anfang April 1948 zu einem Volksaufstand gegen die Regierung gekommen war, wütete die Reaktion. Lange Zeit in den USA unter Verschluß gehaltene Dokumente beziffern die Zahl der bei der brutalen Niederschlagung dieses Aufstands Getöteten zwischen 30000 und 60000 Personen. Jüngere südkoreanische Untersuchungen gehen davon aus, daß etwa ein Viertel der damals 300000 Residenten auf Cheju ums Leben gekommen sind.

Im nördlichen Teil der Halbinsel ließ die ­sowjetische Besatzungsmacht hingegen die Volkskomitees ungehindert agieren und warf ihr politisches Gewicht für die antijapanische Partisanentruppe um Kim Il-Sung in die Waagschale, die lediglich als eine von mehreren solcher Verbände aktiv war. Im Gegensatz zu Rhee war Kim ein populärer und charismatischer Führer, der vor allem aus seinem antikolonialen Engagement Legitimität schöpfte. Bereits im Frühjahr 1946 setzte der Norden ein sozialpolitisches Signal, als eine weitreichende Bodenreform über 700000 besitzlosen Bauernfamilien zu Landbesitz verhalf. Dieses Land hatte früher Großgrundbesitzern gehört, die zwischenzeitlich aber in den Süden geflohen waren. Für Kim war dies zweifellos ein zusätzlicher Legitimationsgewinn, zumal eine ähnliche Reform im Süden der Halbinsel ausblieb. Und da dort ein Klima von Einschüchterung und Gewalt herrschte, zogen es die herausragendsten Intellektuellen, Künstler, Schriftsteller und oppositionellen Politiker des Landes vor, sich im Norden niederzulassen. Die nordkoreanische Regierung sah sich selbst in der Tradition der 1945 in Seoul proklamierten Volksrepublik Korea und verfolgte weiterhin deren Ziele.

Die USA unterstützten nicht nur militärisch ihren reaktionären Höfling Rhee. Sie setzten auch politisch und diplomatisch alle Hebel in Bewegung, um die jungen Vereinten Nationen zu manipulieren und zu einem willfährigen Instrument zur Durchsetzung ihrer Interessen zu degradieren. Gemäß dem Kalkül, wenn schon nicht das ganze Korea, so soll wenigstens dessen südlicher Teil fest in den Einflußbereich der USA eingegliedert und in ein Bollwerk gegen die Sowjetunion und die junge Volksrepublik China verwandelt werden. Ein solcher Plan ließ sich allerdings nur gegen massiven Protest und Widerstand seitens der koreanischen Bevölkerung durchsetzen. Aus diesem Grunde wurden nicht nur, wie es ursprünglich vorgesehen war, landesweite Wahlen hintertrieben. Seit September 1947 drängten die USA die UN, Wahlen in ihrem Hoheitsbereich zuzustimmen und diese zu beaufsichtigen. Zwar regte sich dagegen Protest, unter anderem seitens des indischen UN-Delegationsleiters K. P. S. Menon, doch dieser Schritt wurde schließlich durchgeboxt. Die Sowjetunion und Nordkorea opponierten angesichts der blutigen Repression im Süden gegen diesen Plan. Eine Sicht, die gleichermaßen in Nord wie Süd vom überwiegenden Teil der Bevölkerung geteilt wurde. Zu Recht befürchtete man, daß so die Teilung des Landes vollzogen würde, eine Schande, die dem Land selbst unter dem bleiernen japanischen Kolonialjoch erspart blieb.

Die Separatwahlen fanden am 10. Mai 1948 statt und wurden von den meisten Parteien in Südkorea boykottiert. Die wenigen anwesenden UN-Beobachter berichteten übereinstimmend von Einschüchterungen, Gewalt und Wahlfälschung in großem Stil. Doch das Kalkül der USAMGIK und ihres Protegés ging auf; Rhee erklärte sich zum Sieger, rief am 15. August mit dem Segen Washingtons die Republik Korea aus und schwang sich zu deren Präsidenten auf. Am 9. September 1948 zog der Norden nach und Kim Il-Sung verkündete in Pjöngjang mit sowjetischer Unterstützung die Demokratische Volksrepublik.

Internationales Ausmaß

Beide Staaten beanspruchten jeweils für sich, legitimer Sachwalter des einen Korea zu sein. Sah sich die Regierung in Seoul als »Vorposten der freien Welt und im Feldzug gegen den Kommunismus«, wähnte sich die Regierung in Pjöngjang als »Basis der koreanischen Revolution und als Bollwerk nationaler Befreiung«. Notfalls, so die schrille Propaganda in beiden Hauptstädten, werde man mit Gewalt die Einheit wiederherstellen. Bewaffnete Provokationen und Konfrontationen entlang der Demarkationslinie am 38. Breitengrad waren an der Tagesordnung und häuften sich seit der Jahreswende 1949/50. Noch herrschte ein labiles Gleichgewicht, wenngleich selbst US-Außenminister Dean Acheson mehrfach gerügt hatte, wie launisch und unkalkulierbar Südkoreas Präsident handelte. Dieser hatte sich mehrfach öffentlich damit gebrüstet, für einen Waffengang gerüstet zu sein und »im Marsch gen Norden Pjöngjang innerhalb von drei Tagen zu erobern«.

Südkoreanische Verbände verübten mehrfach militärische Angriffe nördlich des 38. Breitengrads, derer sich Offiziere öffentlich brüsteten. Ein Ziel dieser Attacken war die Halbinsel Onjin, die, wenn sie eingenommen worden wäre, den Truppen Rhees einen direkten und raschen Zugang zu Pjöngjang ermöglicht hätte. Vieles spricht dafür, daß der Süden zuerst die nördliche Stadt Haeju angriff, was in Seoul als Sieg gefeiert wurde – allerdings als einer, der in Reaktion auf eine Offensive des Nordens erfolgte. Jedenfalls eskalierten im Morgengrauen des 25. Juni 1950 vorangegangene militärische Konfrontationen zu einem offenen Krieg. Ohne nennenswerte Gegenwehr rückten nordkoreanische Kampfverbände und Panzer in Seoul ein und stießen binnen weniger Tage sogar bis kurz vor die Hafenstadt Pusan im Süden vor. Rhees Truppen mangelte es an Motivation und Kampfkraft; scharenweise desertierten seine Soldaten und liefen zur anderen Seite über.

Was als Bürgerkrieg um die Vorherrschaft in ganz Korea begann, geriet aufgrund der Präsenz der beiden Großmächte USA und Sowjetunion auf der Halbinsel zunehmend in einen internationalen Konflikt. Zu der Zeit galt im politischen und militärischen Establishment Washingtons die vorherrschende Meinung, wonach ein Krieg in Korea den willkommenen Anlaß bot, endlich mit heruntergelassenem Visier »den Kommunismus in Ostasien« zurückzudrängen. Die von den USA dominierten Vereinten Nationen machten sich nicht einmal die Mühe, die andere – in diesem Falle nordkoreanische – Seite wenigstens anzuhören und stimmten umgehend der Forderung Washingtons zu, mit einem eigenen Truppenkontingent Rhee zu unterstützen und »die Aggression Nordkoreas« zu stoppen. Ein Akt, der dadurch erleichtert wurde, weil die Sowjetunion an der entscheidenden UN-Abstimmung nicht teilnahm– vorgeblich aus Ärger darüber, daß der jungen Volksrepublik China der Eintritt in die Vereinten Nationen verwehrt wurde.

Jedenfalls kämpften auf seiten des Südens eine von den USA angeführte UN-Streitmacht aus 15 Staaten. Als diese Truppen unter dem Befehl von General Douglas MacArthur, dem Oberkommandierenden der US-Streitkräfte im Fernen Osten, den Yalu, den Grenzfluß zwischen Nordkorea und der Volksrepublik China, erreichten, schickte Mao Tse-tung, der erst am 1. Oktober 1949 in Peking die Gründung der Volksrepublik proklamiert hatte, Freiwilligenverbände an die Front. Den Norden unterstützten außerdem sowjetische MIG-15-Kampfbomberpiloten.

Grauenhafte Verbrechen

»In postum veröffentlichten Interviews behauptete MacArthur«, schrieb der ausgewiesene Korea-Kenner und emeritierte Geschichtsprofessor an der University of Chicago, Bruce Cumings, »einen Plan ausgearbeitet zu haben, mit dem er den Krieg innerhalb von zehn Tagen gewonnen hätte: ›Ich hätte mehr als 30 Atombomben über das gesamte Grenzgebiet zur Mandschurei abgeworfen.‹ Anschließend hätte er am Yalu, dem Grenzfluß zwischen Nordkorea und China, eine halbe Million nationalchinesischer Soldaten – die sich nach ihrer Niederlage 1949 aus dem kommunistischen China nach Taiwan abgesetzt hatten – eingesetzt und dann zwischen dem Japanischen und dem Gelben Meer einen mit radioaktivem Kobalt verseuchten Landgürtel geschaffen. Da Kobalt zwischen 60 und 120 Jahre aktiv bleibt, wäre dann ›mindestens 60 Jahre lang keine Invasion über Land nach Südkorea von Norden aus möglich gewesen‹. MacArthur war überzeugt davon, daß die Russen angesichts dieser extremen Strategie nichts unternommen hätten: ›Mein Plan war bombensicher.‹«

»Vom 25. Juni 1950 bis zum 27. Juli 1953 (die Zeit des Koreakrieges – R.W.) kamen nach konservativen westlichen Schätzungen über 4,6 Millionen Koreaner ums Leben, einschließlich drei Millionen Zivilisten im Norden und 500000 Zivilisten im Süden der Halbinsel«, hieß es in dem am 23. Juni 2001 in New York verkündeten Urteil des Korea International War Crimes Tribunal unter dem Vorsitz des ehemaligen US-Justizministers Ramsey Clark. Weiter hieß es in diesem Verdikt: »Die Beweise für die US-Kriegsverbrechen, die diesem Tribunal präsentiert wurden, lieferten Augenzeugenberichte und Dokumente über Massaker an Tausenden Zivilisten, die von den US-amerikanischen Militärstreitkräften während des Krieges im Süden Koreas verübt wurden. Darüber hinaus gab es erdrückende Beweise der kriminellen, teils genozidmäßig betriebenen US-Politik im Norden Koreas, wo systematisch die meisten Häuser und Gebäude durch US-Artilleriefeuer und Luftangriffe in Schutt und Asche gelegt (...) und geächtete Waffen sowie biologische und chemische Kampfmittel im Krieg gegen seine Bevölkerung eingesetzt wurden.«

Erst nach monatelangem Tauziehen war es am 27. Juli 1953 in dem unwirtlichen Ort Panmunjom auf der Höhe des 38. Breitengrads zum Waffenstillstandsabkommen gekommen. Unterzeichnet wurde es lediglich von Nordkorea, der Volksrepublik China und dem US-amerikanischen General Mark W. Clark im Auftrag der Vereinten Nationen. Südkoreas Präsident Rhee weigerte sich nicht nur, das Abkommen zu unterschreiben. Er wollte den Krieg fortsetzen. Erst als die US-Regierung einem bilateralen Sicherheitspakt zustimmte, ihr in Südkorea stationierter Oberbefehlshaber auch die Kommandogewalt über die südkoreanischen Truppen übernahm und der südkoreanischen Seite beträchtliche Wirtschafts-, Finanz- und Militärhilfe in Aussicht gestellt wurden, erklärte sich auch Rhee bereit, die Waffenstillstandsklauseln zu respektieren.

Auswirkung bis in die BRD

Bis heute durchzieht die Halbinsel eine etwa 240 Kilometer lange und vier Kilometer breite »demilitarisierte Zone«. Ein Euphemismus ohnegleichen: Es ist dies die weltweit bestbewachte, höchstmilitarisierte und konfliktträchtigste Region, wo sich waffenstarrend über eine Million Soldaten, inklusive mehrerer tausend GIs, gegenüberstehen.

»Eine fünf Jahre währende Revolution und Konterrevolution«, schrieb vor einem Jahrzehnt Iggy Kim in der australischen Green Left Weekly, »eskalierte zum Korea-Krieg, ein letzter und grausamer Schritt zur Zerschlagung der Arbeiter- und Bauernrevolution, die auf die Niederlage der Japaner im Zweiten Weltkrieg folgte«. In diesem Sinne begann der Koreakrieg bereits 1945 als Bruderkrieg, der 1950 durch das Eingreifen ausländischer Mächte internationalisiert wurde und bis heute als Kalter Krieg fortbesteht.

Während Südkorea sich erst 1993 aus der eisernen Umklammerung grausamer Militärdiktatoren – von kurzen Intermezzi demokratischer Freiräume Anfang der 60er und Ende der 70er Jahre abgesehen – zu lösen vermochte, war es Nordkorea, das nach dem verheerenden Krieg und dem Wiederaufbau des Landes bis in die 60er Jahren große Faszination unter zahlreichen gerade unabhängig gewordenen Staaten ausübte. Mit dem Krieg verfestigte sich in Nordkorea eine Bunkermentalität, wonach US-Amerikaner als Sendboten von Tod und Verwüstung wahrgenommen wurden und Kim Il-Sung gemäß dieser Vorstellung eine starke Binnensolidarität erzeugen konnte. Die Überhöhung seiner Person und der um ihn sakral zelebrierten Personenkult sind ein spätes Nachkriegsprodukt und bilden heute das Fundament eines etatistischen Regimes, dem es vorrangig um zweierlei geht: einem Regimewechsel zu trotzen und wenn schon nicht international als Freund geachtet, dann wenigstens als geächteter Feind auf Augenhöhe anerkannt zu werden.

Trotz des schwelenden Atomstreits hat Pjöngjang mehrfach gefordert, das lediglich bestehende Waffenstillstandsabkommen endlich in einen Friedensvertrag zu überführen. Eine ebenso berechtigte wie dringliche Forderung, die, wenn sie denn Realität würde, auch genügend Potential böte, Traumata diesseits und jenseits des 38. Breitengrads zu überwinden und wesentlich zur Entspannung der politischen Lage in Nordostasien beizutragen.

Profiteure des Krieges waren paradoxerweise die Hauptaggressoren des Zweiten Weltkrieges: Japan und (West-)Deutschland. In jenen Jahren beflügelte der Krieg in beiden Ländern das Wirtschaftswachstum (vor allem in der Konsumgüterbranche), was im beschaulichen Bonn den Begriff »Korea-Boom« unter Ökonomen und Politikern gleichermaßen zur Lieblingsvokabel beim einsetzenden Wirtschaftswunder werden ließ. Last but not least: Es war der Koreakrieg, der das laufende Verbotsverfahren gegen die KPD erleichterte und hartgesottenen Militaristen rascher als erwartet die Chance bot, Wiederaufrüstung zu betreiben und eine neue Armee, die Bundeswehr, aus der Taufe zu heben.

Beschwiegene Massaker – Krieg im Krieg

Lange Zeit gehörten sie zu den dunkelsten Kapiteln des Koreakrieges – die Partisanenkämpfe südkoreanischer Aufständischer gegen die südkoreanische Armee und ihre US-amerikanischen Berater und von diesen gemeinsam verübte Massaker unter der Zivilbevölkerung. Wenn in der Vergangenheit überhaupt darüber geredet wurde, galt es als ausgemacht, sie flugs als »nordkoreanische Greueltaten« zu brandmarken.

Als Hunderttausende chinesische Freiwillige zugunsten Nordkoreas in das Kriegsgeschehen eingriffen, schürte das erst recht eine antikommunistische Pogromstimmung in Südkoreas Regierung unter Präsident Rhee Syngman. Mehrere zehntausend Menschen fielen Rhees Häschern zum Opfer. Das wiederum verstärkte Guerilla­aktivitäten hinter den Frontlinien, die Mitte Januar 1951 ihren Höhepunkt erreichten. Das US-Oberkommando schätzte die Zahl der Aufständischen auf 30000 bis 35000 Personen. Um sie auszuschalten, erfanden die Militärstrategen die »Operation Rattentöter«. Dessen Kommando wurde dem seinerzeit schärfsten antikommunistischen Haudegen Südkoreas, General Paik Sun-Yup, übertragen. Ende Januar 1952 verkündete der Nachfolger MacArthurs, General Matthew B. Ridgway, den Erfolg dieser Operation: »Nahezu 20000 Freischärler – Banditen und organisierte Guerilleros – wurden getötet oder gefangengenommen. Damit war diese Irritation ein für allemal beendet.«

Doch noch Ende 1952 war die Guerilla im Südwesten Koreas, in den Chiri-Bergen, sehr aktiv. Für das Magazin Life verfaßte die Fotografin Margaret Bourke-White im Dezember 1952 ein Feature mit dem Titel »Der grausame, geheime Krieg in Korea«. Sie interviewte Aufständische, unter ihnen auch couragierte Frauen: »Einige der Aufständischen wechselten die Fronten und schlossen sich den Roten an. Tausende Nordkoreaner waren auch darunter, denen es glückte, sich von ihren Einheiten abzusetzen, als die UN-Truppen den Belagerungsring durchbrachen, der um die südliche Hafenstadt Pusan gelegt worden war. Andere Aufständische kamen aus dem Norden, wo sie die Frontlinien der Alliierten überwanden. Insgesamt handelte es sich also um eine Truppe, die nie über zwei Jahre lang den um sie herum tobenden Krieg und die harschen Bedingungen in gebirgigem Terrain überlebt hätte, wäre sie nicht von der Bevölkerung versorgt und unterstützt worden«.

Rainer Werning, ehemals Vorstandsvorsitzender des Korea-Verbands e. V. (Berlin/Essen), ist Mitherausgeber des 2007 im Kölner PapyRossa Verlag erschienenen Buches »Korea – Entfremdung und Annäherung«

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2010/06-25/023.php